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Interviews
in der Technikredaktion
Artikel
erschienen in
Ausgabe September 1998
Von
Prof. Dr. Andreas Baumert
Inhaltsübersicht:
In
der öffentlichen Diskussion über die Technikredaktion
beschäftigt man sich vorrangig damit, auf welche Weise und
mit welchen technischen Mitteln Informationen aufbereitet werden
müssen. Im Berufsalltag ist darüber hinaus die Frage,
wie technische Redakteurinnen und Redakteure diese Informationen
erlangen, mindestens ebenso wichtig. Bei der Informationsbeschaffung
ist das Recherchegespräch oder Interview das entscheidende
Instrument. Dieser Beitrag gibt einen ersten Einblick in die Grundlagen
des Interviews in Technikredaktionen.
Interviews: Entscheidend in der Informationsbeschaffung
Die tekom,
der Fachverband für technische Kommunikation und Dokumentation,
hat im August 1997 einen Studienführer herausgegeben. Diese
gute und lesenswerte Momentaufnahme dokumentiert auf wenigen Seiten
die Ausbildung zum Technikredakteur in Deutschland.
Faßt
man die Ausbildungsziele der Hochschulen grob zusammen, ist allen
gemein, daß sie Studenten ausbilden, technische Inhalte
benutzergerecht darzustellen. Die Schwerpunkte sind unterschiedlich,
manche favorisieren die Informatik, andere den Maschinenbau usw.
Die Ausbildungsinhalte entsprechen ungefähr den Diskussionen,
die in den Fachpublikationen und auf den Veranstaltungen der Fachverbände
geführt werden.
Diese Schwerpunkte
spiegeln den Arbeitsalltag und die erforderliche Fachkompetenz
von Technikredakteuren nur zum Teil wider. Natürlich müssen
sie verständliche Texte schreiben können, sich in Normen
auskennen usw. Wie bei den Redakteuren aus Presse, Funk und Fernsehen
steht aber vor dem Schreiben das Recherchieren. Ohne Recherche
entsteht kein Artikel, kein Bericht, keine Reportage und
auch kein Handbuch. Die Recherche oder Informationsbeschaffung
ist die Voraussetzung dafür, daß man überhaupt
einen vernünftigen Text schreiben kann:
- Die Recherche
deckt Widersprüche in Informationen auf, die eigentlich
als sicher galten.
- Sie offenbart
Lücken im Wissen des Redakteurs, die unbedingt geschlossen
werden müssen, damit die Arbeit erfolgreich fortgesetzt
werden kann.
- Während
der Recherche werden Informationen von der Entwicklungsabteilung,
von Marketing und Vertrieb, aus dem firmeneigenen Archiv, von
Mitbewerbern, aus Bibliotheken und dem Internet beschafft. Dazu
lesen die Redakteure vorhandene Dokumente, testen Prototypen
eines neuen Geräts und führen vor allem viele Gespräche.
Diese Recherchegespräche
sind eine klassische Form des Interviews. Verwandte Formen sind
das journalistische Interview, das mit dem Ziel der Veröffentlichung
geführt wird, das Verhör bei Polizei und Justiz, die
Befragung eines Patienten durch den Arzt, Bewerbungsgespräche,
Interviews der Soziologen, Psychologen und anderer.
Wie gute
Autoren von ihrem Sprachgefühl profitieren, nutzen gute Interviewer
ihr Einfühlungsvermögen, ihre Intuition und kommunikative
Fähigkeit für die Informationsbeschaffung. Gemeint sind
Eigenschaften erstklassiger Redakteure, die der Erwachsene nur
noch schwer erlernen kann. Man kann sie ebensowenig studieren
und begreifen wie man Neugier auf Wunsch erwerben kann.
Die Technik
des Interviews aber kann man sehr wohl erlernen. Sie ist auch
denjenigen zugänglich, die sich nur ungern einem persönlichen
Gespräch aussetzen oder aus anderen Gründen Interviewsituationen
meiden. Wer Interviews erfolgreich führt, gewinnt an Selbstvertrauen
und wird sich seiner Sache sicher.
Fragen
Wir kennen
einen umfangreichen Katalog unterschiedlicher Fragetypen, von
der Alternativfrage (Kommst du heute oder morgen?")
bis zur Zustimmungsfrage (Sind wir uns darin einig?").
Jede dieser Fragen kann eingesetzt werden, um
- Informationen
zu gewinnen
- Emotionen
auszutauschen
- zu überzeugen
oder auch
- ein Gespräch
zu steuern
In der Informationsbeschaffung
der Technikredaktion wird besonders die Informationsfrage genutzt.
Sie wird entweder als offene oder als geschlossene Frage gestellt.
Offene Fragen
Die
offene Frage fordert eine freie Antwort aus der Sicht des Antwortenden;
sie kann dazu führen, daß der Befragte eine längere
Geschichte erzählt:
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Warum
haben Sie Chemie studiert?" Daran ist
ein Erlebnis schuld, (...)"
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Vorteile:
- viel Information:
Der Antwortende wird, wenn er an dem Gespräch Interesse
gefunden hat, viele Informationen preisgeben.
- Information
aus der Sicht des Antwortenden: Die offene Frage läßt
Antwortende die Dinge so schildern, wie sie sie sehen, erleben
und einschätzen.
- nicht
vorhersehbare Information: Die Antwort wird nicht vorweggenommen,
sie kann überraschende Informationen zutage fördern.
Nachteile:
- zeitaufwendig:
Wenn der Gesprächspartner gerne redet, kann es lange dauern,
bis man zu Ergebnissen kommt.
- kaum oder
nicht strukturiert im Sinne des Fragenden: Die Antworten folgen
einer eigenen Logik des Erzählens. Diese Logik wird selten
mit der des Fragenden übereinstimmen. Übersetzungen
und Anpassungen sind deswegen unvermeidlich.
- hohe Fachkenntnis
des Fragenden erforderlich: Der Interviewer muß eventuell
auf komplexe Antworten eingehen können. Dazu benötigt
er Fachkenntnisse.
Geschlossene Fragen
Die geschlossene
Frage verlangt ja" oder nein" (manchmal
auch weiß ich nicht") als Antwort:
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Waren
Sie am Tatort?" Nein."
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Vorteile:
- schnell:
Ein Ja oder ein Nein nimmt nicht viel Zeit in Anspruch.
- leicht
auswertbar: Wie das Kreuz in einem Fragebogen kann man die Antworten
wenn nötig sogar in einer Datenbank auswerten.
- keine
hohe Fachkenntnis des Fragenden erforderlich: Wenn der Fragenkatalog
in der Redaktion ausgearbeitet worden ist, kann ihn auch ein
Kollege, der sich weniger gut auskennt, mit Interviewpartnern
durcharbeiten.
Nachteile:
- Information
aus der Sicht des Fragenden: Wenn man den Befragten nicht anregt,
seine eigene Geschichte zu erzählen, bleibt einem vieles
verborgen.
- weniger
Information: Wissen Sie, wo der Feuerlöscher ist?"
Ja!"
- fast nur
vorhersehbare Information: Bei ja" oder nein"
kann man das Ergebis der Frage zur Hälfte voraussehen (bei
weiß ich nicht" zu einem Drittel).

Das Erstinterview
Wenn
ein neues Projekt beginnt, werden im Idealfall alle Verantwortlichen
zu Planungssitzungen zusammengerufen. Bei solchen Treffen muß
festgelegt werden, wer als Partner der technischen Redaktion für
Recherchegespräche zur Verfügung steht. Entwickler wollen
entwickeln; dafür werden sie bezahlt. Wenn sie nicht rechtzeitig
darauf vorbereitet werden, daß ein geringer Anteil ihres
Zeitbudgets für die technische Dokumentation reserviert werden
muß, werden sich erfahrungsgemäß einige Entwickler
sperren und wenig kooperativ verhalten: Ich habe jetzt etwas
anderes zu tun. Wenn ich Zeit habe, melde ich mich."
Wenn
man sich über ein neues Thema informieren will, weiß
man oft nicht, welche Fragen gestellt werden müssen. Das
Recherchegespräch zu einem neuen Thema kann deswegen offen
und wenig strukturiert sein. Bei einigen Projekten muß der
Interviewer die grundlegenden Informationen erfragen, um überhaupt
einen Fragenkatalog für kommende Interviews entwickeln zu
können. Diese Phase der Informationsgewinnung ist für
Anfänger kritisch. Sie wird am besten von Technikredakteuren
bewältigt, die erfahren sind und eine gute Fragetechnik beherrschen.
Beim
ersten Recherchegespräch über ein neues Thema kann ein
Tonbandgerät sinnvoll eingesetzt werden. Der Fragenkatalog
ist noch sehr grob, und der Interviewer muß oft nachfragen.
Manche Interviewpartner geben gerne Auskunft und werden viel,
gelegentlich auch unstrukturiert sprechen. Die Mitschrift auf
Papier kann da schnell zu einem Alptraum werden. In solchen Fällen
ist es besser, nach dem Interview die Informationen zu sortieren
und zu gewichten. Dazu benötigen Sie eine Aufzeichnung.
Wenn
Sie ein Tonbandgerät einsetzen wollen, fragen sie vor dem
Treffen nach, ob Ihr Gesprächspartner das gestattet. Wer
ein Tonbandgerät prinzipiell ablehnt, wird womöglich
verärgert reagieren, wenn Sie ihn damit überraschen.
Folgegespräche
Voraussetzung
für den Erfolg eines Recherchegesprächs mit einem Entwickler
ist die exakte Planung: Thema, Termin und Gesprächsdauer
müssen feststehen.
Wenn
der Entwickler weiß, daß er sich am Donnerstag mit
einem Redakteur vor der Mittagspause treffen wird, daß er
dazu seine Unterlagen mitbringen muß und ein gut ausgearbeiteter
Fragekatalog mit dem Redakteur abzuarbeiten ist, stehen die Aussichten
auf einen Erfolg des Gesprächs gut. Schließlich ist
die Mittagspause eine klare Zäsur, nach der er weiter an
seinem Projekt arbeiten kann. Wenn Sie sich eine saubere Gesprächsvorbereitung
angewöhnen, werden Sie kaum einen Entwickler treffen, der
Ihnen nicht bereitwillig über seine Arbeit Auskunft erteilt.
Gehen
Sie sparsam mit offenen Fragen um. Verwenden Sie möglichst
kurze und eher geschlossene Fragen. Auf Tonbandaufzeichnungen
wird man in Folgegesprächen meist verzichten.
Nachfragen
Je
qualifizierter Ihr Interviewpartner ist, desto häufiger wird
er mit Fragen belästigt". Mancher Programmierer
benötigt 10 bis 30 Minuten, bis er nach einem Telefonanruf
mit komplexer Frage und Antwort wieder gedanklich an die Stelle
des Codes kommt, mit der er sich vor der Unterbrechung beschäftigt
hatte. Wenn Sie öfter die Ursache für solche Unterbrechungen
sind, sabotieren Sie auch Ihre eigene Arbeit, weil man Gesprächen
mit Ihnen aus dem Weg gehen wird.
Manchmal
wird man nachfragen und den Entwicklern zusätzlich Zeit stehlen
müssen, weil etwas nicht richtig verstanden wurde, die Konsequenzen
einer Antwort erst später deutlich werden, oder weil man
einfach etwas vergessen hat. Eine gute und wenig aufdringliche
Form des Nachfragens können Sie mit E-Mail erledigen. Die
E-Mail muß einen eindeutigen Betreff haben. Stellen Sie
an den Beginn der E-Mail, bis wann Sie eine Antwort benötigen.
Sollten
Sie an Ihrem Arbeitsplatz nicht über E-Mail verfügen,
können Sie sich mit einem Fragebogen behelfen.
Typischer Ablauf eines Interviews
Ein
Interview verläuft gewöhnlich in drei Phasen:
- Beginnen:
Vorstellung, Eröffnung
- Hauptteil:
eigentliches Gespräch mit Primär- und Sekundärfragen
- Beenden:
Prüfen, ob nichts vergessen wurde, weiteres Vorgehen klären
Beginnen
Wenn
Sie sich noch nicht persönlich bekannt sind (Beispiel: Dokumentations-Dienstleister
trifft Hersteller), stellen Sie sich und Ihre Firma vor, teilen
Sie Ihrem Interviewpartner mit, welche Aufgaben Sie in Ihrem Unternehmen
wahrnehmen.
Improvisieren
Sie bei der Eröffnung nicht! Hilfreich kann eine eröffnende
Formel wie die folgende sein:
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Wir
arbeiten gegenwärtig an der Installationsanleitung
für xyz. Ich habe Sie um dieses Gespräch gebeten,
weil mir einige Informationen fehlen."
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Wenn Sie
inmitten eines Projektes stecken, teilen Sie Ihrem Interviewpartner
in groben Zügen mit, wie weit Sie schon gekommen sind.
Konnten Sie
bei der Vereinbarung des Gesprächstermins noch nichts über
die Dauer sagen, bestimmen Sie gleich zu Beginn, wieviel Zeit
Sie nach Ihrer Meinung benötigen oder wieviel Zeit Ihnen
zur Verfügung steht. In Ihrer Hand liegt die Gesprächsführung!
Es darf Ihnen nicht passieren, daß wichtige Punkte aus Zeitmangel
übergangen werden und unwichtige in aller Tiefe erörtert
wurden.
Hauptteil
Im
Hauptteil eines Interviews wird das eigentliche Gespräch
geführt. Der Interviewer hat eine Liste von Fragen notiert,
die gestellt und beantwortet werden, die sogenannten Primärfragen.
Gelegentliches Nachbohren mit Sekundärfragen ergänzt
die Informationen.
Wer
beginnt, sich mit einem Thema zu beschäftigen, wird zunächst
viele offene Fragen stellen. Je vertrauter der Interviewer mit
dem Thema ist, desto mehr geschlossene Fragen kann er stellen.
Oft
wird die Antwort des Interviewpartners nicht ausreichen: Sie müssen
nachfragen. Dabei spielen die Zustimmungsfragen eine besondere
Rolle:
| Habe
ich Sie richtig verstanden, daß mindestens 1 Gigabyte
auf der Platte freigehalten werden muß?" |
In meiner
Berufspraxis habe ich über solches Nachbohren oftmals Informationen
erhalten, die für ein Handbuch viel wichtiger waren als die
eigentlichen Antworten auf Primärfragen. Bei einem Recherchegespräch
werden Sie oft mit einem Entwickler sprechen, für den viele
Vorgänge selbstverständlich sind. Diese wird er Ihnen
deswegen niemals mitteilen, wenn Sie nicht ausdrücklich danach
fragen. Sie erfahren von diesen Vorgängen, indem Sie die
Antworten Ihres Interviewpartners interpretieren, etwa so:
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Einen
Moment, Sie sagen, daß xyz. Das heißt doch aber,
daß der Benutzer vorher abc in die Datenbank eingegeben
haben muß, damit es klappt?" Ja,
natürlich! Immer erst abc, dann xyz. Wußten Sie
das nicht?"
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Nein,
man wußte es nicht. Aus abc wird ein eigenes Unterkapitel.
Würde es im Handbuch fehlen, hätte die Hotline mehr
Telefonanrufe zu beantworten.
Erfolgreiches
Nachbohren setzt aufmerksames Zuhören voraus sowie eine gute
Kenntnis des Produktes und des Produktumfeldes in der Softwareindustrie
z.B. Betriebssysteme, Programmierung, Datenbankentwicklung usw.
Beenden
Gehen
Sie nach einem Interview niemals auseinander, ohne danach zu fragen,
ob etwas vergessen wurde, ob der Interviewpartner der Auffassung
sei, daß alle wichtigen Punkte angesprochen wurden.
Fragen
Sie gegebenenfalls, wann und wie man ein weiteres Gespräch
vereinbaren könne. Erkundigen Sie sich, wie Nachfragen gehandhabt
werden können.
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