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Von
Formaten und Schnittstellen: Kompatibilitätsprobleme aus dem
Alltag des technischen Redakteurs
Artikel
erschienen in
Ausgabe Oktober 1998
Von
Alexander von Obert
Inhaltsübersicht:
Zugegeben:
Ob das 8 Zoll-Diskettenlaufwerk auf meinem Dachboden noch funktioniert,
weiß ich nicht. Die wichtigsten Dateien auf meinen großen
Disketten wurden mit Wordstar 3.2 erzeugt, aber davon habe ich
garantiert lesbare Sicherungen: die gebundenen Fassungen meiner
Studien- und Diplomarbeit.
Versionswechsel
Erst dieser
Tage, im Zusammenhang mit dem Umstieg auf Windows NT 4.0,
baute ich in meinen Arbeitsrechner wieder ein 5 1/4-Zoll-Diskettenlaufwerk
ein. Das war nötig, weil ich das Mitteilungsblatt der tekom-Regionalgruppe
Nürnberg immer noch mit Pagemaker 4 aus dem Jahr 1991
erstelle, und damals waren diese weichen Scheiben (Floppy Disks)
Stand der Technik. Pagemaker läuft übrigens unter Windows NT
schneller, als es das unter Windows 3.0 oder 3.1 je tat.
Selbst wenn
meine Studienarbeit auf aktuellen MS-DOS-Disketten vorläge,
hätte ich mit den Dateien herzlich Probleme. Daß ich
damals mit einem Typenraddrucker arbeitete, wäre nicht das
Problem Courier gab es nicht nur auf Typenrädern,
das gibt es auch unter Windows. Aber Wordstar wurde zwischen den
Versionen 3.2 und 3.3 auf den PC-Zeichensatz umgestellt,
und welches Programm kann heute noch Wordstar 3.2-Dateien
konvertieren?
Es empfiehlt
sich also, alte Programmversionen nicht einfach zu vergessen,
sondern zumindest die Installationsdisketten aufzuheben. Gerade
die Installationsdisketten älterer Programme lassen sich
wegen der früher verwendeten Kopierschutz-Methoden oft nicht
so einfach auf 3 1/2-Zoll-Disketten kopieren. Wenigstens
ein Rechner mit 5 1/4-Zoll-Laufwerk sollte also noch in Reichweite
sein und wenn es ein alter 386er ist. Es lebe das private
Computermuseum.
Die Kompatibilitätsprobleme
der Datenträger lassen sich heute mit einem CD-ROM-Brenner
sehr einfach in den Griff bekommen. CD-R bietet die wohl niedrigsten
Speicherkosten (unter 5 DM/GB) und zugleich eine recht beachtliche
Lebensdauer. Zudem dürfte das Lesen der Datenträger
auf ziemlich viele Jahre hinaus kein Problem sein, weil CDs im
Format ISO 9660 plattformübergreifend verwendet werden
und die Laufwerke des Nachfolgers DVD (Digital Versatile Disk)
laut Norm auch bisherige CDs lesen können.
Allerdings
gibt es Daten, die einfach nicht auf eine CD-ROM wollen, z.B.
weil die Dateinamen
- länger sind als nach ISO 9660 erlaubt
- unzulässige
Zeichen verwenden oder
- tiefer
als acht Unterverzeichnisebenen verschachtelt sind
Hier bieten
Komprimierprogramme wie PKZIP einen Ausweg an für
Archivierzwecke eher als Erweiterungen von ISO 9660, die
recht schnell plattformabhängig sind.
Oberflächenwechsel
Für
mehr als sechs Seiten Mitteilungsblatt alle zwei Monate wollte
ich Pagemaker 4 nicht mehr einsetzen. Das liegt weder an
der Geschwindigkeit (da kommen moderne, aufgeblähte Programme
sowieso nicht mit) noch an den Gestaltungsmöglichkeiten
die reichen für meine Zwecke völlig.
Das Problem
liegt in der Bedienung, speziell in den Short Cuts der Zwischenablage.
Hier stellte Microsoft zwischen den Windows-Versionen 3.0
und 3.1 um. An Umsch-Entf statt STRG-C will ich mich einfach nicht
mehr gewöhnen. Ein ähnliches Problem brachte mich übrigens
von Word für DOS ab: Wenn ich unter Windows einen Text markiere
und dann lostippe, wird der Text ersetzt; bei DOS-Word bleibt
der alte Text stehen. Das wurde im Lauf der Zeit zu meiner zentralen
Fehlerquelle.
Viele Grundschemata
der Benutzeroberfläche gehen in Fleisch und Blut über.
Jeder Zwang zum Nachdenken ist hier zuviel.
Grafik ist nicht gleich Grafik
Ein immer
wieder neues Problem sind die vielen verschiedenen Grafikformate.
Man kann durchaus zur Überzeugung kommen, die Hersteller
hätten es darauf abgesehen, den armen Benutzer zu ärgern
oder an die eigene Produktserie zu binden. Das mag gelegentlich
durchaus so sein, häufig genug sind Grafikformate aber auch
nur das Ergebnis spezieller Bedürfnisse.
Am einfachsten
sieht man dies beim Unterschied zwischen Vektor- und Pixelgrafik:
Ein gescanntes Foto ist aus seiner Natur heraus eine Pixelgrafik,
jedem einzelnen Bildpunkt ist eine Helligkeit und eine Farbe zugeordnet.
Vektorgrafiken werden dagegen mit mathematischen Methoden wie
Kurvenzügen beschrieben. Aber auch hier gibt es Unterschiede
zwschen einem Datenformat für die Ausgabe am Plotter wie
HPGL und dem internen Datenformat eines Zeichen- oder CAD-Programms
wie Autocad oder Corel Draw.
Manche Pixelgrafiken
haben deutlich unterschiedliche Eigenschaften. So besitzt ein
gescanntes Foto zwar viele Farbtöne, aber nur eine recht
begrenzte Schärfe spätestens bei der Ausgabe.
Im Gegensatz dazu enthalten synthetische Bilder wie Screenshots
nur sehr wenige Farben. Windows kam ursprünglich mit 16 Farben
aus. Dafür aber sind solche synthetischen Bilder sehr scharf
es ist kein Problem, von einem Pixel zum anderen von 100%
Weiß auf 100% Schwarz zu wechseln.
Unterschiedliche
Datenformate für Pixelgrafiken versuchen meist, die Datenmengen
zu reduzieren. Entsprechend den unterschiedlichen Eigenschaften
der Grafiken ist hier mal das eine und mal das andere Grafikformat
vorteilhafter. Speichern Sie einmal einen Screenshot als gleich
große GIF- und JPG-Datei, und Sie sehen den Unterschied.
Entsprechend gibt es auch Verluste beim Konvertieren eines Grafikformats
in das andere eine ganz allgemeine Erkenntnis.
Vom
Sportwagen und vom Panzer
Eine ganz
aktuelle Diskussion ist, welches Betriebssystem man installieren
sollte. Windows 3.11 ist mittlerweile ziemlich tot. Über
Windows 98 hört man, daß der Umstieg von Windows 95
nur selten lohne, wenn man keine Spezialitäten wie Mehrschirm-Betrieb
oder USB benötigt. Bleibt die Frage, ob man Windows 95/98
oder Windows NT 4.0 einsetzen soll.
Die Entscheidung
wird ganz wesentlich von den Fragen Kompatibilität und Stabilität
beeinflußt: So manches Programm läuft nicht unter Windows NT
und bei diverser Hardware, von der Grafikkarte bis zum Scanner,
sieht es nicht anders aus.
Abgesehen
von den politischen Fragen der Hardware-Hersteller hat auch dieser
Unterschied durchaus seinen Sinn: Unter MS-DOS bis Windows 98
steht dem Programmierer der kurze Dienstweg direkt zur Hardware
offen. Es ist viel einfacher und schneller, direkt ein paar Byte
irgendwo hinzuschreiben, als die gleichen Bytes auf den Dienstweg
über das Betriebssystem zu schicken falls das die
entsprechenden Dienste überhaupt anbietet.
Umgekehrt
isoliert Windows NT jedes Anwendungsprogramm von der Hardware
und führt genau Buch, wer gerade was verwenden will oder
darf. Wehe, ein Programm greift daneben das Betriebssystem
stoppt den Langfinger. Logisch, daß sich hier zwei Programme
viel schwerer gegenseitig beeinflussen können. Folglich stürzt
ein Windows NT-Rechner längst nicht so leicht ab.
Nebenbei:
Durch den Verzicht auf Kompatibilitätsballast ist Windows NT
bei vielen Aufgaben schneller als Windows 95/98. Installieren
Sie doch mal ein größeres Programm von Diskette und
hören Sie zu: Bei Windows NT arbeiten Diskettenlaufwerk
und Festplatte gleichzeitig, während sie das unter MS-DOS
grundsätzlich nicht konnten und folglich auch unter Windows 95/98
bestenfalls auf Umwegen wie 32-Bit-Zugriff können. Der funktioniert
aber auch nur mit dazu kompatiblen Festplatten-Controllern.
Neue Medien sind nicht kompatibel
Kompatibilitätsprobleme
ganz neuer Art ergeben sich aus den neuen Medien: Ein Buch oder
eine Zeitschrift hat deutlich andere Eigenschaften als ein Hypertextsystem.
Trotzdem taucht immer stärker der Wunsch auf, diese unterschiedlichen
Medien miteinander zu verheiraten und alles aus einer Quelle zu
erzeugen.
Es gibt Werkzeuge
wie Doc-to-Help, die sich an einer 1:1-Relation zwischen Papier
und Winhelp versuchen. Das funktioniert überraschend gut,
so lange man mit genau den Metaphern arbeitet, die das Werkzeug
vorgibt. Versucht man, diesen Rahmen zu verlassen, merkt man zumindest
eines: Wie sorgfältig diese Metaphern gewählt sind und
wie schnell das ganze Schema zusammenfällt, sobald man etwas
Wesentliches ändern will.
Ein anderer
Weg ist, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen
und z.B. PDF zu benutzen. Wer dann Dokumente in DIN A 4-Hochformat
bereitstellt, liefert Papier elektronisch aus an handelsüblichen
Bildschirmen unter 19 Zoll Diagonale ist das aber nicht zu lesen.
Manche Firmen stellten deshalb ihre Dokumentation auf DIN A 5
quer um, das läßt sich auch bei 800 x 600 Pixeln lesen.
Der Weg kann
also wohl kaum sein, das eine Format direkt in das andere umsetzen
zu wollen. Der gegenwärtig vielversprechendste Lösungsansatz
ist, das Dokument auf einem abstrakteren Niveau zu erzeugen und
die so vorhandene zusätzliche Information zum Erzeugen deutlich
unterschiedlicher Repräsentationen des elektronischen Dokuments
zu verwenden.
Systeme mit
solchen Eigenschaften stützen sich häufig auf SGML,
einen in ISO 8879 genormten Mechanismus zum Beschreiben von Strukturen
und zum Auszeichnen der Dokumente. Sinnvoll sind diese bislang
recht aufwendigen Systeme in erster Linie für komplexe, wartungsintensive
Dokumente. Aber die Einstiegsschwelle sank in den letzten Jahren
bereits stark ab.
Vielleicht
werden wir mit intelligenten
Viewern, die internationale Standards unterstützen, künftig
so manche Kompatibilitätsprobleme los. J2008
im Automobil- oder CALS
im Rüstungsbereich sind erste Beispiele.
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