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Bildkonzeptionen bei knappem Budget

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Januar 2000

Von Wolfram W. Pichler

Inhaltsübersicht:

Fehlen in einer Anleitung notwendige Illustrationen, so ist diese fehlerhaft und damit das ganze Produkt. Für so manches Dokumentationsprojekt fehlt ein Budget für professionelle Zeichner. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie Ihren Instruktionspflichten dennoch nachkommen können.


Die Illustrationspflicht in der Instruktionspflicht

An welchen Stellen einer Anleitung sind Illustrationen notwendig? Zur Baugruppen- und Funktionsbeschreibung benötigen wir für die Nomenklatur und das Erkennen von Zusammenhängen ein Inventarbild, in dem die Gruppen oder Einzelteile bezeichnet sind. Damit Anwender den Erfolg einer Handhabung kontrollieren können, brauchen sie eine Vorher/Nachher-Skizze. Um sehr kleine Einzelheiten sichtbar machen zu können, arbeiten wir mit Lupen-Ausschnitten. Und mit einer räumlichen Lageorientierung weisen wir bei Sicherheitshinweisen auf Stellen hin, von denen Restgefahren ausgehen können.

Dies alles sind prominente Situationen, in denen die Verständlichkeit des Textes ohne Illustration schwer litte. Ohne Bild würden die Leser den Text – je nach Zielgruppe – gar nicht, falsch oder viel zu langsam verstehen, und das kann den Hersteller des Produkts im Schadensfall teuer zu stehen kommen.

„Was das wieder kostet!“, pflegen Chefs und Auftraggeber unseren Illustrationsforderungen entgegenzuhalten. Diese Angst kann ihnen genommen werden. Funktionierende Illustrationen müssen nicht viel Geld kosten, wie wir im weiteren Verlauf noch sehen werden.

Das wichtigste für rationelles und effektives Arbeiten ist eine gründliche Vorbereitung. So planen wir nicht nur global für unsere Dokumentationsprojekte sorgfältig Personal-, Sachmittel-, Liquiditäts- und Zeitkapazitäten, sondern ebenso für die Untermenge Illustration.


Die Illustrationen konzipieren

Ganz gleich, ob wir Grafiker engagieren (was wir im Regelfall sollten), oder ob wir die Bilder selbst herstellen (was wir im Ausnahmefall müssen), ist es notwendig, für die Illustrationen ein Konzept zu entwickeln. Zuerst müssen wir eine generelle Richtlinie aufstellen, danach die Details festlegen. Welche Bildaussage soll welche Textaussage ergänzen? Daraus ergibt sich die Gesamtmenge der Bilder. Und was soll jedes einzelne Bild wie zeigen? Daraus ergibt sich die Arbeitsanweisung für die (Abteilung) Grafik.

In der generellen Richtlinie treffen wir Grundsatzentscheidungen wie: „Verwenden wir Fotos oder Zeichnungen?“, von denen wir im begründeten Einzelfall durchaus auch einmal abweichen dürfen. Wenn wir aus didaktischen Gründen Fotos verwenden dürfen, weil sie nicht mit zu vielen Details vom Wesentlichen ablenken, dann dürfen wir uns aus drucktechnischen Gründen nur für sie entscheiden, falls die Anleitung im Offsetdruck hergestellt wird. Fotokopiert wirken Fotos wie gut gemeint, aber schlecht gekonnt.

Falls wir uns also für Zeichnungen entschieden haben, dann müssen wir wieder wählen zwischen Perspektive und gerader Draufsicht. Sodann sollten wir eine generelle Entscheidung über die Informationsmenge in jedem Bild treffen wie etwa „In keinem Bild (außer im Inventarbild) dürfen mehr als 5 Elemente gekennzeichnet sein“, damit jedes Bild auf einen Blick vollständig erfasst werden kann. Und: „Die Liniendicke soll generell 0,5 Punkt sein, bei Schattenkanten 1 Punkt, bei Hilfslinien Haarlinie.“ Sowie: „Schattenflächen und Hohlräume müssen mit 40% gerastert werden“ oder – alternativ – weiß bleiben.

Bei all diesen Entscheidungen kann uns professioneller Grafiker-Rat wertvolle Dienste leisten. Umgekehrt, wenn wir Grafiker für unser Projekt engagieren, dürfen wir sie mit Entscheidungen über den erforderlichen und zulässigen Abstraktionsgrad in den Bildern nicht allein lassen. Was im Einzelnen entfallen kann, hängt von der Gesamtaussage des Text/Bild-Informationspakets ab.

Wie wir vom Erfinder/Entwickler/Konstrukteur eines Produkts Informationen beschaffen müssen über Intention (bestimmungsgemäßer Gebrauch) und Funktion (Handhabung, Betrieb), genau so müssen wir dem Grafiker Informationen liefern über den Zusammenhang von Bild und Text sowie über die Sehgewohnheiten und das Erkenntnisvermögen unserer Zielgruppe/n.

Ein Bildkonzept muss also her. Ich habe mir für diesen Zweck ein Formular entwickelt, das Ihnen hier verraten und zur Nachahmung empfohlen sei:

Vordruck eines Bildkonzeptes zum Vervielfältigen und Ausfüllen

Ein gut abgestimmtes und dokumentiertes Bildkonzept ist auf doppelte Weise äußerst nützlich:

  1. Am Ende des Projekts weiß jeder Beteiligte, nach welchen Kriterien die Qualität der Illustrationen zu kontrollieren ist.
  2. Die Aufzeichnungen genügen in vollem Umfang den Forderungen eines nach ISO 9000 ff. zertifizierten Qualitätsmanagement-Systems.

Wenn ich im nächsten Abschnitt die einzelnen Arbeitsschritte der Bildproduktion erörtere, werde ich dafür ein Beispiel aus meiner täglichen Auftragsarbeit heranziehen. Dieses Beispiel führe ich auch jetzt schon als Muster für ein Bildkonzept an:

Momentaufnahme aus einer Bildkonzeption

Die Aufgabe bestand darin, eine Anleitung für eine neue Geräteversion zu erstellen. Dabei durfte das Gestaltungskonzept großenteils von der alten Anleitung abweichen und verbessert werden. In der alten Anleitung waren Fotos verwendet worden. Wir kamen überein, in der neuen Anleitung Zeichnungen zu verwenden. Dafür waren zwei Gründe ausschlaggebend:

  1. Der Prototyp des neuen Geräts war noch nicht bis in die letzten Details endgültig, so dass es gültige Fotos erst zeitgleich mit dem Druck der Anleitung geben würde. Der Abstraktionsgrad der Zeichnungen würde aber die feinen Unterschiede zwischen Original und Fälschung nicht offenbaren.
  2. Es sollten lediglich kleinere Auflagen im Digitaldruck-Verfahren Printing-on-Demand geordert werden. Bei diesem Druckverfahren wären Fotos nicht schön genug herausgekommen.

Wir vereinbarten nun, dass ein Fotograf nach meinen Skizzen neue Fotos aufnimmt, und dass ich anschließend aus den Fotos – irgendwie – Zeichnungen destilliere. Also habe ich in das Skizzenfeld meines Vordrucks die Gerätesituation nach den alten Fotos grob mit Bleistift hineinskizziert.


Vom Foto zum Abkupferkabinett

Zunächst waren die Fotos zu scannen und als Tiff-Dateien zu speichern.

Das gescannte Foto als Tiff-Datei

 

Mit einem Bildbearbeitungs- und Retusche-Programm kann man nun einen speziellen Filter auf die Datei anwenden, der die Hauptkonturen ermittelt und hervorhebt und die inneren Flächen im Ungewissen grau lässt.

Konturen hervorheben auf Kosten der inneren Details

Die neue Tiff-Datei ist immer noch ein Pixelbild. In einer zweiten Schicht darüber wurden mit einem Vektorgrafik-Programm einige Konturen zusätzlich aufgelegt und die Positionsziffern gesetzt.

Das Ergebnis hat in unserem Fall zu wenig Detailzeichnung gebracht und wurde daher verworfen. Zu einer anderen Linienführung, aber demselben Endergebnis kommt man mit einer Vektorisierungs-Software, die die Konturen automatisch in Vektorpfade umwandelt.

Vom Foto automatisch zur Vektor-Kontur

Da nicht alle Linien automatisch gefunden wurden, hat man hier die Wahl, entweder vor der Vektorisierung mit dem Schwellwert zu experimentieren oder die fehlenden Linien hinterher mit einem Vektorgrafik-Programm nachzuzeichnen. Auch hier mag es Fälle geben, in denen die Handschrift der Linienführung die beabsichtigte Wirkung unterstützt. Wir dagegen strebten mehr nach einer klassischen Zeichnung.

Und jetzt kommt der Trick, wie wir uns – bei verbrauchtem Etat ausnahmsweise – schnell selber helfen können. Ich stelle Ihnen das Verfahren in vier Schritten vor. Wer will, kann daraus eine Qualitätsmanagement-Verfahrensanweisung ableiten.

  1. Legen Sie ein neues Blatt Overhead-Folie in den Einzelblatteinzug des Kopierers und vergrößern Sie das Foto so, dass es das A4-Format gut ausfüllt. Die Ansicht soll mindestens doppelt so groß sein wie das später zu druckende Bild.
  2. Befestigen Sie die Folie mit Klebestreifen unter einem transparenten Zeichenblatt.
  3. Legen Sie das Transparentblatt mit dem unterlegten Foto auf einen Leuchtkasten und pausen Sie das Foto mit einem schwarzen Filzstift durch. Wenn Sie keinen Leuchtkasten haben, kleben Sie die Blätter an eine Fensterscheibe und lassen Sie sie vom Tageslicht durchleuchten.

Fertig ist die Zeichnung!

Nun kann man noch im Layout- oder Grafik-Programm die Positionsziffern ergänzen.

Bis man experimentell das geeignete Verfahren ermittelt hat, vergeht Aufwand und Zeit. Aber im Batchbetrieb holt man dann reichlich wieder auf, wenn nach einem zufriedenstellenden Muster alle anderen Bilder genau so anzufertigen sind.

Und wenn man dann doch noch einen Hundertmarkschein in der Portokasse findet, dann kann man einen Grafik-Profi beschäftigen. Der arbeitet im Prinzip mit demselben Verfahren, kommt aber zu einem schöneren Ergebnis.

Profi-Zeichnung


Tipps zum Weiterlesen

Croy, Otto: Photos helfen zeichnen. Handbuch für die Photo-Grafik in der Werbepraxis. München: Verlag Karl Thiemig 1971.

Hahn, Hans Peter: Technische Dokumentation leichtgemacht. München: Hanser Verlag 1996.

Thiele, Ulrich: Scannen – für Technikredakteure. In: tekom nachrichten 3/95, Seite 38-40.

Zieten, Werner: Gebrauchs- und Betriebsanleitungen direkt – wirksam – einfach – einleuchtend. Landsberg a. Lech: Verlag moderne industrie 1990.

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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