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Translation Memories:
Übersetzungshelfer mit Gedächtnis

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Oktober 1999

Von Peggy Bensch

Inhaltsübersicht:

Die gestiegene Nachfrage nach Übersetzungsleistungen aller Art macht den Einsatz unterstützender Translation Tools unabdingbar. Und nicht nur das Übersetzungsaufkommen steigt, auch werden die Termine immer enger gesetzt, denn zumeist sind mit einer Maschine gleichzeitig die dazugehörigen fremdsprachigen Anleitungen mitzuliefern.

Um diesem Termindruck ohne Qualitätseinbußen gerecht werden zu können, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein – neben der konsequenten Anwendung entsprechender Übersetzungswerkzeuge ist insbesondere die Qualität des Ausgangstextes ein wesentlicher Faktor.

Daher seien im Anschluss an den folgenden Überblick der gebräuchlichsten Übersetzungsprogramme auch einige Anforderungen an Inhalt und Layout zu übersetzender Dokumentationen zusammengestellt. Denn auch das beste Translation-Tool kann einen zügigen Projektablauf nur dann unterstützen, wenn die Vorlage stimmt.


Arbeiten mit Translation Memories

Als Hilfsmittel für den Übersetzer kommen so genannte Translation Memories (TM) zum Einsatz, die bereits übersetzte Satz- oder Segment-Paare in der Ausgangs- und Zielsprache enthalten. Wenn also ein ähnlicher oder identischer Satz in einem Dokument enthalten ist, braucht dieser nicht mehr übersetzt zu werden, sondern kann direkt übernommen oder aber weiterbearbeitet werden. Neue Sätze überträgt der Übersetzer einmal in die Fremdsprache; dann stehen sie für weitere Anwendungen in der Datenbank zur Verfügung.

Ausgangspunkt der Arbeit mit Translation Memories sind die vom Auftraggeber gelieferten Dateien. Der Übersetzer kann nun direkt mit diesen Dateien arbeiten oder aber er lässt sie durch ein Programm vorübersetzen. In beiden Fällen wird der Text segmentiert. Die Software versucht dann, gleiche oder ähnliche Segmente zu finden. Ergebnis dieses Abgleichs sind je nach Übereinstimmungsgrad so genannte Exact Matches oder Fuzzy Matches: Ein Exact Match stimmt zu 100% mit dem Segment der Ausgangssprache überein und kann ohne weiteres Bearbeiten direkt in die Übersetzung übernommen werden. Ein Fuzzy Match liefert ähnliche, aber nicht identische Sätze oder Segmente, die Alternativen angeben; das Zielsegment muss also noch in bestimmtem Umfang bearbeitet werden. Weicht die angebotene Lösung stark vom Ausgangssatz ab, überträgt der Übersetzer den Satz gegebenenfalls komplett neu in die Zielsprache. Diese neue Form wird dann in das Translation Memory übernommen und steht beim nächsten ähnlichen Ausgangssatz wiederum als Exact Match oder als Fuzzy Match zur Verfügung.

Der Übersetzer beginnt seine Arbeit mit einem neuen, zunächst noch leeren Translation Memory, welches durch seine Einträge im Laufe der Zeit wächst. Das Füllen eines TMs kann jedoch auch durch das Hinzufügen schon geleisteter Übersetzungen geschehen; dies erfolgt unter Zuhilfenahme so genannter Alignment Tools. Dabei werden Ausgangstext und Zieltext in Segmente aufgesplittet, eindeutig zugeordnet und in das TM übernommen.

Für kunden- oder projektbezogene Arbeiten kann der Übersetzer – abhängig vom verwendeten Übersetzungsprogramm – zudem verschiedene Filter setzen, um unterschiedliche Terminologien voneinander abzugrenzen und nur die jeweils gültige für die zu erstellende Übersetzung zu nutzen.

Das Arbeiten mit Translation Memories bringt zusammenfassend die folgenden Vorteile mit sich:

  • Sie sind arbeits- und damit zeit- und kostensparend.
  • Sie garantieren die Qualität und Konsistenz der Übersetzung. Letzteres ist vor allem dann wichtig, wenn mehrere Übersetzer – unter Umständen räumlich voneinander getrennt – mit dem gleichen TM arbeiten.
  • Sie ermöglichen durch die Nutzung bestimmter Filter darüber hinaus das Bearbeiten von Formaten, die andernfalls nicht ohne weiteres importierbar und exportierbar wären, wie z.B. FrameMaker.

Der Einsatz von Translation Memories macht nur dann Sinn, wenn ein hoher Wiederholungsgrad innerhalb eines Textes oder einer ganzen Reihe von Texten (z.B. Updates, Produktgruppen) gegeben ist. Werbetexte, Briefe, Berichte o.ä. übersetzt man hingegen meist ohne Übersetzungsprogramme; die Vorbereitung, die für jedes der Programme nötig ist, stünde in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Auf dem Markt werden verschiedene Translation-Memory-Tools angeboten, wobei in Europa die Programme Transit und Translator's Workbench die größte Akzeptanz und Verbreitung finden. Nachfolgend seien die gängigsten TM-Tools und ihre Arbeitsweise kurz vorgestellt.


Transit

Das Translation-Memory-Programm Transit von Star konvertiert die zu übersetzenden Dateien zunächst in einem Importschritt in das Transit-Format. Dabei entstehen *.AS-Dateien (AS = Ausgangssprache) und *.ZS-Dateien (ZS = Zielsprache) mit Dateinamenserweiterungen wie etwa *.ger für deutschsprachige und *.eng für englischsprachige Dateien. Hierbei ist zu beachten, dass Dateien, die sich nur durch ihre Namenserweiterung unterscheiden, vor dem Import umbenannt werden müssen.

Beim Import selbst werden Segmente gebildet. Das Zielsprachen-Fenster enthält eine Kopie des segmentierten Ausgangstextes, der nun im Zielfenster überschrieben wird. Liegen bereits Übersetzungen zum betreffenden Thema oder für einen bestimmten Kunden vor, kann der Übersetzer auf Referenz-Dateien, die als Translation Memories dienen, zurückgreifen. Treffer – ob Exact Matches oder Fuzzy Matches – werden im Zielfenster rot dargestellt.

Außerdem gibt es bei der Übersetzungsarbeit die Möglichkeit, neue Wörter in das Transit-Wörterbuch (Termstar) zu übernehmen. Dieses Wörterbuch sowie ein assoziatives Netz, das sich jedes markierte Segment als übersetzt merkt und anzeigt, gehören zu den wichtigsten Komponenten von Transit.

Nach Fertigstellen der Übersetzung werden die Dateien exportiert und in das Format der Ausgangs-Dateien zurückkonvertiert.

Arbeitsfenster von Transit


Translator's Workbench

Die Translator's Workbench von Trados segmentiert den Quelltext während der Übersetzung nach vordefinierten Regeln und durchsucht die Datenbank nach bereits übersetzten Teilen. Diese erscheinen, falls vorhanden, im oberen Drittel des Arbeitsfensters mit verschiedenen Markierungen für Exact Matches und Fuzzy Matches. Stimmt der gefundene Treffer nicht exakt überein, wird er vom Übersetzer bearbeitet. Sobald ein neues Segment gespeichert ist, erhält es einen Eintrag im Translation Memory und wird beim nächsten ähnlichen Segment zur Auswahl gestellt.

Bei der Arbeit mit der Translator's Workbench erfolgt kein Überschreiben des Quelltextes, sondern eine Formatierung als "Hidden Text", d.h. die Übersetzung fügt sich hinter dem Ausgangstext ein. Nach Fertigstellen der Übersetzung wird dann ein Clean-up durchgeführt, so dass der Ausgangstext verschwindet.

Die Terminologie-Verwaltung in diesem Programm übernimmt eine so genannte Multiterm-Datenbank. In dieser kann der Übersetzer sehr detailliert Einträge in System-, Index-, Text- oder Attributfelder vornehmen, die eine spätere Suche erleichtern.

Eine Analyse-Funktion ermöglicht zudem zu ermitteln, wieviele Segmente einer vorangegangenen Übersetzung übernommen werden können.

Arbeitsfenster von Translator's Workbench


Déjà Vu

Ein weiteres in Europa entwickeltes Übersetzungsprogramm ist Déjà Vu von Atril Software. Dieses Tool basiert auf einer Windows-Datenbank-Anwendung. Ebenso wie in anderen TM-Programmen werden hier Satzpaare gespeichert.

Auch die Arbeitsweise ist ähnlich: Es erfolgen eine Segmentierung und ein Import, wobei die Formatierungscodes des Originals erhalten bleiben. Bei der anschließenden Vorübersetzung werden Exact Matches sofort eingefügt, während Fuzzy Matches zusammen mit dem Ausgangssatz erscheinen, was einen schnellen Vergleich und ein zügiges Bearbeiten erlaubt. Ist der neue Zielsatz fertig, wird das Fuzzy Match im Text gelöscht.

Nach Fertigstellen der Übersetzung werden die Satzpaare in die Datenbank übernommen und es erfolgt ein Clean-up, bei dem die Ausgangstexte im Dokument verschwinden. Anschließend wird die Datei in das Format des Original-Dokuments konvertiert.

Bei Déjà Vu kann die Vorübersetzung von neuen Satzsegmenten auch in Wortschritten erfolgen ("Assembling"). Mit TermWatch enthält dieses Übersetzungsprogramm ein voll integriertes Terminologie-Management-System sowie einen File Alignment Wizard, um eine Memory-Datenbank aus vorangegangenen Übersetzungen zu erstellen.

Arbeitsfenster von Déjà Vu


Weitere Programme

Die Arbeitsweisen anderer TM-Tools basieren im Allgemeinen auf ähnlichen Voraussetzungen und Arbeitsweisen wie oben beschrieben. D.h., es gibt eine Datenbank, in der einmal übersetzte Segmente enthalten sind, auf die im Übersetzungsprozess zurückgegriffen werden kann.

Dies ist u.a. bei SDLX, einem Produkt von SDL International, sowie bei Systran von Systran Software der Fall. Auch IBM verfügt über ein selbst entwickeltes Übersetzungsprogramm, den Personal Translation Manager.


Voraussetzungen für eine optimale Übersetzung

Die Arbeit des Übersetzers beginnt nicht erst mit der Bearbeitung der zu übersetzenden Dateien in einem Translation-Memory-Programm. Entscheidend für die Qualität des Endprodukts ist in hohem Maße auch die Zusammenarbeit mit dem Ersteller des Ausgangsdokuments. Denn wie sollte – trotz professioneller technischer Hilfsmittel – eine termingerechte und qualitativ hochwertige Übersetzung möglich sein, wenn die Vorlage den Anforderungen nicht genügt?

Deshalb sollte der technische Redakteur bereits beim Erstellen des Ausgangsdokuments auf einige wesentliche Punkte achten, die den Übersetzungsprozess vereinfachen und somit Zeit und Kosten sparen:

  • Konsistenz der Terminologie (keine Synonyme)
  • keine durch Aufzählungen verschachtelten Sätze (Diese erschweren die Segmentierung wie auch die spätere Übersetzung in eine Zielsprache mit anderem Satzbau.)
  • klare, eindeutige Sätze, die ohne überflüssige Füllwörter auskommen
  • keine unnötigen Abkürzungen und Fachwörter, die außerhalb der Abteilung/des Betriebes niemand kennt
  • gut formatierte Dokumente (z.B. generierte Inhaltsverzeichnisse, Tabulatoren statt unnötiger Leerzeichen, keine unnötigen Hard-Returns, die von den meisten Übersetzungsprogrammen als Segmentgrenze interpretiert werden)
  • ausreichend Spielraum im Layout, um die in den verschiedenen Zielsprachen unterschiedlichen Satzlängen zu berücksichtigen (Möglich sind bis zu 30% Differenz zur Länge des Ausgangstextes.)
  • klare Anweisungen an den Übersetzer, ob Befehle für Maschinen oder Schalterbezeichnungen übersetzt werden müssen oder nicht

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass dem Übersetzer beim Auftraggeber stets ein direkter Ansprechpartner zur Verfügung steht, um etwaige Fragen und Zweifelsfälle rasch klären zu können.


Fazit

Die Bedeutung der Arbeit mit modernen Übersetzungsprogrammen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Produktneu- und -weiterentwicklungen führen zu einer laufend optimierten Bedienerfreundlichkeit und schnelleren Handhabung dieser Tools.

Dennoch arbeiten diese Programme nicht von alleine: Auch trotz Software-Unterstützung ist ein nicht zu unterschätzender zusätzlicher Arbeitsaufwand seitens des Übersetzers von Nöten, der nicht zuletzt durch eine gute Vorarbeit des technischen Redakteurs minimiert werden kann. Deshalb sollte trotz des Termindrucks, unter dem eine Dokumentation entsteht, stets auf deren Stimmigkeit und Konsistenz geachtet werden.

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Letzte Änderung: 31.10.2006 | Presse-Service | Disclaimer
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