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Wissensmanagement – Herausforderung für den technischen Redakteur

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Juli/August 2000

Von Wolfgang Sturz

Inhaltsübersicht:

Wissensmanagement – ist das eine Herausforderung für den technischen Redakteur? Sollte Wissensmanagement nicht vielmehr eine Selbstverständlichkeit für den technischen Redakteur sein? Und ist der technische Redakteur nicht der Wissensmanager schlechthin?


Wer ist der technische Redakteur?

Bevor über Herausforderungen oder Selbstverständlichkeiten im Berufsbild des technischen Redakteurs gesprochen werden kann, sollte auf das Selbstverständnis der technischen Redakteure eingegangen werden. Hier gibt es immer wieder erstaunliche Defizite: Technische Redakteure werden durch die Außenwelt oft als Erfüllungsgehilfen der Erfinder und Erbauer von Maschinen oder Anlagen betrachtet. "Redakteure", so hört man häufig, "belasten Kostenstellen, ohne dass sie einen Mehrwert bringen".

Leider haben viele technische Redakteure diese Anschauung regelrecht verinnerlicht, so dass sie ihren Job mit einem ähnlich eingeschränkten Selbstverständnis machen. Tatsächlich sollte es aber anders sein: Ohne Kommunikation zwischen Erfinder und Benutzer oder zwischen Erbauer und Reparaturspezialist werden der Wert und der Nutzen einer jeden Maschine oder Anlage drastisch vermindert. Und genau diese Kommunikation ist es, für die der technische Redakteur zuständig ist. Technische Dokumentation stellt – sofern sie richtig gemacht ist – einen essenziellen Mehrwert für jedes technische Produkt dar. Entsprechend hoch sollte das Selbstverständnis der technischen Redakteure angesiedelt sein.


Was ist Wissensmanagement?

Nun stellt sich natürlich als nächstes die Frage, was Wissensmanagement mit der Kommunikation über die Funktion von Maschinen zu tun hat. Dazu sollte zunächst der Begriff Wissensmanagement definiert werden.

Wissensmanagement beinhaltet zwei Hauptaufgaben:

  • das strukturierte Erfassen von Fakten und Tatsachen
  • das strukturierte Erfassen von Informationen über Wissensträger

Auf der Basis dieser Zweiteilung lassen sich auch die Verantwortlichkeiten für das Wissensmanagement sehr gut darstellen. Das strukturierte Erfassen von Daten und Informationen obliegt dabei wohl am ehesten dem technischen Redakteur. Dieser hat das notwendige Wissen zwar weder selbst entwickelt noch unbedingt parat; aufgrund seiner Ausbildung und seiner Qualifikation muss er jedoch in der Lage sein, Wissen zu erfassen (bzw. zu erfragen), zu strukturieren und didaktisch in einer geordneten Form so wiederzugeben, dass jeder Informationssuchende das erforderliche Wissen ohne großen Aufwand erwerben kann.

Manche Consulting-Unternehmen setzen für die strukturierte Erfassung des Beraterwissens gezielt komplette Redaktionsteams ein, deren Aufgabe es ist, das Faktenwissen aus den Projektteams herauszuholen und strukturiert wiederzugeben. Solche Stellen werden jedoch bis heute in den seltensten Fällen durch technische Redakteure besetzt. Häufig sind hier Quereinsteiger anzutreffen, die sich das notwendige Wissen mittels Trial & Error angeeignet haben. Genau hier wäre jedoch eine Einsatzmöglichkeit für qualifizierte und ausgebildete technische Redakteure, denen inzwischen auch immer mehr Informationen für die korrekte Ausübung ihres Berufes zur Verfügung gestellt werden.

Ein Bereich des Wissensmanagements, auf den die technischen Redakteure weniger Einfluss haben dürften, ist der Bereich des strukturierten Erfassens von Wissensträgern. Dies ist ein recht heikles Thema, weil es hier um das Teilen von Wissen geht, das Mitteilen von Insider-Erfahrungen an Kollegen. Häufig herrscht hier noch die Auffassung vor, dass man durch die Weitergabe von Wissen einen Wettbewerbsvorsprung – und somit vielleicht auch einen Karrierevorsprung – vergibt. In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass durch die Weitergabe von Wissen die Wissensverfügbarkeit innerhalb eines Unternehmens enorm zunimmt: "Ich gebe dir eine Wissenseinheit, du gibst mir eine Wissenseinheit, hinterher hat jeder von uns beiden jeweils zwei Wissenseinheiten." Diese Denkart ist aus herkömmlicher Sicht jedoch unlogisch. Um hier alte Strukturen aufzubrechen, ist das Management gefordert, für eine entsprechende Änderung der Unternehmenskultur Sorge zu tragen.


Wissensmanagement – Herausforderung oder Selbstverständlichkeit?

Wissensmanagement ist für den technischen Redakteur keine Herausforderung, es sollte aus fachlicher Perspektive eine Selbstverständlichkeit sein. Trotzdem ist Wissensmanagement für den technischen Redakteur heute nur selten ein Thema, weil sich nur die wenigsten Redakteure trauen, über ihren Suppentellerrand hinaus zu schauen.

Statt von Herausforderung oder Selbstverständlichkeit wäre es eher angezeigt, von einer Chance zu sprechen, einer Chance für die technische Dokumentation. Das Engagement für Wissensmanagement bietet jedem technischen Redakteur die Möglichkeit, sich aus der eng gefassten Verantwortung für die Kommunikation zwischen Entwickler und Kunden in ein viel breiteres Aufgabenfeld wie dem des Wissensmanagements hineinzuarbeiten und sich dort dann auch zu profilieren.


Wissensmanagement und Wirtschaftlichkeit

Dabei darf Wissensmanagement aber nie um seiner selbst willen betrieben werden. Während sich gerade ausländische Unternehmen bei der Einführung neuer Managementkonzepte zunächst einmal Gedanken darüber machen, welchen Nutzen diese neuen Konzepte denn bieten, springen deutsche Unternehmer viel eher auf neue Schlagwörter auf, ohne den konkreten Nutzen zu hinterfragen.

Der Nutzen muss dabei sowohl im eigenen Unternehmen als auch – und das verstärkt – bei den Kunden liegen. Erst wenn das Kriterium "Nutzen bringen für den Kunden" erfüllt wird, ist es sinnvoll, über Wissensmanagement und über neue Herausforderungen oder Chancen für den technischen Redakteur zu diskutieren.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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