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Redaktionsleitfäden – Ein unersetzliches Hilfsmittel in der Technikredaktion

 

Artikel erschienen in
Ausgabe April 1998

Von Rolf Schwermer

Inhaltsübersicht:

Ein sorgfältig erarbeiteter Redaktionsleitfaden ist ein unersetzliches Hilfsmittel für jede Technikredaktion. Denn nur so lassen sich die qualitativen Anforderungen, denen technische Dokumentation genügen muß, hauseinheitlich und mit minimalem Aufwand bewältigen.

Dennoch sind in der Praxis nur wenige veröffentlichte Redaktionsleitfäden bekannt. Worin liegt dies begründet? Wie gelangt man zu einem Redaktionsleitfaden? Und wie sind die zu erwartenden Hindernisse zu überwinden?


Qualitätsanforderungen an technische Dokumentation

Technische Dokumentationen müssen bestimmten Qualitätsanforderungen genügen – sowohl aus Sicht der Nutzer als auch aus Sicht der Hersteller:

Verfügbarkeit: Technische Dokumentation soll zur richtigen Zeit zu angemessenen Kosten bereitgestellt werden. Technische Redakteure müssen deswegen den gesamten Erstellungsprozeß planen.

Eignung: Technische Dokumentation soll mit den Zielen und Zwecken, für die sie gedacht ist, übereinstimmen. Technische Redakteure müssen daher die Ziele und Zwecke vor der eigentlichen Erstellung analysieren und z.B. die Adressaten, für die die technische Dokumentation gedacht ist, bestimmen (Zielgruppenanalyse).

Dokumentzugänglichkeit: Technische Dokumentation soll für die Anwender lesefreudlich organisiert sein, so daß sie schnell die Informationen finden, die sie aktuell benötigen.

Lesbarkeit/Verständlichkeit: Technische Dokumentation soll für die jeweiligen Adressaten flüssig und einfach zu lesen und leicht verständlich sein.'

Vollständigkeit: Bei den meisten Dokumentationen vom Typ Nachschlageanleitung muß die Vollständigkeit der Informationen gewährleistet sein, bei Kurz- und Lernanleitungen hingegen nicht.

Richtigkeit sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit in allen Dokumentationsformen sein.

Sicherheit der Anwender bei der Nutzung eines Produktes ist oberstes Ziel der einschlägigen gesetzlichen und normativen Bestimmungen zur technischen Dokumentation. Sicherheitshinweise und Warnungen sind ein wichtiger Beitrag dazu.

Damit diese Qualitätsanforderungen erfüllt werden können, sind in einer technischen Redaktion Entscheidungen zu treffen, die einerseits abgesichert sein müssen, andererseits über den tagesaktuellen Dokumentationsfall hinaus Gültigkeit haben sollten. Um die einmal getroffenen Entscheidungen festzuhalten, ist ein Redaktionsleitfaden das geeignete Instrument.

Und vor allem ist mit einem sorgfältig geführten Redaktionsleitfaden besser zu gewährleisten, daß alle am Erstellungsprozeß Beteiligten – interne wie externe Mitarbeiter – eine einheitliche Linie in der Dokumentation einhalten.


Was ist ein Redaktionsleitfaden?

Im allgemeinen versteht man in einer Technikredaktion unter einem Redaktionsleitfaden eine Art "Anleitung zum Verfassen von Anleitungen", also eine umfassende Sammlung all der Vorgaben, Festlegungen und Entscheidungen, die notwendig sind, um qualitativ gute technische Dokumentation zu erstellen.

Für Redaktionsleitfäden gibt es viele, häufig synonyme Bezeichnungen:

  • Redaktionshandbücher
  • Style Guides
  • Dokumentationsrichtlinien
  • Corporate Design-Handbücher usw.

Fast jedes Unternehmen verwendet eine eigene Bezeichnung – und versteht auch unterschiedliche Aspekte darunter.


Zweck eines Redaktionsleitfadens

Unabhängig davon, welche Bezeichnung gewählt wird und welches Verständnis dahintersteht, sollte man sich zunächst fragen, welchen Zweck der zu erstellende Redaktionsleitfaden erfüllen soll. Ein Redaktionsleitfaden kann nämlich u.a.dazu dienen,

  • die gesamte Arbeit in einer technischen Redaktion systematisch aufzubauen
  • Qualitätsmaßstäbe für die Arbeitsergebnisse der technischen Redaktion transparent zu machen
  • alle Vorgaben, Ziele und Abläufe zu klären und nachvollziehbar zu machen
  • die Mitarbeiter in der technischen Redaktion bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen und zu motivieren
  • neuen Mitarbeitern die Einarbeitung zu erleichtern

Damit ist ein Redaktionsleitfaden ein erster, wichtiger Schritt hinzur Einführung eines Qualitätsmanagement-Systems für eine Technikredaktion!


Inhalte eines Redaktionsleitfadens

Ein Redaktionsleitfaden kann beispielsweise Festlegungen zu den folgenden Bereichen der Dokumentations-Erstellung enthalten:

  • zur Sprache (Wortwahl/Terminologielisten, Textaufbau)
  • zu Inhalten (z.B. standardisierte Inhalte)
  • zum Aufbau/zur Gliederung (z.B. modulartiger Aufbau von Teilen der technischen Dokumentation)
  • zur Gestaltung (Typografie, Layout, äußere Gestaltung)
  • zu technischen Arbeitsmitteln der Dokumentations-Erstellung
  • zu allen Prozessen der Dokumentations-Erstellung (Planung, Informationsbeschaffung, Erstellung, Korrektur, Freigabe, Qualitätssicherung/Usability Testing, Produktion, Distribution, Wartung/Revision, Archivierung)
  • zu Verantwortlichkeiten in den jeweiligen Prozessen
  • zu Fragen der Kostenplanung/Finanzierung

Ein Redaktionsleitfaden kann also zu allen diesen Bereichen Aussagen enthalten – oder aber nur zu einigen der genannten, z.B. nur zu Gestaltungsfragen(dann ist er ein Style Guide im engeren Wortsinne).


Vier Beispiele für Redaktionsleitfäden

Die Vielfalt der Ansätze sollen einige Beispiele von Redaktionsleitfäden aus verschiedenen Branchen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen verdeutlichen. Vorgestellt werden jeweils markante Ausschnitte aus der Gliederung.


"DesignManual" von Tanner Dokuments

Der Dokumentationsdienstleister Tanner Dokuments hat in Heft 6/1991seines Newsletters ABZ die inhaltliche Struktur eines "DesignManual" vorgestellt, das in etwa einem Redaktionsleitfaden entspricht:

  • Allgemeine Hinweise
    Benennung und Organisation von Dokumenten
    Hinweise zur Arbeit mit verwendeter Software
    Schriften für spezielle Einsatzzwecke

  • Erstellungshilfen für bestimmte Produktlinien
    Masterseiten
    Definition der Druckformate
    Anwendung der Druckformate
    Inhalt der Masterdisketten

  • Musterseiten (Beispielseiten für Titelseiten, Inhaltsverzeichnisse, ...)

  • Abschließende Bearbeitung
    Checklisten für die Endkontrolle, Verwaltung, Ausrüstmustererstellung
    Angaben für Drucker/Endverarbeiter

Technische Dokumentation wurde 1991 in erster Linie als gedrucktes Medium produziert. Der als "DesignManual" bezeichnete Redaktionsleitfaden machte dementsprechend hauptsächlich Aussagen zur Gestaltung, dem "Design" der Dokumente, sowie zum Umgang mit dem zum damaligen Zeitpunkt noch jungen Arbeitsmittel Desktop Publishing-Software. Inhaltliche und strukturelle Fragen wurden jedoch kaum angesprochen.


"Standpunkte zu Anleitungen, deren Gestaltung und Erstellung" der Robert Bosch GmbH

Bereits etwa 1985 konzernintern veröffentlicht, sind die "Standpunkte zu Anleitungen" der Robert Bosch GmbH und die damit verbundene Zielsetzung noch immer sehr aktuell: "Diese Broschüre (...) zeigt, welchen Stellenwert den Anleitungen beigemesen wird und welche Punkte beim Erstellen von Anleitungen zu beachten sind. In Ergänzung zu Schulungen dient die Broschüre als Gedächtnisstütze. (...) Die Standpunkte sollen den Autoren helfen, die Anleitungen so zu gestalten, daß sie dem Anwender einen optimalen Produktnutzen ermöglichen."

  • Vorwort
  • Sind Anleitungen mehr als ein notwendiges Übel?
  • Was muß eine Anleitung leisten, um gut zu sein?
  • Wie kann man übersichtliche, bedarfsgerechte und verständliche Anleitungen erstellen?
  • Warum ist es erforderlich, das Informationsangebot vor dem Erstellen einer Anleitung festzulegen?
  • Wie kann man die Information einer Anleitung lernlogisch gliedern?
  • Welche Punkte sind beim Gestalten einer Anleitung zu beachten?
  • Welches Format, welche Text-/Bildzuordnung und Schrift sind festzulegen?
  • Welches Ordnungssystem und welche Farben müssen eingesetzt werden?
  • Wann werden Tabellen, Symbole und Piktogramme verwendet?
  • Was ist bei mehrsprachigen Anleitungen zu beachten?
  • Welche weiteren Gestaltungsmöglichkeiten von mehrsprachigen Anleitungen gibt es?
  • Soll jede Anleitung mit Bildern versehen werden?
  • Wie läßt sich die Anleitung verständlich formulieren?
  • Warum soll eine Anleitung getestet werden?
  • Beispiele von Anleitungen
  • Welche Gründe sprechen für einen Test der Anleitung (Checklisten)?

"Redaktionsleitfaden der Technischen Information für die Erstellung von Reparaturleitfäden" der Volkswagen AG

"Reparaturleitfäden" werden die Wartungs- und Reparaturanleitungen genannt, die die Kfz-Mechaniker in VW-Vertragswerkstätten benutzen. Der Redaktionsleitfaden der Volkswagen AG ist für jene technischen Redakteure gedacht, die diese Werkstattliteratur erstellen.

1. Vorwort

2. Welche Informationsmittel mit welchen Strukturen gibt es?
2.1 Reparaturleitfaden
2.2 Instandhaltung genau genommen (Heft)
2.3 Ordner Abgasuntersuchung
2.4 Ordner Stromlaufpläne, ...

3. Dokumentationsplanung
3.1 Theoretische Grundlagen
3.2 Wandel in Planung und Kommunikation
3.3 Analyse der Zielgruppen (Mechaniker)
3.4 Ermittlung des Informationsbedarfes der Zielgruppen

4. Technische Arbeitsmittel, Dokument- und Bildverwaltung

5. Texterstellung

6. Bilderstellung

7. Qualitätssicherung

8. Wirtschaftlichkeit

9. Pflege des Redaktionsleitfadens

Dieses Dokument ist wahrscheinlich das "klassische" Beispiel eines Redaktionsleitfadens.


"Style Guide for online hypertext" von Tim Berners Lee

Tim Berners Lee, Physiker am europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik CERN in Genf, ist einer der Väter des World Wide Web. Bereits 1992, als das WWW noch in den Kinderschuhen steckte, hat er begonnen, einen "Style Guide for online hypertext" zusammenzustellen – mit dem Ziel "to help you create a WWW hypertext database that effictively communicates your knowledge to the reader."

Seinen Style Guide hat Tim Berners Lee über das WWW allgemein verfügbar gemacht, so daß viele Leser mit Kritik, Änderungs- und Erweiterungswünschen an ihn herantreten konnten. Diese Anregungen haben Tim Berners Lee zu Überarbeitungen und "Neuauflagen" seines Style Guide veranlaßt. Die folgende Gliederungsstruktur gibt den Stand von Mai 1995 wieder:

  • Introduction
  • Etiquette for a server administrator
  • Overall structure of a work
    Structure for the reader
    Trees
    Document size
    To refer or to copy
  • Within each document
    Sign it!
    Give its status
    Give links into context
    A good title
    Don’t format for a particular browser
    Keep it readable
    Don’t mention the mechanics
  • Test your document
  • Ramblings: Related but more random thoughts. Under construction
    Acceptable Content
    Educational hypertext and the "why" link
    Why one should provide why links
  • Background reading
  • Reader comments

Dies ist der einzige Leitfaden in dieser Reihe von Beispielen, der für elektronische Publikationsformen gedacht ist. Allerdings handelt es sich nicht um einen Redaktionsleitfaden im engeren Sinne, da er sich nicht an Redakteure, sondern an ein sehr breites Publikum richtet: an alle, die in irgendeiner Weise etwas im WWW veröffentlichen.

Der Anleitungscharakter des Style Guides wird deutlich in den imperativen Formulierungen: "Give links into context." Dieser anleitende Charakter macht das Dokument zu einer brauchbaren Vorlage für Publikationen im WWW oder in anderen elektronischen Medien.


Warum sind so wenige Redaktionsleitfäden bekannt?

Nur wenige veröffentlichte Redaktionsleitfäden sind bekannt. Mehrere Gründe für diesen Mangel oder zumindest geringen Bekanntheitsgrad vorhandener Redaktionsleitfäden sind zu nennen:

  1. Redaktionsleitfäden werden zumeist sehr spezifisch für einzelne Unternehmen (am ehesten innerhalb von Großunternehmen und Konzernen) erstellt und bleiben dann als firmeninterne Richtlinie unter Verschluß; Externe erhalten keinen Einblick.
  2. In der Hektik des Redaktionsalltags fehlt häufig die Einsicht, daß ein Redaktionsleitfaden eine wichtige Hilfe sein könnte, die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verhindert eine Investion in die Erstellung eines Redaktionsleitfadens, oder man findet keinen konzeptionellen Ansatz, um einen Redaktionsleitfaden zu erstellen.
  3. Der erstellte Redaktionsleitfaden ist zu komplex, in der Praxis nicht zu handhaben und wird deswegen abgelehnt.
  4. Ein vorhandener Redaktionsleitfaden ist nicht kooperativ in einer Redaktion entwickelt worden, sondern ist als das Werk eines einzelnen entstanden – und daher wird er nicht akzeptiert, sondern ignoriert und mit der Zeit vergessen.



In drei Schritten zum Redaktionsleitfaden

Einen Redaktionsleitfaden kann man nicht über Nacht erstellen; dies erfordert vielmehr recht umfangreiche Vorarbeiten. Da ein Redaktionsleitfaden als Arbeitsgrundlage für alle Mitarbeiter einer technischen Redaktion dienen soll und als gemeinsame Grundlage akzeptiert werden muß, sollten von vornherein alle an seiner Erstellung beteiligt werden. Falls das nicht machbar ist, sollte man zumindest alle Beteiligten über die Absichten, Schritte und Zwischenergbnisse informieren.

Ein Redaktionsleitfaden sollte über mehrere Zwischenschritte erarbeitet werden:

1. Schritt:
Eine Dokumentspezifikation (Pflichtenheft) aufstellen und nach dieser Spezifikation eine Musterdokumentation erarbeiten – gegebenenhalls für jede Medienform eine separate, um die unterschiedlichen Medienanforderungen beispielhaft darzulegen.

2. Schritt:
Ein umfassendes Konzept für Dokumentationen einer Klasse (z.B. für eine Gerätegruppe oder Produktlinie) erarbeiten und nach diesem Konzept einige Dokumente erstellen. Anschließend sollten diese Dokumente unbedingt evaluiert werden, z.B. mit einem Usability Test oder zumindest mit einem Expertengutachten. Die Evaluation ist dringend nötig, um Verbesserungsmöglichkeiten zu ermitteln, bevor Unzulänglichkeiten oder Fehler als Quasi-Standard im Redaktionsleitfaden festgeschrieben werden.

3. Schritt:
Den Redaktionsleitfaden vor dem Hintergrund der mit dem Konzept gemachten Erfahrungen erstellen. Dabei sollte der Redaktionsleitfaden möglichst von Anfang an kooperativ unter Einbeziehung aller Redaktionsmitarbeiter z.B. in einem Qualitätszirkel erarbeitet werden und bereits in seinen Entwicklungsstadien allen Redaktionsmitarbeitern vertraut sein.



Fazit

Wird ein Redaktionsleitfaden auf diese Art und Weise in einer technischen Redaktion kooperativ erarbeitet, so kann dies ein sehr spannender Teambildungsprozeß sein: Alle Redaktionsmitarbeiter setzen die Organisationsentwicklung ihrer Abteilung gemeinsam in Gang und sind aktiv daran beteiligt.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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