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Software-Lokalisierung:
mehr als bloßes Übersetzen
Artikel
erschienen in
Ausgabe September 2000 2000
Von Michael
Kemman
Inhaltsübersicht:
Wer
den Begriff Software-Lokalisierung verwendet, hat noch immer einige
Aussicht, bei einem unvoreingenommenen Gesprächspartner auf
freundliches Unverständnis zu stoßen. Dabei ist der
grundsätzliche Vorgang schnell erklärt: Es handelt sich
um die Übersetzung und Anpassung eines Software-Produkts
für einen anderen Zielmarkt.
Im Unterschied
zum größten Teil des klassischen Übersetzungsgeschäfts
ist es bei der Bearbeitung eines Software-Produkts für einen
anderen Markt jedoch nicht mit einer sachlich richtigen Übertragung
der Bedienungsanleitung in die Zielsprache getan:
- Die Übersetzung
der Software selbst erfordert neben einigen Spezialkenntnissen
auch eine Reihe von technischen Arbeitsschritten.
- Die Interdependenz
der einzelnen Teile des Produkts (wie Software-Benutzeroberfläche,
Online-Hilfe, gedruckte Dokumentation) stellt spezielle Anforderungen
an das Workflowmanagement.
- Am Produkt
selbst sind unter Umständen erhebliche Veränderungen
nötig, um es für den Zielmarkt tauglich zu machen.
Um dieser
umfassenden Aufgabenstellung, ein Produkt an alle Gegebenheiten
des Zielmarkts anzupassen, Rechnung zu tragen und sie von der
bloßen Übertragung eines Textes von einer Sprache in
eine andere abzugrenzen, wurde der Begriff localization geprägt
und später als Lokalisierung eingedeutscht.

Internationalisierung: Die Software für den
Zielmarkt anpassen
Die
Veränderungen, die am Ausgangsprodukt vorgenommen werden
müssen, damit es auf einem anderen Markt angenommen wird,
können sehr verschiedener Art sein. So können Unterschiede
im Rechts- und Wirtschaftssystem beträchtliche Auswirkungen
haben. Nicht nur zum Produkt gehörende Lizenzvereinbarungen,
Haftungsausschlüsse etc. müssen den gesetzlichen Rahmenbestimmungen
des Ziellands entsprechend in Inhalt und Form umgestaltet werden.
Damit etwa eine Finanz-Software oder ein Personalverwaltungs-System
für deutsche Benutzer überhaupt brauchbar ist, muss
das Programm mit den deutschen Gegebenheiten, Gesetzen und Gepflogenheiten
im Einklang stehen, die sich von denen im Ursprungsland der Software
oft erheblich unterscheiden.
Eine
große Rolle spielen dabei auch technische Anpassungen, die z.B.
durch andere Standards oder auch einen anderen technologischen Entwicklungsstand
im Zielland, etwa im Telekommunikationsbereich, erforderlich werden.
So ist es beispielsweise denkbar, dass die genannte Finanz-Software
eine Schnittstelle zur Auftragsübermittlung an eine Bank über
das Internet bietet. In einem Zielland, in dem Online-Banking via
Internet von den Finanzinstituten nicht angeboten wird oder auch gesetzlich
nicht zulässig ist, in dem stattdessen aber vielleicht Bankgeschäfte
über BTX möglich sind, muss die Funktionalität der
Software entsprechend geändert werden.
Diese
Produktanpassungen werden gewöhnlich von den Software-Unternehmen
selbst durchgeführt, vor dem Beginn des eigentlichen Lokalisierungsprozesses.
Dabei geht der Trend dahin, bereits während der Software-Entwicklung
so genannte Internationalisierungsexperten zu Rate zu ziehen,
die dafür sorgen sollen, dass das Produkt möglichst
problemlos für die verschiedenen Zielländer lokalisiert
werden kann.
Finden
die bisher beschriebenen Produktanpassungen in der Regel zu einem
großen Teil auf Seiten des Software-Produzenten statt, wenn
auch häufig unter beratender Mitwirkung der Lokalisierungspartner,
so ist in einem weiteren, sehr wesentlichen Punkt vornehmlich
der Sachverstand des Lokalisierungsanbieters gefragt: Das zielsprachliche
Produkt findet nur dann Zuspruch, wenn es auf die kulturellen
Gegebenheiten und die Lebensbedingungen des Zielpublikums zugeschnitten
ist.
Wichtig
ist vor allem, dass das Produkt nichts enthält, wodurch sich
die Benutzer im Zielland beleidigt oder abgestoßen fühlen
könnten. Dies gilt beispielsweise für die sprachliche
und grafische Gestaltung von Verpackung und Werbematerialien oder
für den Text etwa der Beispiel-Situationen, wie sie in der
Online-Hilfe oder dem Benutzerhandbuch häufig zu finden sind.
So wäre in einem Hilfe-Beispiel unserer Finanz-Software ein
Satz denkbar wie: "Der Durchschnittsbürger John Smith
verfügt über ein monatliches Nettoeinkommen von 3.500
Dollar." Bei einer Lokalisierung etwa ins Russische darf
der Betrag von 3.500 Dollar Monatseinkommen nicht stehen bleiben;
eine Umrechnung des Betrages in Rubel machte die Sache noch schlimmer.
Das Beispiel muss so geändert werden, dass die genannten
Beträge die Einkommensverhältnisse eines russischen
Durchschnittsbürgers widerspiegeln.
Ebenso
wichtig sind die verwendeten grafischen Symbole. Es ist aus der
Vergangenheit ein Fall bekannt, bei dem sich ein Produkt in einem
asiatischen Land nicht verkaufen ließ, weil es ein Symbol
verwendete, das nach dortigem Volksglauben Unglück bringt.
Nachdem dieses Symbol als Problem identifiziert und entfernt worden
war, erwies sich das Produkt als überaus erfolgreich.
Besonders
virulent wird die kulturelle (und nationale) Komponente naturgemäß
bei Computerspielen. Dabei können nicht nur die weit verbreiteten
Kriegsabenteuerspiele nach der historischen Vorlage des Zweiten
Weltkriegs nationale Gefühle verletzen; auch bei Spielen,
die ihrer Art nach durchaus für ein internationales Publikum
interessant und damit lokalisierbar sind, kann für manche
Zielmärkte eine völlige Umschreibung und Umprogrammierung
ganzer Episoden nötig sein. Hat beispielsweise in einem US-Spiel,
der Held in einem Baseball-Match zu reüssieren, so wird es
bei einer Erfolg versprechenden Lokalisierung für den deutschen
Markt ratsam sein, das Geschehen auf einen Fußballplatz
zu verlegen.
Der Lokalisierungsprozess
Vielleicht
mehr noch als in anderen Bereichen der Übersetzungsbranche
ist es für die erfolgreiche Durchführung eines Lokalisierungsprojekts
entscheidend, dass sehr frühzeitig der gesamte Ablauf detailliert
und kompetent geplant wird. Eine der größten Herausforderungen
an Planung, Projekt-Setup und schließlich das Projektmanagement
resultiert aus der Tatsache, dass der Idealfall, in dem das ausgangssprachliche
Produkt in seiner endgültigen Version vorliegt, bevor mit
seiner Lokalisierung begonnen wird, zumindest bei den großen
internationalen Software-Häusern in der Realität nicht
mehr vorkommt. Längst haben die Marketingstrategen entschieden,
dass eine neue Software (oder eine neue Version einer international
verwendeten Software) zumindest in den Hauptsprachen gleichzeitig
mit der Originalversion auf den Markt kommen muss.
Die Konsequenzen
für den Lokalisierungsprozess liegen auf der Hand: Die Übersetzung
der Software muss bereits an einem noch sehr vorläufigen
Build beginnen, der häufig selbst vom Beta-Stadium noch weit
entfernt ist und sich während der Lokalisierungsarbeit ständig
und häufig durchgreifend ändert. Damit besteht der erste
erfolgskritische Schritt beim Aufsetzen des Projekts darin, die
Zyklen der Software-Entwicklung (inklusive der Testphasen) und
der Lokalisierung zu koordinieren und miteinander zu verflechten.
Festgelegt werden muss,
- an welchen
der verschiedenen Entwicklungsstufen die Lokalisierung des Vorhandenen
weiter vorangetrieben werden soll und
- welche
Übersetzungs-Software am besten geeignet ist, bei jedem
neuen Lokalisierungsschritt auf dem vorherigen aufzubauen, also
die Übernahme bereits im letzten lokalisierten Build übersetzter
Teile möglichst weitgehend automatisiert
Welches der
mittlerweile zahlreichen Tools auf dem Markt bei einem bestimmten
Projekt am vorteilhaftesten ist, hängt dabei nicht nur vom
geplanten Projektablauf ab, sondern auch von technischen Gegebenheiten
wie etwa der verwendeten Entwicklungsumgebung.
Weil infolge
der genannten Gründe und des meist ohnehin knapp bemessenen
Zeitrahmens auch mit der Übersetzung der mitunter sehr umfangreichen
Online-Hilfe und Benutzerdokumentation frühzeitig begonnen
werden muss, multiplizieren sich die Herausforderungen für
das Lokalisierungsunternehmen. Da sich Hilfe und Dokumentation
in Funktionalität und Terminologie naturgemäß
eng auf die Software und deren Benutzeroberfläche beziehen,
diese sich aber in der Ausgangsversion noch im Entwicklungsstadium
befindet und entsprechend in der zielsprachlichen Version gewissermaßen
ein Vorläufer eines Vorläufers ist, ist zum einen zu
erwarten, dass der Ausgangstext bis unmittelbar vor Torschluss
immer wieder geändert und ergänzt wird. Zum anderen
ergeben sich in der lokalisierten Version der Software häufig
Änderungen, ohne dass sich der Ausgangstext ändert,
beispielsweise durch terminologische Änderungswünsche
des Kunden im Zuge einer Validierung der Übersetzung.
Für
die möglichst rationelle Bewältigung der textlichen
Änderungen des Ausgangstextes haben sich die Translation-Memory-Programme
(TM) inzwischen etabliert. Der große Vorteil ist, dass bei
einer neuen Fassung beispielsweise eines Handbuchs, dessen vorherige
Version bereits übersetzt wurde, alle identischen Teile im
Translation Memory vorhanden sind und nur noch per Tastendruck
akzeptiert werden müssen; auf Wunsch lässt sich gleichgebliebener
Text auch automatisch vorübersetzen. Dies geht erheblich
schneller und führt zu qualitativ deutlich besseren Ergebnissen
als das mühevolle Einbauen von in der Ausgangsdatei markierten
Änderungen in die alte Übersetzung. Dies gilt nicht
nur für das Einarbeiten von Änderungen innerhalb der
Lokalisierung einer Version; große Einsparungen an Kosten
und Zeit lassen sich gerade auch bei den Updates der Software
erzielen.
Die Änderungen
im Bereich der zielsprachlichen Terminologie hingegen lassen sich
nicht völlig mit Hilfe von Translation Memories einbauen.
Entscheidet ein Kunde beispielsweise, dass der Menübefehl
"About this product" mit "Produktinformationen"
übersetzt werden soll und nicht mit dem bisher vom Lokalisierer
verwendeten "Über dieses Produkt", so muss dies
nicht nur in die Software implementiert werden; auch alle Verweise
darauf in der Hilfe und der Dokumentation müssen entsprechend
geändert werden und damit auch die Übersetzung im Translation
Memory. Zwar erlauben die meisten Tools das vergleichsweise unproblematische
Einpflegen globaler Änderungen in die Übersetzungsdatenbank,
doch das Nachverfolgen und Implementieren von Änderungen
in der Begrifflichkeit der Software-Benutzeroberfläche in
das TM und die Glossare erfordert ein genau definiertes Verfahren
und die sorgfältige Arbeit erfahrener Terminologen und Lektoren.
Liegen am
Ende dieses komplexen Prozesses, der häufig als Simultaneous
Translation bezeichnet wird, schließlich endgültige
und konsistente Versionen der Software-, Hilfe- und Dokumentationsdateien
vor, gilt es, die eigentlichen zielsprachlichen Produkte physisch
zu erstellen. Auch diese Arbeitsschritte werden häufig von
den Lokalisierungsfirmen übernommen.
Nach dem Lokalisieren geht die Arbeit weiter
Da die Software
zum Zweck der Übersetzung zu Beginn gleichsam zerlegt werden
muss, lautet die Aufgabe nach Abschluss der Übersetzung,
sie wieder zusammenzusetzen und aus dem Wust von Einzeldateien
wieder ein Programm zu machen, das sich auf einem Computer installieren
und ausführen lässt. Dieser erste Schritt, die Kompilierung,
führt sofern keine Fehler auftreten, die zuerst behoben
werden müssen zu einer lauffähigen Version, die
anschließend getestet wird.
Beim Testen
geht es zum einen darum, sicherzustellen, dass alle Schaltflächen,
Menübefehle und Tastenkombinationen (Shortcuts oder Hotkeys)
einwandfrei funktionieren und dass beim Auftreten bestimmter Fehler
die passenden Fehlermeldungen angezeigt werden. Zum anderen muss
überprüft werden, ob nach der Übersetzung das Layout
der Software-Bildschirme angepasst werden muss. Da Texte durch
die Übersetzung häufig länger werden, muss die
Größe z.B. der Schaltflächen oft verändert
werden das deutsche "Hinzufügen" beispielsweise
ist eben wesentlich länger als das englische "Add".
Nach diesem Resizing genannten Vorgang und der Korrektur aller
sonst gefundenen Fehlfunktionen (Bugs) wird erneut kompiliert
und wieder getestet so lange, bis das Produkt marktfähig
ist.
Ähnliche
Arbeitsschritte gibt es bei der Online-Hilfe: Auch hier müssen
die einzelnen Dateien mit Hilfe spezieller Programme kompiliert
und anschließend getestet werden. Dabei kommt es vor allem
darauf an, dass die Jumps oder Links, also die besonders markierten
Textstellen, an denen der Benutzer durch Klicken zu einem weiteren
Hilfethema geführt wird, funktionstüchtig sind. Außerdem
müssen Inhaltsverzeichnis und Index generiert werden. Anschließend
wird die fertige Hilfe in die Software integriert.
Bei der Dokumentation
müssen die fertig übersetzten und gegebenenfalls aus
dem Bearbeitungsformat des Translation-Memory-Tools ins Ausgangsformat
zurückkonvertierten Dateien in den Satz. Während dieses
Schrittes wird das Layout der übersetzten Dateien überarbeitet
und den setzerischen Konventionen der Zielsprache angepasst. Außerdem
muss das Layout von Grafiken entsprechend der Lauflänge des
zielsprachlichen Textes korrigiert werden sowie die Abbildungen
der zielsprachlichen Software-Benutzeroberfläche (Screenshots)
erstellt und in die Dokumente eingebunden werden. Auch das Erzeugen
von Inhaltsverzeichnis oder Index ist häufig Teil der Aufgabenstellung.
Am Ende steht die druckfertige Fassung. Gelegentlich übernimmt
der Lokalisierungsanbieter auch Management und Überwachung
der Druckproduktion.
Die Lokalisierungsbranche
Angesichts
der Vielfalt und Komplexität der technischen und logistischen
Anforderungen der Lokalisierung und dem noch immer zunehmenden
Bedarf am Markt nimmt es kaum Wunder, dass sich die Branche in
den letzten Jahren schnell von einer belächelten Cottage
Industry zu einem professionellen Dienstleistungszweig entwickelt
hat. Dazu hat einerseits beigetragen, dass immer mehr Produkte
in immer mehr Sprachen lokalisiert werden. Der Computer hat öffentliche,
wirtschaftliche und private Lebensbereiche immer mehr durchdrungen
und ein Ende ist nicht abzusehen. Zudem haben die politischen
Umwälzungen des letzten Jahrzehnts zur Öffnung von bis
dato praktisch nicht existenten Märkten geführt, etwa
in Osteuropa. Und viele der so genannten Entwicklungs- und Schwellenländer
Asiens oder Afrikas suchen ihren Weg in eine bessere Zukunft über
die Informationstechnologie.
Daneben hat
auch das rasante Wachstum des Internets und webbasierter Lösungen,
speziell in Bereichen wie E-Commerce, E-Business oder E-Learning
in der Software-Lokalisierungsbranche zu hohen Wachstumsraten
geführt und es scheint, als würde sich dieses Wachstum
noch beschleunigen. Denn bei aller Globalisierung ein Hersteller,
der sein Produkt über das Internet weltweit vermarkten oder
ein Unternehmen, welches das vorhandene Wissen weltweit über
das Web zugänglich machen möchte, werden sich den Herausforderungen
der sprachlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und rechtlichen
Vielfalt der angesprochenen Klientel stellen müssen. Sonst
wird aus dem Traum vom lukrativen Web-Kaufhaus im Global Village
sehr schnell ein unprofitables Krämerlädchen im englischsprachigen
Ghetto.
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