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Cross-Media-Publishing mit Schematext

 

Artikel erschienen in
Ausgabe November 1998

Von Alexander von Obert

Inhaltsübersicht:

Software-Dokumentation ist ein ziemlich stressiges Geschäft: Während langer Phasen der Software-Entwicklung gibt es für den technischen Redakteur kaum verwertbare Informationen. Mit seiner sprachlichen Kompetenz könnte er eigentlich so manches beitragen, aber wer läßt ihn? So ballt sich alles auf die letzte Entwicklungsphase zusammen, und selbst dann ist das Herstellen von Screenshots ein höchst riskantes Unterfangen: Heutige Entwicklungswerkzeuge sind objektorientiert und ermöglichen deshalb, systematische Änderungen am Programm durchzuführen. Elemente einer bestimmten Art erhalten ihre Eigenschaften von einer einzigen Definition – eben der Definition des Objekts.

Eine einzige Programmänderung kann sich so auf höchst komplexe Art an vielen Stellen des Programms auswirken. Was der Compiler für den Programmierer automatisch erledigt, muß der Redakteur mit viel Gehirnschmalz nachvollziehen. Oder er muß ganz einfach sämtliche Fenster durchgehen, um diese Änderungen in der Programmoberfläche zu finden und die Dokumentation entsprechend anzupassen. Nur wenige Werkzeuge leisten dem technischen Redakteur dabei wirkliche Hilfe.


Objektorientierung: Voraussetzung für Cross-Media-Publishing

Besonders problematisch wird die Arbeit des technischen Redakteurs dann, wenn er für das Programm Dokumentation in verschiedenen Medien erstellen soll. Mit herkömmlichen Werkzeugen wird sein Spielraum schnell auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller benutzten Medien reduziert:

  • Wer sein Handbuch in DIN A5 quer produziert, kann daraus am Bildschirm gut lesbare PDF-Dateien erzeugen.
  • Werkzeuge wie Doc-to-Help arbeiten mit einem sorgfältig austarierten System von Analogien, die sich gleich brauchbar am Bildschirm und auf dem Papier verwenden lassen.

All diese Werkzeuge stehen in einer viele Jahrhunderte alten Tradition: Sie drücken inhaltliche Aspekte indirekt durch Gestaltung aus. Der Rechner kann mit einem elektronischen Dokument aber bedeutend mehr anfangen, wenn er irgendwelche Rückschlüsse auf den Inhalt eines Dokuments nicht indirekt erschließen muß, sondern ganz offiziell erfährt und verwalten kann.

In letzter Konsequenz bedeutet das, daß ein Dokument eine exakt definierte Struktur bekommt, die aus Elementen mit genau definiertem Typ besteht. Welches Element in welchem Strukturzusammenhang und für welches Ausgabemedium wie ausgegeben werden soll, ist eine völlig getrennte Frage.

Ein Element kann ganz einfach sein – etwa ein einzelnes Wort, das die Information eines bestimmten Typs enthält. Es kann aber auch aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt sein und intern eine komplexe Struktur enthalten. So war bislang ein Kapitel "alles von einer Kapitelüberschrift bis unmittelbar vor die nächste Kapitelüberschrift oder zum Ende des Dokuments". Entsprechende Methoden, ein komplettes Kapitel mit der Suchfunktion zu markieren, kennt jeder technische Redakteur.

Ein objektorientiertes Werkzeug ermöglicht, gezielt auf das ganze Kapitel zuzugreifen, und weiß z.B. auch, daß es darin nur ein Element vom Typ "Kapitelüberschrift" geben darf. Mit all diesem Wissen über das Dokument kann das Autorenwerkzeug oder der Formatierer viel tiefer in die medienspezifische Aufbereitung des Dokuments eingreifen als bisher und z.B. wesentliche Teile des Ausgabeformats nach festen Algorithmen erzeugen.

Eine gewisse Ähnlichkeit besteht zu den Serienbrief-Funktionen mancher Textprogramme: In der Formatdatei setzt man Platzhalter für Anrede, Wohnort usw. ein. Aber all das sind Insellösungen für spezielle Aufgabenstellungen und keine abstrakten, allgemeinen Ansätze wie die Objektorientierung der Softwaretechnik.

In einigen Jahren wird uns mit XML eine ganz neue Art von Autorensystemen überrollen, die solche objektorientierten Ansätze verfolgen. Einstweilen gibt es unterhalb sündhaft teuerer SGML-Infrastruktur nur recht wenig, was die Bezeichnung objektorientiertes Autorensystem verdient. Einen der interessanteren Ansätze verfolgt die Schema GmbH in Nürnberg mit ihrem Werkzeug Schematext.

Die folgenden Beispiele zeigen dieses Werkzeug beim Erzeugen von HTML. Das ist aber nur eines von mehreren denkbaren Formaten – MIF oder RTF zur Übernahme nach Framemaker oder Winword mit dem Ziel Papier eingeschlossen.


Alles braucht einen Typ

Was bringt die Typisierung nun in der Praxis? In einem Hypertext z.B. das automatische Setzen von wenigstens 80% der Links. Abgesehen vom Link von der Eröffnungsseite zur Seite "Indices" sind alle Links im folgenden Beispiel automatisch erzeugt nach dem Algorithmus "Alle Detailseiten und alle Veranstaltungsseiten müssen im Index erscheinen."

Abb. 1: Indexeinträge entstehen automatisch nach dem Algorithmus "Detail-Seiten und Veranstaltungshinweise werden in den Index aufgenommen".

Das erscheint aber erst mit einigen zusätzlichen Überlegungen radikal anders als bisher. So kann systembedingt keiner dieser Links verlorengehen oder vergessen werden. Sobald ein entsprechender Knoten erstellt oder gelöscht wird, erscheinen oder verschwinden sämtliche Referenzen.

Sehen wir uns als nächstes den Inhalt des Indexknotens an:

Abb. 2: Schematext kennt den vollständigen Algorithmus zum Erstellen dieser Seite; manuelle Eingriffe sind überflüssig.

Diese Seite wurde mit einer einzigen, unauffälligen Ausnahme automatisch erzeugt: Das Änderungsdatum wird manuell eingegeben, um hier genauere Kontrolle zu behalten und z.B. mit dem Beseitigen eines Tippfehlers nicht eine Datumsänderung auszulösen. Die Links zu den Detailseiten und zu den Veranstaltungen werden eindeutig auseinandergehalten und die Indexeinträge alphabetisch sortiert. Sobald eine Seite umbenannt wird, ändert sich auch der Eintrag im Index - gegebenenfalls einschließlich der alphabetischen Sortierung.

Die Automatisierung geht aber noch deutlich weiter. Der Knoten "Brot darf weiter ohne Handbuch verkauft werden" betrifft eindeutig sowohl den Handbuchschreiber Hans-Rudolf als auch den Bäcker Frühauf. Also werden (ausnahmsweise manuell) Links von diesen beiden Seiten angelegt, der Link vom Index erscheint automatisch:

Abb. 3: Der Autor verbindet den Knoten vom Typ "Details" mit zwei Knoten vom Typ "Firma", die restliche Hypertext-Struktur erzeugt (oder entfernt) Schematext algorithmisch.

Betrachtet man die daraus erzeugte Seite, erscheinen die Rückwärts-Links zum Bäcker und zum Handbuchschreiber. Das ist zwar keine Eigenschaft von HTML, aber solche Rückwärts-Referenzen kennt auch manches andere Werkzeug. Überraschend sind aber die Verweise zu Labskaus und Sonntagsbrötchen, denn hier wirkt ein wesentlich abstrakterer Mechanismus mit:

Abb. 4: Der Autor legt den Namen und die Verbindungen zu den beiden Firmen fest. Den Rest der Seite erzeugt das Programm automatisch (also auch immer gleich).

Die Sonntagsbrötchen sind der "Schwesterknoten bezüglich des Bäckers" und der Labskaus ist der "Schwesterknoten bezüglich des Handbuchschreibers". Dieser Mechanismus ermöglicht das chronologische Durchblättern aller Schwesterknoten, ohne über den Mutterknoten gehen zu müssen. Der Autor legt nur noch die Reihenfolge fest, alles andere erledigt das Autorenwerkzeug.

Ganz nebenbei enthält jede Seite automatisch Links zur Eröffnungsseite, zum Index und zum Schreiben einer E-Mail an den Autor, aber das sind konstante Elemente und folglich auch mit vielen anderen Werkzeugen möglich. Das hier benutzte Hypertextsystem mit 16 Knoten bringt es so auf deutlich über 80 Links. Manuell wäre das bereits ein Wartungsalptraum.

Die hier gezeigte Umsetzung des elektronischen Dokuments ist nur eine von vielen Ausgabemöglichkeiten. Die Struktur kann mit anderen Algorithmen auch anders umgesetzt werden. Eine sogenannte Linearisierungs-Funktion erlaubt etwa festzulegen, in welcher Reihenfolge die einzelnen Seiten in der Papierform erscheinen sollen. Man wird wohl für die einzelnen Firmen Kapitel erzeugen und die Details in Unterkapitel umsetzen. Unsere Seite "Brot darf weiter ohne Handbuch verkauft werden" wird man vielleicht dem Bäcker zuschlagen und zum Handbuchersteller nur einen Verweis erzeugen.

Anders die Veranstaltungen: Die werden auf einer Seite "Veranstaltungen" zusammengefaßt. Das ist alles kein grundsätzliches Problem, denn das Autorenwerkzeug kann die unterschiedlichen Elemente des Systems problemlos auseinanderhalten.


...aber erst planen!

Eine ganz typische Eigenschaft solcher inhaltlich strukturierter Systeme fällt auf: Der Autor bekommt einen recht genauen (oder auch starren) Rahmen geliefert, den er mit kleinen, genau umrissenen Inhalten zu füllen hat. Beim Aufbau der Struktur werden bereits Überschriften und Verweise festgelegt. Zusammen mit dem Seitentyp und dem entsprechenden Kapitel des Style Guides weiß der Autor ohne große Erklärungen, was er jetzt schreiben muß.

So bahnt sich auch eine Art der Arbeitsteilung an, die bislang so nicht denkbar war: Der Projektleiter definiert die einzelnen Seiten oder Kapitel und ihren Zusammenhang, der Autor braucht diesen exakt vorgegebenen Rahmen nur noch mit Maschinenhilfe auszufüllen. Für jedes Element findet er im Redaktionshandbuch eine Anleitung, so daß Strukturierung, Eindringtiefe und Formulierungen einfach und einheitlich sichergestellt werden können. Wer sich von einer solchen Arbeitsweise in seiner "künstlerischen Freiheit" eingeschränkt fühlt, sollte eines bedenken: Er schafft kein Kunstwerk, sondern ein standardisiertes Industrieprodukt.

Die in den Bildern gezeigten Seiten ohne redaktionellen Inhalt sind bereits mit einer Vielzahl von Elementen versehen. Für den Autor ist das außerordentlich bequem, weil er sich hier um nichts mehr zu kümmern braucht. Aber irgendwann muß dieser ganze Rahmen ausformuliert worden sein.

Hier schlägt die Stunde des Spezialisten: Kaum eines dieser Werkzeuge ist einfach zu konfigurieren, egal ob Framemaker + SGML oder Schematext. Andererseits sind das Aufgaben, die nur gelegentlich anfallen – einmal bei der Konzeption des Systems und dann bei systematischen Änderungen und Erweiterungen. Sind diese Änderungen aber einmal eingebaut und ausgetestet, kostet die Umgestaltung des ganzen Systems nur noch einen einzigen Übersetzungslauf. Wer sagt denn, daß so etwas nur bei der Programmentwicklung denkbar ist...

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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