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DIN
2345 und die Auswirkungen auf die Übersetzungsbranche
Artikel
erschienen in
Ausgabe Dezember 1998
Von
Wolfgang
Sturz
Inhaltsübersicht:
Das
Deutsche Institut für Normung (DIN)
hat vor kurzem eine völlig neue Qualitätsnorm für
die Übersetzungsbranche veröffentlicht: die DIN 2345.
In einer von ISO 9000 beherrschten Welt werden Sie sich die Frage
nach dem Sinn einer solchen Norm stellen: Handelt es sich nur
um ein weiteres Produkt der ISO 9000-Phobie? Oder kann diese Norm
wirklich dabei helfen, die allgemeine Qualität von Übersetzungsprodukten
zu verbessern?
DIN 2345 und ISO 9000: zwei Welten
Inzwischen
hat sich auch in der Übersetzungsbranche die Einsicht durchgesetzt,
daß die Normenreihe ISO 9000 alles andere als ein Garant
für Qualität ist. Die Hauptzielsetzung von ISO 9000
ist, ihre Benutzer zum formalen Denken in Prozeduren zu zwingen,
diese Prozeduren dann aufzuschreiben und sie schließlich
als Kontrollsystem zu implementieren. Anders ausgedrückt:
ISO 9000 hilft beim Erstellen von Prozeduren zur Produktions-
und Qualitätskontrolle, liefert aber keine Maßstäbe
zur eigentlichen Qualitätskontrolle. So ist es tatsächlich
möglich, mittelmäßige Qualität zu liefern
und dennoch den ISO-9000er-Normen gerecht zu werden, solange dieses
mittelmäßige Qualitätsziel (vielleicht verbunden
mit niedrigeren Preisen) schriftlich dokumentiert und in einem
Unternehmenshandbuch nach ISO 9000 spezifiziert ist.
Von
dem Fehlen konkreter Maßstäbe einmal abgesehen, kann
die Einführung eines Qualitätssicherungs-Systems nach
ISO 9000 sogar recht kontraproduktiv sein: Schlampige ISO-9000-Systeme
schaffen einzig und allein mehr Bürokratie. Wird diese dann
noch unmotivierten Mitarbeitern aufgebürdet, bleibt unter
dem Strich nur Mehrarbeit ohne jeden Nutzen für die Produktqualität.
Nur wirklich professionell implementierte Qualitätssicherungs-Systeme
führen letztlich zu Best-Practice-Prozeduren, Akzeptanz bei
den Betroffenen, Kostenreduzierung und Steigerung der Gesamtqualität.
Doch
worin liegt nun der Unterschied zur DIN 2345? Im Grunde ist alles
anders: Während die Normenreihe ISO 9000 allgemein anwendbare
Elemente definiert, die im Hinblick auf eine Zertifizierung erst
an die Übersetzungsbranche angepaßt werden müssen,
entwickelt die DIN 2345 Elemente speziell für die Übersetzungsbranche.
Diese Norm legt genau fest,
- wie ein
Übersetzungsprojekt durchgeführt werden muß
- welche
Arten von Informationen benötigt werden und
- welche
Qualifikationen von den betroffenen Personen erwartet werden
Genau dieser
Unterschied macht die DIN 2345 so wichtig für die Übersetzungs-
und Lokalisierungsbranche.
Die Inhalte der DIN 2345
Schon ein
kurzer Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt den eindeutigen
Fokus der DIN 2345 auf die Übersetzungsbranche:
- Die Standard-Einleitung
legt den Anwendungsbereich der Norm fest, verweist auf andere
Normen und definiert die verwendeten Begriffe.
- Das erste
Kapitel ist der Ablauforganisation innerhalb eines Übersetzungsbüros
gewidmet.
- Sowohl
Ausgangstext als auch Zieltext werden
in getrennten Kapiteln behandelt.
- Weitere
Kapitel beschäftigen sich mit den Prüf- und Bewertungsprozessen
für Übersetzungen.
- Und schließlich
wird noch auf den Prozeß der Zertifizierung nach DIN 2345
selbst eingegangen.

Verweise auf andere Normen
Es mag für
Nicht-Insider der Übersetzungsbranche überraschend sein,
daß Verweise auf andere, während des Übersetzungsprozesses
in Betracht zu ziehende Normen fast zwei Seiten der insgesamt
14seitigen Norm füllen. Solche Normen legen z.B. fest, wie
man
- korrekt
zitiert
- Dokumente
strukturiert
- in andere
Zeichensätze transkribiert oder
- Glossare
erstellt und pflegt

Definitionen
Normen
dienen hauptsächlich zur Standardisierung von Terminologie.
Und auch die DIN 2345 wird diesem Anspruch gerecht: Diese Norm
scheint tatsächlich die erste offizielle Veröffentlichung
zu sein, die Begriffe wie Muttersprache, Übersetzerkompetenz,
Ausgangstext, Referenztext, Textfunktion
und andere damit verbundene Konzepte definiert.
Ablauforganisation
Das Kapitel
zur Ablauforganisation stellt offensichtlich den Kern der Norm
dar. Es gliedert sich in folgende Abschnitte:
- Auswahl
geeigneter Übersetzer
- Vereinbarungen
zwischen Auftraggeber und Übersetzer
- Unterstützung
durch den Auftraggeber
- Weitervergabe
und Aufteilung von Übersetzungsaufträgen
- vorgangsbegleitende
Dokumentation
Wie ISO 9000
definiert auch diese DIN-Norm keine verbindlichen Qualitätsmaßstäbe;
sie liefert jedoch einige für die Übersetzerauswahl
wertvolle Kriterien. Bislang hat jedes Übersetzungsbüro
seine eigenen Kriterien, um die Qualifikation von Übersetzern
und ihre Kompetenz für bestimmte Projekte zu ermitteln. Die
DIN 2345 standardisiert dieses Vorgehen durch das Formulieren
von sieben Kriterien für Übersetzerqualifikationen,
wie z.B. Ausbildung, Spracherfahrung, technisches Fachwissen.
Dies mag vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluß in
Sachen Qualifikation und Bewertung von Übersetzerkompetenz
sein, aber es bringt die Übersetzungsbranche einen Schritt
weiter in Richtung Professionalität.
Meiner Erfahrung
nach sind ein genereller Mangel an Bewußtsein auf Seiten
der Kunden in bezug auf Übersetzungsprozesse sowie das Scheitern
effektiver Kommunikation zwischen den Projektmanagern des Auftraggebers
und den Projektmanagern des Übersetzungsbüros die größten
Stolpersteine auf dem Weg zu hoher Übersetzungsqualität.
Die DIN 2345 geht hier nicht nur auf die rechtlichen Aspekte einer
solchen Kooperation ein, sondern beschreibt auch ausführlich
den Kommunikationsprozeß zwischen den involvierten Parteien.
Doch wie schon gesagt: Gute Zusammenarbeit ist keine Garantie
für gute Übersetzungen sie ist aber eine Grundvoraussetzung
für das Erreichen einer akzeptablen Qualität.
Die Abhandlung
des Themas Unterstützung durch den Auftraggeberin
einem eigenen Abschnitt unterstreicht die nicht zu unterschätzende
Bedeutung des Kunden-Inputs bei Übersetzungsprozessen. Die
Norm legt fest, daß die Auftraggeber von Übersetzungen
Referenz- und Informationsmaterial sowie Terminologielisten zur
Verfügung stellen und Kommunikationskanäle für
Rückfragen einrichten sollten. Ohne diesen Input wird die
Qualität von Übersetzungen den Ansprüchen nie gerecht
werden können.
Im allgemeinen
gliedert sich die Weitergabe und Aufteilung von Übersetzungsaufträgen
in drei organisatorische Ebenen:
- den Auftraggeber
- das Übersetzungsbüro
- freie
Mitarbeiter, die für das Übersetzungsbüro arbeiten
Ein eigener
Abschnitt des Kapitels Ablauforganisaton trägt
dieser Tatsache Rechnung und behandelt die Beziehung zwischen
diesen organisatorischen Ebenen sowie die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.
Der Abschnitt
zur vorgangsbegleitenden Dokumentation erinnert stark an die ISO
9000 mit ihrer Auflistung von mehr als 20 Kategorien zur Dokumentation
und Archivierung für zukünftige Referenzzwecke. Dies
mag recht bürokratisch erscheinen, sollte aber selbstverständlich
sein für alle nach kontinuierlicher Verbesserung strebenden
Unternehmen. Die DIN 2345 entwickelt tatsächlich wertvolle
Ideen in bezug auf die Organisation solcher Dokumentationen.
Ausgangstext
und Zieltext
Ein
Hauptproblem beim Streben nach guter Übersetzungsqualität
ist die Qualität des Ausgangstextes. Ist der Ausgangstext
unklar, schlecht formuliert, ungenau, inkonsistent oder fehlerhaft,
ist es schwierig, eine gute Übersetzung zu liefern. Leider
behandelt die Norm nicht die Qualität des Ausgangstextes.
Sie beinhaltet aber einen Abschnitt, der Themen wie Terminologie,
Referenzen und Rückfragen behandelt.
Viel wichtiger
ist natürlich der Zieltext. Die DIN 2345 definiert eine Anzahl
formaler Aspekte, denen eine Übersetzung zu genügen
hat. Interessanterweise diskutiert dieser Abschnitt auch die Erstellung
neuer, in der Zielsprache noch nicht existierender Terminologien.
Dieses Problem stellt sich recht oft, vor allem bei Forschungsberichten
oder bei Software-Lokalisierungen.
Prüfen
und Bewerten von Übersetzungen
Eine Qualitätsbeurteilung
von Übersetzungen nach den Noten sehr gut, gut, befriedigend
oder mangelhaft kann durch eine Norm nicht verbindlich festgelegt
werden. Eine Norm kann aber spezifische Evaluierungsregeln definieren.
Einige der in DIN 2345 festgelegten Maßstäbe sind z.B.:
- Vollständigkeit
- Terminologie-Konsistenz
- Grammatik
und Stil
- aber auch
die Beachtung eines Style Guide, auf den sich Auftraggeber und
Übersetzer geeinigt haben
Die Norm
widmet sich außerdem dem Aspekt der Dritt-Meinungen, die
beim Bewerten der Übersetzungsqualität eingeholt werden
können: der "Prüfung durch einen entsprechend qualifizierten
Dritten".
Die Zertifizierung nach DIN 2345
Die DIN 2345
ist eigentlich keine Zertifizierungsnorm. Sie ist darauf ausgelegt,
integraler Bestandteil eines jeden Vertrags zwischen Auftraggeber
und Übersetzungsbüro zu sein.
Als Äquivalent
zur Normenreihe ISO 9000 hat das Deutsche Institut für Normung
jedoch eine Prozedur eingerichtet, die es dem Übersetzungsdienstleister
ermöglicht, das Prädikat Ausführung von Übersetzungsaufträgen
nach DIN 2345 zu führen.
Fazit
Die
DIN 2345 mag vielleicht nicht die endgültige Garantie für
umfassende Qualität in der Übersetzungsbranche sein,
sie ist aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Qualitätsverbesserung.
Professionelle Übersetzungsbüros werden nichts Neues
oder Überraschendes in dieser Norm finden. Das Beachten der
Norm sollte aber doch zu einem besseren Verständnis zwischen
den Auftraggebern von Übersetzungen und den Übersetzungsbüros
führen.
Dies
allein ist für jeden in der Branche auch für
bereits mit Qualitätssicherungsprozeduren arbeitende Übersetzungsbüros
Grund genug, diese Norm ernstzunehmen.
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