Fehlen
in einer Anleitung notwendige Illustrationen, so ist diese fehlerhaft
und damit das ganze Produkt. Für so manches Dokumentationsprojekt
fehlt ein Budget für professionelle Zeichner. In diesem
Beitrag erfahren Sie, wie Sie Ihren Instruktionspflichten dennoch
nachkommen können.
Die
Illustrationspflicht in der Instruktionspflicht
An
welchen Stellen einer Anleitung sind Illustrationen notwendig?
Zur Baugruppen- und Funktionsbeschreibung benötigen wir
für die Nomenklatur und das Erkennen von Zusammenhängen
ein Inventarbild, in dem die Gruppen oder Einzelteile bezeichnet
sind. Damit Anwender den Erfolg einer Handhabung kontrollieren
können, brauchen sie eine Vorher/Nachher-Skizze. Um sehr
kleine Einzelheiten sichtbar machen zu können, arbeiten
wir mit Lupen-Ausschnitten. Und mit einer räumlichen Lageorientierung
weisen wir bei Sicherheitshinweisen auf Stellen hin, von denen
Restgefahren ausgehen können.
Dies
alles sind prominente Situationen, in denen die Verständlichkeit
des Textes ohne Illustration schwer litte. Ohne Bild würden
die Leser den Text je nach Zielgruppe gar nicht,
falsch oder viel zu langsam verstehen, und das kann den Hersteller
des Produkts im Schadensfall teuer zu stehen kommen.
Was
das wieder kostet!, pflegen Chefs und Auftraggeber unseren
Illustrationsforderungen entgegenzuhalten. Diese Angst kann
ihnen genommen werden. Funktionierende Illustrationen müssen
nicht viel Geld kosten, wie wir im weiteren Verlauf noch sehen
werden.
Das
wichtigste für rationelles und effektives Arbeiten ist
eine gründliche Vorbereitung. So planen wir nicht nur global
für unsere Dokumentationsprojekte sorgfältig Personal-,
Sachmittel-, Liquiditäts- und Zeitkapazitäten, sondern
ebenso für die Untermenge Illustration. 
Die Illustrationen konzipieren
Ganz
gleich, ob wir Grafiker engagieren (was wir im Regelfall sollten),
oder ob wir die Bilder selbst herstellen (was wir im Ausnahmefall
müssen), ist es notwendig, für die Illustrationen
ein Konzept zu entwickeln. Zuerst müssen wir eine generelle
Richtlinie aufstellen, danach die Details festlegen. Welche
Bildaussage soll welche Textaussage ergänzen? Daraus ergibt
sich die Gesamtmenge der Bilder. Und was soll jedes einzelne
Bild wie zeigen? Daraus ergibt sich die Arbeitsanweisung für
die (Abteilung) Grafik.
In
der generellen Richtlinie treffen wir Grundsatzentscheidungen
wie: Verwenden wir Fotos oder Zeichnungen?, von
denen wir im begründeten Einzelfall durchaus auch einmal
abweichen dürfen. Wenn wir aus didaktischen Gründen
Fotos verwenden dürfen, weil sie nicht mit zu vielen Details
vom Wesentlichen ablenken, dann dürfen wir uns aus drucktechnischen
Gründen nur für sie entscheiden, falls die Anleitung
im Offsetdruck hergestellt wird. Fotokopiert wirken Fotos wie
gut gemeint, aber schlecht gekonnt.
Falls
wir uns also für Zeichnungen entschieden haben, dann müssen
wir wieder wählen zwischen Perspektive und gerader Draufsicht.
Sodann sollten wir eine generelle Entscheidung über die
Informationsmenge in jedem Bild treffen wie etwa In keinem
Bild (außer im Inventarbild) dürfen mehr als 5 Elemente
gekennzeichnet sein, damit jedes Bild auf einen Blick
vollständig erfasst werden kann. Und: Die Liniendicke
soll generell 0,5 Punkt sein, bei Schattenkanten 1 Punkt, bei
Hilfslinien Haarlinie. Sowie: Schattenflächen
und Hohlräume müssen mit 40% gerastert werden
oder alternativ weiß bleiben.
Bei
all diesen Entscheidungen kann uns professioneller Grafiker-Rat
wertvolle Dienste leisten. Umgekehrt, wenn wir Grafiker für
unser Projekt engagieren, dürfen wir sie mit Entscheidungen
über den erforderlichen und zulässigen Abstraktionsgrad
in den Bildern nicht allein lassen. Was im Einzelnen entfallen
kann, hängt von der Gesamtaussage des Text/Bild-Informationspakets
ab.
Wie
wir vom Erfinder/Entwickler/Konstrukteur eines Produkts Informationen
beschaffen müssen über Intention (bestimmungsgemäßer
Gebrauch) und Funktion (Handhabung, Betrieb), genau so müssen
wir dem Grafiker Informationen liefern über den Zusammenhang
von Bild und Text sowie über die Sehgewohnheiten und das
Erkenntnisvermögen unserer Zielgruppe/n.
Ein
Bildkonzept muss also her. Ich habe mir für diesen Zweck
ein Formular entwickelt, das Ihnen hier verraten und zur Nachahmung
empfohlen sei:
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Vordruck
eines Bildkonzeptes zum Vervielfältigen und Ausfüllen
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Ein
gut abgestimmtes und dokumentiertes Bildkonzept ist auf doppelte
Weise äußerst nützlich:
- Am
Ende des Projekts weiß jeder Beteiligte, nach welchen
Kriterien die Qualität der Illustrationen zu kontrollieren
ist.
- Die
Aufzeichnungen genügen in vollem Umfang den Forderungen
eines nach ISO 9000 ff. zertifizierten Qualitätsmanagement-Systems.
Wenn
ich im nächsten Abschnitt die einzelnen Arbeitsschritte
der Bildproduktion erörtere, werde ich dafür ein Beispiel
aus meiner täglichen Auftragsarbeit heranziehen. Dieses
Beispiel führe ich auch jetzt schon als Muster für
ein Bildkonzept an:
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Momentaufnahme
aus einer Bildkonzeption
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Die
Aufgabe bestand darin, eine Anleitung für eine neue Geräteversion
zu erstellen. Dabei durfte das Gestaltungskonzept großenteils
von der alten Anleitung abweichen und verbessert werden. In
der alten Anleitung waren Fotos verwendet worden. Wir kamen
überein, in der neuen Anleitung Zeichnungen zu verwenden.
Dafür waren zwei Gründe ausschlaggebend:
- Der
Prototyp des neuen Geräts war noch nicht bis in die
letzten Details endgültig, so dass es gültige
Fotos erst zeitgleich mit dem Druck der Anleitung geben
würde. Der Abstraktionsgrad der Zeichnungen würde
aber die feinen Unterschiede zwischen Original und Fälschung
nicht offenbaren.
- Es
sollten lediglich kleinere Auflagen im Digitaldruck-Verfahren
Printing-on-Demand geordert werden. Bei diesem Druckverfahren
wären Fotos nicht schön genug herausgekommen.
Wir
vereinbarten nun, dass ein Fotograf nach meinen Skizzen neue
Fotos aufnimmt, und dass ich anschließend aus den Fotos
irgendwie Zeichnungen destilliere. Also habe
ich in das Skizzenfeld meines Vordrucks die Gerätesituation
nach den alten Fotos grob mit Bleistift hineinskizziert.
Vom Foto zum Abkupferkabinett
Zunächst
waren die Fotos zu scannen und als Tiff-Dateien zu speichern.
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Das
gescannte Foto als Tiff-Datei
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Mit
einem Bildbearbeitungs- und Retusche-Programm kann man nun
einen speziellen Filter auf die Datei anwenden, der die
Hauptkonturen ermittelt und hervorhebt und die inneren Flächen
im Ungewissen grau lässt.
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Konturen
hervorheben auf Kosten der inneren Details
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Die
neue Tiff-Datei ist immer noch ein Pixelbild. In einer zweiten
Schicht darüber wurden mit einem Vektorgrafik-Programm
einige Konturen zusätzlich aufgelegt und die Positionsziffern
gesetzt.
Das
Ergebnis hat in unserem Fall zu wenig Detailzeichnung gebracht
und wurde daher verworfen. Zu einer anderen Linienführung,
aber demselben Endergebnis kommt man mit einer Vektorisierungs-Software,
die die Konturen automatisch in Vektorpfade umwandelt.
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Vom
Foto automatisch zur Vektor-Kontur
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Da
nicht alle Linien automatisch gefunden wurden, hat man
hier die Wahl, entweder vor der Vektorisierung mit dem
Schwellwert zu experimentieren oder die fehlenden Linien
hinterher mit einem Vektorgrafik-Programm nachzuzeichnen.
Auch hier mag es Fälle geben, in denen die Handschrift
der Linienführung die beabsichtigte Wirkung unterstützt.
Wir dagegen strebten mehr nach einer klassischen Zeichnung.
Und
jetzt kommt der Trick, wie wir uns bei verbrauchtem
Etat ausnahmsweise schnell selber helfen können.
Ich stelle Ihnen das Verfahren in vier Schritten vor.
Wer will, kann daraus eine Qualitätsmanagement-Verfahrensanweisung
ableiten.
- Legen
Sie ein neues Blatt Overhead-Folie in den Einzelblatteinzug
des Kopierers und vergrößern Sie das Foto
so, dass es das A4-Format gut ausfüllt. Die Ansicht
soll mindestens doppelt so groß sein wie das später
zu druckende Bild.
- Befestigen
Sie die Folie mit Klebestreifen unter einem transparenten
Zeichenblatt.
-
Legen
Sie das Transparentblatt mit dem unterlegten Foto
auf einen Leuchtkasten und pausen Sie das Foto mit
einem schwarzen Filzstift durch. Wenn Sie keinen Leuchtkasten
haben, kleben Sie die Blätter an eine Fensterscheibe
und lassen Sie sie vom Tageslicht durchleuchten.
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Fertig
ist die Zeichnung!
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Nun
kann man noch im Layout- oder Grafik-Programm die Positionsziffern
ergänzen.
Bis
man experimentell das geeignete Verfahren ermittelt hat,
vergeht Aufwand und Zeit. Aber im Batchbetrieb holt man
dann reichlich wieder auf, wenn nach einem zufriedenstellenden
Muster alle anderen Bilder genau so anzufertigen sind.
Und
wenn man dann doch noch einen Hundertmarkschein in der
Portokasse findet, dann kann man einen Grafik-Profi beschäftigen.
Der arbeitet im Prinzip mit demselben Verfahren, kommt
aber zu einem schöneren Ergebnis.
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Profi-Zeichnung
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Tipps zum Weiterlesen
Croy,
Otto: Photos helfen zeichnen. Handbuch für die Photo-Grafik
in der Werbepraxis. München: Verlag Karl Thiemig 1971.
Hahn,
Hans Peter: Technische Dokumentation leichtgemacht. München:
Hanser Verlag 1996.
Thiele,
Ulrich: Scannen für Technikredakteure. In: tekom
nachrichten 3/95, Seite 38-40.
Zieten,
Werner: Gebrauchs- und Betriebsanleitungen direkt
wirksam einfach einleuchtend. Landsberg a.
Lech: Verlag moderne industrie 1990. 