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Dialogorientierte elektronische technische Dokumentation in SGML/XML

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Februar 2000

Von Robert Schnurer

Inhaltsübersicht:

XML wie auch SGML schreiben im Gegensatz zu HTML keine feste Menge an Elementen vor. Beide Auszeichnungssprachen lassen sich durch Wahl geeigneter Markierungen anwendungsspezifisch definieren, um so flexibel verschiedenen Problemfeldern gerecht zu werden. So werden derzeit nicht nur im Bereich des Electronic Commerce unterschiedlichste XML-basierte Entwürfe entwickelt. Auch bei der DaimlerChrysler Aerospace AG (DASA), Geschäftsbereich Militärflugzeuge, wurde eine XML-kompatible SGML-Anwendung zur Erfassung dialogorientierter technischer Dokumentation implementiert.


SGML/XML in Bewegung

Die Ausgabe eines Dokuments auf unterschiedlichen Medien wird sich je nach gewähltem Medium ändern. Dabei darf es jedoch nicht zu einem Informationsverlust führen. SGML/XML basieren auf dem Konzept der Trennung des Informationsgehalts eines Dokuments von seiner Präsentation, wobei mit Hilfe von frei wählbaren Markierungen („Markups“) Struktur und Daten eines Dokuments beschrieben werden können.

Genauer gesagt ist SGML (Standard Generalized Markup Language) eine standardisierte, von Computern und Menschen lesbare Auszeichnungssprache und beschreibt einen Weg, wie Elemente definiert werden und wie sich die Beziehungen der Elemente in einer bestimmten Dokumentenklasse darstellen. Auf diese Weise kann für die Lösung eines bestimmten Problems (z.B. Erstellung einer standardisierten Vorlage für Firmenberichte) eine Menge von SGML-Elementen und deren Beziehungen untereinander definiert werden. Diese so genannte Document Type Definition (DTD) legt dann die SGML-Anwendung fest.

Es haben sich nun im Laufe der Zeit, u.a. um durch die gegebene Offenheit von SGML einem Wildwuchs an unterschiedlichen SGML-Anwendungen entgegenzuwirken, international standardisierte Dokumentstrukturen gebildet. Beispiele hierfür sind im Bereich der Luftfahrt AECMA Spec 1000D oder ATA 100.

Mit Entwurf der Auszeichnungssprache XML (Extensible Markup Language), die im November 1996 als neuer Standard im Web-Umfeld vorgestellt wurde, kam Schwung in diesen Bereich. Die XML-Sprache sollte weder die HTML-Einschränkungen noch die SGML-Komplexität haben. Die Lösung war eine echte Untermenge von SGML, welche die selten genutzten Konstrukte von SGML nicht beinhaltet, aber gleichzeitig flexibel genug ist, um den unterschiedlichsten Anforderungen des Webs (wie z.B. Heterogenität und Erweiterbarkeit) gerecht zu werden. SGML wurde also soweit abgemagert, dass ein verständlicher und einfach zu verwendender Mechanismus entstand.

Die hohe Akzeptanz von XML lässt den Schluss zu, dass sich dieser Standard zum zukünftig wichtigsten Format für Daten und Dokumente herausbilden wird. XML bietet hierbei praktisch keinerlei technologische oder konzeptionelle Neuheit, sondern ist lediglich eine SGML-konforme Sprache zur Definition unterschiedlichster Dokumentklassen. Aber alleine die Tatsache der Akzeptanz einer solchen Standardfamilie führt dazu, dass eine Vielzahl von Anwendungsfeldern in den Blickwinkel von XML rücken und damit einer standardisierten und zugleich Web-fähigen Lösung zugeführt werden. Als Beispiele seien nur folgende genannt:

Open Trading Protocol www.otp.org*
XML/EDI www.xmledi.com
Open Financial Exchange www.ofx.net
Resource Description Framework www.w3.org/RDF

Einige Beispiele für XML-Lösungen

Bei der DaimlerChrysler Aerospace AG (DASA), Geschäftsbereich Militärflugzeuge, wurde auf analoge Weise eine SGML-Anwendung zur Erfassung dialogorientierter technischer Dokumentation, d.h. Dokumentation mit anweisendem und abfragendem Charakter wie z.B. Funktionsprüfungen, spezifiziert und als IETD (Interaktive Elektronische Technische Dokumentation) implementiert. Hierbei wurde darauf geachtet, dass die Lösung zugleich XML-kompatibel ist.


Dialogorientierte technische Dokumentation

Neben der klassischen beschreibenden technischen Dokumentation (z.B. Wartungshandbücher) stellen Fehlersuche bzw. Diagnose wie auch Funktionsprüfungen einen wichtigen Baustein im Rahmen von Instandsetzung und Reparatur dar und bieten sich geradezu an, um in Form einer IETD bereitgestellt zu werden. Es handelt sich dabei um Dokumentationen mit anweisendem und abfragendem Charakter, so dass eine Dialogfunktion zur Kommunikation zwischen dem Retrieval-System und dem Nutzer notwendig ist, d.h. diese Art der technischen Dokumentation sollte im Dialog durch Anzeige bzw. Abfrage der Einzelanweisungen erfolgen.

Die Notwendigkeit, den jeweiligen Prüfvorgang auch nach der Durchführung wieder nachvollziehen zu können, erfordert bei der Nutzung einer interaktiven elektronischen Dokumentation, dass der Prüfvorgang mit den auftretenden Fehlersymptomen, den durchgeführten Prüfschritten, den Zwischenergebnissen und den erfolgten Eingaben protokolliert werden kann. Denn dadurch hat der Nutzer nach erfolgter Fehlersuche bzw. Funktionsprüfung die Möglichkeit, sich die einzelnen durchgeführten Schritte anzeigen zu lassen.

Folgendes Beispiel zeigt vereinfachend einen Prüfablauf in tabellarischer Form, wie er klassischerweise auf Papier bereitgestellt wurde. D.h. das Prüfproblem lag in den meisten Fällen als binärer Entscheidungsbaum vor, der dann im Laufe der Zeit auf Basis des gesammelten Erfahrungswissens komplettiert wurde.

Nr.

Maßnahme

Beobachtung

Ja

Nein

Innenbeleuchtungstest

1 Lichtschalter drücken Die Zimmerbeleuchtung ist an 6 2
2 Glühbirne herausschrauben und prüfen Glühbirne in Ordnung 4 3
3 Neue Glühbirne einsetzen Die Zimmerbeleuchtung ist an 6 4
4 Sicherungskasten öffnen und Sicherung prüfen Sicherung hat ausgelöst 5  
5 Sicherungsautomat einschalten Die Zimmerbeleuchtung ist an 6  
6 Ende des Prüfvorganges      

Beispiel eines Prüfablaufs in tabellarischer Form


Metafile for Interactive Documents (MID)

Bei MID (Metafile for Interactive Documents) handelt es sich um einem Vorschlag für einen internationalen Standard, der auf SGML (ISO 8879) und HyTime (ISO/IEC 10744) basiert und eine Methode spezifiziert, um Multimedia-Informationen von Autoren- in Nutzungssysteme zu transportieren. Die Entwicklung von wurde vom Naval Air Warfare Center – Aircraft Division, St. Inigoes, Md, initiiert und von der U.S. Navy gefördert.

Diese SGML-Anwendung liefert Sprachkonstrukte, um das Verhalten und die Ablauflogik im Datenbestand eindeutig zu formulieren, und erlaubt somit die Entkopplung von Datenbestand und Präsentationssoftware. Auch hier sind Details der Formatierung nicht Bestandteil des Dokumentes.

In einem MID-Dokument existieren somit Auszeichnungsmöglichkeiten für gängige Elemente, die in einer grafischen Oberfläche vorkommen (Menüleiste, Schaltknöpfe, Eingabefelder, Textfelder, Pop-ups usw.), prozedurale Sprachmöglichkeiten (Skripte, Variablen, If-then-else-Anweisungen usw.), aber auch dokumentspezifische Markierungen wie Paragraphen und Listen, die hier jedoch eine untergeordnete Rolle spielen.

Die folgende Abbildung stellt vereinfachend die Grundstruktur eines MID-Dokumentes dar. Es besteht aus einem Eingangsskript, das bestimmt, wo die Abarbeitung des Dokumentes beginnt, und einem Pool, der alle Dokumentationsanteile beinhaltet. In diesem Beispiel ist es eine Folge von verketteten und zum Teil gekapselten Infocontainern. Man kann sich bildlich einen Infocontainer als einen Bildschirminhalt vorstellen, der wiederum aus Teilfenstern und z.B. Buttons mit einer bestimmten Funktionalität besteht.

Grundstruktur eines MID-Dokuments


Eine MID-basierte Lösung in SGML

Bei der DASA wurde nun basierend auf dem allgemeinen Ansatz gemäß MID (unter Verzicht auf die HyTime-Aspekte) eine reine XML-konforme SGML-Anwendung entwickelt, um dialogorientierte technische Dokumentation abzubilden.
Dabei ergab sich folgende Problematik:

  • Die direkte Eingabe von MID-Konstrukten in einen SGML- oder XML-Editor stellt sich als eine sehr unübersichtliche und komplexe Aufgabe für die technischen Autoren dar.
  • MID-Konstrukte sind nicht konform mit AECMA Spec 1000D.
  • MID-Konstrukte sind zwar sehr gut für IETD geeignet, aber ein Ausdruck ist nicht befriedigend möglich.

Um diese Probleme zu lösen, hat man bei der DASA folgenden Weg eingeschlagen: Zunächst werden die Fehlersuchverfahren bzw. Funktionsprüfungen nach alter Manier tabellarisch eingegeben, jedoch unter Verwendung einer mit AECMA Spec 1000D konformen SGML-Tabelle (im folgenden Fehlersuchtabelle genannt). Erst bei der Datenaufbereitung für die IETD werden die MID-Konstrukte aus der SGML-Tabelle generiert. Zur Steuerung dieser Transformation wird den Fehlersuchtabellen lediglich zusätzliche Information mitgegeben, die beim Ausdruck aber unterdrückt wird. Hierzu werden die Spalten der Fehlersuchtabelle über eine Spaltenkennzeichnung den MID-Konstrukten zugeordnet. Spaltenbreite wie auch die Anordnung der Spalten ist dabei beliebig. In der Regel stellt eine Spalte einen Bildschirminhalt dar.

Folgender Tabellenausschnitt zeigt beispielhaft diese Vorgehensweise: Der rot hinterlegte Teil wurde ausschließlich für die Erstellung einer MID-basierten IETD hinzugefügt und wird bei einem Ausdruck unterdrückt. Die letzte Spalte z.B. macht auf Papier keinen Sinn, da sie lediglich für die IETD festlegt, dass bei dem aufgeführten Prüfschritt die Möglichkeit besteht, zum zeitlich vorhergehenden Prüfschritt zurückzukehren.

__ID

__PANE1

__PANE2

__GOTO

__GOTO

D_RETURN IC

Nr

Maßnahme

Beobachtung

Ja

Nein

Zurück

2

Glühbirne herausschrauben und prüfen

Glühbirne in Ordnung

4

3

Ja

Ausschnitt einer SGML-Tabelle

Die Menge der Steuerinformationen ist begrenzt und deren Verwendung klar und leicht nachvollziehbar.

Durch die Datenaufbereitung werden die SGML-Tabelle und die MID-Konstrukte im gleichen Dokument abgelegt. Das bedeutet, dass auch im Rahmen einer IETD-Anwendung für den Ausdruck die leicht auf Papier lesbare Tabellenform verwendet werden kann und für die Anzeige am Bildschirm die Dialogform. Der generierte Bildschirminhalt für den beispielhaft gezeigten Tabellenausschnitt würde sich wie folgt darstellen:

Aus Tabelle generierter Bildschirminhalt

Im Gegensatz zur papierorientierten Dokumentation ist damit auch die Möglichkeit gegeben, vom Nutzer dynamisch während der Abarbeitung des Prüfablaufes Werte abzufragen und je nach Eingabe den weiteren Prüfablauf zu steuern. Wichtig ist hierbei, dass es sich dabei nicht um eine spezifische Funktionalität des elektronischen Nutzungssystems handelt, sondern dass lediglich der SGML-Datenbestand interpretiert, dargestellt und in Form von Funktionalitäten umgesetzt wird – die gleiche Vorgehensweise also wie bei allen XML-Standardisierungsbemühungen. Damit ist natürlich der Grundstein gelegt für eine echte messtechnische Schnittstelle, d.h. die Werteingabe erfolgt nicht mehr durch den Nutzer, sondern durch das getestete System selbst.

Steuerung des Prüfablaufes am Bildschirm


Fazit

Dialogorientierte technische Dokumentation stellt eine ideale IETD-Anwendung dar, da gerade hier im Gegensatz zur klassischen papierorientierten Form das erreichbare Rationalisierungspotenzial erheblich ist.

Der dargestellte Ansatz verbindet die einfache tabellarische Eingabe von binären Entscheidungsbäumen mit modernen Ansätzen, wie sie derzeit bei allen XML-basierten Entwürfen für verschiedenste Anwendungsplattformen zum Einsatz kommen. Dieser Ansatz ermöglicht dem technischen Autor in seiner gewohnten Arbeitsumgebung, interaktive dialogorientierte Fehlersuchabläufe bzw. Funktionsprüfungen zu formulieren oder komplette Diagnosesysteme zu programmieren, ohne Skript- oder Programmiersprachen zu beherrschen.

Zugleich wird auf eine bereits bestehende SGML-Anwendung zurückgegriffen, diese jedoch auf die notwendigen Funktionalitäten abgemagert – der gleiche Grundsatz also, der auch zur XML-Entwicklung führte. Desweiteren ist mit diesem flexiblen Ansatz bei voller SGML/XML-Konformität eine außerordentliche IETD-Funktionalität erreichbar, die bis hin zur Integration von messtechnischen Schnittstellen reicht.


Literatur

Tolksdorf, R.: XML und darauf basierende Standards: Die neuen Auszeichnungssprachen des Web. In: Informatik Spektrum. Dez. 1999, S. 407-421.

Farsi, R.: XML. In: Informatik Spektrum. Dez. 1999, S. 436-438.

MID: What's New?
http:navycals.dt.navy.mil/mid/midnew.html

MID – The Metafile for Interactive Documents.
http://navycals.dt.navy.mil/mid/mid.html

 

 

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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