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Modem
statt Schreibtisch:
Technische Hinweise zur Telearbeit für Technikredakteure
Artikel
erschienen in
Ausgabe Mai 1998
Von
Alexander von Obert
Inhaltsübersicht:
Es gab eine
Zeit, da konnte sich kaum ein technischer Redakteur einen anderen
Arbeitsplatz als den im Büro vorstellen: DTP-Programme strapazierten
die aktuelle Rechnertechnik bis zum Anschlag, und leidlich brauchbare
Rechner kosteten ein Vermögen. Aber das war schon ein deutlicher
Fortschritt gegen die Typenraddrucker der vorherigen Generation.
Auch
diverse Kommunikationshindernisse ließen den Gedanken nach
dem Arbeitsplatz zu Hause gar nicht erst aufkommen: Erst Anfang
dieses Jahrzehnts erreichten Faxgeräte die nötige Praxistauglichkeit,
sofern man sich mit Thermopapier anfreunden konnte.
Schließlich
gab es auch nur wenige Möglichkeiten, der Zeitüberwachung
des Arbeitgebers zu entkommen: Einige wenige Softwarefirmen mochten
den Tatendrang ihrer wertvollsten Mitarbeiter nicht einschränken,
und wer als IT-Angestellter nicht mehr der Zeitüberwachung
unterlag, war sowieso mehr im Büro als die Gewerkschaft erlaubt.
Wandel
der technischen und gesellschaftlichen Randbedingungen
All
das sind heute viel geringere Probleme: Bei Intel bricht der Gewinn
ein, weil nur noch Spiele-Fans die neuesten und schnellsten Prozessoren
brauchen, die Bundesregierung will alle Schulen an das Internet
anschließen, und der Arbeitsmarkt für mehrfach hochqualifizierte
Mitarbeiter ist leergefegt trotz 5 Millionen Arbeitsloser.
Andererseits
sehen immer mehr Arbeitnehmer nicht mehr ein, daß sie Berufs-
und Privatleben so strikt voneinander trennen sollen wie bisher.
Sie sehen die technischen Möglichkeiten und ihre beruflichen
Sachzwänge und kommen zu dem Schluß: Ich muß
mir den Berufsverkehr nicht unbedingt jeden Tag antun, und außerdem
wuchs der Sohnemann seit dem letzten Urlaub schon wieder 5 cm,
ohne daß ich das bemerkte.
Auch
so mancher Selbständige stellt fest, daß er längst
nicht mehr so eng an sein Büro oder den Standort des Kunden
gebunden sein muß. Vom Laptop bis zum Handy gibt es vieles,
was den Ausbruch aus räumlichen und zeitlichen Sachzwängen
erleichtert. Selbst Programmboliden vom Schlag Interleaf oder
FrameMaker lassen sich heute auf tragbaren Rechnern benutzen,
und mal schnell eine 1 MB-Datei per ISDN durch die Gegend zu schicken
ist auch kein Problem mehr. 
Die Randbedingungen
müssen passen
Betrachtet
man den Arbeitsalltag vieler technischer Redakteure, so entdeckt
man zahlreiche introvertierte Tätigkeiten: Schreiben von
Texten, Korrekturlesen usw. Hier bietet das Büro sicher keine
optimalen Arbeitsbedingungen, denn ständig klingelt das Telefon,
diskutieren Kollegen am nächsten Schreibtisch, sucht jemand
eine Büroklammer oder fällt eine Tür lautstark
zu. All das bleibt einem im heimischen Arbeitszimmer erspart.
Allerdings
muß auch wirklich ein geeigneter Raum zur Verfügung
stehen, denn am Küchentisch arbeitet es sich nicht gut. Auf
dem flachen Land entstehen immer mehr Alternativen, indem die
Kommunen ehemalige Zwergschulen oder Dorfrathäuser zu Dienstleistungszentren
ausbauen. Egal wie: Immer mehr Arbeitnehmer finden einen Weg,
einen Schreibtisch weit weg vom Standort des Arbeitgebers aufzustellen.
Von
der Arbeitgeberseite her ist die Bereitschaft zur Telearbeit wesentlich
geringer. Speziell die unmittelbaren Vorgesetzten schießen
oft quer, vermuten sie doch den Verlust der Kontrolle, ohne aus
der Verantwortung für den Arbeitnehmer entlassen zu werden.
Schleichender
Einstieg ist ratsam
Wer
also in die Telearbeit einsteigen will, muß zunächst
mehr organisatorische denn technische Probleme lösen. Gute
Unterstützung findet man häufig in der Personalabteilung,
während ein von Gewerkschaftlern beherrschter Betriebsrat
bei Telearbeit in erster Linie die Ausbeutung von Heimarbeitern
befürchtet.
Ein
guter Einstieg ist wohl häufig, sich für genau umrissene
Konzentrationsarbeiten zurückzuziehen, die benötigte
Infrastruktur vom (Firmen-) PC bis zum Internet-Anschluß
aufzubauen und das alles erst einmal im kleinen Kreis auszuprobieren.
Es gibt genügend Beispiele, daß auf diesem Weg die
Produktivität und Arbeitszufriedenheit des Angestellten zunimmt.
Ganz
nebenbei wird ein solcher Arbeitnehmer viel schwerer auf den Gedanken
kommen, sich einen anderen Arbeitgeber zuzulegen. Und so manche
Ehefrau brachte so schon Kinderkriegen und bisherigen Beruf unter
ein Dach: Für einen Tag in der Woche findet sich schon jemand,
um den Nachwuchs vom Kindergarten abzuholen. 
Bescheidene Infrastruktur genügt
Sehr viele
Arbeiten des technischen Redakteurs erfordern herzlich wenig materiellen
Aufwand: Für 5.000 DM gibt es für die meisten Zwecke
ausreichende Computerausrüstung, und ein ISDN-Anschluß
ist auch in ländlichen Gegenden kein unerreichbarer Wunschtraum
mehr.
ISDN sollte
es aber schon sein, denn:
- Privat-
und Geschäftsanrufe sollten sauber zu trennen sein. Auch
für ein, zwei weitere Rufnummern finden sich schnell Einsatzbereiche:
Ein Löffelchen fürs Faxgerät, eines für
den E-Mail-Anschluß, eines für Euro-Filetransfer...
- ISDN erlaubt
einen so schnellen Verbindungsaufbau, daß die Rufweiterleitung
von der Firma für den Anrufer unmerkbar wird. Der Kunde
bemerkt höchstens das Kindergeschrei im Hintergrund...
- ISDN ermöglicht
deutlich schnellere Datenübertragung als eine analoge Telefonleitung.
- Häufig
ist es sinnvoll, zwei Übertragungskanäle parallel
zu benutzen. Etwa wenn man den eigenen Rechner mit dem eines
Kollegen parallelschaltet und gleichzeitig am Telefon über
das spricht, was beide gleichzeitig am Bildschirm sehen.
An einigen
Stellen sollte man eher klotzen als kleckern: Ein großer
Schreibtisch muß genau so sein wie ein allen ergonomischen
Regeln entsprechender Stuhl. Arbeitsplatz bleibt Arbeitsplatz,
und folglich gelten die gleichen Bestimmungen.
Bildschirm
und Drucker können womöglich eine Runde kleiner ausfallen
als im Büro: Wer für manche Arbeiten ohne den 21 Zoll-Monitor
im Büro nicht auskommt, wird trotzdem viele Arbeiten am handlicheren
17-Zöller machen können. Wenn der Drucker ein paar Seiten
weniger in der Minute liefert, ist das auch nicht unbedingt ein
Beinbruch, denn die Korrekturexemplare für zehn Kollegen
kann man weiter im Büro drucken und an den Feinheiten der
Bilder wird man auch lieber im Büro feilen.
Die Industrie
hat mittlerweile den SOHO-Markt (Small Office/Home Office) entdeckt
und bietet eine ganze Reihe recht interessanter Geräte an.
Das Paradebeispiel sind Kombigeräte aus Modem, Scanner und
Drucker, die sich auch zum Faxen und Kopieren eignen.
Unterschiedliche
Infrastruktur in Büro und Arbeitszimmer führt gelegentlich
zu Inkompatibilitäten. Das abschreckendste Beispiel ist Winword:
Sobald am Druckertreiber oder bei den Fonts irgend etwas unterschiedlich
ist, muß man mit Änderungen im Layout rechnen. Unproblematisch
sind bestenfalls Programme wie PageMaker, bei denen man den Drucker
für den endgültigen Ausdruck unabhängig vom aktuell
benutzten wählen kann: Den Umbruch nimmt das Programm von
Anfang an so vor, als ob das Dokument auf dem Reindrucker ausgegeben
würde. Dafür nimmt man dann in Kauf, daß die Schrift
auf den Korrekturausdrucken gelegentlich etwas verschoben ist.
Organisationstalent
ist gefragt
An verschiedenen
Stellen sollten Sie sich als angehende/r Telearbeiter/in fragen,
ob Sie die oder der Richtige für diese Arbeitsweise sind:
- Mal schnell
den Servicetechniker ranholen oder den Kollegen zwei Zimmer
weiter aufsuchen geht nicht mehr. Organisation ist alles
vom rechtzeitigen Absprechen von Terminen bis zum Mitnehmen
eines Pakets Druckerpapier im Büro.
- Die Kollegen
müssen wissen, wie und wann Sie erreichbar sind. Telearbeit
bedeutet nicht, synchron zu den Kollegen zu arbeiten. Absprachen
wie Wenn Du mir bis um 10 Uhr eine E-Mail schickst, findest
Du nach dem Mittagessen eine Antwort vor müssen funktionieren.
- Sie dürfen
sich von Ihrem privaten Umfeld nicht übermäßig
ablenken lassen: Wenn Sie die Tür des Arbeitszimmers hinter
sich zumachen, darf die keiner außer Ihnen öffnen
es sei denn, die Wohnung brennt.
- Auch Selbstdisziplin
ist gefragt. Das gilt in beiden Richtungen: Weder dürfen
Sie sich spontan zum Kaffeeklatsch mit der Nachbarin hinreißen
lassen, noch darf das Arbeitszimmer zu Ihrem einzigen Aufenthaltsort
werden. Vielen fällt es schwer, die Tastatur fallen zu
lassen, ehe die Arbeit beendet ist.
Einsparungen beim
Arbeitgeber
Kaum
ein technischer Redakteur wird ausschließlich von zu Hause
aus arbeiten können. Immer wieder fallen Arbeiten an, die
vor Ort geschehen müssen von der Recherche bis zur
Redaktionskonferenz. Viele Kollegen dürften aber durchaus
mit ein oder zwei Tagen in der Woche auskommen, die sie in der
Firma zubringen. Allein die Produktivitätssteigerung und
höhere Flexibilität der Arbeitnehmer kann schon Kosten
sparen.
Das
bedeutet auch, daß sich wenigstens zwei Telearbeiter einen
Schreibtisch im Büro teilen können. Heute ist es auch
kein wesentliches Problem mehr, auf einem Rechner mehrere Arbeitsumgebungen
vorzuhalten. In einigen Fällen gibt es schon Schreibtisch-Pools,
die keiner festen Person mehr zugeordnet sind: Jeder Telearbeiter
hat nur noch einen Rollcontainer, den er unter einen freien Schreibtisch
rollt. Seine Daten liegen irgendwo im Firmennetz, er kann sie
von jedem Schreibtisch aus nutzen. So mancher Firma wird es einen
Umzug oder Umbau ersparen, wenn 20 Mitarbeiter nur noch 8 Schreibtische
brauchen.
Mehr
psychologische als technische Probleme
Die
technischen Probleme der Telearbeit sind für viele Berufsbilder
längst gelöst. Eine ganz andere Frage sind die psychologischen
Hindernisse im Stil das haben wir noch nie gemacht.
Hier müssen die Interessenten mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen
Überzeugungsarbeit leisten.
Tips zum Weiterlesen
Dieser Beitrag
beruht auf bisherigen Vorträgen und Veröffentlichungen
des Autors zum Thema Telearbeit:
- Technischer
Redakteur und Telearbeit. In: Tagungsband der tekom-Herbsttagung
1997, S. 54-57.
- Telearbeit
für Technische Redakteure Telekommunikation schafft
neue Möglichkeiten der Arbeitsorganisation. In: Technische
Dokumentation. Augsburg 1995 ff., Beitrag 6.7.2.
Einige interessante
Websites zum Thema Telearbeit:
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