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Neue Perspektiven für die Terminologiearbeit

 

Artikel erschienen in
Ausgabe November 2000

Von John D. Graham

Inhaltsübersicht:

Terminologie spielt bei der Aufzeichnung, Gliederung, Verwaltung oder dem Transfer von Fachinformationen und Fachwissen stets eine wesentliche Rolle, denn Terminologiedaten sind dabei die wichtigsten Informationsträger. Es gibt daher kaum Bereiche in einem Unternehmen oder einer anderen spezialisierten Organisation, in denen Terminologie nicht verwendet wird [1]. Konsistente Terminologie ist folglich eine Voraussetzung für professionelle Arbeit, für effiziente Fachkommunikation, für gute Dokumentation und letztlich für ein positives Erscheinungsbild des Unternehmens [2].

Zwar steht Terminologie immer im Vordergrund, wenn es um die Darstellung von Fachwissen auf der Ebene der Begriffe - der Grundelemente des fachwissenbezogenen Denkens, Erkennens, Wissens und Kommunizierens geht, trotzdem ist nur ein vergleichbar schwach entwickeltes Bewusstsein für Terminologie vorhanden – und dies selbst in Fachkreisen, in denen hauptsächlich Terminologie geschaffen und genutzt wird.



Was ist Terminologie?

Für den Laien schwer nachzuvollziehen ist die Trennung zwischen Begriff, Benennung und Konzept: Jeder Begriff (Terminus) bezieht sich auf ein Konzept. Dieses Konzept (gemäß ISO/DIS 1087-1 [1997]) ist der Inhalt des Terminus. Es kann nicht nur sprachlich, sondern auch visuell, d.h. nonverbal dargestellt werden. Demgegenüber steht die Benennung, also das Wort oder die Wortgruppe, die diese Idee, dieses Konzept, diesen Inhalt versprachlicht.

DIN 2342 definiert eine Terminologie als den "Gesamtbestand der Begriffe und ihrer Benennungen in einem Fachgebiet" und Fachsprache als den "auf eindeutige und widerspruchsfreie Kommunikation im jeweiligen Fachgebiet gerichteten Bereich der Sprache, dessen Funktionieren durch eine festgelegte Terminologie entscheidend unterstützt wird" [3].

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Terminologie:

  • Konzept
  • Eindeutigkeit
  • Fachsprache

Exaktheit in der Dokumentation setzt genaue Terminologie voraus. Deswegen muss sich jeder technische Redakteur und Übersetzer mit Terminologie auseinandersetzen.


Termbanken

Terminologien werden in Termbanken, also speziellen Datenbanken, gespeichert. Herkömmlicherweise werden solche Terminologien nach dem klassischen lexikographischen System, das wir von Wörterbüchern kennen, geordnet: Die enthaltenen Termini werden alphabetisch sortiert und können – wie im Wörterbuch – alphabetisch gesucht werden. Wörterbücher, Lexika und entsprechend aufgebaute Datenbanken orientieren sich also zum allergrößten Teil an der Benennung als Ordnungs- und Suchkriterium.

Terminologen beschäftigen sich darüber hinaus schon seit langem mit der so genannten Terminographie: Terminographie ist der Teil der Terminologiearbeit, der sich mit dem Festhalten und Darstellen von Terminologiedaten beschäftigt [4]. Im Gegensatz zur Lexikographie ist die Arbeitsweise bei der Terminographie konzeptbezogen. Ordnungs- und Suchprinzip ist somit der Inhalt des Terminus, nicht dessen Benennung. Dies ermöglicht es, Termbanken auch nach den Prinzipien des Wissens- bzw. Informationsmanagements (z.B. Knowledge Mapping) zu strukturieren. Ein Suchender, der nur eine eher ungenaue inhaltliche bzw. konzeptionelle Vorstellung vom gesuchtenTerminus hat, kann in einer solcherart strukturierten Datenbank auch ohne Kenntnis einer genauen Benennung fündig werden.

Die Terminologie wird in Zukunft stärker mit der Beschreibung und Strukturierung von Wortbedeutungen zu tun haben. Die Bearbeiter des Wortschatzes sind dann nicht nur mit Wortlisten, sondern vor allem mit grafischen Oberflächen befasst, bei denen die Wortbedeutungen in Netzen dargestellt werden. Terminologen können mit diesem neuen methodischen und technischen Know-how mehr Einfluss auf die Informationstechnik der Unternehmen gewinnen und ihre eigene Position stärken.

Spricht man von Termbanken bzw. Datenbanken, darf dabei nicht vergessen werden, dass Termini in einem Terminologiebestand so zu ordnen sind, dass sie wieder gefunden werden können. D.h., die eingegebenen Termini bzw. die dahinter stehenden Konzepte müssen so gekennzeichnet werden, dass sie später als Suchkriterium dienen können, um das eigene Retrieval zu ermöglichen. Denn was nützt der umfassendste Terminologiebestand, wenn die darin enthaltenen Informationen nicht gefunden bzw. abgerufen werden können!

Heutzutage stehen moderne Mittel, insbesondere IT-Werkzeuge, zur Verfügung, die die Speicherung und das Retrieval von Informationen mit Links und weiteren Hinweisen ermöglichen. Die schon seit langem auf dem Markt befindlichen Terminologie-Verwaltungsprogramme sind so strukturiert, dass eine einfache Bedienung mit guten Ergebnissen möglich ist. Solche Systeme wie z.B. Multiterm von der Firma Trados oder Termstar vom Konkurrenten Transit bieten die Möglichkeit, Bilder und Grafiken zusätzlich zu den Textblöcken zu speichern.

Solche IT-Werkzeuge helfen weiter auf dem Weg zu einer zentralen Termbank in Unternehmen und Organisationen, die von allen Stellen des Hauses benutzt werden kann. Das würde z.B. in einem Industrieunternehmen bedeuten, dass Konstruktion und Abrechnungsstelle, Ersatzteillager und Übersetzer, Verkaufsingenieur und Einkauf, Geschäftsführer, technischer Redakteur und Sekretärin stets die gleiche Sprache sprechen, weil sie die gleichen Benennungen für die gleichen Konzepte verwenden.

Um diesen modernen Mitteln Rechnung zu tragen, werden solche Möglichkeiten auch in verschiedenen EU-Projekten untersucht, die im Folgenden beschrieben sind.


TermImage

TermImage ist ein inzwischen abgeschlossenes Pilotprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Jean Klein von der Universität Mons in Belgien. Ziel ist, Unterrichtsmodule für in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) arbeitende Linguisten (technische Redakteure, Übersetzer) zu entwickeln. Der Aufbau der Module sowie die Präsentation der Ergebnisse sind für den Internet-Einsatz geeignet. Der Kurs, der zur Erlangung eines Terminologiezertifikats führen soll, wird von den Kursteilnehmern nach Fernunterrichtsprinzipien absolviert. Dadurch können Berufstätige ihre Zeit nach den eigenen Bedürfnissen einteilen und selbst die Geschwindigkeit des Fortschritts bestimmen. Tutoren werden zur Verfügung stehen. Anfänglich werden die Projektpartner hierzu ein Netz für die Betreuung und gegebenenfalls auch für die Prüfung von Kursteilnehmern in ihren eigenen Ländern (Belgien, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Österreich, Schweden) aufbauen und später nach Bedarf auf andere Länder übertragen.

Als Nebenprodukt ihrer Ausarbeitungen hoffen die Projektpartner, dass dieses Projekt europaweit zur besseren Harmonisierung der Terminologiearbeit und zur einfacheren gegenseitigen Anerkennung der Ausbildungsabschlüsse auf diesem Gebiet führen wird.

Am Anfang des Projektes haben die Projektpartner das gesamte Fachgebiet der Terminologie gründlich untersucht und nach geeigneten IT-Mitteln gesucht, diese Terminologiebestände noch zielgerechter zu strukturieren und zu gestalten. Dabei ist aufgefallen, dass ein Einstieg in Terminologiebestände nicht notwendigerweise über die Benennung erfolgen muss, sondern dass man ebenfalls entweder die Definition (Merkmale) oder die Visualisierung des Konzeptes als Einstieg nutzen kann. Demzufolge haben die Projektpartner eine innovative Variante der Termbankstruktur postuliert:

  1. Der begriffsorientierte Einstieg über den alphabetisch sortierten Suchbegriff wird beibehalten, damit auch nach dem herkömmlichen (lexikographischen) System gesucht werden kann. Er wird aber durch eine Konzeptorientierung auf drei weiteren Ebenen – Konzept, Attribute (Ausprägung), Werte (Merkmale/Definition) – ergänzt.
  2. Der Bestand der Termbank wird dann nicht mehr nur über den Terminus, sondern auch über die Definition (Merkmale) nach dem Beispiel des Merkmallexikons [5] zugänglich gemacht, wobei die Merkmale in allgemeiner, d.h. auch für den Laien zugänglicher Sprache verfasst werden müssen. Der Suchende wird dann über die allgemeine Sprache an den fachtechnischen Terminus herangeführt.
  3. Des Weiteren wird es möglich sein, den Bestand über eine grafische Darstellung des Konzeptes zugänglich zu machen, d.h. die Termbank wird es erlauben, das Bild (Visualisierung des Konzeptes) als Suchkriterium einzusetzen.

Es dürfte auch schon im Rahmen des Möglichen sein, anhand von Multimedia-Tools Konzepte hörbar zu machen. Damit würde eine weitere Art der Speicherung und Wiedergabe zur Verfügung stehen.

Auskunft über die Ergebnisse des TermImage-Projektes werden Ende 2000 in den Sprachen der Projekt-Partner (deutsch, englisch, finnisch, französisch, schwedisch) im Internet zur Verfügung gestellt.


PERFEQT

Ein weiteres EU-Projekt ist das im Frühjahr 2000 abgeschlossene PERFEQT-Projekt. Ziel war, ein operatives EDV-gesteuertes Qualitätssicherungssystem für Übersetzungen zu entwickeln. In Kombination mit den Ergebnissen der Beratungen von TermImage könnte ein längerfristiges Ziel sein, dass die jeweilige Terminologie beim Übersetzen zur Überprüfung direkt aus der Termbank abgerufen bzw. mit dem Terminologiebestand abgeglichen werden kann.


Fortratech

Dieses Projekt hat zum Ziel, neue Methoden für die Ausbildung von technischen Fachübersetzern zu entwickeln und die dafür notwendigen pädagogischen Ressourcen aufzubauen. Zu den unerlässlichen Komponenten gehören sowohl die Terminographie als auch die dafür benötigten IT-Kompetenzen.


Fazit

Die Bestimmungen der EG-Richtlinien und des Produkthaftungsgesetzes zwingen den Textverfasser – sei er nun technischer Redakteur, Werbetexter oder Übersetzer – dazu, die relevante(n) Terminologie(n) genauestens zu prüfen und ebenso genau anzuwenden. Ist einer der verwendeten Termini nicht allgemein zugänglich, sollte er genau definiert werden, so dass der Leser den Inhalt, also das zu vermittelnde Fachwissen, einwandfrei verstehen kann. Gut aufbereitete Terminologiebestände, in denen schnell, ohne allzu großen Aufwand und nach unterschiedlichsten Suchkriterien der korrekte Terminus bzw. seine korrekte Definition gefunden werden können, werden daher in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Terminologiearbeit hat ein starkes Zukunftspotenzial!


Literatur/Quellen:

[1] Vgl. Galinski, Christian, Direktor von INFOTERM, Wien: Terminologie: Infrastrukturen und Marktchancen in Europa. In: Tagungsakte des Symposions "Deutsche Terminologie im internationalen Wettbewerb" des Deutschen Terminologie-Tages. Köln, April 1998.

[2] Vgl. Rahmstorf, Gerhard: Das Potential der Terminologie. In: DTT-Rundbrief Nr. 1. 1999, S. 41-46.

[3] Definition nach: DIN 2342 Teil 1 [1976: 7] bzw. DIN 2342 [a.a.O.: 2] aus: Arntz, Reiner/Picht, Heribert: Einführung in die Terminologiearbeit. Studien zu Sprache und Technik. Band. 2. Hildesheim, Zürich, New York 1969.

[4] Vgl. ISO/DIS 1087-1 [1997].

[5] ISO DIS 13584 Industrial automation systems and integration – Parts library. Diese Norm beinhaltet einen Teil mit dem Titel "Methodology for structuring part families".

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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