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Die Benutzerinformation – ein Marketinginstrument

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Oktober 1997

Von H.P. Hahn

Inhaltsübersicht: 

Die Benutzerinformation war schon immer ein Element des Marketing – ganz gleich ob wir sie mit dem Fachbegriff Betriebsanleitung, Bedienanleitung oder Gebrauchsanleitung belegen. Als eigenständiges Marketinginstrument gab es sie schon immer – auch wenn ihre Erscheinungsform früher anders war als heute. Wirkt eine Benutzerinformation ihrer Qualität entsprechend imagefördernd oder imageschädigend, dann zeigt sich ihr Marketingeffekt mit allen Konsequenzen – ob das der Hersteller nun wahrhaben will oder nicht.


Schon vor 5000 Jahren...

"Befreie dann vorsichtig mit einer Schwingenfeder der Nilgans den Stein von dem weißen Staube. Nur so wirst du die haarfeinen Fugen entdecken, wo die Grabplatten aneinander schließen, die dich zu ungeahnten Schätzen führen. Sorge aber, daß der Staub nicht deine Augen verderbe."

Abb. 1: Hieroglyphen-Text [1]

So lautet ein Text aus dem wohl ältesten bekannten Beispiel einer Gebrauchsanleitung als Marketinginstrument. Er ist zu lesen in einer Anleitung für Grabräuber und stammt aus der 5. Dynastie des Alten Ägypten. Wahrscheinlich hat man diese Handlungsanleitung zusammen mit den entsprechenden Werkzeugen für den Grabräuber-Nachwuchs an den Mann gebracht.

Ist das nicht erstaunlich? Da wurde schon im Altertum das praktiziert, was so manche Benutzerinformation heute noch vermissen läßt: Dieser Papyrus enthält eine Handlungsanleitung im Imperativ und einen wichtigen Sicherheitshinweis. Zudem wird auf die Wichtigkeit der Handlung ausdrücklich hingewiesen.

Das Marketingelement in dieser Benutzerinformation zeigt sich in der Darstellung des eigentlichen Produktnutzens, die ebenfalls in vielen marketingorientierten Papieren fehlt: Die zu erwartenden Reichtümer werden in angemessener Weise in Aussicht gestellt.

Zwar gehen die Meinungen darüber auseinander, ob Marketingaspekte in einer Benutzerinformation angebracht sind oder nicht. Zweifellos eine Glaubensfrage, die sich aber dann von selbst beantwortet, wenn die Benutzerinformation selbst als Marketinginstrument dienen soll.


Die Benutzerinformation als Instrument der Verkaufsförderung

Die Idee ist so neu nicht! Ich erinnere eine Situation im Sommer 1990. Da saßen zwei Mitarbeiter eines "VEB-Landmaschinen" im Berliner Büro von Hahn & Partner und verkürzten sich das Warten mit Unmengen von Kaffee, russischen Zeitungen und fürchterlich parfümierten Zigaretten. Nach vielen Stunden (es war wohl inzwischen 4 Uhr morgens geworden) nahmen die Herren hochbeglückt und erleichtert die ersten 10 druckfrischen Betriebsanleitungen für eine Rübenerntemaschine in Empfang, um damit unverzüglich nach Moskau abzureisen.

Wie sich kurze Zeit später herausstellte, hatte sich der Einsatz gelohnt: Im russischen Landwirtschaftsministerium war man insbesondere von dem didaktischen Konzept dieser Benutzerinformation beeindruckt, und der Auftrag über mehrere Hundert dieser Rübenerntemaschinen war perfekt.

Abb. 2: Detail aus der Betriebsanleitung einer Rübenerntemaschine



Qualitätskriterien für die vorbildliche Benutzerinfomation

Im letzten Jahrzehnt wurden die Qualitätsstandards für Benutzerinformationen erheblich angehoben. Nachdem Hahn & Partner 1986 mit der Unterstützung namhafter Industrieunternehmen für die erste Marktanalyse über Benutzerinformationen annähernd eintausend Betriebsanleitungen untersucht hatten, wurden als Erkenntnis daraus Qualitätskriterien definiert. [2]

Eines dieser Qualitätskriterien bewertete das Element "Zusätzliche Anregungen für den Benutzer" als Aspekt der Kundenorientierung. Denn schon damals gab es Technikautoren, die zur hellen Freude der Kunden Sätze wie die folgenden in Gebrauchsanleitungen schrieben:

"Verlegen Sie etwa erforderliche Verlängerungskabel nicht quer durch den Raum, sondern stets an der Wand entlang. Andernfalls könnten Personen, die während der Filmvorführung aufstehen, zu Fall kommen und sich verletzen." [3]

Ich habe wenig Zweifel, daß ein solcher Satz heute bei vielen Unternehmen dem Prinzip "Das Wichtigste ist schon zuviel" zum Opfer fallen würde.


Technikautoren müssen Detektive sein

Wenn der Technikautor stattdessen zum Hacker wird, der ausschließlich rational motiviert und ohne Feeling für Verbraucherverhalten und -erwartungen seine Gebrauchsanleitungen nach der Copy-Paste-Methode in den Rechner nagelt, dann wird es mit dem Ideal der Verbraucherorientierung auch hier bald vorbei sein.

Zunehmend breiten sich Benutzerinformationen aus, in denen der Haupt-Produktnutzen für den geplagten Verbraucher nur noch schwer auszumachen ist. Die Gebrauchsanleitung eines technisch zweifellos kompetenten Herstellers für ISDN-Telefone hat mich in dieser Erfahrung erst kürzlich bestätigt.

Zwar erkennt da jeder Experte auf den ersten Blick das pefekte Spiel auf der Mac-High-Tech-Orgel. Zweifellos gut gemeint! Der Computer-Spieltrieb zeigt sich jedoch unverkennbar, und dahinter verbirgt sich didaktisches Unvermögen: Das Layout läßt bemühtes Papiersparen erkennen, und die Typografie gehört in die Rubrik "Augenpulver". Querverweise auf mehrere (nicht näher definierte!) Teilanleitungen und von dort wiederum zurück zur Hauptanleitung machen die Verwirrung komplett.

Abb. 3: Layout einer Benutzerinformation [4]

Wenn ich dem Urheber nun ungefragt einen guten Rat erteilen würde (was ich niemals tue!), dann würde ich dem (Nachwuchs?)-Kollegen vor allem empfehlen, dieser Benutzerinformation unbedingt eine erste Seite als Kurzanleitung vorzuschalten – mit klaren Hinweisen: "Ihr erstes Telefongespräch" und "Der erste Anruf kommt".

Aber auch aus einem anderen Grund werde ich mir diesen Tip verkneifen: Über derlei Binsenweisheiten würden sich andere Kollegen vermutlich totlachen! Oder?


Anmerkungen und Quellennachweis:

[1] Quelle: Erman/Ranke: Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum. Tübingen 1923 (J.C.B. Mohr Verlag).

[2] Zu den genannten Qualitätskriterien vgl.: H.P.Hahn: Technische Dokumentation leichtgemacht. München 1996.

[3] Aus einer Gebrauchsanleitung der Firma BAUER für Schmalfilmprojektoren.

[4] Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Herstellers.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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