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Vom Papierstau zum Cross-Media-Publishing

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Juni 2000

Von Wolfram W. Pichler und Claudia Kirschte

Inhaltsübersicht:

Große Hersteller von Geräten und Systemen aller Branchen haben oft riesige Bestände an Produkt-Dokumenten verschiedener Formate auf unterschiedlichen Medien über längere Zeiträume angehäuft. Was tun im Internet-Zeitalter? Wie werden aus gebundenen Produkt-Katalogen typbezogen klickbare Webseiten und aus gedruckten Preislisten tagesaktuelle, weltweit abrufbare Tabellen? Die Erfahrungen mit einem größeren Konvertierungsauftrag verdeutlichen den Prozess des erforderlichen Dokumentenmanagements.

Wer hätte heute nicht gern aus einer Quelle verschiedene Medien wie Print, CD-ROM und WWW gespeist? Cross-Media-Publishing (CMP) heißt das Zauberwort. Chancen und Risiken eines solchen Systems werden in der aktuellen Fachliteratur (z.B. [1]) unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert. Jungdynamische CMP-Unternehmen errichten neue Dokumentations-Plattformen zum sofortigen Aufbau neuer Dokument-Dateien.

Diese Verfahren schließen aber nicht die Lücke zu den Altbeständen der Vergangenheit. Das folgende Praxisbeispiel zeigt eine von verschiedenen anwendbaren Lösungen dieses Problems.


Das Konvertierungsprojekt

Ein renommierter Hersteller von industriellen Steuer-, Mess- und Regelgeräten und -systemen beschloss, seine bisher ausschließlich gedruckten technischen Beschreibungen, Datenblätter und Preislisten im Internet auf unterschiedlichen Wegen zu verteilen. Nach der Konvertierung aller Datenbestände des vorhandenen Archivs in ein aktuelles Satz- und Layoutsystem sollten daraus PDF-Dateien für die layoutsichere Verteilung über das Internet erstellt werden. Außerdem sollten die nach DIN V19259 geforderten Dokumentationsinhalte und -strukturen über SGML für die Codierung in die herstellerübergreifenden Produkt-Informationen aufbereitet werden.

Da sich die vorhandenen Satzdateien nicht unmittelbar für eine Konvertierung entsprechend der beschriebenen Anforderungen eigneten, wurde Adobe FrameMaker als künftige und ausschließliche Basis für Satz und Layout ausgewählt. Einzig die Datentabellen mit Preislisten sollten nicht in FrameMaker, sondern in Microsoft Excel gesetzt werden, um bestimmte Berechnungsprozesse zu erlauben.

Zusätzlich sollte die tagesaktuelle Pflege der Bestellangaben durch unterschiedliche Abteilungen und aus einer Datenbank auch ohne Ausstattung mit einer FrameMaker-Lizenz beim Auftraggeber möglich sein. Die Excel-Datentabellen wurden entsprechend mit FrameMaker über OLE verknüpft, so dass auch in den FrameMaker-Dateien die jeweils aktuellen Daten verfügbar sind.

Der Gerätehersteller gliederte die Konvertierungsarbeit seines gesamten Archivs komplett an externe Dienstleister aus. Als Rohmaterial stellte er zur Verfügung:

  • über 1000 Seiten gedruckte Beschreibungen und Kataloge
  • die benötigten Grafik-Dateien (TIF und EPS)
  • korrespondierende Acrobat-Dateien
  • Preislisten (teils gedruckt, teils als Excel-Datei)
  • eine FrameMaker-Musterdatei mit Satz- und Layout-Vorgaben
  • eine Terminologieliste (deutsch/englisch)


Die Arbeitsschritte

"Wenn wir schon unsere Altbestände konvertieren", so dachte der Hersteller, "dann können wir sie auch gleich redigieren und aktualisieren lassen sowie das neue Corporate Design berücksichtigen." Inzwischen hatten neue Normblatt-Ausgaben zu einer veränderten Terminiologie geführt. Zunächst mussten daher die alten Dokumente geprüft und korrigiert werden.

Die nächsten beiden Schritte wurden parallel durchgeführt:

  1. Erzeugen der Excel-Dateien sowie
  2. Satz und Montage der FrameMaker-Dateien nach dem vorgegebenen Corporate Design

Das Kopieren von Textteilen aus den Acrobat-Dateien über die Zwischenablage und das Einsetzen in FrameMaker brachte wegen der harten zeilenweisen Textverwaltung in Acrobat und wegen der Falschdarstellung der vielen Sonderzeichen in den meisten Fällen keinen Zeitgewinn, so dass die meisten Texte und alle Tabellen neu erfasst werden mussten. Das Scannen der Druckvorlage mit anschließender automatischer Texterkennung via OCR erwies sich aufgrund der frei formatierten und zerklüfteten Seitenstrukturen als nicht wirtschaftlich. Schließlich wurden die Excel-Dateien mit den FrameMaker-Dateien verknüpft.

Alle 14 Tage wurde an den Geräte-Hersteller eine neue CD-ROM geliefert, die weitere Serien von Produktblättern enthielt. Die EDV-Abteilung des Geräteherstellers brachte dann die Dateien ins Netz und pflegte sie über ihre Datenbank.


Fazit

Die Konvertierung vorhandener Datenbestände erweist sich immer öfter als aktuelles Problem für viele Hersteller technischer Produkte. Die Gründe sind vielfältig:

  • Man erkennt, dass die vormals (und in vielen Unternehmen noch heute) verwendeten Textverarbeitungsprogramme für die Erstellung und Pflege zunehmend unwirtschaftlich sind. Die Umstellung auf professionelle Dokumentationssoftware wie FrameMaker oder InDesign empfiehlt sich.
  • Die Verteilung in unterschiedliche medienneutrale und plattformübergreifende Dokumentationsformate wird mehr und mehr zur Notwendigkeit für alle Unternehmen. Gerade ältere Text- und Satzsysteme können diesen Anforderungen bezüglich PDF, HTML und SGML nicht mehr genügen.
  • Veraltete Datenträgertechnik und raumraubende Papierarchive zwingen zu schnellem Handeln, um die Lesbarkeit rechtlich verbindlicher Dokumentationen für die Zukunft zu gewährleisten.

Die einmaligen Konvertierungsaufgaben sind in der Regel zeitaufwendig und müssen parallel zum Tagesgeschäft in den Fachabteilungen durchgeführt werden. Da dies nur in den seltensten Fällen reibungsfrei und in absehbaren Zeiträumen möglich ist, lohnt es sich für das Unternehmen, externe Dienstleistungsunternehmen mit dieser Aufgabe zu betrauen. Heute bieten auf Konvertierungsprojekte spezialisierte Dokumentationsbüros fundierte Kenntnisse der verschiedenen (auch älteren) Erstellungsprogramme und deren spezifischen Problemen bei der Übertragung in moderne Satz- und Layoutsysteme. Hier findet man auch noch alte DOS-Maschinen, die den Zugriff auf 5 1/4" Floppy Disks mit Dateien aus der Frühzeit von Microsoft Word erlauben.


Literatur

[1] Brüning, Holger: Methoden des Cross Media Publishings. In: technische kommunikation 1/00, S. 27-31.

[2] Pichler, Wolfram W.: Von der Papierablage ins EDV-Archiv. Wie aus Aktenbergen netzlesbare Daten werden. In: Technische Dokumentation optimieren. Stuttgart: Raabe 1996, Beitrag G 3.2.

[3] Pichler, Wolfram W.: Von der Print-Anleitung zur Web-Anleitung. Wie aus Druckdateien PDF-Dateien werden. In: Technische Dokumentation optimieren. Stuttgart: Raabe 1996, Beitrag G 8.5.

[4] Pichler, Wolfram W./Thiele, Ulrich:Online-Anleitungen. Erzeugen und verteilen in Acrobat. Reutlingen: doculine 1997.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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