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Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews

Technische Texte für unterschiedliche Kulturen und Nationen

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Oktober 1997

Von Petra Ntoufas

Inhaltsübersicht:

Oftmals rufen Kunden in einem Übersetzungsbüro an und brauchen "mal eben schnell" die übersetzte Betriebsanleitung einer Maschine, die bereits ausgeliefert wurde. Denn deren Käufer will den vollen Preis erst bezahlen, wenn die Dokumentation in der Landessprache vorliegt. 

Nimmt der Übersetzer einen solchen Auftrag an, dann kann dies für beide Seiten zu einer bösen Überraschung führen: Der Kunde ist verärgert, wenn die Qualität nicht den Erwartungen entspricht und Reklamationen die Folge sind. Dem Übersetzer wiederum war eine bessere Arbeit gar nicht erst möglich, da ihm keine übersetzungsgerechte Dokumentation vorlag und der Zeitdruck eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber verhinderte.


Lokalisierung: Landesspezifische und kulturelle Gegebenheiten berücksichtigen

Betriebsanleitungen sind nicht auf die Schnelle in einen anderen Sprachraum zu übertragen. Zahlreiche Voraussetzungen wollen erfüllt und bedacht sein. In erster Linie muß ein guter Ausgangstext vorliegen, der verständlich und präzise formuliert ist, und auch die Illustrationen müssen bestimmte Anforderungen erfüllen – zumal Sie u.a. eben dazu dienen sollen, Textanteile einzusparen und Dokumente leichter übersetzbar zu machen.

Technische Dokumentationen werden nicht einfach Wort für Wort übersetzt: Der Text und die zugehörigen Abbildungen sind zunächst in Bezug auf die aktuelle Zielgruppe zu überdenken. Text und Bild gilt es beim Übersetzungsprozeß jeweils auf die gegebenen kulturellen, nationalen und religiösen Eigenheiten abzustimmen, also zu lokalisieren:

  • Formate (Papier, Datum etc.) und Einheiten (Währung, Maße etc.) sind landesspezifisch anzupassen.
  • Namen müssen gegebenenfalls passend ausgetauscht werden ("Herr Müller" hat etwa in einem englischen Dokument nichts zu suchen).
  • Insbesondere bei der Verwendung von gebräuchlichen Symbolen und Piktogrammen ist Umsicht geboten. Ihre internationale Verständlichkeit ist stets neu zu überprüfen – vor allem auch daraufhin, ob sie nicht vielleicht in einem anderen Kulturkreis als unangemessen empfunden werden. Das bekannte Piktogramm für "Essen", welches Messer und Gabel übereinandergekreuzt zeigt, wäre beispielsweise in einem Land, in dem überwiegend mit Stäbchen gegessen wird, fehl am Platz.
  • Zu berücksichtigen ist zudem die Leserichtung: So schlug z.B. die Werbung eines Herstellers von Pflanzenpflegemitteln im arabischen Sprachraum fehl. Zu sehen waren in einer Bildreihe links eine stark kränkelnde Pflanze, in der Mitte das Pflegeprodukt und rechts schließlich eine kräftige gesunde Pflanze. Aufgrund der umgekehrten Leserichtung interpretierten die Adressaten die Bildreihenfolge natürlich genau umgekehrt...
  • Vorsicht auch beim Einsatz von Farben! Signalfarben können je nach kulturellem Hintergrund unterschiedliche Assoziationen erwecken. Während z.B. die Farbe Grün im europäischen Kulturkreis u.a. mit einer negativen Eigenschaft wie Unreife verbunden wird, gilt sie im Islam als heilige Farbe.

Die gezeigten Beispiele verdeutlichen, wie wichtig eine enge Kooperation zwischen Auftraggeber und Übersetzer ist. Je besser der Kunde die Technische Dokumentation vorbereitet, desto reibungsloser verläuft anschließend der Übersetzungs- und Lokalisierungsprozeß. Werden im Ausgangstext bereits länderspezifische Details vermieden, die nicht unbedingt für die Erklärung eines Sachverhalts nötig sind, so ist die Dokumentation rascher – und kostengünstiger – zu übersetzen. Umgekehrt muß dem Übersetzer stets ein Ansprechpartner für die Nachfrage in Zweifelsfällen zur Verfügung stehen.


Sprachentwicklung als Herausforderung für den Übersetzer:
Beispiel "Serbokroatisch?"

Zu der anpassenden Leistung des Lokalisierens zählt zudem das Beobachten von aktuellen Entwicklungen in der Zielsprache. So ist etwa in den ehemals sozialistischen Ländern Osteuropas bedingt durch die politischen Umwälzungen eine rasante Sprachentwicklung zu verzeichnen. Sollen Märkte in diesen Ländern erschlossen und bedient werden, dann muß ein qualifizierter Übersetzer zur Seite stehen, der den Herausforderungen gewachsen ist.

Ein Beispiel für eine ebenso schnelle politisch bedingte Sprachentwicklung bietet der serbokroatische Sprachraum, der gleichfalls besondere Anforderungen an die Kompetenz des Übersetzungspartners stellt.

Bereits bei der Terminologie stößt man hier auf das erste Hindernis: Eine "serbokroatische" Sprache gibt es nicht. Diese bestand schon immer aus verschiedenen Dialekten – mehreren serbischen Varianten und einer kroatischen.

Zur Zeit der staatlichen Einheit im Tito-Jugoslawien bestanden zwischen der serbischen und kroatischen Schriftsprache allerdings eher geringe lexikalische Unterschiede. Der gemeinsame Staat wirkte auch sprachlich vereinheitlichend, Mischformen wurden toleriert – wobei allerdings serbische Formen vorherrschend waren. Im Zweifelsfall hielt man sich bei Übersetzungen für den jugoslawischen Raum daher an die serbische Schriftsprache.

Doch mit dem nationalen Zwist kam auch die sprachliche Spaltung: Die Unterschiede zwischen dem Serbischen und Kroatischen sind nun erheblich stärker ausgeprägt. Im Nachkriegs-Kroatien reagiert man empfindlich auf Serbismen und in Serbien können Entlehnungen aus der kroatischen Sprachvariante auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen. Beide Schriftsprachen divergieren immer stärker, schließlich dienen sie mittlerweile zwei unterschiedlichen Staaten mit verschiedenen Gesellschaftssystemen als Kommunikationsmittel.

Bei Übersetzungen für den serbokroatischen Sprachraum gilt es also, solche politisch bedingten sprachlichen Empfindlichkeiten zu berücksichtigen. Ein Übersetzer muß die aktuellen Sprachentwicklungen aufmerksam verfolgen, um entscheiden zu können, ob im jeweiligen Zielland bestimmte Formulierungen inzwischen nicht etwa – negativ besetzt – der anderen Nation zugeordnet werden.

Zu den Kriterien, die ein kompetenter Serbisch- und/oder Kroatisch-Übersetzer erfüllen sollte, haben die Fachleute vom Übersetzungsbüro Dr.-Ing. Wolfgang Sturz eine Stellungnahme verfaßt. Hier ein Ausschnitt daraus:

"Ein Übersetzer, der als Kroate früher ins Serbokroatische übersetzt hat, hatte schon immer Kroatisch als Muttersprache, er wird auch heute Texte aus dem technischen, medizinischen, wissenschaftlichen Bereich u.ä. ordentlich ins gegenwärtige Kroatisch übersetzen. Er kann Texte dieser Art sicher auch in die e-kavische lateinische Variante des Serbischen übersetzen.

Von Übersetzungen aktuell-politischer, hochoffizieller Texte sowie Werbetexten in das Serbische würde ich abraten. Um Texte der letzteren Kategorie ins "post-war"-Kroatische zu übersetzen, benötigt er auf jeden Fall einen sehr engen Kontakt zu seiner Heimat. Im Fall, daß sich seine Sprache nicht mit den Ereignissen nach 1990 mitentwickelt hat, wird man in diesen Bereichen nicht immer eine positive Aufnahme beim Rezipienten erzielen."


Was bedeutet das für die Übersetzerauswahl?

Grundsätzlich sollte man Übersetzungsprojekte nur an Muttersprachler vergeben. Dabei ist, wie das Beispiel der rasanten Auseinanderentwicklung der Sprachen Serbisch und Kroatisch gezeigt hat, ein möglichst enger Kontakt zur Zielsprache erforderlich. Idealerweise ist der Übersetzer sogar direkt im Zielland ansässig, denn nur so kann er aktuelle Sprachentwicklungen optimal verfolgen und berücksichtigen.

Für spezielle Sprachen, die sich rasch weiterentwickeln, käme daher z.B. ein qualifizierter freiberuflicher Übersetzer in Frage, der sich auf idealerweise ein bis maximal zwei Sprachen spezialisiert hat. Ein Einzelübersetzer mit einem breiteren Fachgebiet hingegen besitzt vermutlich nicht die Kapazität, um sich der nötigen Weiterbildung zu widmen. Die Alternative dazu wäre ein kompetentes Übersetzungsbüro, das ein umfangreiches Sprachenangebot mit einem großen Stamm von Fachübersetzern bearbeitet.

Selbstverständlich muß neben dem ausreichenden Kontakt zur Zielsprache auch der zur Ausgangssprache gewährleistet sein, schließlich will man Verständnisschwierigkeiten mit dem zu übersetzenden Text vermeiden. Wünschenswert ist zudem eine entsprechende technische Vorbildung des Übersetzers; dies sichert ebenfalls ein besseres Verstehen des Ausgangstextes und minimiert nötige Rückfragen beim Auftraggeber.

Einige Entscheidungskriterien und Möglichkeiten, um die fachliche und sprachliche Qualifizierung von Übersetzern zu ermitteln, sind in der folgenden Checkliste zusammengefaßt:

Übersetzerauswahl
Mitgliedschaft in einem Berufsfachverband, der eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung voraussetzt, z.B. dem BDÜ?
Grundlegende technische Vorkenntnisse vorhanden?
Ausreichender Kontakt zur Ziel- und Ausgangssprache? Idealfall: Übersetzer ist im Zielland ansässig – bei intensivem Kontakt zum Ausgangsland.
Kompetentes Durchführen von Lektorat und Qualitätskontrolle?
Referenzen einholen.
Eventuell ein kleines Projekt als Probeauftrag an verschiedene Dienstleister zum Vergleich vergeben.


Fazit: Übersetzungen planen

Generell gilt: Ein Übersetzungsauftrag sollte nicht in letzter Minute einfach an den günstigsten Anbieter vergeben werden. So sind Probleme und mangelnde Qualität vorprogrammiert.

Vielmehr ist es wichtig, sich für zukünftige Übersetzungsprojekte den geeigneten Dienstleister sorgfältig anhand dessen sprachlicher und fachlicher Kompetenz auszuwählen. Dokumentationen, die aufgrund von Zeitdruck und mangelndem inhaltlichen Verständnis des Übersetzers fehlerhaft auf den ausländischen Markt gelangen, fallen peinlich auf – und stellen vor allem ein Haftungsrisiko dar.

Im Idealfall weisen Unternehmen ihren Übersetzungspartner zunächst vor Ort in das Projekt ein. So kann eine optimale Zusammenarbeit entstehen, bei der sowohl die Grundlage geschaffen wird für eine übersetzungsgerecht erstellte Dokumentation als auch für das Vermeiden von Verständnislücken auf Übersetzerseite.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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