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Prozessgestaltung mit PDM-Systemen

 

Artikel erschienen in
Ausgabe April/Mai 2000

Von Robert Schnurer

Inhaltsübersicht:

Der Einsatz von Produktdatenmanagement (PDM) versetzt Unternehmen in die Lage, ihre technischen Anwendungssysteme zu integrieren und damit die beteiligten Prozesse wie z.B. Produktentwicklung oder technische Dokumentation zielgerichtet und produktiv zu unterstützen.

Da PDM-Systeme auf die Kontrolle von Daten und Prozessen fokussiert sind, geht die Einführung dieser Technologie immer einher mit einer Neugestaltung der Geschäftsprozesse. Die Vielfalt der technischen Informationsobjekte, die von PDM-Systemen kontrolliert werden können, reicht von Produktstruktur, Geometriemodellen und Bauunterlagen bis hin zu Stücklisten und Logistikinformationen.

Die Prozesse, die diese Informationen erzeugen bzw. weiterverwenden, müssen in diesem Zusammenhang analysiert und bei Bedarf an die produktorientierte, integrative Methodik von PDM angepaßt werden. Denn es ist weder sinnvoll noch wirtschaftlich, überholte Arbeitsvorgänge mit moderner Informationstechnologie abzubilden.


Was leistet ein PDM-System?

Der Kern des Produktdatenmanagements ist die ganzheitliche Verwaltung und Bereitstellung aller Produktinformationen entlang des gesamten Lebenszyklusses der Produkte. Von der Produktentwicklung über die Produktion bis zur Nutzung und logistischen Betreuung wird dabei eine einheitliche Produktstruktur genutzt, auf die für die jeweiligen Arbeitsbereiche zugeschnittene Sichten existieren können. Unter Produktstruktur versteht man hierbei die Verknüpfung der zur digitalen Beschreibung des Produkts vorhandenen Daten (Geometrien, Konfigurationsdaten, Stücklisten etc.). Durch zusätzliche Methoden- und Prozessintegration lässt sich der gesamte Lebenszyklus eines Produktes effizient mit einem Produktdatenmodell erfassen und steuern.

Ganzheitlicher Ansatz des Produktdatenmanagements

Damit ermöglicht die PDM-Umgebung eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit: Produkt- und Prozessinformationen können während des gesamten Produktlebenszyklusses (von der Vorentwicklung bis zur Außerdienststellung) definiert, verwaltet sowie mit Zulieferern und Partnern gemeinsam genutzt werden.

Somit ist PDM ein ganzheitlicher Ansatz, um die Zukunftssicherheit des Unternehmens durch Fokussierung auf die Integration von Prozessen, Informationsobjekten und IT-Werkzeugen zu unterstützen.


Bisherige Systemwelt

Die traditionelle DV-Landschaft in Unternehmen setzt sich in der Regel aus CAD/CAM (Computer Aided Design und Manufacturing), Stücklistenverwaltungs- und Produktionssteuerungs- bzw. Logistiksystemen zusammen. Diese Systeme stellen oftmals autarke Welten dar, wobei jeder DV-Bereich für sein Aufgabenspektrum spezifische Systeme und Verfahren zur Verwaltung der Informationen entwickelt hat. So besteht eine konsistente Verknüpfung der Informationen häufig nur innerhalb eines Systems; ein effektives Zusammenspiel der DV-Bereiche ist dadurch erschwert, dass die Produktinformationen je nach Verwendungszweck in redundanter und zum Teil nicht kompatibler Weise vorliegen. Zudem ist der Datenaustausch zwischen diesen autarken Welten oft uneinheitlich gestaltet und findet teilweise sogar über Papier bzw. manuell getriggert statt.

Diese Inkompatibilität führt zwangsweise zu redundanten Tätigkeiten und stark sequenziellen Prozessen, wobei eine Vielzahl von Routinearbeiten, die heute bereits von DV-Systemen übernommen werden können, von Hand durchgeführt werden müssen. Der technische Stand der etablierten Systemlösungen lässt den Einsatz effizienter Methoden zur Prozessgestaltung oftmals nicht zu, da die dafür notwendige ganzheitliche Sichtweise nicht integriert ist.

Zusammengefasst existieren in diesen Bereichen meist

  • eigene DV-Applikationen
  • lokal optimierte Prozessabläufe
  • zum Teil eigene Standards
  • eigene Kommunikation mit Kunden, Partnern bzw. Zulieferern
  • zum Teil unstrukturierte Papier-Dokumentationen
  • sogar bereichsintern unzureichende Integration der DV-Systeme
  • redundant vorliegende Produktinformationen und
  • ein uneinheitlich gestalteter Datenaustausch zwischen den verschiedenen Bereichen


Zukünftige Anforderungen und Entwicklungen

In einer Zeit der Globalisierung sehen sich viele Industriezweige (z.B. Automobilindustrie, Flugzeugbau, Raumfahrt, Elektroindustrie) in einer Wettbewerbssituation, die u.a. gekennzeichnet ist durch

  • gesättigte Märkte
  • schärferen internationalen Wettbewerb
  • hohe Typen- und Variantenvielfalt
  • Minimierung der Produktentstehungszeiten, kürzere Lieferzeiten (Reduzierung von Time-to-Market)
  • steigende Qualitätsanforderungen und
  • schnellen Preisverfall

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen neue Arbeitstechniken und -strukturen zum Einsatz kommen, wie z.B.:

  • Concurrent Engineering (überlappende Aufgabendurchführung am selben Produkt, keine strenge Sequenzialisierung der Prozess-Schritte)
  • Flexibilisierung der Organisationsstrukturen (integrierte Teams, Projektteams)
  • verteilte Standorte (Der DASA-Geschäftsbereich Airbus hat in Europa beispielsweise ca. 50 Standorte.)
  • multinationale Kooperation (insbesondere in der Luft- oder Raumfahrtindustrie)
  • Integration der Zuliefererindustrie (Allein Airbus hat mit ca. 1000 Zulieferern Kontakt.)
  • virtuelle oder digitale Produktentwicklungen (Alle Aspekte des Produktentwicklungsprozesses, wie z.B. Design, Analyse, Produktion und Wartbarkeitsuntersuchungen, werden in einer kollaborativen Umgebung mit Hilfe einer digitalen Repräsentation des Produktes durchgeführt, d.h. Hardware-Mockups und Prototypen werden überflüssig).

Digitale Produktentwicklung ersetzt zunehmend Hardware-Mockups.


PDM und Geschäftsprozessneugestaltung

Die Neugestaltung der Geschäftsprozesse führte in den letzten Jahren zu einer Veränderung der internen Prozessabläufe hin zu Prozessen, die die aktuellen Anforderungen von Concurrent Engineering bis zur multinationalen Produktentwicklung abdecken. Da der Fokus des Produktdatenmanagements auf der ganzheitlichen Kontrolle von Daten und Prozessen innerhalb einer Organisation liegt, ist PDM insbesondere in den technischen Unternehmensbereichen die geeignete Technologie, mit der die neuen Arbeitsabläufe kontrolliert umgesetzt werden können.

Basierend auf einem Produktdatenmodell stellt PDM eine Verbindung zwischen den verschiedenen Applikationen und Bereichen dar. Langfristig muss hierzu ein ganzheitliches Produktdatenmanagement eingerichtet werden, mit dem es gelingt, auf der Basis einer stets konsistenten und möglichst redundanzfreien Datenbasis die zur Generierung des Produktes und der zugehörigen Produktdaten beteiligten Prozessabläufe zu integrieren. PDM managt hierbei die Produktdaten während des gesamten Produktlebenszyklusses und stellt sicher, dass die richtige Information zur richtigen Zeit in der richtigen Form beim richtigen Bearbeiter ist. PDM ermöglicht so die Kommunikation und Integration der verschiedenen Unternehmensbereiche und wird mehr und mehr zur Basis-Anwendung nicht nur für die Restrukturierung der Produktentwicklungsprozesse.

Dieser enge Zusammenhang zwischen PDM und Prozessneugestaltung heißt aber nicht, dass die Einführung eines PDM-Systems automatisch zu einer Prozessverbesserung führt: Wer versucht, ein PDM System auf den bestehenden Strukturen und Prozessen aufzusetzen, erreicht nicht die angestrebten Optimierungsziele, sondern automatisiert lediglich bestehende Probleme.


PDM, die Basis für Prozessoptimierung

PDM führt die Teilbeschreibungen des Produkts zu einer konsistenten und umfassenden digitalen Beschreibung zusammen, so dass – gesteuert über eine Workflow-Funktionalität – für alle Beteiligten stabile Prozesse transparent gestaltet werden können.

Damit ist die Basis geschaffen für die Bereitstellung, Integration und Standardisierung computergestützter Methoden, wie z.B.:

  • Berechnung von Gewicht und Schwerpunkt von Bauteilen, Baugruppen, Mockups
  • Kollisionsprüfung mit Hilfe eines digitalen Mockups
  • Zugänglichkeits- und Wartbarkeitsuntersuchungen am digitalen Mockup
  • automatisierte Erzeugung von Explosionszeichnungen und Illustrationen

Transparenz der Prozesse von der Produktentwicklung bis zur Wartungsdokumentation

Neue Partner können jederzeit ohne aufwendige Systemanpassungen am Projekt beteiligt werden (z.B. für eine bestimmte Zeit, Phase oder Anzahl von Produkten).

Des weiteren können neue Produkte durch die Zusammenstellung vorhandener Komponenten generiert und entwickelte Standardlösungen konsequenter genutzt werden.

Die für die erfolgreiche Einführung der PDM-Technologie erforderliche detaillierte Prozess- und Datenmodellierung erlaubt zudem den nächsten Schritt in Richtung eines effizienten Wissensmanagements. So wird die Gestaltung und Pflege einer PDM-Wissensdatenbank über Produktdaten, Technologien, Methoden und Prozesse möglich, welche

  • die Entkopplung von Know-how und Personen erlaubt und
  • die Implementierung flexibler Organisationsformen (Fachorganisation, integrierte Teams, Produktorganisation) erleichtert

Allgemein ist festzuhalten, dass die Einführung von PDM zum Teil eine radikale Änderung von Methoden und Prozessen bewirken kann. Damit dies auch zum Erfolg des Unternehmens beiträgt, ist ein grundlegender Wandel in der Organisation und den Köpfen der Mitarbeiter die Hauptvoraussetzung und muss durch entsprechende Personalentwicklungsmaßnahmen begleitet werden.


Literatur

Jungfermann, W./Schmidt, S.: EDM-PPS-Kopplung: Orientierung an Prozessen führt zum Erfolg. In: EDM-Report Nr. 1, 1996.

Lozinski, V./Mühleck, P./Polly, A.: Neue Wege in der Abbildung von Produktstrukturen. In: Digital World 1/99, S. 42–44.

Miller, E.: Technology: Only One Piece of the PDM Purchase Decision.
www.penton.com/cae/res/archives/9711pdm.html*

Miller, E.: Business Process Re-Engineering.
www.penton.com/cae/res/archives/9703pdm.html*

Rieckmann, W.: Produktdaten entscheiden über Marktanteile. In: Information Week Nr. 25/Dezember 1998.

 

 

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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