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Telepraktikum:
Erfahrungsbericht über einen Modellversuch
Artikel
erschienen in
Ausgabe Mai 1999
Von
Wolfram W. Pichler
Inhaltsübersicht:
Telepraktikum
- ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Wie können
Praktikanten aus der Entfernung die alltägliche Arbeitsroutine
erleben und praktizieren? Sind es nicht gerade die konkreten Sorgen
und Probleme am Arbeitsplatz, die Auseinandersetzung mit Kollegen,
aber auch die soziale Nähe, die gerade am Beginn eines neuen
Berufslebens den Erfahrungsreichtum begründen?
Schließlich
münden die skeptischen Fragen in eine der großen Fragen
des Internet-Zeitalters: Verarmen nicht unsere menschlichen (und
beruflichen) Kontakte um so mehr, desto intensiver wir virtuell
statt persönlich kommunizieren? Immer häufiger beantworten
Beobachter diese Frage so: Wer von Haus aus persönliche Kontakte
eher meidet, dem dient das Internet zum noch konsequenteren Rückzug
in die innere Emigration. Wer aber eine eher kontaktfreudige Persönlichkeit
entwickelt hat, dem dient das Internet zum Ausbau und zur Intensivierung
bestehender Kontakte sowie zum Knüpfen zusätzlicher
Kontakte.

Die Idee
Und so nahmen
wir uns vor, alle diese Fragen in einem Modellversuch zu beantworten.
Wir das sind als Betreuer ein Technik-Autor eines Berliner
Dienstleistungsunternehmens und als Praktikanten zwei Umschüler
aus einer privaten Bildungseinrichtung in Teltow vor Berlin, die
früher schon etliche Jahre als Ingenieure gearbeitet haben.
Der Kontakt
kam zustande wie sollte es anders sein über
die Mailingliste der Berliner tekom-Regionalgruppe.
Die Umschüler suchten für die Endphase ihrer neuen TR-Ausbildung
einen Praktikumsplatz. Nun ist es aber bei TD-Dienstleistern eher
die Regel, daß sie in ihren Büroräumen de facto
oder/und de jure nicht plötzlich noch ein oder zwei Mitarbeitern
einen Arbeitsplatz anbieten können. Also verfielen wir im
Zeitalter der Telekommunikation auf die naheliegende Idee: Ein
Telepraktikum ist besser als gar keins.
Die Voraussetzungen
Welcher Voraussetzungen
bedarf es auf beiden Seiten für einen solchen Modellversuch?
Zunächst muß das Wissen um die Möglichkeiten der
Telekooperation vorhanden sein, noch besser praktische Erfahrungen
damit. Als Telepraktikant eignet sich nur, wer sich und seine
Arbeit gut selbst organisieren kann, also eher Menschen mit erfolgreich
absolvierten Arbeitsjahren als solche, die gerade die ersten Schritte
ins Arbeitsleben wagen. Und besser als eine Einzelperson eignet
sich ein kleines Prakitkantenteam, so daß ein praktischer
Austausch bei der Arbeit möglich ist.
Als Umfeld-Voraussetzung
sind wie bei jeder Telekooperation ein häuslicher
oder/und sonstiger Arbeitsplatz mit PC und Kommunikationstechnik
erforderlich. In unserem Fall stand beides sowohl zu Hause als
auch in der Bildungseinrichtung zur Verfügung. Und schließlich
muß zur richtigen Zeit ein geeigneter Auftrag vorliegen,
aus dem sich eine Portion als Praktikumsarbeit aussondern läßt.
Der Auftrag
Uns lag Anfang
1999 gerade ein Auftrag über Betriebsanleitungen für
eine teilautomatische Montageanlage vor. Die Anlage dient der
Montage von elektronisch gesteuerten Luftmengenreglern für
das Luftmanagement in Kfz-Motoren. Die an dem Projekt beteiligten
Partnerunternehmen waren global verteilt: Ein Kfz-Hersteller aus
Detroit in den USA bestellte bei einer Berliner Fabrik die Luftmengenregler.
Die Berliner Fabrik bestellte bei einem Münchener Hersteller
die Montageanlage. Der Münchener Hersteller bestellte bei
einem Berliner Engineeringunternehmen Service, Wartung, Reparatur
und Betriebsanleitungen. Das Berliner Engineeringunternehmen kaufte
die Betriebsanleitungen bei einem Berliner TD-Dienstleister zu.
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Abb.
1: Die Telekooperation im schematischen Überblick
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Die Montageanlage
bestand aus 16 automatischen (teils halbautomatischen) Montagestationen,
von denen jede als eigenständige Maschine eine separate Betriebsanleitung
mit 10 Kapiteln benötigte. Eine dieser 16 Anleitungen haben
die beiden Praktikanten gemeinsam erarbeitet.
Während
des zehnwöchigen Praktikums haben wir uns etwa einmal jede
Woche ein bis zwei Stunden zusammengesetzt und den Fortgang der
Arbeiten erörtert. Dazwischen haben wir per E-Mail Gedanken
und Dateien ausgetauscht. Die persönlichen Treffen haben
wir alternierend im Büro des TD-Dienstleisters, des Engineeringunternehmens
oder in der Bildungseinrichtung durchgeführt. Einmal haben
wir das Redaktionsbüro einer großen Berliner Elektrofirma
besichtigt und uns die dortige Arbeitsweise vorführen und
erläutern lassen.
Am Schluß
wurde die gut gelungene Praktikumsarbeit vor versammeltem Semester
und Prüfungskommission vorgestellt und verteidigt.
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Fazit
der Praktikanten
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von
Dagmar
Grütte und Michael
Mock
Nach
der Ausbildung zum technischen Redakteur beabsichtigen wir,
in diesem Beruf freiberuflich tätig zu sein und als
Team zu arbeiten. Das Telepraktikum war eine gute Probe
für den zukünftigen Arbeitsalltag.
Am
Praktikumsende können wir folgendes Fazit ziehen:
- Von
Vorteil war es, zu zweit zu arbeiten. Dadurch konnte der
Informations- und Datenaustausch untereinander geprobt
und entwickelt werden. Das entlastete den Betreuer.
- Da
das Praktikumsthema eine eigenständig zu lösende
Aufgabe beinhaltete, war unsere Arbeitsorganisation von
vornherein strukturiert.
- Der
Informationsaustausch per E-Mail geht schnell und einfach.
Das Versenden von E-Mails mit der cc-Funktion sichert,
daß alle Partner auf dem gleichen Kenntnisstand
sind.
- Die
Arbeitszeit kann unabhängig voneinander gestaltet
werden.
- Alle
persönlichen Treffen können durch vorherigen
Datenaustausch gut vorbereitet durchgeführt werden.
- Der
Betreuer ist für Fragen schnell erreichbar und hat
in unserem Fall prompt geantwortet.
- Wir
haben eine neue Arbeitstechnik kennengelernt. Diese Technik
zwingt den technischen Redakteur, überwiegend schriftlich
zu kommunizieren. Das heißt: Probleme, Fragen und
Antworten müssen schriftlich auf den Punkt gebracht
werden.
- Die
Kommuninikationsform E-Mail gestattet das konventionsfreie
Schreiben, was dem technischen Redakteur sonst nicht erlaubt
ist.
Gut
wäre es, wenn Kontakt und Kommunikation mit dem Auftraggeber/Kunden
in gleicher Weise verlaufen würden. Fehlende Daten
könnten dann schneller beschafft werden, und der Kunde
wäre zu aktiver Einflußnahme aufgefordert, was
sich in der Regel positiv auf die Präzision und Qualität
seiner Vorgaben auswirkt.
Ein
Nachteil des Telepraktikums ist, daß wir den Berufsalltag
eines technischen Redakteurs nicht im Detail erleben konnten.
Die Arbeitsatmosphäre im Büro ist uns also nicht
vertraut. Oft merkten wir, daß z.B. bei technischen
oder Software-Problemen ein direkter, persönlicher
Kontakt fehlte.
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