|
Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews
E-Mail-Kommunikation:
Mehr Mut zur Langsamkeit
Artikel
erschienen in
Ausgabe Mai 1999
Von
Wolfgang Sturz
Inhaltsübersicht:
Es ist
kaum eine Generation her, daß interkontinentale Ferngespräche
so exotisch und kostspielig waren, daß man sich lieber ein
Telegramm schickte. Vor etwa zehn Jahren lagen die Investitionskosten
für Faxgeräte noch im fünfstelligen Bereich, so
daß Unternehmen mit Faxanschluß ihre Telefaxgeräte
mangels entsprechender Gegenstellen kaum sinnvoll einsetzen konnten.
Heute jagen Telefongespräche, Faxe und E-Mails wie selbstverständlich
rund um unseren verkabelten und vernetzten Globus. Kommunikation
pur! Hat sich durch diese zunehmende Quantität aber auch
die Qualität der Kommunikation verbessert?
Die komplexe
menschliche Kommunikation
Kommunikation
auf der dem Homo Sapiens verfügbaren hohen Kommunikationsebene
umfaßt weit mehr als nur einen Austausch von Informationen
über Nahrungsquellen oder Gefahren, wie dies in der Tierwelt
bekannt ist. Menschliche Kommunikation umfaßt den Austausch
von Gedanken, Ideen und Gefühlen. Wenn auch die menschliche
Sprache bei dieser Kommunikation eine sehr wichtige Rolle spielt,
ist hier zudem der Einfluß von Artikulation, also Betonung,
und Expression, also z.B. der Gesichtsausdruck, von eminenter
Bedeutung. Nicht umsonst gehören heute Fach- und Sachbücher
über freie Rede und Vortrag oder über Körperhaltung
zu den großen Rennern. Die moderne Forschung hat außerdem
nachgewiesen, daß neben diesen Faktoren sogar der Geruchssinn
eine wichtige Rolle bei der zwischenmenschlichen Kommunikation
spielt. Somit sind von den fünf Sinnesorganen, die der Mensch
für die Orientierung in seinem Umfeld benötigt, vier
an der direkten Kommunikation mit dem Gegenüber beteiligt:
Hören, Sehen, Riechen und auch das Fühlen. Denn bereits
der erste Händedruck, bei dem man sich seinen Gesprächspartner
erfühlt, beeinflußt das Bild, das man sich von diesem
Gesprächspartner macht.
Bei
der Betrachtung von Kommunikationsprozessen ist neben diesem Multikanal-Ansatz
auch das Sender-Empfänger-Modell zu berücksichtigen:
Der Sender sendet seine Kommunikation aus einem bestimmten Weltbild
heraus. Dieses Weltbild ist geprägt durch Erziehung, Umfeld
und Kultur. Der Empfänger wiederum verwendet sein Weltbild
bei der Interpretation der empfangenen Signale. Je unterschiedlicher
die Weltbilder von Sender und Empfänger sind, desto größer
ist die Gefahr von Kommunikationsproblemen. Sogar bei gleichem
kulturellen Hintergrund und bei gleicher Ausbildung wird heute
in der Kommunikationspsychologie davon ausgegangen, daß
große Teile der gesendeten Botschaft auf dem Weg zum Empfänger
völlig verlorengehen.
Dieses
Sender-Empfänger-Modell bezieht sich auf die direkte Kommunikation
zwischen zwei Gesprächspartnern, also von Angesicht zu Angesicht.
Bei einer solchen Kommunikation sind, wie bereits erläutert,
sämtliche Kommunikationskanäle offen: Hören, Sehen,
Riechen und zumindest bei der Begrüßung
auch das Fühlen.
Fehlende Kommunikationskanäle
Die
moderne Kommunikation ist nun durch eine zunehmende Reduzierung
der Verfügbarkeit dieser Kommunikationskanäle gekennzeichnet.
Beim Telefonieren beschränken wir uns neben dem Erfassen
von Wortfolgen auf das Hören, also auf die Artikulation und
auf den berühmten Unterton. Dieser Informationskanal
vermittelt jedoch immer noch eine Vielzahl wertvoller Zusatzinformationen,
die den Verlauf des Gespräches maßgeblich beeinflussen
können. Insbesondere ergibt sich beim Telefonieren die Möglichkeit
einer Interaktion, also die Möglichkeit des Rückfragens
und des Eingehens auf den Gesprächspartner.
Andere
Kommunikationsmethoden der Neuzeit sind da leider wesentlich eingeschränkter.
Die Kommunikation per Brief ist zwar so alt wie die Kunst des
Schreibens. Neben der Vermittlung von Inhalten beschränkt
sie sich jedoch auf einen minimalen visuellen Informationsgehalt.
Manchmal macht man sich auch anhand des Geruches eines Briefes
ein Bild von seinem Korrespondenzpartner. Bei moderner Korrespondenz
per Fax oder E-Mail gehen solche Zusatzinformationen völlig
verloren. 
Wachsende Kommunikationsgeschwindigkeit
Ein
weitaus größeres Problem der modernen schriftlichen
Kommunikation ergibt sich zusätzlich aus der erhöhten
Kommunikationsgeschwindigkeit. Noch vor gut 100 Jahren wurde jeder
Brief von Hand geschrieben. Da konnte man sich jedes Wort noch
dreimal überlegen, bevor man es zu Papier brachte. Später,
mit der Schreibmaschine und dann mit dem PC, wurden Briefe geschrieben,
korrigiert, neu geschrieben, ausgedruckt und nach endgültiger
Freigabe verschickt. Gerade bei der modernen Geschäftskorrespondenz
werden Briefe häufig diktiert. Wenn dann der geschriebene
Brief dem Absender zur Überprüfung vorgelegt wird, hat
dieser die Möglichkeit, sich beim Lesen des Briefes zumindest
teilweise in die Lage des Empfängers zu versetzen. So lassen
sich potentielle Verständnisprobleme oft schon im Vorfeld
vermeiden.
Und
auch wenn der Brief bereits unterschrieben und kuvertiert ist,
liegt er in aller Regel noch mehrere Stunden im Postausgang. Von
dort läßt sich ein Brief, der vielleicht als erste
negative Reaktion auf einen Vorfall hin verfaßt und für
den Versand vorbereitet worden ist, oft auch nach Stunden zurückholen.
Bei Telefax und E-Mail ist dies nicht möglich: ein Knopfdruck,
und die Mitteilung liegt dem Empfänger vor.
Gefahren der E-Mail
Insbesondere
bei der Kommunikation per E-Mail ist die Gefahr von Verständnis-
und Kommunikationsproblemen ausgesprochen groß. Sender A
schickt zu einem beliebigen Thema eine E-Mail an Empfänger
B. Empfänger B reagiert wiederum aus sehr individuellen Gründen
verstimmt und reagiert per E-Mail, ohne jeden einzelnen Gedanken
genau auszuformulieren und ohne das Geschriebene noch einmal zu
reflektieren. Ist erst einmal der Sende-Befehl betätigt,
läßt sich eine solche E-Mail nicht mehr zurückholen.
Daraus
ergibt sich eine sehr ernstzunehmende Empfehlung für die
E-Mail-Kommunikation: Es sollte in diesem Bereich wieder etwas
mehr Mut zur Langsamkeit aufkommen.
Dabei
ist es im übrigen meist gar nicht nötig, jede eingehende
E-Mail sofort zu beantworten. Jeder Manager, der mit diesem Kommunikationsmedium
arbeitet, sollte sich in seinem Tagesplan ein Zeitfenster vornehmen,
in dem er seine E-Mails in Ruhe lesen, durchdenken und beantworten
kann. Unnötige Hektik oder Angetriebenheit sind in aller
Regel eher kontraproduktiv.
|
Einige
Regeln für die Kommunikation per E-Mail:
|
- Fassen
Sie sich stets knapp und präzise.
- Lesen
Sie den geschriebenen Text noch einmal sorgfältig
durch.
- Legen
Sie diese E-Mail im Zweifelsfall in den Zwischenspeicher
und senden Sie sie erst nach erneuter Lektüre zu
einem späteren Zeitpunkt (eventuell nach Korrektur)
ab.
- Auch
bei der Kommunikation per E-Mail sollten gewisse Umgangsformen
gewahrt bleiben. Beachten Sie die grundlegenden Regeln
der Netiquette.
- Beantworten
Sie E-Mails nicht unbedingt innerhalb von 5 Minuten, aber
lassen Sie sie auch nicht zu lange unbeantwortet liegen.
- Bedenken
Sie bei der Kommunikation per E-Mail grundsätzlich,
daß dabei sämtliche anderen Informationskanäle
ausgeschaltet sind. Dies beeinträchtigt die Möglichkeiten
des Empfängers, den Text richtig einzuordnen, beträchtlich.
|
Und wenn es
doch einmal geknallt hat...
Und
wenn nun doch einmal die Kommunikation aus dem Ruder gelaufen
ist, und der E-Mail-Partner offensichtlich alles falsch verstanden
hat, hilft nur noch eines: E-Mail-Kommunikation einstellen und
auf die klassische Kommunikation zurückgreifen. Sitzt der
Kommunikationspartner im gleichen Gebäude, lohnt sich sogar
ein kurzer Besuch und ein Gespräch bei einem Tässchen
Kaffee. Ansonsten sollte der Griff zum Telefonhörer nicht
gescheut werden.
Mit
der Frage Warum verstehen Sie meine E-Mails eigentlich immer
falsch? wird natürlich nur eine Eskalation erreicht.
Sehr hilfreich ist hingegen ein Lösungsversuch wie dieser:
Ich habe den Eindruck, daß in unserer Kommunikation
etwas schiefgelaufen ist. Dies ist nicht in meinem Interesse.
Bitte helfen Sie mir, und sagen Sie mir, wo der Fehler liegt.
Ich möchte das gerne in Ordnung bringen. Ein solcher
Kommunikationsansatz unter Nutzung möglichst vieler Kommunikationskanäle
führt fast grundsätzlich zum Erfolg und zu einer Glättung
der eventuell schon hochschlagenden Wogen.
Fazit
Unsere moderne
Wirtschaft läßt sich ohne moderne Zweckkommunikation
nicht mehr am Laufen halten. Gerade deshalb ist es ausgesprochen
wichtig, daß der Aspekt der fehlenden Kommunikationskanäle
und der erhöhten Kommunikationsgeschwindigkeit bei E-Mail-
oder Fax-Korrespondenz stets berücksichtigt wird. Nur dann
läßt sich eine präzise Kommunikation aufbauen,
die keinen Raum für Mißverständnisse bietet.
|