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Lokalisierung – Modewort oder aktuelle Herausforderung?

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Januar 1998

Von Wolfgang Sturz

Inhaltsübersicht:

Immer wieder kann man es erleben, daß in der deutschen Sprache plötzlich neue Begriffe oder Benennungen auftauchen, hinter denen sich bei näherer Betrachtung altbekannte Sachverhalte verstecken. Ob "Raumpflegerin" als inzwischen teilweise eingebürgerte Benennung für die Putzfrau oder "Azubi", der den Lehrling verdrängt hat: Meistens lösen solche Wortschöpfungen zunächst nur ein Schmunzeln aus. Verhält es sich mit der Lokalisierung ähnlich?


Der komplexe Übersetzungsprozeß im Unternehmensgeschehen

Eines steht fest: Übersetzungsprozesse werden immer komplexer und sind immer mehr zwischen vor- und nachgelagerten Arbeitsschritten in einem umfassenden Arbeitsfluß (Workflow) eingebettet. Die folgenden Definitionen sollen den Übersetzungsprozeß hierarchisch in das Unternehmensgeschehen einordnen:

  • Das Übersetzen ist der Vorgang, bei dem ein ausgangssprachlicher Text in einen anderssprachigen Zieltext umgesetzt wird. Ziel ist es, die Inhalte des Ausgangstextes möglichst unverfälscht in die Zielsprache zu übertragen. Übersetzungen können jedoch nur dann wirklich nutzbringend sein, wenn sie als Teilaufgabe im Rahmen eines umfassenden Lokalisierungsprozesses stattfinden.
  • Die Lokalisierung ist die Anpassung eines Produktes (oder einer Dienstleistung) an einen neuen Sprach- und Kulturraum. Neben dem Übersetzungsprozeß beinhaltet die Lokalisierung also auch die Anpassung an landesspezifische oder kulturelle Gegebenheiten. Damit diese Lokalisierung wirtschaftlich erfolgen kann, sollte das Produkt oder die Dienstleistung im Vorfeld "internationalisiert" werden.
  • Die Internationalisierung beginnt bei Produkten bereits zum Zeitpunkt der Produktkonzeption. Im Rahmen der Internationalisierung werden Produkte in einen kultur- und sprachunabhängigen Produktkern und in kultur- bzw. sprachraumabhängigen Produktvariablen gegliedert. Der Produktkern wird global unverändert eingesetzt, während die Variablen von Land zu Land bzw. von Sprachraum zu Sprachraum adaptiert werden. Die Entscheidung zur Internationalisierung, die zum Zeitpunkt der Produktentwicklung ja zunächst mit höheren Kosten einhergeht, bedingt eine unternehmerische Grundsatzentscheidung im Hinblick auf eine Globalisierung.
  • Die Globalisierung ist eine unternehmenspolitische Entscheidung, in der festgelegt wird, daß das Unternehmen Produkte für den Weltmarkt (und in aller Regel auch auf dem Weltmarkt) produziert. Bei der Entscheidung zur Globalisierung muß es sich jedoch um mehr als um eine Entscheidung für einen weltweiten Vertrieb handeln. Nur Unternehmen, die langfristig bereit sind, sich mit ihren Produkten an die sprachlichen und kulturellen Erwartungen ihrer Zielgruppen anzupassen, werden langfristig global erfolgreich sein und bleiben.

In den folgenden Abschnitten wird in einer Top-Down-Vorgehensweise näher auf die vier Schlüsselbegriffe Globalisierung, Internationalisierung, Lokalisierung und Übersetzen eingegangen.


Globalisierung

Die Globalisierung stellt also eine unternehmenspolitische Entscheidung bzw. eine unternehmenspolitische Strategie dar. Globalisierung setzt dabei mehr voraus als nur die Entscheidung, Produkte auch zu exportieren. Globalisierung erfordert eine globale Betrachtung der eigenen Position im Weltmarkt – insbesondere aber eine globale Betrachtung der Einsatzmöglichkeiten der eigenen Produkte auf den spezifischen Einzelmärkten.

Die Globalisierung umfaßt wesentlich mehr Aspekte als nur das Produkt. Unternehmen, die globalisieren möchten, müssen zunächst ihre Produkte für den Weltmarkt konzipieren. Aber auch alle anderen peripheren Unternehmensaktivitäten wie Marketing, Vertrieb, Schulung usw. sind unter diesem Aspekt der Globalisierung zu betrachten. Nur mit einer solchen Unternehmensentscheidung zur Globalisierung können die einzelnen Schritte, die zur Umsetzung dieser Strategie erforderlich sind, sinnvoll geplant und anschließend umgesetzt werden.


Internationalisierung

Die Internationalisierung hat zunächst Auswirkungen auf das Produkt als solches. Dies muß gemäß den einleitenden Definitionen so ausgelegt sein, daß das Produkt durch Anpassung bestimmter Variablen schnell in allen globalen Märkten einsetzbar ist.

Selbstverständlich bezieht sich die Internationalisierung dabei auch auf die Produktdokumentation, die Bestandteil des komplexen Mensch-Maschinen-Schnittstellensystems ist. Technische Geräte oder Produkte (dies gilt auch für EDV-Programme) werden durch Menschen bedient und genutzt. Die Kommunikation erfolgt dabei stets über eine Mensch-Maschine-Schnittstelle, die wiederum in Teilbereichen sprach- und kulturneutral sein muß bzw. sein sollte.

In diesem Kontext wird häufig von einem Produktkern gesprochen, der global betrachtet immer gleich bleibt. Es kann sich dabei um ein EDV-Programm aber auch um etwas handfesteres wie z.B. um einen PKW ohne länderspezifisches Zubehör handeln.

Der wichtigste Schritt bei der Frage der Internationalisierung ist eine vorausblickende Planung. Die unveränderlichen Eigenschaften eines Produktes oder einer Software müssen sehr frühzeitig und bereits während der Entwicklung festgelegt werden. Nachbesserungen sind oft schwierig, manchmal unmöglich und immer kostspielig.

Die Lokalisierungsvariablen lassen sich in produktbezogene und dokumentationsbezogene Variablen einteilen:

  • Produktbezogene Lokalisierungsvariablen sind z.B. technische Merkmale wie die Spannungsversorgung von technischen Geräten. Dazu gehören aber teilweise auch gesetzlich vorgeschriebene Details wie Sicherheitseinrichtungen, Position und Auslegung von Not-Aus-Schaltern und dergleichen mehr. Bei EDV-Systemen ist z.B. zu bedenken, daß Tastaturen von Land zu Land unterschiedlich sein können.
  • Neben den produktbezogenen Lokalisierungsvariablen sowie den jeweils an einen Sprachraum anzupassenden Benutzerschnittstellen enthalten die Dokumentationen für technische Produkte eine Vielzahl von Lokalisierungsvariablen. Dies können z.B. unterschiedliche Zeichensätze sein. Bei der Konzeption von Dokumentationen ist jedoch nicht nur auf die Zeichensätze, sondern auch auf das Layout zu achten. In aller Regel sind Übersetzungen nämlich länger als der deutsche Ausgangstext, manchmal bis zu 30%. Wenn für solche Expansionen im Layout kein Platz gelassen worden ist, wird nach einer Übersetzung der gesamte Seitenumbruch zerstört.



Lokalisierung

Bei der Lokalisierung werden entsprechend vorbereitete Produkte, Programme oder Dienstleistungen nun an nationale Märkte angepaßt. Die Lokalisierung umfaßt also die letzten Arbeitsschritte, die erforderlich sind, um ein Produkt für einen anderen Markt tauglich zu machen. Neben den im Rahmen der Internationalisierung beschriebenen Produktmerkmalen sind bei der Lokalisierung durchaus auch kulturelle Aspekte zu berücksichtigen.

Bei Technischen Dokumentationen stellt sich häufig die Frage, inwieweit bei der Übersetzung kulturelle Aspekte zu beachten sind. In diesem Kontext werden zwei gegensätzliche Thesen kontrovers diskutiert:

  1. These: Technische Dokumentation ist kulturneutral, da sie ausschließlich objektive technische Sachverhalte beschreibt.
  2. Gegenthese: Auch Technische Dokumentation kann nicht kulturneutral sein, da der Informationsgehalt einer Technischen Dokumentation stets abhängig ist von dem Vorwissen und der Vorbildung der Leser. Dies ist zwangsläufig von Sprachraum zu Sprachraum unterschiedlich.

Die Wahrheit wird – wie üblich – irgendwo in der Mitte liegen. Je besser eine Technische Dokumentation geschrieben ist, desto objektiver ist auch die Beschreibung technischer Sachverhalte. Damit geht eine einfachere Übertragung in andere Sprach- und Kulturräume einher. Auch heute sieht man jedoch noch häufig Technische Dokumentationen, in denen mit Wortspielereien, bildhaften Beispielen und Vergleichen gearbeitet wird.

Es gilt folgende Kausalkette:

  1. Technische Dokumentationen müssen inhaltlich korrekt sein.
  2. Inhaltlich korrekte Technische Dokumentationen müssen sachlich sein.
  3. Sachliche Dokumentationen müssen prägnant und präzise formuliert sein.
  4. Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel kürzer.
  5. Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel besser verständlich.
  6. Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel besser übersetzbar.
  7. Prägnante und präzise Texte sind in aller Regel kürzer und können deshalb zu geringeren Kosten übersetzt werden.

Möglichst prägnant und präzise formulierte Dokumentationen führen also zu einer direkten Reduzierung des Übersetzungsvolumens und der Übersetzungskosten – wohlgemerkt bei gleichzeitiger Verbesserung der Übersetzungsqualität.


Übersetzung

Der eigentliche Übersetzungsvorgang als Teilaufgabe des Lokalisierungsprozesses bleibt selbstverständlich Kern einer Lokalisierung. Das automatische Maschinenübersetzen – ein Bereich, in dem seit den 50er Jahren geforscht wird – bietet auch heute noch nicht die Qualität, um einen Humantranslator ohne Wenn und Aber zu ersetzen. Humantranslatoren (Neudeutsch für Übersetzer) hingegen können heute aber nicht mehr ohne den EDV-Einsatz arbeiten. Hier hat sich im Laufe der Jahre eine optimale Symbiose entwickelt:

  • Am weitesten verbreitet ist der Einsatz der EDV für die Terminologieverwaltung. Jedes Unternehmen, das sich der Globalisierung verschrieben hat, sollte ein firmeninternes Glossar entwickeln und pflegen, in dem die firmenspezifischen Begriffe präzise definiert und auch übersetzt sind. Häufig wird dabei leider vergessen, daß konsequente fremdsprachliche Terminologiearbeit von einer konsequenten deutschen Terminologiearbeit abhängig ist. In diesem Bereich gibt es noch große Entwicklungspotentiale.
  • Die automatische Maschinenübersetzung, für die es heute bereits für wenige hundert Mark EDV-Lösungen auf dem Markt gibt, erfüllt immer noch nicht die Anforderungen, die an eine technische Übersetzung gestellt werden. Bis auf wenige Ausnahmen haben die meisten Unternehmen, die im Laufe der Jahre erhebliche Mittel in Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet investiert haben, sich wieder zurückgezogen.
  • Ein relativ neues Konzept ist das der Translation Memories. Dabei werden in großen Datenbanken komplette Sätze des Ausgangstextes zusammen mit den kompletten Übersetzungen in der Zielsprache gespeichert. Sobald der gleiche Ausgangstext wieder auftritt (solche Wiederholungen sind in Technischen Dokumentationen sehr üblich, insbesondere bei den häufig erforderlichen Aktualisierungen), wird die bereits in der Datenbank gespeicherte Übersetzung dem Übersetzer angeboten. Der Übersetzer kann dann am Bildschirm entscheiden, ob er diesen Datenbankvorschlag übernimmt oder geringfügig ändern oder anpassen möchte.
    Auch solche Systeme setzen eine Einbindung in ein umfassendes und gut strukturiertes Dokumentationssystem voraus. Nur wenn bereits beim Schreiben von Dokumentationen bewußt auf viele wörtliche Wiederholungen geachtet wird, lassen sich solche Translation Memories wirtschaftlich und nutzbringend einsetzen.



Dokumentationen für die Übersetzung vorbereiten

Abschließend sollen in einer Art Checkliste noch einige bunt zusammengewürfelte Tips zusammengefaßt werden, die bei frühzeitiger Beherzigung die spätere Lokalisierung eines Produktes und Übersetzung der Produktdokumentation beachtlich vereinfachen können:

Vermeiden Sie Abkürzungen im Ausgangstext.

Setzen Sie möglichst keine Cartoons ein, diese können in anderen Kulturen völlig deplaziert wirken.

Personen in Zeichnungen sollten keine Gebärden darstellen, weil diese je nach Kulturraum sehr unterschiedlich interpretiert werden können.

Verzichten Sie auf einen unreflektierten Einsatz von Farben. Signalfarben können in verschiedenen Sprachräumen völlig unterschiedliche Bedeutungen haben.

Bedenken Sie die unterschiedliche Verwendung von Währungseinheiten bzw. von technischen Einheiten.

Bedenken Sie, daß in unterschiedlichen Sprachräumen unterschiedliche Papierformate verwendet werden. Überlegen Sie deshalb, ob Ihre Dokumentation unbedingt in einem deutschen Papierformat (Din A4) oder in einem anderen Format gedruckt werden soll.

Bei Namen von Beispielfiguren (z. B. "Nun kann Herr Maier...") sollte ein ähnlich gängiger Name in der Zielsprache verwendet werden. Es ist nicht sinnvoll, die Namen wörtlich zu übersetzen oder stehen zu lassen.

Beachten Sie, daß bestimmte Symbole in bestimmten Sprach- und Kulturräumen heilig sein können.

Beachten Sie, daß deutsche Normen, die in Deutschland sehr gängig sind, im Ausland normalerweise nicht vorliegen bzw. unbekannt sind.

Beachten Sie die unterschiedlichen Datums- und Zeitformate in unterschiedlichen Sprachräumen.

Vermeiden Sie nach Möglichkeit einen Bezug auf länderspezifische Gegebenheiten wie bestimmte Behörden, Ämter oder ähnliches, die es als solche im Ausland nicht gibt.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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