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Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews
Arbeiten
mit Interleaf 6
Artikel
erschienen in
Ausgabe September 1997
Von
Michael Thum
Inhaltsübersicht:
Seitdem
in der technischen Dokumentation die EDV Einzug gehalten hat,
gibt es die unterschiedlichsten Versuche, das professionelle Verfassen
und Redigieren von Dokumenten elektronisch zu unterstützen.
Das System Interleaf (seit über einem Jahrzehnt auf dem Markt)
gehörte für den technischen Autor und Redakteur von
Beginn an zu den überzeugendsten Lösungen. Dies aus
zwei Gründen:
- Interleaf
war, seitdem es auf dem Markt ist, immer auf dem neuesten Stand
der Technik und hat diese Technik teilweise sogar vorangetrieben.
- Als
Zielgruppe stand immer der professionelle technische Autor und
Redakteur im Zentrum, ob allein oder im Rahmen eines
größeren Projektes gemeinsam mit anderen.
Neuester Stand der Technik
Betrachten
wir den ersten Punkt etwas näher: Interleaf kam mit den grafischen
Benutzeroberflächen auf den Markt. Da ging es nicht mehr
nur um reine Textverarbeitung (Kopieren und Verlagern von Text,
automatisches Suchen und Ersetzen von Text usw.), sondern auch
um die Gestaltung der Seite (Layout) und Grafik.
Als
man größtenteils noch an zeilenorientierten Bildschirmen
arbeitete, ermöglichte Interleaf dem Autor, bereits am Bildschirm
die endgültige Gestalt seiner Dokumente zu erahnen. Wysiwyg
(what you see is what you get) war das Zauberwort es wurde
allerdings bisweilen belächelt, da eine Bildschirmdarstellung
doch nie die Qualität einer Druckseite erreicht. Trotzdem:
Dies war die Phase des klassischen Desktop Publishing. Der Autor
wurde mit Hilfe des Rechners zu seinem eigenen Layouter und Hersteller.
Mit
der zunehmenden Flut an Information entwickelte sich das Desktop
Publishing zum Information Publishing: Die Information sollte
nicht mehr in Dokumenten, sondern in auf Informationsverwaltung
spezialisierten Systemen, den Datenbanken, gehalten werden. Ein
Dokument konnte nun mit einer Datenbank verknüpft werden,
so daß es sich beim Öffnen oder Ausdrucken automatisch
aktualisierte. Interleaf war von Anfang an mit von der Partie,
wirkte mit der Datenbank-Anbindung sogar als treibende Kraft.
Die
vorerst letzte Stufe besteht darin, Dokumente gar nicht mehr (nur)
in gedruckter, sondern (auch) in elektronischer Form zu verteilen.
Die Dokument-Daten bekommt der Leser entweder auf einem Datenträger,
z. B. einer CD-ROM, oder über das Netzwerk. Im letzten
Fall werden sie von einem besonderen Rechner, dem Web-Server,
zur Verfügung gestellt. Für beide Fälle bietet
Interleaf eine Lösung an: auf der einen Seite das hauseigene
Hypertextsystem WorldView, auf der anderen Seite Cyberleaf, den
Filter nach Internet/HTML.
Die Zielgruppe
Gehen wir
zum zweiten eingangs genannten Punkt und sehen uns, um ihn zu
verdeutlichen, einen möglichen Einsatz von Interleaf 6
an. Eine Gruppe von Technischen Autoren und Redakteuren erstellt
die Dokumentation eines Großprojektes, z. B. eines
Flugzeugs oder einer Telefon-Vermittlungsanlage. Die Dokumentationsaufgabe
wird folgendermaßen realisiert:
- Das Gesamtwerk
hat einen Umfang von mehreren hundert bis einigen tausend Seiten.
Es ist in eine Reihe von Dokument-Modulen unterteilt, die mit
Hilfe der Buchfunktion hierarchisch angeordnet und zu einem
homogenen Ganzen verknüpft sind.
- Die Autoren
arbeiten an mehreren Interleaf 6-Stationen, die miteinander
vernetzt sind. Für sie sieht es so aus, als befände
sich ihr Modul auf dem lokalen Rechner, obwohl die Gesamtdokumentation
physikalisch auf einem zentralen Rechner liegt. So entstehen
mehrere Dokumentmodule parallel, die Arbeitsergebnisse können
ohne großen Aufwand integriert werden.
- Die Dokumentation
besteht aus Text, technischen Zeichnungen, eingescannten Fotos,
Tabellen, Datenblättern usw. Mit Filtern werden Texte und
Bilder aus verschiedenen anderen Systemen in das Gesamtwerk
importiert.
- Gewisse
Abläufe beim Zusammenstellen der Dokumentation sollen der
Einfachheit wegen automatisiert werden. Dies wird mit Hilfe
der Programmierschnittstelle Interleaf-LISP bewerkstelligt.
- Um bestimmte
grafische Objekte an zentraler Stelle für die Gesamtdokumentation
verwalten zu können, wird eine Symbolbibliothek aus benannten
Grafikobjekten angelegt und über Dokumentverbindungen und
die Interleaf-Katalogfunktion in die Dokumente übertragen.
- Die Dokumentation
soll die verschiedenen Varianten des Systems widerspiegeln,
es soll also für einzelne Varianten nicht generell die
komplette Dokumentation ausgeliefert werden. Dies wird mit der
Variantensteuerung bewerkstelligt.
- Ein Teil
der Daten wird direkt aus einer Datenbank bezogen. Beim Drucken
eines Dokuments besteht die Möglichkeit, entweder die alten
Daten beizubehalten oder aber die Daten über die Datenbank
zu aktualisieren.
- Das Gesamtwerk
wird nicht nur auf Papier, sondern auch als WorldView-Hypertext
auf CD-ROM zur Verfügung gestellt. Um den unterschiedlichen
Medien Papier und Bildschirm zu genügen, erhalten die Dokumente
mit der Katalogfunktion ein jeweils angepaßtes Layout
(z. B. Hochformat für Papier und Querformat für
Bildschirm). Die hinter den unterschiedlichen Erscheinungsformen
stehenden Dokumentdateien sind jedoch identisch, um inhaltliche
Unterschiede auszuschließen.
- Möglicherweise
soll auch noch eine WWW-Version der Dokumentation für das
firmeninterne Intranet des Käufers erstellt werden. Wie
für die CD-ROM gilt auch für sie: Die Form unterscheidet
sich von der Papierversion, der Inhalt ist absolut gleich. Die
für den Hypertext benötigten Sprungmarken werden mit
dem Hyperleaf-Toolkit bereits in den Originaldokumenten angelegt.
(Auf Papier sind sie natürlich nicht sichtbar.)
Eine solche
Situation dürfte den Entwicklern von Interleaf vor Augen
gestanden haben, als sie sich ans Werk machten. Damit wird auch
eines klar: Interleaf ist nicht für das Verfassen von Briefen
gedacht. Das soll nicht heißen, daß man damit nicht
auch kurze Dokumente schreiben könnte für kurze
Dokumente sind vermutlich jedoch weniger leistungsfähige
Systeme zweckmäßiger.
Interleaf 6 und PC
Interleaf
gab es zunächst nur für sogenannte Workstations. Dies
sind Rechner, die wie ein Personal Computer nur an einem Arbeitsplatz
benutzt werden, aber um einiges leistungsfähiger sind. Im
Vergleich zu Workstations fehlte den damaligen PCs allerdings
nicht nur die entsprechende Rechenleistung, sondern auch
- die Möglichkeit
der Vernetzung. Sie konnten also nicht mit Datenleitungen verbunden
werden. Solche Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen
Rechnern sind jedoch für die Redaktionsarbeit in Gruppen
besonders wertvoll.
- die Fähigkeit,
mehrere Aufgaben gleichzeitig, aber trotzdem wirklich unabhängig
voneinander zu erledigen (preemptives Multitasking). Dies ist
die Voraussetzung, wenn man neben der Arbeit mit einem Publishing-System
z. B. eine Datei ausdrucken oder von einer Diskette einspielen
will.
Mittlerweile
haben PCs diese Fähigkeiten bekommen. Mit den modernen Prozessoren
und Windows NT haben sie sich zu äußerst leistungsfähigen
Arbeitsgeräten entwickelt. Sie dringen zunehmend in Bereiche
vor, die bislang aufgrund der geforderten Rechenleistung den Workstations
unter Unix vorbehalten waren. Dementsprechend gibt es seit einigen
Jahren Interleaf auch auf PC, zuerst als Version 5 mit der
spezifischen Interleaf-Oberfläche, dann als Version 6
mit der Motif-ähnlichen Windows-Oberfläche.
Daß
die Firma Interleaf den PC-Sektor so lange stiefmütterlich
behandelte, bekam ihr zeitweise nicht besonders gut, ist aber
andererseits aus den oben genannten Gründen gut nachvollziehbar.
Ein System, das von Anfang an für die umfangreiche Dokumentation
komplexer Großsysteme konzipiert war, machte auf PCs bis
einschließlich des 286ger Prozessors einfach keinen Sinn.
Ein moderner
Pentium-Rechner unter Windows NT ist für den Interleaf 6-Anwender
eine echte Alternative zu Unix, zumal das Publishing-System auf
PC sogar mit einer neueren Version vorliegt als auf Workstation.
Desktop
und Dokumentmodule
Ein wesentliches
Kernstück der Interleaf-Philosophie ist das Modularisieren
von Dokumenten. Dies zeigt sich deutlich an der grafischen Arbeitsumgebung
des Systems: Während bei den auf kleinere Dokumentformen
ausgerichteten Systemen wie z. B. MS-Word das Starten des
Systems gleichbedeutend ist mit dem Öffnen des Dokumentfensters,
wird bei Interleaf 6 mit dem Start zunächst der Desktop
geöffnet eine Arbeitsfläche, auf der alle Dokumente,
Verzeichnisse und Bücher als Piktogramme angeordnet sind.
Ein Dokumentfenster wird bei Bedarf erst in einem zweiten Schritt
geöffnet.
Was bringt
dies für Vorteile? Was läßt sich auf diesem Desktop
bewerkstelligen, aber nicht in einem Dokumentfenster? Es sind
dies Manipulationen am Dokument als Ganzes. Sehen wir uns einige
Beispiele an:
- Systemtuning:
Ein langes Dokument kann auf dem Desktop mit Hilfe der Buchfunktion
einfach und bequem in mehrere kleinere aufgeteilt werden, die
einzeln wesentlich leichter und schneller zu bearbeiten sind.
Ein überlanges Dokument mit vielen speicherintensiven Grafiken
läßt sich ohne Modularisierung kaum noch bearbeiten,
geschweige denn ausdrucken.
- Übersichtlichkeit:
Die einzelnen Dokumentmodule lassen sich auf dem Desktop nach
inhaltlichen Kriterien durch eine Verschachtelung von Büchern
hierarchisch anordnen, so daß der Autor von jeder beliebigen
Stufe aus die Gesamtdokumentation überblicken kann.
- Inhaltsverzeichnisse:
Von den in einem Buch oder Unterbuch angeordneten Dokumenten
kann man jederzeit gleichsam "auf Knopfdruck" Inhaltsverzeichnisse
für Kapitel, Abbildungen, Tabellen usw. anfertigen.
- Dokument-Varianten:
Die verschiedenen Varianten eines Dokuments werden als Dokumentverbindungen,
für die jeweils andere Steueranweisungen gelten, auf dem
Desktop abgelegt. Editiert man das allen Varianten zugrundeliegende
Basisdokument (gewissermaßen die "Synopsis"),
erhält man automatisch auch die von ihm abgeleiteten, aktualisierten
Varianten.
- Hypertext-Sprungmarken:
Soll eine Sammlung von Interleaf-Dokumenten zu einer Sammlung
von Hypertext-Dokumenten (für CD-ROM oder Internet) aufbereitet
werden, dann lassen sich auf dem Desktop die Hypertext-Sprungmarken
zwischen den einzelnen Dokumenten und Textstellen definieren.
Angesichts
dieser beträchtlichen Desktop-Funktionaltät ist festzustellen:
Wesentliche Stärken von Interleaf 6 haben sich bereits gezeigt,
bevor man überhaupt ein Dokument geöffnet hat. Nichtsdestoweniger
fällt natürlich auch ins Gewicht, was sich im Dokumentfenster
abspielt. Hier sind die meisten Neuerungen gegenüber der
Vorgängerversion Interleaf 5 zu finden.
Unterschiede
zu Interleaf 5
Stellen wir
kurz zusammen, was sich geändert hat:
- Da ist
zunächst die neue Benutzeroberfläche von Interleaf 6.
Sie ist auf PC an MS-Windows und auf Workstation an Motif orientiert.
Man sollte diese Neuerung nicht als Oberflächlichkeit abtun!
Für Benutzeroberflächen ist das Prinzip der Konsistenz,
also die prinzipielle Gleichartigkeit von Bedienschritten, von
elementarer Bedeutung.
- Das Prinzip
der Konsistenz war mit der alten Benutzeroberfläche von
Interleaf 5 nicht gegeben. Allerdings war dies weniger
ein Versäumnis der Firma Interleaf; es war vielmehr der
verwirrenden Vielfalt von Oberflächen zu verdanken, die
z. B. auf Workstations noch bis vor kurzem herrschte: DEC-Windows,
Motif, SUNView, Openwindows... Erst vor zwei oder drei Jahren
konnten sich die Hardware-Hersteller auf einen gemeinsamen Standard
einigen.
- Im Dokumentfenster
von Interleaf 6 gibt es eine einstellbare Symbolleiste
mit den wichtigsten Befehlen. Sie stellt für den Text-
und den Grafikmodus jeweils andere Befehle zur Verfügung.
- Beim Einstellen
von Rändern, Tabulatoren usw. ist man nun nicht mehr auf
sein gutes Augenmaß angewiesen, da das Dokumentfenster
ein (ausblendbares) Lineal zur Verfügung stellt.
- Es gibt
nun endlich auch für die Textbearbeitung die Funktionen
"Rückgängig" (das "Undo") und
"Wiederholen". (Auf Interleaf 5 waren sie zunächst
auch da, wurden aber wegen Systemproblemen abgeschaltet.)
- Eine bestimmte
Eigenschaft (z. B. Schriftschnitt kursiv) kann man für
Komponenten verschiedener Typen in einem Schritt einstellen.
(Wie der Interleaf 5-Anwender weiß, konnte man bei
der Vorgängerversion das Eigenschaftenblatt nur von jeweils
einer Komponente öffnen.)
- Piktogramme
auf dem Desktop, Komponenten und Grafikobjekte im Dokument lassen
sich mit der Maus ziehen (Drag and Drop).
- Für
die Grafikbearbeitung stehen umfangreiche Paletten von Befehlen
zur Verfügung. Die für die technische Dokumentation
wichtige Vektorgarfik gehört zu den Stärken von Interleaf.
Es gibt eine spezielle Palette zur Bearbeitung von Bezierkurven.
- Mikrodokumente
lassen sich in 90°-Schritten drehen und nach der Drehung
weiter über die Tastatur editieren. Überdies kann
man sie, wie Textobjekte schon länger, in Outline-Schrift
umwandeln.
- Das Hyperleaf-Toolkit
erzeugt nicht mehr nur grafische Sprungmarken-Symbole, sondern
auch sogenannten "Hot Text". (Dies ist vor allem wichtig,
um das Hyperleaf-Toolkit in nächster Zukunft mit dem HTML-Filter
zu koppeln.)
- Es gibt
weitere Filter für den Import (und teilweise) Export von
Daten: z. B. für Adobe Illustrator, GIF, WMF. Die
bestehenden Filter sind leistungsfähiger geworden.
Diese Liste
ließe sich noch fortsetzen. Eine Einbuße soll jedoch
nicht verschwiegen werden: Es gibt bei Interleaf 6 leider
kein Makro-Tool mehr. Möglicherweise war es nicht möglich,
die pfiffige Aufnahmetechnik der Vorgängerversion auf die
neue Oberfläche zu übertragen.
Fazit
Was
ist nun einem Benutzer von Interleaf 5 zu empfehlen, der
vor der Frage steht, ob er ein Update auf Interleaf 6 durchführen
soll?
Die
Antwort lautet: Er sollte es auf jeden Fall tun. Zum einen wegen
des größeren Leistungsumfangs und zum anderen, da die
neue Benutzeroberfläche dem derzeitigen Stand der Technik
entspricht. Sicherlich muß man sich erst an sie gewöhnen
aber man möchte sie nicht mehr missen, wenn man einige
Wochen damit gearbeitet hat.
Und
was ist jemandem zu empfehlen, der vor der Frage steht, ob er
sich überhaupt für Interleaf 6 oder vielleicht
für ein ganz anderes System entscheiden soll?
Für
kürzere und einfachere Dokumente ist dies sicherlich zum
Teil eine Frage des Geschmacks. Die klassischen Funktionen des
Desktop Publishing beherrschen gute Systeme heute allemal. Möglicherweise
will der eine Autor mehr Funktionalität und ist dafür
auch bereit, sich intensiver mit dem System zu beschäftigen.
Der andere wiederum verzichtet gern auf zusätzliche Funktionalitäten,
wenn er sich nur möglichst auf sein Dokument konzentrieren
kann.
Wenn
sich aber bereits im Vorfeld der Entscheidung abzeichnet, daß
die Dokumentation in Bezug auf Länge, Aufbau und Inhalt dem
System viel abverlangen wird, dann ist eine genaue Überprüfung
angesagt: Wie es auf der einen Seite wenig Sinn macht, mit einem
mächtigen System ausschließlich einfache Dokumente
zu erstellen, wäre es auf der anderen Seite ebenso unvernünftig,
ein für geringere Ansprüche konzipiertes System ständig
an der Grenze der Leistungsfähigkeit zu fahren.
Wenn
die zu erstellende Dokumentation umfangreich und komplex durchstrukturiert
sein wird, gehört Interleaf 6 auf jeden Fall zur ersten
Wahl.
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