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TD im Kloster – Tips und Trends von der COMTEC ’97

 

Artikel erschienen in
Ausgabe November 1997

Von Petra Ntoufas

Inhaltsübersicht: 

Der Tagungsort war ungewöhnlich: Circa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 12 Nationen trafen sich in einem Kloster des 13. Jahrhunderts, um Berufserfahrungen auszutauschen und neue Erkenntnisse mit nach Hause zu nehmen. Vermutlich trug auch dieses Ambiente mit zum Gelingen der Veranstaltung bei, ist doch ein Kloster schließlich ein traditioneller Ort der – wenn auch vorrangig religiös geprägten – Wissensvermittlung. Tatsächlich stand in Abbayé de Royaumont, wo die COMTEC ’97 am 10. und 11. Oktober stattfand, der Austausch von Wissen im Vordergrund – und zwar "polylog" anstatt in Form von ermüdenden monologhaften Vorträgen.


Der Veranstalter: Conseil des Rédacteurs Techniques

Da der Veranstalter, Conseil des Rédacteurs Techniques (CRT), im deutschsprachigen Raum wohl nur wenigen bekannt sein wird, sei er hier kurz vorgestellt:

Der CRT ist der französische Verband für Technische Redakteure, der ähnliche Zielsetzungen wie die tekom verfolgt: Ziel ist es, den Beruf des Technischen Redakteurs zu unterstützen und zu fördern. Dazu gibt der CRT vier Informationsblätter pro Jahr heraus und veranstaltet jährlich zehn Workshops.

Nach der Gründung 1992 ist der CRT mittlerweile auf 50 Mitglieder angewachsen – die französischen Kollegen scheinen sich im Vergleich etwa zu den deutschen oder schwedischen nicht so gerne zu organisieren. Dennoch ist ein kontinuierlicher Mitgliederzuwachs zu verzeichnen: Die Mitgliederanzahl hat sich immerhin jährlich verdoppelt.

Um auch interessierte Technische Redakteure anzusprechen, die nicht der französischen Sprache mächtig sind, gibt der CRT seine Informationsblätter sowie die im Anschluß an die Workshops produzierten Dokumente inzwischen zusätzlich auf englisch heraus. Und auch die CRT-Webseiten sind sowohl auf französisch als auch auf englisch zugänglich.

Weitere Informationen sind erhältlich bei:

Conseil des Rédacteurs Techniques (CRT)
Jean-Paul Bardez
5, villa des Carrières
F-94120 Fontenay-sous-bois
Telefon (0033) 148756633
Telefax (0033) 148756566


Die Präsentationsform: "Polyloge" Diskussionen statt monologer Vortragsstil

Ebenso ungewöhnlich wie das Ambiente war auch die Präsentationsform der COMTEC ’97: Statt monologhaften Vorträgen, die die Teilnehmer zumeist schon nach kurzer Zeit ermüden, folgte die Veranstaltung dem Prinzip des "polylogen" Wissensaustauschs. Diese Veranstaltungsform hatte Ulf Andersson, der u.a. maßgeblich an der Gründung der INTECOM beteiligt war, für die erste Forum-Konferenz 1975 in Schweden entwickelt.

Ziel des "polylogen" Wissensaustauschs ist es, allen Teilnehmern stets die Möglichkeit zum Mit-Diskutieren zu geben. Im Vordergrund steht also nicht passives Zuhören, sondern vielmehr aktives Beteiligen, welches den Lernerfolg nachhaltig unterstützt.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden pro Veranstaltungstag zwei sogenannte "Ideenmärkte" angeboten, die die Wahl zwischen jeweils sieben bis acht Themen eröffneten. Moderatoren präsentierten die Themen in offenen Diskussionsrunden, wobei die Teilnehmer zwanglos zwischen den einzelnen Ständen hin- und hergehen und die für sie interessantesten Präsentationen auswählen konnten. Dasselbe Prinzip galt bei den Workshops: Diese fanden bei geöffneter Tür statt – mit der Option, den gewählten Workshop zu wechseln.

Diese offene Präsentationsform ermöglichte äußerst lebhafte Diskussionen, die zum Teil auch in den Pausen fortgesetzt wurden. Sowohl Teilnehmer als auch Moderatoren profitierten so von den ausgetauschten Berufserfahrungen, und alle Beteiligten konnten zahlreiche neue Erkenntnisse und Ideen mit nach Hause nehmen.


Die Themen: Schlaglichter von der COMTEC ‘97

Die angebotenen Ideenmärkte und Workshops boten Diskussionsmöglichkeiten zu zahlreichen Fragestellungen rund um die Technische Kommunikation. Hier eine Auswahl der behandelten Themen: 

  • Konstruktion anleitungsfreier Produkte – eine Utopie?
  • Minimalismus: Wie klein darf ein benutzerfreundliches technisches Dokument sein?
  • Standardisierung: Steigert Standardisierung in der Dokumentation die Effektivität?
  • Übersetzen: Ist Technische Dokumentation kulturneutral? Welche kulturellen Einflüsse sind zu berücksichtigen?
  • Ikonisierte Anleitungen: Textanteile und Übersetzungskosten sparen
  • Wie sind verständliche technische Grafiken zu präsentieren?
  • Internet: Was gilt es bei Online-Präsentationen zu beachten?
  • Wie sind die vielen unterschiedlichen elektronische Formate handzuhaben?
  • Interview-Techniken für Technische Redakteure
  • Welche Auswahlkriterien gibt es für Dokumentations-Dienstleister?
  • Aus- und Weiterbildung von Technikkommunikatoren

Angesichts dieser Fülle von Diskussionsthemen sei hier lediglich auf zwei – subjektiv ausgewählte – Präsentationen näher eingegegangen. Allerdings wird der CRT in Kürze einen "Postharvest" des Kongresses in Form von PDF-Dateien herausgeben, welcher die Ergebnisse der einzelnen Veranstaltungen zusammenstellt. Dieser Postharvest wird mit freundlicher Genehmigung des CRT auch in einer der kommenden Ausgaben der doculine news zu lesen sein.


Konstruktion anleitungsfreier Produkte – eine Utopie?

Bei den meisten diskutierten Themen stand die Frage nach der Rolle des Technischen Redakteurs mit im Zentrum des Interesses: Wie sind Ansehen und Bedeutung der Abteilung Technische Dokumentation im Unternehmen zu erhöhen? Welche Auswirkungen haben aktuelle Entwicklungen und erhöhte Anforderungen auf das Berufsbild? Wie kann sich der Technische Redakteur auch in anderen Abteilungen erfolgreich einbringen?

Solche Überlegungen flossen auch in die Präsentation von Ulf Andersson mit dem provokanten Titel "Konstruktion anleitungsfreier Produkte – eine Utopie?" ein: Wenn der Technische Redakteur als Schnittstelle zwischen Konstrukteur und Anwender Einfluß auf das Produkt-Design hätte, so wären die Produkte einfacher handzuhaben und gleichzeitig wären die zugehörigen Anleitungen leichter zu erstellen – oder sie würden im Einzelfall sogar vollkommen überflüssig.

Doch gilt es viele Hindernisse auf dem Weg zu selbsterklärenden Produkten zu überwinden: 

  • Die Entwicklung solcher Produkte ist zeit- und kostenintensiv.
  • Viele Produkte sind äußerst komplex.
  • Oftmals spielt beim Design eher die Ästhetik statt die Benutzerfreundlichkeit eine Rolle.
  • Meist fehlt den Konstrukteuren der direkte Kontakt zu den Anwendern.
  • Eventuell legen auch die Rechtsberater Steine in den Weg: So gibt es in den USA Anwälte, die generell von Anwendertests abraten, da die Testergebnisse im Schadensfall als Beweismittel dienen könnten.

Die folgenden Lösungsmöglichkeiten und Gegenargumente haben die Diksussionsteilnehmer diesen Hindernissen entgegengesetzt: 

  • Dem Einwand, der Zeit- und Kostenaufwand sei zu hoch, steht ein schlagkräftiges Marketing-Argument gegenüber: "Für dieses Produkt benötigen Sie keine Gebrauchsanleitung – es erklärt sich von selbst!"
  • Die Konstrukteure müssen speziell in Richtung Anwendernähe und Benutzerfreundlichkeit geschult werden. Dabei können Technische Redakteure eine unterstützende Funktion ausüben, indem sie Anwendertests durchführen und die Ergebnisse dokumentieren. Voraussetzung dafür ist das frühe Erstellen von zu testenden Prototypen.
  • Anwälte sind im Einzelfall davon zu überzeugen, daß in erster Linie Schadensfälle zu vermeiden sind – und dafür sind Anwendertests unabdingbar.

Aufgrund der gegebenen Komplexität wird es wohl kaum möglich sein, jedes Produkt komplett selbsterklärend zu konstruieren. Jedoch gibt es häufig Ansatzpunkte zu Vereinfachungen, die einen ersten Schritt in diese Richtung eröffnen. Als Beispiel wurden in der Diskussionsrunde komplexe Autoradios genannt, deren Bedienung oftmals gefährlich sein kann, da sie die Aufmerksamkeit des Fahrers ablenken: Wer kennt nicht das Problem, gleichzeitig die Straße und die Schaltknöpfe des Radios im Blick zu behalten? Eine mögliche Alternative bieten hier Bedienungsknöpfe, die durch Tasten unterscheidbar sind.


Schreiben für das Internet

Auch in Rob Punselies Präsentation und anschließendem Workshop zum Thema "Schreiben für das Internet" kam die Rolle des Technischen Redakteurs im Schnittpunkt zu anderen Abteilungen zur Sprache: Hier wurde u.a. die These kritisch unter die Lupe genommen, gerade der Technische Redakteur sei aufgrund seines Know-hows in der Vermittlung von Informationen prädestiniert dafür, sich auch als Web-Writer zu betätigen. 

  • Pro: Dafür sprechen laut den Diskussionsteilnehmern einige spezifische Stärken des Technischen Redakteurs: Wer außer ihm besitzt umfassende Fähigkeiten darin, Texte verständlich zu strukturieren und einen einfachen und schnellen Zugriff auf die notwendige oder gewünschte Information zu ermöglichen?
  • Contra: Demgegenüber steht allerdings der Lernbedarf, den viele Technische Redakteure in Bezug auf das Medium Internet haben werden, denn die Anforderungen an eine verständliche Darstellung folgen im Print- und Online-Bereich anderen Gesetzen: Zu beachten sind die einsetzbaren Navigationshilfen (Sprungmarken in Hypertext im Gegensatz zu linearem Text), der Einsatz von Farben (additive versus subtraktive Farbmischung; die Verlockung, am Bildschirm zu viele Farben zu verwenden), die Bildschirmgröße bei Online-Präsentationen u.v.m.

In jedem Fall, so waren sich die Teilnehmer einig, stellt das Internet eine Herausforderung für den Technischen Redakteur dar, der er sich selbstbewußt stellen sollte. Ein neues Betätigungsfeld müsse nicht unbedingt darin liegen, daß der Technische Redakteur selbst als Web-Writer tätig wird – aber er könne eine zentrale Rolle spielen, indem er sein Know-how in der Informationsvermittlung durch Mitarbeiter-Schulungen weitergibt.


Fazit: Weiter so!

Die positiven Reaktionen der Teilnehmer haben wieder einmal gezeigt, wie wichtig und gewinnbringend ein solcher professioneller Erfahrungsaustausch insbesondere für Technische Redakteure ist: Aktuelle Probleme können im Kollegenkreis besprochen werden, die gewonnenen Erkenntnisse bereichern die zukünftige Arbeit, und nicht zuletzt liefern die Diskussionen mit Kollegen wichtige Argumente für eine Aufwertung des Berufbilds des Technischen Redakteurs.

Alles in allem kann der Veranstalter CRT höchst zufrieden sein mit dem Erfolg seines ersten Kongresses: Das einzige Manko von COMTEC ’97 war die schlechte Erreichbarkeit des Veranstaltungsortes mit öffentlichen Verkehrsmitteln – welches allerdings durch das beeindruckende Kloster-Ambiente mehr als relativiert wurde.

Dem CRT bleibt an dieser Stelle zu wünschen, daß die COMTEC ’97 – und Folgeveranstaltungen, auf die die Teilnehmer sicher gespannt warten – zu einem Anstieg der noch spärlichen Mitgliederzahl führen werden.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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