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Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews

Usability Testing: Technische Dokumentation im Praxistest

 

Artikel erschienen in
Ausgabe April 1999

Von Rolf Schwermer

Inhaltsübersicht:

Ein wichtiges Qualitätsmerkmal von technischer Dokumentation ist ihre möglichst optimale Eignung für diejenige Gruppe von Adressaten, für die sie gedacht ist. Technische Dokumentation muß stets als Informationsmittel für die jeweiligen Zielgruppen funktionieren: Die Gebrauchsanleitung für den Videorecorder soll problemlos von Laien genutzt werden können und sie nicht überfordern, die Betriebsanleitung für einen Mähdrescher soll den Landwirt mit allen notwendigen, aber nicht mit überflüssigen Informationen versorgen.

In der Praxis wird jedoch diese für die Qualität technischer Dokumentation zentrale Anforderung viel zu selten überprüft. Allenfalls im Rahmen eines Expertengutachtens lassen einige Unternehmen die Schwachstellen und Stärken von bestehenden Gebrauchs- oder Betriebsanleitungen untersuchen. Ein solches Gutachten – auch Dokument- oder Schwachstellenanalyse genannt – kann zwar wertvolle Hinweise für eine Optimierung der Dokumentation liefern. Es bleibt aber das Manko, daß die Anleitungen aus der Perspektive von Experten beurteilt werden und nicht durch die Brille derjenigen, für die sie primär gedacht sind.

Seit ein paar Jahren wendet man jedoch die Methode des Usability Testings, des Testens der Brauchbarkeit eines Gerätes, zunehmend auch auf technische Dokumentation an: Unter Laborbedingungen wird in einem Anwendertest die Praxistauglichkeit einer Gebrauchs- oder Betriebsanleitung untersucht.


Beispiel: Usability Test von Gebrauchsanleitungen

Um die Vorgehensweise bei einem Usability Testing zu verdeutlichen, seien in den folgenden Darstellungen Beispiele eines Usability Tests angeführt, wie er 1998 während einer Projektarbeit an der Fachhochschule Hannover durchgeführt wurde.

Gegenstand dieses Usability Tests waren die Gebrauchsanleitungen zweier Geräte eines bekannten deutschen Herstellers von Autoradios und Navigationsgeräten. Dabei handelte es sich um die Gebrauchsanleitung eines “Radiophones”, einer neuartigen Kombination von Autoradio und Mobiltelefon, und um die eines “Travelpiloten”, einem Navigationsgerät für Pkw. Diese Gebrauchsanleitungen wurden zunächst in zwei Arbeitsgruppen einer ausführlichen Analyse unterzogen, ein Expertengutachten wurde erstellt. Anschließend entwickelten die Studenten für beide Gebrauchsanleitungen Usability Tests und führten die Tests durch. Die Ergebnisse des Expertengutachtens und der Usability Tests wurden in einer Studie zusammengefaßt und der Herstellerfirma präsentiert.


Generalprobe für den Marktauftritt

Ein Expertengutachten liefert eine große Zahl von Informationen über die Qualität einer technischen Dokumentation. Diese Informationen sagen aber nur etwas über die Dokumentationsqualität aus Expertensicht aus; genaue Aussagen über die Praxistauglichkeit, d.h. in welcher Weise ein Benutzer mit Dokumentation und Gerät zurecht kommt, liefert ein solches Gutachten nur ungenügend. Die Frage nach der Praxistauglichkeit kann nur ein Usability Test ausreichend beantworten.

Ein solcher Praxistest stellt eine gute Ergänzung zum Gutachten dar, da sich die Ergebnisse oft ergänzen und gegenseitig stützen. Damit entsteht ein abgeschlossenes und umfassendes Qualitätsbild über eine Gebrauchs- oder Betriebsanleitung.

Ein Usability Test der Dokumentation findet idealerweise bereits in der Entwicklungsphase, in jedem Fall aber vor der Markteinführung des Produktes statt und kann sehr gut mit einem Usability Test des Produktes selbst kombiniert werden – z.B. mit einem Test der User Interface, also der Mensch-Maschine-Schnittstelle in Form der Bedienteile und ihrer Anordnung, des Bildschirmes und seines Aufbaus usw.

Der Usability Test der Dokumentation kann somit als eine Art Generalprobe für den Marktauftritt des Produktes angesehen werden: Er gibt dem Hersteller die Möglichkeit, die Anleitung zu verbessern, bevor sie sich als unbrauchbar für den Anwender erweist.


Einfacher Praxistest oder Test im Labor?

Abhängig vom finanziellen, zeitlichen und personellen Rahmen sind verschiedene Ausgestaltungen eines Usability Tests möglich. Zunächst ist zu klären, in welcher Art und Weise der eigentliche Test ablaufen soll; entsprechend gestaltet sich dann der Aufwand für die Vor- und Nachbereitung.

Die einfache Form des Praxistests kann mit geringem Aufwand realisiert werden: Eine Testperson sitzt mit dem Gerät und der Gebrauchsanleitung an einem Tisch in einem ruhigen Raum. Während die Testperson versucht, eine oder mehrere vorgegebene Aufgaben mit dem Gerät unter Zuhilfenahme der Gebrauchsanleitung zu lösen, wird sie von einer weiteren Person beobachtet, die sich gemäß ihrer Beobachtungen Notizen macht.

Abb. 1: Praxistest von Gebrauchsanleitungen für Videorecorder

Diese Form des Praxistests läßt sich weiter verbessern und verfeinern:

  • Unterstützend zu den Notizen des Beobachters können Video- oder Tonbandaufzeichnungen gemacht werden.
  • Statt einem können auch mehrere Beobachter am Test teilnehmen.
  • Häufigere Wiederholungen des Tests mit verschiedenen Testpersonen sorgen für eine breitere Informationsbasis.

Allerdings besitzt diese Art des Usability Tests ein großes Manko: Die Testperson fühlt sich unweigerlich einer Prüfungssituation ausgesetzt, die einen mehr oder minder großen Streßfaktor darstellen und somit die Testergebnisse verfälschen kann.

Um dieses Manko zu beseitigen, wurden im Laufe der Jahre spezielle Testlabors entwickelt, in denen ein Usability Test effizient durchgeführt werden kann. Meistens bestehen diese Labors aus getrennten Test- und Beobachtungsräumen, um zu gewährleisten, daß die Testperson allein und ungestört ihre Aufgaben lösen kann. Die Räumlichkeiten sind gezielt für die Testsituation geplant und gestaltet, so daß sie diese möglichst wenig beeinflussen.

Abb. 2: Usability-Test-Labor mit spiegelverglastem Beobachtungsraum

Dem geschulten Personal dieser Laboratorien steht eine Fülle von Beobachtungsmöglichkeiten zur Verfügung, um die Testergebnisse genau zu dokumentieren. Selbstverständlich ist diese Form des Usability Testings mitunter sehr kostenintensiv; den hohen Kosten stehen aber auch einige Vorteile gegenüber:

  • Die Mitarbeiter dieser Institutionen sind sehr erfahren und wissen, worauf es ankommt.
  • Der komplette Test, von den Vorbereitungen über den Test selbst bis hin zur Auswertung, liegt in einer Hand.
  • Die Ergebnisse eines solchen Tests sind oft genauer, da bessere Räumlichkeiten und Dokumentationstechniken vorhanden sind und auch die Gruppe der Testpersonen sorgfältiger ausgewählt werden kann.

Im folgenden geht es darum, das Usability Testing in seiner einfachen Form als Mittel zur Qualitätsüberprüfung von technischer Dokumentation vorzustellen, das mit vertretbarem Aufwand in der Praxis der Technikredaktion durchgeführt werden kann.


Planung und Durchführung eines Usability Tests

Möchte man einen Praxistest einer Bedienungs- oder Betriebsanleitung durchführen, erfordert dies einiges an Vorarbeit.


Terminplan

Zunächst ist wie bei allen Projekten ein möglichst genauer Terminplan wichtig. Bei den heutigen kurzen Zeiträumen zwischen Entwicklung, Produktion und Auslieferung eines Produktes ist es oft schon schwer genug, den Terminplan für die Erstellung der Dokumentation einzuhalten. Um so schwieriger wird es dann sein, die fertiggestellte Dokumentation noch einem Testlauf zu unterziehen. Bei der zeitlichen Planung eines Usability Testings sollte man sich darüber im klaren sein, daß Vorbereitung und Ergebnisauswertung in der Regel mehr Zeit in Anspruch nehmen als der Test selbst.

Räumlichkeiten

Bei der Wahl der Räumlichkeiten gilt es, so weit wie möglich den zukünftigen Einsatzort des Produktes zu berücksichtigen, um den Test unter möglichst realitätsnahen Bedingungen durchführen zu können. Handelt es sich bei dem beschriebenen Produkt etwa um eine Werkzeug- oder Fertigungsmaschine, dann sollte man diese mit Betriebsanleitung auch in der Werkstatt testen; dort sind voraussichtlich die Bedingungen zu finden, unter denen die Maschine später eingesetzt wird.

Für den Usabilty Test des “Radiophones“ wurde der Raum so gewählt, daß der Testperson ein funktionsfähiges Gerät an einem Arbeitsplatz zur Verfügung stand, der in etwa dem beschränkten Raum eines Autofahrer- oder Beifahrerplatzes entsprach. Das Autoradio wurde nicht auf dem Tisch in Sichthöhe aufgestellt, sondern etwas tiefer in Sitzhöhe der Testperson, da das Radio im Auto meistens in einem unterhalb der Augenhöhe angebrachten Schacht eingebaut ist.

Die Testperson sollte zudem die Möglichkeit haben, alleine an einem Tisch zu sitzen. Der oder die Beobachter positionieren sich so, daß sie das Vorgehen der Testperson gut überblicken können und gegebenenfalls eine am Gerät vorhandene Anzeige einsehen können.

Testpersonen

Bei der Auswahl der Testpersonen sind die folgenden Kriterien zu beachten:

  • Die Zielgruppen für das Produkt sollten so genau wie möglich bekannt sein, um die Testpersonen repräsentativ für diese Zielgruppen auswählen zu können.
  • Bei Produkten wie Unterhaltungselektronik mit großen, schwer einzugrenzenden Zielgruppen ist darauf zu achten, daß die Testpersonen möglichst vielen in Frage kommenden Personengruppen entstammen (z.B. Jugendliche genauso wie Rentner).
  • Aus zeitlichen und finanziellen Gründen werden die Testpersonen manchmal aus der eigenen Firma rekrutiert. Dabei sollte man bedenken, daß dies die Testergebnisse verfälschen kann, da eventuell eingehende Kenntnisse über das Produkt oder ähnliche Produkte vorhanden sind.
  • Bereits bei der Auswahl sollte man potentielle Testpersonen informieren, daß nicht sie selbst und ihre Fähigkeiten getestet werden sollen, sondern die Eignung der Gebrauchsanleitung.

Zu Beginn des Usability Tests müssen die Testpersonen unbedingt gründlich über ihre Rolle beim Test aufgeklärt werden: In einer vertrauensvollen Atmosphäre macht der Beobachter ihnen deutlich, daß nicht sie als Personen, nicht ihre Fähigkeit, ein Gerät zu bedienen, und auch nicht die Schnelligkeit ihrer Auffassungsgabe getestet werden soll, sondern einzig und allein, ob die Gebrauchsanleitung im Bedarfsfall korrekte und ausreichende Informationen zur Aufgabenlösung bietet. Diese Aufklärung ist wichtig, um möglichem Prüfungsstreß bei den Testpersonen vorzubeugen.

Die Beobachter können während des Testlaufs Stolperstellen in der Anleitung und gedankliche Irrwege der Testpersonen besser registrieren, wenn die Testpersonen sich direkt dazu äußern. Diese Stolperstellen und Irrwege stellen wertvolle Testergebnisse dar, die Hinweise für eine Optimierung der Anleitung wie auch des Gerätes geben können. Deswegen sollten die Testpersonen dazu angehalten werden, während des Tests laut zu denken, d.h.

  1. laut vorzulesen, was sie gerade in der Bedienungs- oder Betriebsanleitung lesen
  2. auszusprechen, was sie gerade denken, was sie als nächsten Schritt tun wollen, was sie nicht verstehen und welche Fragen sie haben

 

Testaufgaben

Auswahl und Formulierung der Testaufgaben beeinflussen den Testverlauf und das gesamte Testergebnis maßgeblich. Vor der Aufgabenauswahl sollte man genaue Kenntnis über die verschiedenen Funktionen des Gerätes erlangen. Auf der Basis dieses Wissens werden dann Aufgaben mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden formuliert, an deren Lösung der normale Benutzer ein Interesse haben könnte. Dabei sollte man mit einer einfachen Aufgabe beginnen und zu schwierigeren fortschreiten.

Aus einem zuvor erstellten Expertengutachten können weitere Testaufgaben entwickelt werden: Man bildet Hypothesen darüber, ob die im Gutachten ermittelten Schwachstellen für die Anwender tatsächlich ein Problem darstellen oder lediglich aus Expertensicht zu bemängeln sind. Die gezielt zu einzelnen Schwachstellen abgeleiteten Testaufgaben dienen dazu, diese Hypothesen zu verifizieren oder falsifizieren.

Für den Usability Test der Gebrauchsanleitung eines Autoradios könnte man z.B. folgende Aufgabenstellung formulieren:

  1. “Schalten Sie das Gerät ein.”
  2. “Suchen Sie den Sender WDR 2 und speichern Sie diesen auf der Stationstaste 1.”

Erfahrungsgemäß hat sich jedoch diese Art der Aufgabenformulierung nicht bewährt, da sie die Testpersonen zu sehr darauf lenkt, die Handhabung des Gerätes direkt auszuprobieren, ohne erst in der Gebrauchsanleitung nachzuschauen. Viele Testpersonen sind geneigt, nach den ersten gelungenen Aufgaben gar nicht mehr die Gebrauchsanleitung zu lesen, und versuchen stattdessen, die Aufgabe durch Ausprobieren und durch Anwenden des bis dahin bereits Gelernten zu lösen.

Die Gründe dafür, daß viele Testpersonen lieber handeln wollen, anstatt zuerst zu lesen, können unterschiedlich sein:

  • Lerneffekt: Die Testperson glaubt, das Gerät bereits zu kennen und hält deswegen die schriftliche Information für überflüssig.
  • schlechte Vorerfahrungen: Die Testperson hat schlechte Erfahrungen mit anderen Anleitungen gemacht und glaubt deshalb, durch die Methode “Versuch und Irrtum“ schneller zum Ziel zu kommen.
  • Ablehnung der Anleitung: Die Testperson will das Gerät einfach spielerisch ausprobieren, nicht aber in der Anleitung lesen.
  • falsches Verständnis des Testziels: Die Testperson hofft, bei dem Test besonders gut abzuschneiden, wenn sie die Aufgaben besonders schnell erledigt.
  • Teststreß: Die Testperson vermutet bereits, wie die Aufgabe gelöst werden kann, und möchte möglichst schnell den Test beenden.

Eine Aufgabenstellung, die diese Handlungsmotive der Testpersonen berücksichtigt und das Testobjekt Gebrauchsanleitung in den Mittelpunkt des Interesses rückt, könnte demzufolge besser wie folgt lauten:

  1. “Lesen Sie in der Gebrauchsanleitung, wie man das Gerät einschaltet. Schalten Sie es dann ein.”
  2. “Schlagen Sie in der Gebrauchsanleitung nach, wie man eine Sendereinstellung speichern kann. Suchen Sie dann den Sender WDR 2 und speichern Sie diesen auf der Stationstaste 1.”

Solche Formulierungen betonen den Grundsatz “Erst lesen, dann handeln”. Die Testpersonen sollten zusätzlich und ausdrücklich gebeten werden, während des Tests immer nach diesem Grundsatz zu verfahren, damit das eigentliche Testziel besser erreicht werden kann.

Indem man die Testpersonen auf das Prinzip “Erst lesen, dann handeln” verpflichtet, bewirkt man sicherlich, daß der Test zwar zielgenauer, aber auch realitätsferner wird: Ein normaler Benutzer würde sich nicht dem Zwang aussetzen, immer zuerst die Gebrauchsanleitung zu lesen; viele Anwender nehmen eine Gebrauchsanleitung überhaupt nicht zur Hand – oder nur dann, wenn sie mit Ausprobieren nicht mehr weiterkommen. Andererseits hebt der Usability Test vor allem darauf ab, exakt den Informationstransfer zu überprüfen, der dann funktionieren muß, wenn der Anwender eben doch in der Anleitung liest. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die manchmal penetrant wirkende Formulierung der Testaufgaben (“Lesen Sie erst...”) nicht nur vertretbar, vielmehr gewährleisten erst solche Formulierungen Testergebnisse, die dem angestrebten Testziel entsprechen.

Die Anzahl der Testaufgaben richtet sich nach Schwierigkeitsgrad und Bearbeitungsdauer der einzelnen Aufgaben. Es sollte jedoch eine Testdauer von maximal 45 Minuten nicht überschritten werden. Längere Tests sind nicht sinnvoll, da die Konzentration der Testpersonen schnell nachläßt und der Streß zum Ende hin größer wird. Darüber hinaus erhält man mit mehreren kurzen Tests eine breitere Datenbasis für die Ergebnisauswertung.

Vor Durchführung des Testprogrammes ist es hilfreich, die Testaufgaben einem Pre-Test zu unterziehen: zum einen kann so die Aufgabenstellung überprüft und falls nötig verbessert werden, zum anderen gewinnt man durch den Pre-Test Richtwerte, in welcher Zeit die Aufgaben gelöst werden könnten.

Beobachter

Als Beobachter kommen Personen in Frage, die das Gerät und die Dokumentation bereits kennen. Sie sollten über eine gute Beobachtungsgabe verfügen und ihre Beobachtungen präzise stichwortartig festhalten können. Es ist nicht zwingend notwendig, daß immer dieselben Beobachter jeden Test betreuen.

Dem Beobachter kommen während des Tests folgende Aufgaben zu:

  • Die Testperson muß mit dem Testablauf vertraut gemacht werden. Vor allem ist es wichtig, eine positive Atmosphäre zu schaffen und die Testperson darauf hinzuweisen, daß einzig und allein die Qualität der Gebrauchsanleitung getestet werden soll.
  • Die Testperson muß zum lauten Denken animiert werden, damit ihre Vorgehensweise für die Beobachter transparenter wird.
  • Hauptaufgabe ist die Beobachtung der Testperson und das Festhalten ihres Verhaltens und Vorgehens beim Lösen der Aufgaben. Insbesondere ist festzuhalten, an welcher Stelle Fragen und Probleme auftauchen, wenn es zu mehreren Versuchen, Fehlhandlungen oder Irrtümern kommt.
  • Vor und nach dem Test stellt der Beobachter der Testperson noch einige Fragen zu ihrem Informationsstand über das Gerät sowie ihrer Einstellung zum Gerät und der Gebrauchsanleitung.

 

Betreuer

Für den Ablauf der Testserie ist es sinnvoll, einen Betreuer zu bestimmen, der sich um den organisatorischen Ablauf des Tests kümmert. Der Betreuer sollte eingehende Kenntnisse über das Gerät haben, um es auf den Test vorzubereiten und gegebenenfalls bei kritischen Situationen helfen zu können.

Fünf Dokumente für den Test

Insgesamt werden für den Ablauf des Praxistests fünf Dokumente benötigt, die den Ablauf erleichtern und die Ergebnisse dokumentieren sollen:

  1. Informationsblatt für den Beobachter
  2. Fragebogen vor dem Test
  3. Aufgabenblatt
  4. Beobachtungsbogen
  5. Fragebogen nach dem Test

Zu Beginn des Tests werden dem Beobachter sämtliche Dokumente ausgehändigt. Das erste Dokument dient der Information des Beobachters: Es informiert ihn über den Testablauf und seine persönlichen Aufgaben während des Tests. Der Beobachter sollte hier außerdem Hinweise erhalten, wie er die Testperson über ihre Rolle aufklärt, wie er sie zum lauten Denken ermuntert und wie er sie zur Einhaltung des Grundsatzes “Erst lesen, dann handeln” anhält.

Vor dem eigentlichen Test führt der Beobachter eine Befragung der Testperson durch. Mit Hilfe des ersten Fragebogens soll ermittelt werden,

  • welchen Informationsstand die Testperson über das Gerät besitzt
  • wie die Testperson ihr eigenes technisches Verständnis einschätzt und
  • wie ihre Haltung gegenüber Gebrauchs- und Betriebsanleitungen im allgemeinen ist

Darüber hinaus kann ermittelt werden, welche Erwartungen die Testperson an das Gerät hat und wie ihr erster Eindruck von der Gebrauchsanleitung ist.

Das Aufgabenblatt erhält die Testperson nach der ersten Befragung durch den Beobachter. Die Aufgaben müssen klar und deutlich formuliert sein, damit die Testperson ohne weitere Fragen die Lösung der Aufgaben angehen kann. Außer den Aufgaben selbst sollte das Aufgabenblatt lediglich einleitende Hinweise auf die beiden Testprinzipien “lautes Denken” und “Erst lesen, dann handeln” enthalten; es sollte also keine weiteren Anweisungen oder gar die für die Lösung der Aufgaben vorgesehenen Zeiten enthalten.

Auf dem Beobachtungsbogen hält der Beobachter Notizen über den Verlauf des Test fest. Dies kann ihm ein vorgefertigter Bogen erleichtern. Häufig werden Bögen eingesetzt, auf denen der Beobachter nur bestimmte Kategorien anzukreuzen braucht. Dort finden sich Kategorien wie

  • “Orientiert sich an der Gebrauchsanleitung”
  • “Fängt an zu probieren ohne Gebrauchsanleitung” oder
  • “Sucht in der Gebrauchsanleitung”

Diese standardisierten Beobachtungskategorien sollen dann vom Beobachter der Vorgehensweise der Testperson entsprechend beziffert werden.

Solche Kategorien ermöglichen eine standardisierte Auswertung über Datenbanken o.ä., haben aber auch einen wesentlichen Nachteil: Oft genug ist es der Fall, daß die gemachten Beobachtungen eben nicht in diese Kategorien passen. Zudem ist der Beobachter in der Regel unter Zeitdruck und wird sich schwer tun, immer die Kategorie herauszusuchen, die er ankreuzen müßte. Aus diesen Gründen empfiehlt sich ein Beobachtungsbogen mit viel Raum für freie Notizen, so daß der Beobachter z.B. markante Äußerungen des lauten Denkens frei wiedergeben kann.

Außerdem sollte der Beobachter festhalten, wieviel Zeit die Testperson zur Lösung der Aufgaben im Vergleich zu den im Pre-Test ermittelten Richtzeiten benötigt.

Nach dem Lösen der Testaufgaben stellt der Beobachter der Testperson einige abschließende Fragen. Mit Hilfe des zweiten Fragebogens sollten noch folgende Informationen ermittelt werden:

  • Welchen Eindruck hat die Person vom Gerät und der Gebrauchsanleitung?
  • Wo hat die Testperson Probleme im Umgang mit der Anleitung gehabt?
  • Welche Vorschläge würde die Testperson zur Verbesserung der Anleitung machen?

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine Bewertung der Gebrauchsanleitung durch die Testperson und gegenüberstellend eine Bewertung durch den Beobachter, wie die Testperson seiner Ansicht nach mit der Gebrauchsanleitung zurechtgekommen ist.


Ergebnisse auswerten

Als Ergebnis hält man nach dem Usability Testing zwei Pakete in der Hand: eines mit den ausgefüllten Fragebögen und eines mit den ausgefüllten Beobachtungsbögen. Die wichtigsten Angaben für die Bewertung der technischen Dokumentation finden sich in den Beobachtungsbögen.

Die Angaben in den Fragebögen lassen sich gut statistisch auswerten und mit Diagrammen darstellen – vorausgesetzt, die Fragen sind entsprechend formuliert worden. Diese Statistiken und Diagramme sind nicht nur für die Abteilungen interessant, die sich mit der Dokumentationserstellung beschäftigen, sondern auch für Entwicklung, Marketing und Vertrieb.

Die Angaben in den Beobachtungsbögen sind nicht ohne weiteres in Statistiken und Diagrammen darstellbar, wenn sie in Form freier Notizen festgehalten wurden. Sehr schnell kristallisieren sich hier aber die größten Stolperstellen und Fehlerquellen heraus; oft hatten viele Testpersonen an denselben Stellen die gleichen Probleme.

Genau diese Erkenntnisse sind der Ansatzpunkt für eine Verbesserung der Gebrauchs- oder Betriebsanleitung: Nun ist bekannt, an welchen Stellen Probleme auftreten. Aufsetzend auf dieses Wissen gilt es zu untersuchen, ob es sich um eine Schwäche der Gebrauchsanleitung handelt (z.B. in der Text- und Bildverständlichkeit oder den Navigationshilfen) oder ob der Fehler eher bei dem Gerät selbst zu suchen ist (z.B. im Design seiner Bedienoberfläche).

Die Ergebnisse des Usability Testings dokumentieren die Qualität der technischen Dokumentation aus Anwendersicht und sind somit eine ideale Ergänzung zu einem Expertengutachten.

 

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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