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Produktdaten ganzheitlich verwalten

 

Artikel erschienen in
Ausgabe September 2000 2000

Von Werner Weiland

Inhaltsübersicht:

Die Notwendigkeit zur ganzheitlichen Verwaltung der im Produktentwicklungsprozess entstehenden Daten wurde durch unterschiedliche Einflussfaktoren vorangetrieben: Zum einen hat die Komplexität der zu entwickelnden Industrieprodukte stetig zugenommen, so dass heute eine manuelle Verwaltung der zugehörigen Daten nicht mehr möglich ist. Zum zweiten sollen die Produktentwicklungszeiten schrumpfen, da der Markt in kürzeren Abständen neue technische Lösungen und Produkte fordert und der Ingenieur einmal mehr auf einen effizienten Zugriff auf die Produktdaten angewiesen ist. Nicht zuletzt verlangt die QS ISO 9001 eine lückenlose Dokumentation des Produktentwicklungsprozesses.

Die historischen Wurzeln vieler Produktdatenmanagement-Systeme liegen im Bereich der CAD-Datenverwaltung. Im Zuge der zunehmenden Menge und Komplexität der elektronisch erzeugten Daten wuchs auch der Bedarf, diese Daten übersichtlich verwalten zu können.

Heute gibt es am Markt eine Reihe von leistungsstarken PDM-Systemen, die umfassende Funktionalitäten für eine ganzheitliche Verwaltung aller im Produktentwicklungsprozess anfallenden Daten und Dokumenten bieten.


Was ist PDM?

Unter Produktdatenmanagement-Systemen (PDMS) versteht man technische Informationssysteme zur Speicherung, Verwaltung und Bereitstellung aller produkt- oder anlagenbeschreibender Daten und Dokumente im gesamten Produktlebenszyklus. Als Daten sind hier organisatorische, produktbeschreibende Daten (so genannte Metadaten) zu verstehen. Beispiele dafür sind:

  • Teilestammdaten (z.B. Sachnummer, Version, Benennung, Lieferant)
  • Stücklisten (engl. BOM = Bill of Material, Mengen- oder Strukturstücklisten)
  • Klassifizierungsdaten (Klassifizierung von Teilen zwecks Wiederverwendung z.B. nach dem Prinzip der Sachmerkmallisten nach DIN 4000/4001)
  • Historien von Teilen (Wann wurde welches Teil von welchem Anwender verändert, versioniert?)
  • Konfigurationsdaten mit Verwendungsnachweis (Welches Teil, mit welcher Version wurde in welchem Enderzeugnis bzw. welcher Baugruppe verbaut?)

Dokumente im Sinne von PDM setzen sich aus dem beschreibenden Dokumentstammsatz (Metadaten) sowie angehängter Datei/en (Nutzdaten) zusammen, z.B.:

  • CAD-2D-Zeichnungen und CAD-3D-Modelle
  • Pflichten- bzw. Lastenhefte
  • Prüf- und Versuchsberichte
  • Lieferantenbeurteilungen
  • Projekt-Terminpläne
  • Spezifikationen zu Einzelteilen oder Funktionsgruppen
  • Prüfpläne
  • Normen und Richtlinien

Üblicherweise werden zwischen Teiledaten und Teiledaten sowie Teiledaten und Dokumentdaten Verknüpfungen aufgebaut, um Fragen zu beantworten wie: Welche Teile sind in einer Baugruppe enthalten? Welche beschreibenden Dokumente gibt es dazu?

Im Allgemeinen verfügen PDMS auch über Funktionalitäten zum Dokumentenmanagement, wobei diese unter Umständen weniger umfassend sind als bei reinen Dokumentenmanagement-Systemen. PDMS unterscheiden sich hauptsächlich in zwei Punkten von reinen Dokumentenmanagement-Systemen:

  • Zum einen durch ihren klaren Fokus auf den Engineering- bzw. Produktentwicklungsbereich. Das heißt, allgemeine Unternehmensdokumente, die nicht einem Teil, Produkt oder einem Entwicklungsprojekt zuzuordnen sind (wie interne Arbeits- und Verfahrensanweisungen, Organigramme, Arbeitsverträge, Mitarbeitermitteilungen usw.), werden meist nicht, obwohl die Funktionalitäten grundsätzlich vorhanden wären, in einem PDMS verwaltet.
  • Zum anderen fehlen einem Dokumentenmanagement-System in der Regel die Funktionalitäten zur Verwaltung von Teiledaten.

Bei der Abgrenzung von PDM- zu Workflow-Systemen haben letztere ihren Fokus auf der Verteilung und Weiterleitung von Daten und Informationen sowie auf der Steuerung und Kontrolle von Arbeitsvorgängen, bieten aber im engeren Sinn keine Funktionalität zur Verwaltung von Datenbeständen. Im umgekehrten Fall beinhalten PDMS mehr oder weniger ausgeprägte Workflow-Funktionalitäten, so dass auch hier beispielsweise der Durchlauf eines Dokumentes durch definierte Ablaufschritte möglich ist. Es muss aber deutlich gesagt werden, dass der erfolgreiche Einsatz eines breit angelegten Workflows im Engineeringbereich aufgrund der fehlenden Prozess-Stabilität sehr schwierig ist. Der Produktentwicklungsprozess ist in vielen Unternehmen naturgemäß immer noch ein kreativer, flexibler Ablauf, der oft nicht in ein konkret vorgegebenes Workflow-Korsett gepresst werden kann. Generell sind zwar auch Kopplungen von PDM- zu Workflow-Systemen über definierte APIs denkbar, jedoch praktisch nicht anzutreffen.

PDMS können in drei Systemklassen eingeteilt werden:

  • Die Desktop-PDMS übernehmen hierbei Aufgaben der Daten- und Dokumentenverwaltung, hauptsächlich im Rahmen Windows-basierter CAD-Einzelplatzlösungen, sie spielen aber im gesamten PDM-Markt eher eine untergeordnete Rolle.
  • Workgroup-PDMS gehen einen Schritt weiter und unterstützen den Konstruktionsprozess innerhalb eines Entwicklungsteams, indem sie die in einer homogenen, vernetzten CAD-Systemlandschaft erzeugten Daten und Dokumente verwalten. Diese Workgroup-PDMS verfügen oftmals lediglich über einen sehr CAD-fokussierten Funktionsumfang und sind zudem auf ein bestimmtes CAD-System zugeschnitten bzw. ausschließlich vom CAD-System-Anbieter zu beziehen.
  • Enterprise-PDMS als umfassendste Stufe der verfügbaren Systeme mit dem vielfältigsten Funktionsumfang verwalten Daten und Dokumente unabhängig davon, mit welchem System sie erzeugt werden und erlauben einen kontrollierten, unternehmensweiten Zugriff auf die Informationen.

PDM-Systemklassen im Überblick

Die in der untenstehenden Abbildung dargestellte Referenzarchitektur beschreibt den prinzipiellen Aufbau der Enterprise-PDMS. Im Mittelpunkt steht dabei eine Datenbank, in der das PDMS die Metadaten speichert.

Referenzarchitektur eines PDM-Systems

Zur Änderung und Verwaltung dieser Daten existieren unterschiedliche Funktionsblöcke, die in Produktdaten- und Dokumentenmanagement-Funktionen sowie Prozess-, Projektmanagement- und Administrations-Funktionen unterschieden werden:

  • Die Produktdaten- und Dokumentenmanagement-Funktionen beinhalten beispielhaft die technische Teilestammverwaltung (Artikel- bzw. Materialverwaltung) und die Dokumentenverwaltung. Des Weiteren werden hier Funktionen zum Versions-, Status- und Historienmanagement, zum Produktstruktur- und Konfigurationsmanagement, zur Klassifikation von Produktdaten sowie zur Darstellung von Produktdaten und zum Scan- bzw. Plotmanagement angeboten.
  • Im Rahmen der Prozess- und Projektmanagement-Funktionen bietet das PDMS Funktionen zum Freigabe- und Änderungswesen, zur Dokumentenverteilung bzw. zum Dokumentenaustausch und zum Projekt(daten)management an. Eine der wichtigsten Aufgaben des PDMS ist die Unterstützung des Freigabe- und Änderungswesens. Die Steuerung von Freigaben und Änderungen von Teilen sowie Dokumenten über alle beteiligten Unternehmensbereiche sowie deren lückenlose Rückverfolgbarkeit zur Erfüllung der Anforderungen nach ISO 9000/9001 wird in vielen Unternehmen als der wichtigste Teilprozess angesehen.
  • Zu den Administrationsfunktionen zählen u.a. die Benutzerverwaltung (einschließlich Berechtigungs-/Zugriffsschutzkonzept), das Anlegen und Verwalten von elektronischen Tresoren zur Dokumentenspeicherung, Konfigurationseinstellungen bezüglich der installierten Applikationskopplungen (z.B. Office, CAD, ERP) und spezielle Aspekte der Datenhaltung (z.B. verteilte Datenhaltung über mehrere Unternehmensstandorte hinweg).

Immer mehr an Bedeutung gewinnt die Archivierung (nicht Datensicherung), welche auch den Administrationsfunktionen zuzuordnen ist. Hierbei sind grundsätzlich zwei Arten von Daten zu unterscheiden: die Metadaten, die in der Datenbank gespeichert sind, und die Dokumentdateien, die außerhalb der Datenbank in den so genannten elektronischen Tresoren (speziell geschützte Festplattenbereiche) liegen. Die gezielte Auslagerung von Metadaten, welche nur einem seltenen Zugriff unterliegen oder überhaupt nicht mehr benötigt werden, kann die Datenbank performanter gestalten. Zum Archivieren von Metadaten gibt es jedoch noch keine praxistauglichen Lösungen. Durch leistungsstarke Hardware gelingt es offensichtlich, den Performanceverlust in Grenzen zu halten.

Die Langzeitarchivierung der Dokumentdateien hat im Wesentlichen rechtliche Gründe (Produkthaftung über einen sehr langen Zeitraum). Hierbei wird häufig aus dem Originärformat ein TIFF oder PDF-Format erzeugt (beide haben sich quasi zum Industriestandard entwickelt), also ein Format, welches nicht mehr mit der Original-Applikation (Office, CAD...) verändert werden kann. Diese Dateien werden dann an ein angekoppeltes Archivierungs-System übergeben, das diese Dateien (mit Rumpfdaten zur Identifizierung) auf optische, nicht wiederbeschreibbare Medien speichert. Im PDMS wird dann zum Dokumentstammsatz ein Verweis auf diesen optischen Speicherplatz hinzugefügt und die Datei aus dem Tresor des PDMS entfernt.

Ein weiterer, großer Nutzen eines PDMS besteht in der Integration in die vorhandene Systemlandschaft. Dies wird über die Schnittstelle/n des PDMS möglich, durch die Anwendungen wie z.B. MS-Office, CAD-Systeme oder ERP-Systeme angekoppelt werden. Hierbei übernimmt das PDMS das gesamte File-Handling, soweit dies die Anwendungssysteme von ihrer Architektur her zulassen.

Integrierte Systemlandschaft mit einem PDM-System als zentralem Element


Vorgehensweise in PDM-Projekten

Die Einführung eines PDM-Systems stellt ein sehr komplexes Vorhaben für das jeweilige Unternehmen dar. Daher ist ein sorgfältiges, spezifisches und in der Praxis erprobtes Projektmanagement bei PDM-Projekten notwendig. Ist das Unternehmen entschlossen, sein Produktdatenmanagement zu verbessern, kann ein erster Schritt eine Machbarkeitsstudie sein.

In dieser Studie, welche je nach Unternehmensgröße nicht länger als einige Monate dauern sollte, werden folgende Aktivitäten ausgeführt:

  • Bilden einer unternehmensspezifischen PDM-Vision einschließlich Zieldefinition
  • Kurzanalyse (Workshops mit Vertretern aller beteiligten Organisationseinheiten)
  • Identifikation und Beurteilung von Problemfeldern
  • Erstellung eines Rahmenkonzeptes (Was könnte durch ein PDMS verbessert werden?)

Als weitere, mögliche Aktivitäten in dieser Studie werden eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (mögliche Nutzenpotenziale versus Projektkosten) und bei positiver Wirtschaftlichkeitsbetrachtung eine anschließende Systemauswahl durchgeführt.

Danach beginnt die Feinkonzeption und Realisierung bestimmter Anwendungsfelder, die sich bei der Analyse als besonders wichtig erwiesen haben. Hierbei ist darauf zu achten, dass zuerst die Funktionen eingeführt werden, welche den größten Nutzen für das Unternehmen bringen. Dies sind häufig nicht die besonders schwierigen und anspruchsvollen Funktionalitäten, sondern Basisfunktionen, die aber den größten Teil der Anwender erreichen und damit einen großen Gesamtnutzen stiften.

Eine besondere Anforderung an PDM-Projekte besteht im richtigen Mix aus IT und Organisation. Es handelt sich nicht nur um die Einführung eines IT-Systems, sondern auch um die Betrachtung und eventuelle Umgestaltung organisatorischer Festlegungen.

Hinzu kommt, dass es in allen Unternehmen historisch gewachsene Insellösungen für bestimmte PDM-Teilfunktionalitäten gibt (Stücklistensysteme, Zeichnungsverwaltungsprogramme usw.), die bei der Einführung eines PDMS abzulösen und deren (bewährte) Funktionalitäten zu erhalten sind.

Da in einem PDMS organisatorische Bestandteile des Unternehmens abgebildet werden (Nummernsysteme, Freigabe- und Änderungsabläufe usw.) und ein PDMS nie mit allen Funktionalitäten zu einem Zeitpunkt eingeführt werden kann, sind Übergangsszenarien zu gestalten, die eine schrittweise Umsetzung von Teilfunktionalitäten und die Ablösung von Altsystemen ermöglichen, ohne dabei die Durchgängigkeit der Kernprozesse und die Anwenderakzeptanz zu gefährden. Diese Gratwanderung ist zweifellos die schwierigste Aufgabe, die ein PDM-Projektteam zu bewältigen hat und für die eine jahrelange PDM-Erfahrung unerlässlich ist.


Branchenspezifische Anforderungen

Da ein PDMS prozessunterstützend wirken soll und die Produkte in diesen Systemen beschrieben werden, müssen sich auch zwangsläufig Branchenunterschiede in PDMS auswirken. Der Anbieter hat naturgemäß das Bestreben, ein universal einsetzbares Werkzeug am Markt zu platzieren, das dann durch mehr oder weniger starken Customizing-Aufwand an die spezifischen Belange eines Unternehmens angepasst werden muss. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass der Markt branchenspezifische, vorkonfigurierte Systeme benötigt, damit nicht zuletzt auch die Projektlaufzeit in akzeptablen Grenzen gehalten werden kann.

Die Abläufe eines Auftrags- bzw Unikatfertigers (z.B. Anlagenbau) sind in vielen Bereichen nicht mit denen eines Serienfertigers (z.B. Automobilzulieferer) zu vergleichen. Dies betrifft etwa den Kommunikationsprozess mit dem Entwicklungspartner (Austausch von Zeichnungen, Änderungsständen, Vorgehen in der Angebotsphase usw.) oder Vorgaben bzw. Richtlinien zur Nummerierung von Teilen und Dokumenten. Wesentlich ist auch der Unterschied beim Konfigurationsmanagement: Beispielsweise ist es notwendig, eine Anlage (Unikat) als SOLL-Struktur (as planned), als IST-Auslieferungsstruktur (as build) sowie die Veränderungen über den gesamten Betriebszeitraum (as maintained) im System zu pflegen. Der Kleinserienfertiger verlangt, jedes ausgelieferte Exemplar mit einer Seriennummer zu versehen, um Änderungen an Einzelteilen diesen Seriennummern zuordnen zu können.

Die Anforderungen an die Stücklistenfunktionen unterscheiden sich ebenfalls stark: Während die Abbildung eines Kraftwerkes neben den Ortsinformationen für die jeweiligen Aggregate und Komponenten auch eine Darstellung nach verfahrenstechnischen Funktionen und Prozessen verlangt, fordert der Serienfertiger die Möglichkeit, verschiedene Stücklistensichten auf dieselbe Produktstruktur zu definieren (Konstruktions-, Fertigungs-, Montagesicht).

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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