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Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews

CUTEDO – ein Pilotprojekt zur Qualifizierung von Schwerbehinderten

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Juni 1999

Von H.P. Hahn

Inhaltsübersicht:

Die EU stellt große Fördersummen bereit, deren Nutzung zum Besten ihrer Bürger dienen sollen. Gelegentlich sind Zweifel angebracht, ob dieser angestrebte Nutzen jemals erreicht wird oder überhaupt erreicht werden kann.

Eine rühmliche Ausnahme könnten die Milliarden darstellen, die bisher in das LEONARDO-Projekt investiert wurden. Ist doch gerade in unserer Zeit die Investition in Wissensvermittlung eine der wenigen Maßnahmen, die sich in einer rasant verändernden Welt langfristig zu lohnen scheint.

Hier der Bericht über einen Kreativprozeß zugunsten von Schwerbehinderten, der durch LEONARDO ermöglicht wurde.


Das EU-Programm LEONARDO

Das EU-Aktionsprogramm LEONARDO DA VINCI dient der Förderung gemeinschaftlicher Berufsbildungspolitik. LEONARDO startete am 1. Januar 1995 und basiert auf den Erfahrungen früherer Bildungsprogramme.

LEONARDO soll die Qualität der beruflichen Bildung und die Suche nach neuen Wegen des Lernens unterstützen. LEONARDO fördert die europäische Zusammenarbeit durch die Verknüpfung der Erfahrungen aus allen Ländern Europas. Dabei sollen innovative Ansätze zu Lehrmethoden, -inhalten, -angeboten und -materialien entwickelt werden.

LEONARDO führt einen Rahmen von Zielsetzungen für Gemeinschaftsaktionen ein, welcher Initiativen der Mitgliedsstaaten im Bereich der Berufsbildung unterstützt und ergänzt:

  • Verbesserung der Berufsbildungssysteme und -maßnahmen in den Mitgliedsstaaten
  • Verbesserung der Berufsbildungsmaßnahmen für Unternehmen und Arbeitnehmer, einschließlich der Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Unternehmen
  • Ausbau der Sprachkenntnisse und der Kenntnisse über die Berufsbildung und Verbreitung von Innovationen im Berufsbildungsbereich

Das Programm fördert praktische Maßnahmen, die zur Verwirklichung dieser Zielsetzungen einen Beitrag leisten:

  • Pilotprojekte zur Entwicklung neuer Lehransätze, -inhalte und -materialien
  • Vermittlungs- und Austauschprogramme
  • Erhebungen und Analysen zu den Problemen und Fragen aus dem Bereich der Berufsbildung
  • Projekte mit Multiplikatorwirkung und Netze
  • Entwicklung des offenen Lernens und des Fernunterrichts


Das Pilotprojekt CUTEDO

Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in Europa ist u.a. durch eine insgesamt hohe Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften in bestimmten Bereichen geprägt. Insbesondere schwerbehinderte Jugendliche und Erwachsene haben Probleme, sich unter diesen Bedingungen in das Arbeitsleben einzugliedern. Zur Sicherung der Chancengleichheit sind Maßnahmen erforderlich, die diesem Personenkreis einen angemessenen Platz auf dem Arbeitsmarkt sichern.

Im Rahmen des EU-Programms LEONARDO wurde 1997/1998 als Pilotprojekt ein Curriculum Technische Dokumentation (CUTEDO) zur Qualifizierung von Schwerbehinderten erarbeitet. Beteiligt an diesem Projekt sind die GMW Gesellschaft für Managemententwicklung und Weiterbildung mbH in Berlin und die Oranien Gesellschaft für Wissensvermittlung mbH in Michendorf/Potsdam sowie deren Partner in Großbritannien und Holland.

Die Zielsetzung von CUTEDO ist:

  • Vorbereitung von Arbeitslosen, insbesondere Schwerbehinderten, auf eine Heimarbeitstätigkeit am ersten Arbeitsmarkt durch praxisorientierte Qualifizierung zur Nutzung moderner Technik
  • Befähigung der Teilnehmer zum Erstellen und Verwalten von technischer Dokumentation für kleine und mittelständische Unternehmen in multimedialer Form

Das Pilotprojekt wird im Winterhalbjahr 1999/2000 zunächst national umgesetzt werden. Auf der Grundlage der im Rahmen von CUTEDO erarbeiteten Dokumente (Curriculum, Dozentenleitfaden, Teilnehmer- und Lehrmaterial) sollen Schwerbehinderte durch gezielte Qualifizierung für eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Das unter CUTEDO erstellte Curriculum soll nach Abschluß der Weiterbildungsmaßnahme zur technischen Dokumentation auch auf andere Wissensinhalte angewandt werden.

Die Besonderheiten der Zielgruppe erforderten eine sensible Feinabstimmung innerhalb der einzelnen Lerneinheiten, wie die folgende Tabelle anhand eines Ausschnitts aus dem Curriculum für Hörbehinderte zeigt.

LEONARDO

CUTEDO Curriculum Technische Dokumentation für Schwerbehinderte

Start: 8.2.1998
Stand: 18.4.1999

Legende

Spalte 5: TL = TeleLearning // PU = Persönl. Unterrricht // Ex = Übung, Test //
Spalte 6: E = Einleitung z. Thema // LzA = Lernziel A // LzB = Lernziel B etc. // LzA1 = Unterziel von LzA etc.
Spalte 7: Hinweise auf weiterführende Literatur, Texte, Arbeitsunterlagen, OH-Folien, CT# [...] (siehe Handout)

1
2
3
4
5
6
7
8
9
Kap. Nr.
Titel
Zeit-
in Min.
CUM
Zeit h
Arb.
Form
Arb.
Schritt
Hinweis
Inhalte / Aktion
Pos.
16 Qualitäts-
management in der Technischen Dokumentation
   
PU
E
12 OHF
Lit 13
Lit 14
Outlook
381
16.1 Das QM-
Element
4.4.2 Design-planung
   
PU
Lernziel
A
4 OHF
CT#16-1
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien zur Konzeption einer Betriebs-
anleitung zu definieren.
382
       
Ex
PU
Lernziel
B
4 OHF
CT#16-11
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien zur Konzeption einer Betriebs-
anleitung zu dokumentieren.
383
16.2 Das QM-
Element
4.4.4 Design-vorgaben
     
PU
Lernziel
A
4 OHF
CT#16-2
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien der Instruktions-
inhalte zu definieren.
384
       
Ex
PU
Lernziel
B
4 OHF
CT#16-21
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien der Instruktions-
inhalte zu dokumentieren.
385
16.3 Das QM-
Element
4.4.5 Design-ergebnis
   
PU
Lernziel
A
4 OHF
CT#16-3
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien der Instruktions-
schritte zu definieren.
386
       
Ex
PU
Lernziel
B
4 OHF
CT#16-31
Die Teilnehmer lernen, qualitative Kriterien der Instruktions-
schritte zu dokumentieren.
387
16.4 Das QM-
Element
4.4.6 Design-prüfung
   
PU
Lernziel
A
4 OHF
CT#16-4
Die Teilnehmer lernen, die Instruktions-
schritte nach qualitativen Kriterien auf sachliche Richtigkeit zu prüfen.
388
       
Ex
PU
Lernziel
B
4 OHF
CT#16-41
Die Teilnehmer lernen, Abweichungen der Instruktions-
schritte von den Vorgaben zu dokumentieren.
389
       
TL
Ex
Lernziel
C
CT#16-42
Die Teilnehmer lernen, zwischen Korrektur-
maßnahmen oder Änderung der Vorgaben zu entscheiden.
390
16.5 Das QM-
Element
4.4.7 Design-verifizierung
   
PU
Lernziel
A
4 OHF
CT#16-5
Die Teilnehmer lernen, die Instruktions-
schritte nach qualitativen Kriterien auf didaktische Richtigkeit zu prüfen.
391
       
Ex
PU
Lernziel
B
4 OHF
CT#16-51
Die Teilnehmer lernen, Abweichungen der Instruktions-
schritte von den Vorgaben zu dokumentieren.
392
       
TL
Ex
Lernziel
C
CT#16-52
Die Teilnehmer lernen, zwischen Korrektur-
maßnahmen oder Änderung der Vorgaben zu entscheiden.
393
16.6

Das QM-
Element
4.4.8 Design-validierung

 

 

PU

Lernziel
A

4 OHF
CT#16-6

Die Teilnehmer lernen, die Instruktionsschritte nach qualitativen Kriterien auf Erreichbarkeit der Instruktions-
ziele zu prüfen.

394

 

 

 

 

Ex
PU

Lernziel
B

4 OHF
CT#16-61

Die Teilnehmer lernen, Abweichungen der Instruktions-
schritte von den Vorgaben zu dokumentieren.

395

 

 

 


12/1030

TL
Ex

Lernziel
C

CT#16-62

Die Teilnehmer lernen, zwischen Korrektur-
maßnahmen oder Änderung der Vorgaben zu entscheiden.

396

Abb. 1: Auszug aus dem Curriculum Technische Dokumentation (CUTEDO) für Hörbehinderte

Die Weiterbildung wird einen Zeitraum von insgesamt 12 Monaten umfassen und beinhaltet eine theoretische Ausbildung von 8 Monaten und eine praktische Ausbildung von 4 Monaten.

Neben dem persönlichen Frontalunterricht werden auch geeignete multimediale Methoden der Wissensvermittlung eingesetzt:

  • Telelearning
  • Telepraktikum und
  • Telearbeit

So kann die Weiterbildungsmaßnahme den besonderen Voraussetzungen der Teilnehmer angepaßt werden. Im Hinblick auf deren spätere berufliche Orientierung werden besondere, multimedial einsatzfähige Lern- und Arbeitsmittel entwickelt. Die erforderliche leistungsfähige Software und aktuelle Print-Unterlagen dürften von solchen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, die sich nicht nur ihrer Verpflichtung zum sozialen Engagement bewußt sind, sondern auch die hier schlummernden wirtschaftlichen Chancen erkennen.

Die weiterführenden Maßnahmen aus dem LEONARDO-Programm werden sowohl durch private Unternehmen mit Hilfe öffentlicher Mittel als auch durch institutionelle Initiativen gefördert und realisiert.


Aus der Sicht von Hörbehinderten

Meist haben gehörlose und schwerhörige Arbeitslose erhebliche Probleme, ohne unterstützende Fortbildungsmaßnahmen einen (neuen) Arbeitsplatz zu finden. Dies ist oft darauf zurückzuführen, daß Hörbehinderungen mit Lerndefiziten verbunden sind. Dadurch entstehen auch erhebliche sprachliche und intellektuelle Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit, die u.a. in Konzentrationsschwächen und verminderter Ausdauer zum Ausdruck kommen. Deshalb muß sowohl die sozialpädagogische Betreuung als auch die individuelle Förderung während der gesamten Fortbildungsmaßnahme gewährleistet sein.

Während der Weiterbildungsmaßnahme ist die deutsche Gebärdensprache das Medium zur Vermittlung der Wissensinhalte. Daher werden die Teilnehmer von gebärdensprachkundigen Sozialpädagogen betreut. Aufgrund der komplexen Fachthemen wird zeitweise die Technik des Relais-Dolmetschens angewandt werden. Die folgende Abbildung zeigt, wie hierbei Wissensinhalte über mehrere Stufen an die Teilnehmer vermittelt werden.

Abb. 2: Wie Relais-Dolmetschen funktioniert

Der theoretische Teil dieser Weiterbildung vermittelt den Teilnehmern durch das Zusammenwirken gehörloser und hörender Dozenten die Erkenntnis, daß das Ziel der Weiterbildungsmaßnahme durchaus erreicht werden kann. Daraus ergibt sich zwingend, daß auch der jeweilige Fachdozent gut beraten ist, wenn er sich im Interesse der Lernenden wenigstens mit den Grundzügen der deutschen Gebärdensprache vertraut macht; hier erleichtert eine CD-ROM den Einstieg.

Als ausbildungsbegleitende Hilfsmaßnahme ist zusätzlicher Unterricht in einem entsprechenden Bildungszentrum ebenso wie die regelmäßige Betreuung während der fachbezogenen Weiterbildungsmaßnahme vorgesehen. In den Bildungszentren stehen gebärdensprachkundige Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Ausbilder mit Erfahrungen in hörgeschädigtenspezifischer Ausbildungsförderung zur Verfügung.

Die aus den Anforderungen vieler EG-Richtlinien und deren Umsetzung in nationale Rechtsvorschriften entstandene gesetzliche Verpflichtung zur Dokumentation dürfte den Angehörigen dieser Zielgruppe aussichtsreiche Arbeitschancen bieten. Als (Tele-)Arbeitgeber sind hier besonders kleine und mittlere Unternehmen interessiert, deren weniger umfangreiche Dokumentationspflichten nicht immer einen vollen Arbeitsplatz erfordern.

Zunehmend werden den Absolventen eines solchen Qualifizierungslehrgangs nach erfolgreichem Abschluß auch feste Arbeitsplätze so zur Verfügung gestellt, daß sich mehrere Unternehmen einen vollen Arbeitsplatz teilen. Ein interessantes Modell, das in der Zeit moderner Tele-Arbeitsgestaltung bald viele Nachahmer finden wird.


Kreativgruppen im Telelearning

Über erste Erfahrungen mit einem Telepraktikum zur technischen Dokumentation hat Wolfram W. Pichler bereits berichtet. Die dabei geschilderten Lernsituationen und Probleme treten meines Erachtens jedoch schon früher auf. Ich denke dabei weniger an die Distanz zur täglichen Arbeitsroutine, sondern an Lern- und Kreativblockaden, die durch die typische Tele-Situation erzeugt werden.

So war bereits im frühen Stadium des CUTEDO-Curriculums erkennbar, daß der kreativen Auseinandersetzung breiter Raum gegeben werden mußte. Ebenso klar war allen Beteiligten, daß nicht die Beschränkung auf Bordmittel, sondern nur die konsequente Nutzung multimedialer Instrumente eine optimale Lösung sein konnte.

Das Werkzeug in Gestalt der Software MindManager war bald aufgespürt. Auch das anfängliche Widerstreben, eine gängige Arbeitstechnik, die an jedem Flipchart in Sekunden entsteht, mit aufwendiger Software umzusetzen, wich schnell heller Begeisterung. Der Grund: Hier war nicht nur das individuelle Ideensammeln, Strukturieren und Aktualisieren möglich; auch das Verknüpfen mit beliebigen Webseiten bis zum weltweiten Internet-Conferencing mit mehreren Teilnehmern eröffnete uns völlig neue Arbeitsdimensionen.

Abbildung 3 zeigt die Gesamtdarstellung einer Mind Map, die mit dieser Software als Ergebnis eines Kreativprozesses in Anlehnung an Abbildung 1 entstanden ist. Hier sind alle Hauptäste zum Kapitel 16 “Qualitätsmanagement“ dargestellt.

  Abb. 3: Mind Map “QM in der technischen Dokumentation“ (Übersicht)

Einen Ausschnitt der Mind Map mit Kreativbeiträgen der Teilnehmer zum Themenstart und zum QM-Element 4.4.2 “Designplanung“ zeigt Abbildung 4. (Die den Kommentaren vorangestellten Bezeichnungen #1 bis #12 sind die Teilnehmerkürzel.)

    Abb. 4: Mind Map “QM in der technischen Dokumentation“ (Ausschnitt)


Ausblick

Die nun folgende Phase der praktischen Umsetzung wird zweifellos nicht nur die Highlights der bisher geleisteten Arbeit zeigen. Im Gegenteil: Gerade im Interesse eines nachhaltigen Erfolgs, vor allem für die Zielgruppe, wünscht sich das Projektteam, daß didaktische Lücken im Curriculum schnell aufgedeckt und beseitigt werden können.

Daß aus dieser EU-weiten Maßnahme das Prinzip Telearbeit als Perspektive und Chance für viele profitieren möge, ist die eigentliche Zielsetzung aller bisher Beteiligten.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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