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Usability
Testing: Technische Dokumentation im Praxistest
Artikel
erschienen in
Ausgabe April 1999
Von
Rolf Schwermer
Inhaltsübersicht:
Ein wichtiges
Qualitätsmerkmal von technischer Dokumentation ist ihre möglichst
optimale Eignung für diejenige Gruppe von Adressaten, für
die sie gedacht ist. Technische Dokumentation muß stets
als Informationsmittel für die jeweiligen Zielgruppen funktionieren:
Die Gebrauchsanleitung für den Videorecorder soll problemlos
von Laien genutzt werden können und sie nicht überfordern,
die Betriebsanleitung für einen Mähdrescher soll den
Landwirt mit allen notwendigen, aber nicht mit überflüssigen
Informationen versorgen.
In der
Praxis wird jedoch diese für die Qualität technischer
Dokumentation zentrale Anforderung viel zu selten überprüft.
Allenfalls im Rahmen eines Expertengutachtens lassen einige Unternehmen
die Schwachstellen und Stärken von bestehenden Gebrauchs-
oder Betriebsanleitungen untersuchen. Ein solches Gutachten
auch Dokument- oder Schwachstellenanalyse genannt kann
zwar wertvolle Hinweise für eine Optimierung der Dokumentation
liefern. Es bleibt aber das Manko, daß die Anleitungen aus
der Perspektive von Experten beurteilt werden und nicht durch
die Brille derjenigen, für die sie primär gedacht sind.
Seit ein
paar Jahren wendet man jedoch die Methode des Usability Testings,
des Testens der Brauchbarkeit eines Gerätes, zunehmend auch
auf technische Dokumentation an: Unter Laborbedingungen wird in
einem Anwendertest die Praxistauglichkeit einer Gebrauchs- oder
Betriebsanleitung untersucht.
Beispiel: Usability Test von Gebrauchsanleitungen
Um
die Vorgehensweise bei einem Usability Testing zu verdeutlichen,
seien in den folgenden Darstellungen Beispiele eines Usability
Tests angeführt, wie er 1998 während einer Projektarbeit
an der Fachhochschule Hannover
durchgeführt wurde.
Gegenstand
dieses Usability Tests waren die Gebrauchsanleitungen zweier Geräte
eines bekannten deutschen Herstellers von Autoradios und Navigationsgeräten.
Dabei handelte es sich um die Gebrauchsanleitung eines Radiophones,
einer neuartigen Kombination von Autoradio und Mobiltelefon, und
um die eines Travelpiloten, einem Navigationsgerät
für Pkw. Diese Gebrauchsanleitungen wurden zunächst
in zwei Arbeitsgruppen einer ausführlichen Analyse unterzogen,
ein Expertengutachten wurde erstellt. Anschließend entwickelten
die Studenten für beide Gebrauchsanleitungen Usability Tests
und führten die Tests durch. Die Ergebnisse des Expertengutachtens
und der Usability Tests wurden in einer Studie zusammengefaßt
und der Herstellerfirma präsentiert .
Generalprobe für den Marktauftritt
Ein
Expertengutachten liefert eine große Zahl von Informationen
über die Qualität einer technischen Dokumentation. Diese
Informationen sagen aber nur etwas über die Dokumentationsqualität
aus Expertensicht aus; genaue Aussagen über die Praxistauglichkeit,
d.h. in welcher Weise ein Benutzer mit Dokumentation und Gerät
zurecht kommt, liefert ein solches Gutachten nur ungenügend.
Die Frage nach der Praxistauglichkeit kann nur ein Usability Test
ausreichend beantworten.
Ein
solcher Praxistest stellt eine gute Ergänzung zum Gutachten
dar, da sich die Ergebnisse oft ergänzen und gegenseitig
stützen. Damit entsteht ein abgeschlossenes und umfassendes
Qualitätsbild über eine Gebrauchs- oder Betriebsanleitung.
Ein
Usability Test der Dokumentation findet idealerweise bereits in
der Entwicklungsphase, in jedem Fall aber vor der Markteinführung
des Produktes statt und kann sehr gut mit einem Usability Test
des Produktes selbst kombiniert werden z.B. mit einem Test
der User Interface, also der Mensch-Maschine-Schnittstelle in
Form der Bedienteile und ihrer Anordnung, des Bildschirmes und
seines Aufbaus usw.
Der
Usability Test der Dokumentation kann somit als eine Art Generalprobe
für den Marktauftritt des Produktes angesehen werden: Er
gibt dem Hersteller die Möglichkeit, die Anleitung zu verbessern,
bevor sie sich als unbrauchbar für den Anwender erweist.
Einfacher Praxistest oder Test im Labor?
Abhängig
vom finanziellen, zeitlichen und personellen Rahmen sind verschiedene
Ausgestaltungen eines Usability Tests möglich. Zunächst
ist zu klären, in welcher Art und Weise der eigentliche Test
ablaufen soll; entsprechend gestaltet sich dann der Aufwand für
die Vor- und Nachbereitung.
Die
einfache Form des Praxistests kann mit geringem Aufwand realisiert
werden: Eine Testperson sitzt mit dem Gerät und der Gebrauchsanleitung
an einem Tisch in einem ruhigen Raum. Während die Testperson
versucht, eine oder mehrere vorgegebene Aufgaben mit dem Gerät
unter Zuhilfenahme der Gebrauchsanleitung zu lösen, wird
sie von einer weiteren Person beobachtet, die sich gemäß
ihrer Beobachtungen Notizen macht.
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Abb.
1: Praxistest von Gebrauchsanleitungen für Videorecorder
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Diese
Form des Praxistests läßt sich weiter verbessern und
verfeinern:
- Unterstützend
zu den Notizen des Beobachters können Video- oder Tonbandaufzeichnungen
gemacht werden.
- Statt
einem können auch mehrere Beobachter am Test teilnehmen.
- Häufigere
Wiederholungen des Tests mit verschiedenen Testpersonen sorgen
für eine breitere Informationsbasis.
Allerdings
besitzt diese Art des Usability Tests ein großes Manko:
Die Testperson fühlt sich unweigerlich einer Prüfungssituation
ausgesetzt, die einen mehr oder minder großen Streßfaktor
darstellen und somit die Testergebnisse verfälschen kann.
Um
dieses Manko zu beseitigen, wurden im Laufe der Jahre spezielle
Testlabors entwickelt, in denen ein Usability Test effizient durchgeführt
werden kann. Meistens bestehen diese Labors aus getrennten Test-
und Beobachtungsräumen, um zu gewährleisten, daß
die Testperson allein und ungestört ihre Aufgaben lösen
kann. Die Räumlichkeiten sind gezielt für die Testsituation
geplant und gestaltet, so daß sie diese möglichst wenig
beeinflussen.
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Abb.
2: Usability-Test-Labor mit spiegelverglastem Beobachtungsraum
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Dem
geschulten Personal dieser Laboratorien steht eine Fülle
von Beobachtungsmöglichkeiten zur Verfügung, um die
Testergebnisse genau zu dokumentieren. Selbstverständlich
ist diese Form des Usability Testings mitunter sehr kostenintensiv;
den hohen Kosten stehen aber auch einige Vorteile gegenüber:
- Die Mitarbeiter
dieser Institutionen sind sehr erfahren und wissen, worauf es
ankommt.
- Der komplette
Test, von den Vorbereitungen über den Test selbst bis hin
zur Auswertung, liegt in einer Hand.
- Die Ergebnisse
eines solchen Tests sind oft genauer, da bessere Räumlichkeiten
und Dokumentationstechniken vorhanden sind und auch die Gruppe
der Testpersonen sorgfältiger ausgewählt werden kann.
Im folgenden
geht es darum, das Usability Testing in seiner einfachen Form
als Mittel zur Qualitätsüberprüfung von technischer
Dokumentation vorzustellen, das mit vertretbarem Aufwand in der
Praxis der Technikredaktion durchgeführt werden kann.
Planung und Durchführung eines Usability
Tests
Möchte
man einen Praxistest einer Bedienungs- oder Betriebsanleitung
durchführen, erfordert dies einiges an Vorarbeit.
Terminplan
Zunächst
ist wie bei allen Projekten ein möglichst genauer Terminplan
wichtig. Bei den heutigen kurzen Zeiträumen zwischen Entwicklung,
Produktion und Auslieferung eines Produktes ist es oft schon schwer
genug, den Terminplan für die Erstellung der Dokumentation
einzuhalten. Um so schwieriger wird es dann sein, die fertiggestellte
Dokumentation noch einem Testlauf zu unterziehen. Bei der zeitlichen
Planung eines Usability Testings sollte man sich darüber
im klaren sein, daß Vorbereitung und Ergebnisauswertung
in der Regel mehr Zeit in Anspruch nehmen als der Test selbst.
Räumlichkeiten
Bei
der Wahl der Räumlichkeiten gilt es, so weit wie möglich
den zukünftigen Einsatzort des Produktes zu berücksichtigen,
um den Test unter möglichst realitätsnahen Bedingungen
durchführen zu können. Handelt es sich bei dem beschriebenen
Produkt etwa um eine Werkzeug- oder Fertigungsmaschine, dann sollte
man diese mit Betriebsanleitung auch in der Werkstatt testen;
dort sind voraussichtlich die Bedingungen zu finden, unter denen
die Maschine später eingesetzt wird.
Für
den Usabilty Test des Radiophones wurde der Raum so
gewählt, daß der Testperson ein funktionsfähiges
Gerät an einem Arbeitsplatz zur Verfügung stand, der
in etwa dem beschränkten Raum eines Autofahrer- oder Beifahrerplatzes
entsprach. Das Autoradio wurde nicht auf dem Tisch in Sichthöhe
aufgestellt, sondern etwas tiefer in Sitzhöhe der Testperson,
da das Radio im Auto meistens in einem unterhalb der Augenhöhe
angebrachten Schacht eingebaut ist.
Die Testperson
sollte zudem die Möglichkeit haben, alleine an einem Tisch
zu sitzen. Der oder die Beobachter positionieren sich so, daß
sie das Vorgehen der Testperson gut überblicken können
und gegebenenfalls eine am Gerät vorhandene Anzeige einsehen
können. 
Testpersonen
Bei
der Auswahl der Testpersonen sind die folgenden Kriterien zu beachten:
- Die Zielgruppen
für das Produkt sollten so genau wie möglich bekannt
sein, um die Testpersonen repräsentativ für diese
Zielgruppen auswählen zu können.
- Bei Produkten
wie Unterhaltungselektronik mit großen, schwer einzugrenzenden
Zielgruppen ist darauf zu achten, daß die Testpersonen
möglichst vielen in Frage kommenden Personengruppen entstammen
(z.B. Jugendliche genauso wie Rentner).
- Aus zeitlichen
und finanziellen Gründen werden die Testpersonen manchmal
aus der eigenen Firma rekrutiert. Dabei sollte man bedenken,
daß dies die Testergebnisse verfälschen kann, da
eventuell eingehende Kenntnisse über das Produkt oder ähnliche
Produkte vorhanden sind.
- Bereits
bei der Auswahl sollte man potentielle Testpersonen informieren,
daß nicht sie selbst und ihre Fähigkeiten getestet
werden sollen, sondern die Eignung der Gebrauchsanleitung.
Zu
Beginn des Usability Tests müssen die Testpersonen unbedingt
gründlich über ihre Rolle beim Test aufgeklärt
werden: In einer vertrauensvollen Atmosphäre macht der Beobachter
ihnen deutlich, daß nicht sie als Personen, nicht ihre Fähigkeit,
ein Gerät zu bedienen, und auch nicht die Schnelligkeit ihrer
Auffassungsgabe getestet werden soll, sondern einzig und allein,
ob die Gebrauchsanleitung im Bedarfsfall korrekte und ausreichende
Informationen zur Aufgabenlösung bietet. Diese Aufklärung
ist wichtig, um möglichem Prüfungsstreß bei den
Testpersonen vorzubeugen.
Die
Beobachter können während des Testlaufs Stolperstellen
in der Anleitung und gedankliche Irrwege der Testpersonen besser
registrieren, wenn die Testpersonen sich direkt dazu äußern.
Diese Stolperstellen und Irrwege stellen wertvolle Testergebnisse
dar, die Hinweise für eine Optimierung der Anleitung wie
auch des Gerätes geben können. Deswegen sollten die
Testpersonen dazu angehalten werden, während des Tests laut
zu denken, d.h.
- laut vorzulesen,
was sie gerade in der Bedienungs- oder Betriebsanleitung lesen
- auszusprechen,
was sie gerade denken, was sie als nächsten Schritt tun
wollen, was sie nicht verstehen und welche Fragen sie haben
Testaufgaben
Auswahl
und Formulierung der Testaufgaben beeinflussen den Testverlauf
und das gesamte Testergebnis maßgeblich. Vor der Aufgabenauswahl
sollte man genaue Kenntnis über die verschiedenen Funktionen
des Gerätes erlangen. Auf der Basis dieses Wissens werden
dann Aufgaben mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden formuliert,
an deren Lösung der normale Benutzer ein Interesse haben
könnte. Dabei sollte man mit einer einfachen Aufgabe beginnen
und zu schwierigeren fortschreiten.
Aus
einem zuvor erstellten Expertengutachten können weitere Testaufgaben
entwickelt werden: Man bildet Hypothesen darüber, ob die
im Gutachten ermittelten Schwachstellen für die Anwender
tatsächlich ein Problem darstellen oder lediglich aus Expertensicht
zu bemängeln sind. Die gezielt zu einzelnen Schwachstellen
abgeleiteten Testaufgaben dienen dazu, diese Hypothesen zu verifizieren
oder falsifizieren.
Für
den Usability Test der Gebrauchsanleitung eines Autoradios könnte
man z.B. folgende Aufgabenstellung formulieren:
- Schalten
Sie das Gerät ein.
- Suchen
Sie den Sender WDR 2 und speichern Sie diesen auf der Stationstaste 1.
Erfahrungsgemäß
hat sich jedoch diese Art der Aufgabenformulierung nicht bewährt,
da sie die Testpersonen zu sehr darauf lenkt, die Handhabung des
Gerätes direkt auszuprobieren, ohne erst in der Gebrauchsanleitung
nachzuschauen. Viele Testpersonen sind geneigt, nach den ersten
gelungenen Aufgaben gar nicht mehr die Gebrauchsanleitung zu lesen,
und versuchen stattdessen, die Aufgabe durch Ausprobieren und
durch Anwenden des bis dahin bereits Gelernten zu lösen.
Die Gründe
dafür, daß viele Testpersonen lieber handeln wollen,
anstatt zuerst zu lesen, können unterschiedlich sein:
- Lerneffekt:
Die Testperson glaubt, das Gerät bereits zu kennen und
hält deswegen die schriftliche Information für überflüssig.
- schlechte
Vorerfahrungen: Die Testperson hat schlechte Erfahrungen mit
anderen Anleitungen gemacht und glaubt deshalb, durch die Methode
Versuch und Irrtum schneller zum Ziel zu kommen.
- Ablehnung
der Anleitung: Die Testperson will das Gerät einfach spielerisch
ausprobieren, nicht aber in der Anleitung lesen.
- falsches
Verständnis des Testziels: Die Testperson hofft, bei dem
Test besonders gut abzuschneiden, wenn sie die Aufgaben besonders
schnell erledigt.
- Teststreß:
Die Testperson vermutet bereits, wie die Aufgabe gelöst
werden kann, und möchte möglichst schnell den Test
beenden.
Eine
Aufgabenstellung, die diese Handlungsmotive der Testpersonen berücksichtigt
und das Testobjekt Gebrauchsanleitung in den Mittelpunkt des Interesses
rückt, könnte demzufolge besser wie folgt lauten:
- Lesen
Sie in der Gebrauchsanleitung, wie man das Gerät einschaltet.
Schalten Sie es dann ein.
- Schlagen
Sie in der Gebrauchsanleitung nach, wie man eine Sendereinstellung
speichern kann. Suchen Sie dann den Sender WDR 2 und speichern
Sie diesen auf der Stationstaste 1.
Solche
Formulierungen betonen den Grundsatz Erst lesen, dann handeln.
Die Testpersonen sollten zusätzlich und ausdrücklich
gebeten werden, während des Tests immer nach diesem Grundsatz
zu verfahren, damit das eigentliche Testziel besser erreicht werden
kann.
Indem man
die Testpersonen auf das Prinzip Erst lesen, dann handeln
verpflichtet, bewirkt man sicherlich, daß der Test zwar
zielgenauer, aber auch realitätsferner wird: Ein normaler
Benutzer würde sich nicht dem Zwang aussetzen, immer zuerst
die Gebrauchsanleitung zu lesen; viele Anwender nehmen eine Gebrauchsanleitung
überhaupt nicht zur Hand oder nur dann, wenn sie mit
Ausprobieren nicht mehr weiterkommen. Andererseits hebt der Usability
Test vor allem darauf ab, exakt den Informationstransfer zu überprüfen,
der dann funktionieren muß, wenn der Anwender eben doch
in der Anleitung liest. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die
manchmal penetrant wirkende Formulierung der Testaufgaben (Lesen
Sie erst...) nicht nur vertretbar, vielmehr gewährleisten
erst solche Formulierungen Testergebnisse, die dem angestrebten
Testziel entsprechen.
Die
Anzahl der Testaufgaben richtet sich nach Schwierigkeitsgrad und
Bearbeitungsdauer der einzelnen Aufgaben. Es sollte jedoch eine
Testdauer von maximal 45 Minuten nicht überschritten werden.
Längere Tests sind nicht sinnvoll, da die Konzentration der
Testpersonen schnell nachläßt und der Streß zum
Ende hin größer wird. Darüber hinaus erhält
man mit mehreren kurzen Tests eine breitere Datenbasis für
die Ergebnisauswertung.
Vor
Durchführung des Testprogrammes ist es hilfreich, die Testaufgaben
einem Pre-Test zu unterziehen: zum einen kann so die Aufgabenstellung
überprüft und falls nötig verbessert werden, zum
anderen gewinnt man durch den Pre-Test Richtwerte, in welcher
Zeit die Aufgaben gelöst werden könnten.
Beobachter
Als Beobachter
kommen Personen in Frage, die das Gerät und die Dokumentation
bereits kennen. Sie sollten über eine gute Beobachtungsgabe
verfügen und ihre Beobachtungen präzise stichwortartig
festhalten können. Es ist nicht zwingend notwendig, daß
immer dieselben Beobachter jeden Test betreuen.
Dem
Beobachter kommen während des Tests folgende Aufgaben zu:
- Die Testperson
muß mit dem Testablauf vertraut gemacht werden. Vor allem
ist es wichtig, eine positive Atmosphäre zu schaffen und
die Testperson darauf hinzuweisen, daß einzig und allein
die Qualität der Gebrauchsanleitung getestet werden soll.
- Die Testperson
muß zum lauten Denken animiert werden, damit ihre Vorgehensweise
für die Beobachter transparenter wird.
- Hauptaufgabe
ist die Beobachtung der Testperson und das Festhalten ihres
Verhaltens und Vorgehens beim Lösen der Aufgaben. Insbesondere
ist festzuhalten, an welcher Stelle Fragen und Probleme auftauchen,
wenn es zu mehreren Versuchen, Fehlhandlungen oder Irrtümern
kommt.
- Vor und
nach dem Test stellt der Beobachter der Testperson noch einige
Fragen zu ihrem Informationsstand über das Gerät sowie
ihrer Einstellung zum Gerät und der Gebrauchsanleitung.
Betreuer
Für
den Ablauf der Testserie ist es sinnvoll, einen Betreuer zu bestimmen,
der sich um den organisatorischen Ablauf des Tests kümmert.
Der Betreuer sollte eingehende Kenntnisse über das Gerät
haben, um es auf den Test vorzubereiten und gegebenenfalls bei
kritischen Situationen helfen zu können.
Fünf
Dokumente für den Test
Insgesamt
werden für den Ablauf des Praxistests fünf Dokumente
benötigt, die den Ablauf erleichtern und die Ergebnisse dokumentieren
sollen:
- Informationsblatt
für den Beobachter
- Fragebogen
vor dem Test
- Aufgabenblatt
- Beobachtungsbogen
- Fragebogen
nach dem Test
Zu
Beginn des Tests werden dem Beobachter sämtliche Dokumente
ausgehändigt. Das erste Dokument dient der Information des
Beobachters: Es informiert ihn über den Testablauf und seine
persönlichen Aufgaben während des Tests. Der Beobachter
sollte hier außerdem Hinweise erhalten, wie er die Testperson
über ihre Rolle aufklärt, wie er sie zum lauten Denken
ermuntert und wie er sie zur Einhaltung des Grundsatzes Erst
lesen, dann handeln anhält.
Vor
dem eigentlichen Test führt der Beobachter eine Befragung
der Testperson durch. Mit Hilfe des ersten Fragebogens soll ermittelt
werden,
- welchen
Informationsstand die Testperson über das Gerät besitzt
- wie die
Testperson ihr eigenes technisches Verständnis einschätzt
und
- wie ihre
Haltung gegenüber Gebrauchs- und Betriebsanleitungen im
allgemeinen ist
Darüber
hinaus kann ermittelt werden, welche Erwartungen die Testperson
an das Gerät hat und wie ihr erster Eindruck von der Gebrauchsanleitung
ist.
Das
Aufgabenblatt erhält die Testperson nach der ersten Befragung
durch den Beobachter. Die Aufgaben müssen klar und deutlich
formuliert sein, damit die Testperson ohne weitere Fragen die
Lösung der Aufgaben angehen kann. Außer den Aufgaben
selbst sollte das Aufgabenblatt lediglich einleitende Hinweise
auf die beiden Testprinzipien lautes Denken und Erst
lesen, dann handeln enthalten; es sollte also keine weiteren
Anweisungen oder gar die für die Lösung der Aufgaben
vorgesehenen Zeiten enthalten.
Auf
dem Beobachtungsbogen hält der Beobachter Notizen über
den Verlauf des Test fest. Dies kann ihm ein vorgefertigter Bogen
erleichtern. Häufig werden Bögen eingesetzt, auf denen
der Beobachter nur bestimmte Kategorien anzukreuzen braucht. Dort
finden sich Kategorien wie
- Orientiert
sich an der Gebrauchsanleitung
- Fängt
an zu probieren ohne Gebrauchsanleitung oder
- Sucht
in der Gebrauchsanleitung
Diese
standardisierten Beobachtungskategorien sollen dann vom Beobachter
der Vorgehensweise der Testperson entsprechend beziffert werden.
Solche
Kategorien ermöglichen eine standardisierte Auswertung über
Datenbanken o.ä., haben aber auch einen wesentlichen Nachteil:
Oft genug ist es der Fall, daß die gemachten Beobachtungen
eben nicht in diese Kategorien passen. Zudem ist der Beobachter
in der Regel unter Zeitdruck und wird sich schwer tun, immer die
Kategorie herauszusuchen, die er ankreuzen müßte. Aus
diesen Gründen empfiehlt sich ein Beobachtungsbogen mit viel
Raum für freie Notizen, so daß der Beobachter z.B.
markante Äußerungen des lauten Denkens frei wiedergeben
kann.
Außerdem
sollte der Beobachter festhalten, wieviel Zeit die Testperson
zur Lösung der Aufgaben im Vergleich zu den im Pre-Test ermittelten
Richtzeiten benötigt.
Nach
dem Lösen der Testaufgaben stellt der Beobachter der Testperson
einige abschließende Fragen. Mit Hilfe des zweiten Fragebogens
sollten noch folgende Informationen ermittelt werden:
- Welchen
Eindruck hat die Person vom Gerät und der Gebrauchsanleitung?
- Wo hat
die Testperson Probleme im Umgang mit der Anleitung gehabt?
- Welche
Vorschläge würde die Testperson zur Verbesserung der
Anleitung machen?
Aufschlußreich
ist in diesem Zusammenhang eine Bewertung der Gebrauchsanleitung
durch die Testperson und gegenüberstellend eine Bewertung
durch den Beobachter, wie die Testperson seiner Ansicht nach mit
der Gebrauchsanleitung zurechtgekommen ist.
Ergebnisse auswerten
Als
Ergebnis hält man nach dem Usability Testing zwei Pakete
in der Hand: eines mit den ausgefüllten Fragebögen und
eines mit den ausgefüllten Beobachtungsbögen. Die wichtigsten
Angaben für die Bewertung der technischen Dokumentation finden
sich in den Beobachtungsbögen.
Die
Angaben in den Fragebögen lassen sich gut statistisch auswerten
und mit Diagrammen darstellen vorausgesetzt, die Fragen
sind entsprechend formuliert worden. Diese Statistiken und Diagramme
sind nicht nur für die Abteilungen interessant, die sich
mit der Dokumentationserstellung beschäftigen, sondern auch
für Entwicklung, Marketing und Vertrieb.
Die
Angaben in den Beobachtungsbögen sind nicht ohne weiteres
in Statistiken und Diagrammen darstellbar, wenn sie in Form freier
Notizen festgehalten wurden. Sehr schnell kristallisieren sich
hier aber die größten Stolperstellen und Fehlerquellen
heraus; oft hatten viele Testpersonen an denselben Stellen die
gleichen Probleme.
Genau
diese Erkenntnisse sind der Ansatzpunkt für eine Verbesserung
der Gebrauchs- oder Betriebsanleitung: Nun ist bekannt, an welchen
Stellen Probleme auftreten. Aufsetzend auf dieses Wissen gilt
es zu untersuchen, ob es sich um eine Schwäche der Gebrauchsanleitung
handelt (z.B. in der Text- und Bildverständlichkeit oder
den Navigationshilfen) oder ob der Fehler eher bei dem Gerät
selbst zu suchen ist (z.B. im Design seiner Bedienoberfläche).
Die
Ergebnisse des Usability Testings dokumentieren die Qualität
der technischen Dokumentation aus Anwendersicht und sind somit
eine ideale Ergänzung zu einem Expertengutachten.
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