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Vom Silberfoto zum Pixelbild

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Januar 2001

Von Marcus Jüngling

Inhaltsübersicht:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, weshalb auch die Visualisierung von Informationen die Effizienz der technischen Dokumentation enorm steigern kann, ja mittels der Visualisierung wird die Vermittlung so mancher Informationen überhaupt erst sinnvoll möglich.

Eine Möglichkeit der Visualisierung bietet die Fotografie. Dabei stellt sich heute natürlich die Frage: digital oder analog? Der Fotograf Marcus Jüngling lädt ein zu einer ganz persönlichen Zeitreise vom Silberfoto zum Pixelbild.


Der schwere Abschied von der Entwicklerflüssigkeit

Sie kennen noch die alten Bilder Ihrer Vorfahren: Herausgeputzt zum Familienbild sitzen alle in Reih und Glied und warten gebannt. Der Fotograf als Geschichtsschreiber, Maler des Lichts erzeugt Kunstwerke aus Silber.

Die Zeit aber nimmt ihren Lauf und irgendwann ist der Mann unter dem schwarzen Tuch verschwunden. Sein Nachfolger hält nur noch einen kleinen Kasten in der Hand, mit dem sogar farbige Bilder produziert werden können. Dann kommen die Kleinbildkameras – ein kleines Wunder an Qualität und Präzision.

Obwohl der Fotograf Ansel Adams schon Anfang des 20. Jahrhunderts für möglich gehalten hatte, dass Bilder einmal elektronisch aufgezeichnet werden könnten, glaubte niemand daran, dass nach der Farbfotografie noch eine Steigerung möglich sei. Selbst als Video auf den Markt kam, machten sich Fotografen noch über die Qualität der digitalen Bilder lustig und schwörten weiterhin auf ihre in der Qualität nicht zu übertreffenden Silberbilder.

Auch ich gehörte zu diesen Skeptikern: Nach meiner Ausbildung zum Fotografen, ersten Erfolgen und viel Spaß mit allen Facetten des Fotografen-Handwerks kam der Tag, an dem ich mit all dem auf einen Schlag nichts mehr zu tun haben sollte – so zumindest meine Befürchtung, als die digitale Fotografie in unser Werbestudio einzog. Ausgerechnet mich hatte mein Chef zum Leiter dieses Bereiches ernannt. "Keine Dias mehr im Großformat – damit werden Brillanz und Farbvielfalt zu Fremdwörtern", flüsterten mir innere Stimmen zu, obwohl ich mich mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hatte.

Doch nach den ersten Lehrstunden in digitaler Fotografie und Bildbearbeitung wich dieser Missmut rasch. Schnell waren Ideen da, neue Gestaltungsmöglichkeiten taten sich auf und verdrängten Dias und Entwicklerflüssigkeit aus meinem Alltag. Kunden wurden eingeladen, um sie von der Qualität, die die neue Technik bringt, zu überzeugen. Doch nun hatten die Kunden unsere eigenen Argumente zur Hand; jedes einzelne kannte man bestens. Neue Wege zu gehen und dabei alte Standards über den Haufen zu werfen, das war für viele unmöglich. Doch umdenken mussten schließlich alle: Fotografen, Reprografen, Werber und Kunden!


Die digitale Kamera ist nicht mehr weg zu denken

Circa 5 Jahre später, im Jahr 2000: Bei den Berufs-Fotografen, vor allem in der Pressearbeit, ist die digitale Kamera nicht mehr weg zu denken. Bilder können direkt nach dem Schuss mit dem Handy um die Welt geschickt werden. Das wachsende Verlangen nach immer schneller und zeitnaher zur Verfügung stehenden Informationen konnte dank der neuen Technik befriedigt werden.

Im Werbestudio werden digitale Effekte und die Bildbearbeitung genutzt, um neue Eindrücke zu schaffen. Die Produktion bei Katalogen wird standardisiert, um Kosten zu sparen. Darüber hinaus treten keine ungewollten Schwankungen durch Film-Emulsionen oder Entwicklungen mehr auf. Alles kann gemessen und einer vorab definierten Norm entsprechend festgelegt werden.

Auch die Hobby-Fotografen haben mittlerweile die Vorteile der digitalen Fotografie erkannt: Im ersten Halbjahr 2000 wurden zum ersten Mal mehr digitale als herkömmliche analoge Kameras verkauft. Die schnelle Verfügbarkeit der Bilder und das Verändern nach den eigenen Vorstellungen – für viele ein Grund für den Umstieg. Die gute alte Spiegelreflexkamera und das Farbnegativ wandern nach und nach in die Abstellkammer.


Vorteile und Kostenersparnis?

Doch wieder zurück in den Alltag der Werbefotografie: Bringt die digitale Fotografie tatsächlich nur Vorteile und Kosteneinsparungen? Oder wird uns das alles nur von der Herstellerindustrie vorgerechnet, damit sie ihre teuren Digitalkameras an den Mann bringen kann? Ist es wirklich zwingend notwendig, auf eine digitale Fotoproduktion umzusteigen? Oder sollte man alles belassen wie bisher?

Aus Fotografen-Sicht kann ich nur sagen, dass durch den Einsatz digitaler Fototechnik die Produktion von Anfang bis Ende kontrollierbar wird. Das bezieht sich auf die Kosten, vor allem aber auf Termintreue und Qualität. Die mit professionellen Systemen zu erzielenden Auflösungen haben eine Qualität erreicht, die für 95% aller Anwendungen weit mehr als ausreichend ist.

Produktionsablauf bei Druckmedien mit analoger Fotografie

  1. Fotografie analog im RGB-Farbraum
  2. Freigabe nach Beurteilung des Polaroids (RGB)
  3. Entwicklung der Dias
  4. Digitalisieren der Dias auf Trommel- oder Flachbett-Scannern im RGB-Modus mit automatisierter Umwandlung in die vier Druckfarben CMYK
  5. Satz der Dokumente
  6. letzte Kontrolle vor dem Auflagendruck am Bildschirm (digitaler Proof)
  7. Belichtung der Druckplatten
  8. Auflagendruck

Produktionsablauf bei Druckmedien mit digitaler Fotografie

  1. Fotografie digital im RGB-Farbraum mit automatischer Umwandlung in CMYK (Druckfarben)
  2. Freigabe nach Beurteilung des Digitalproofs (CMYK)
  3. Satz der Dokumente
  4. Digitalproof zur letzten Kontrolle vor dem Auflagendruck
  5. Belichtung der Druckplatten
  6. Auflagendruck

Aus Kundensicht freilich ist dies sicher anders zu betrachten: Es fällt oft schwerer, ein Bild am Bildschirm richtig zu bewerten, denn andere Farbräume oder falsche Kontrastwiedergabe sind nur einige der Faktoren, die eine richtige Beurteilung erschweren. Da sich viele Fotografen auch nicht selbst an die Weiterverarbeitung der Bilder am Computer heranwagen, ist es verständlich, dass ein Kunde sich gegen dieses Medium entscheidet. Ein Dia oder eine Aufsichtsvorlage sind einfacher in der Beurteilung und im Handling.

Dieses Thema steht in meinem Studio nicht mehr zur Diskussion. Ich fotografiere nur noch digital. Und das aus gutem Grund: Unabhängig davon, wofür die Bilder benötigt werden – für den Druck, Multimedia oder das Internet -, am Ende stehen ohnehin immer Datensätze. Analoge Bilder müssen also für die Weiterverwertung nachträglich digitalisiert werden. Entstehen dagegen die Bilder von Anfang an digital, können sie bis zur endgültigen Verwendung ohne Medienbrüche verändert und bearbeitet werden: Für den Druck werden sie in den Vier-Farbmodus (CMYK) gewandelt und angedruckt, es werden Freisteller angelegt, Retuschen und Farbkorrekturen durchgeführt. Bilder fürs Internet können einfach auf die Endgröße eingestellt und komprimiert werden. Alle Daten sind zentral für jeden Anwendungsbereich archiviert, um über Datenbanken einen schnellen Zugriff zu gewährleisten.

Produktionsablauf bei Bildschirmmedien mit analoger Fotografie

  1. Fotografie analog im RGB-Farbraum
  2. Freigabe nach Beurteilung des Polaroids (RGB)
  3. Entwicklung der Dias
  4. Digitalisieren der Dias auf Trommel- oder Flachbett-Scannern im RGB-Modus
  5. Benennen der Scan-Dateien für die Datenbank
  6. Aufspielen auf den Internet-Server oder Bereitstellen in einer Datenbank

Produktionsablauf bei Bildschirmmedien mit digitaler Fotografie

  1. Fotografie digital im RGB-Farbraum mit gleichzeitigem Benennen der Dateien
  2. Freigabe nach Beurteilung am Bildschirm
  3. Aufspielen auf den Internet-Server oder Bereitstellen in einer Datenbank


Die Dunkelkammer hat ausgedient

Das Berufsbild des Fotografen wandelt sich: In Zukunft wird der Fotograf mehr und mehr das ganze Handling und die Bearbeitung der Bilder übernehmen. Ein größeres Wissen über Drucktechnik und elektronische Medien wird zum Muss für jeden ernst zu nehmenden Fotografen. Digitale Proofsysteme, Scanner und Bildbearbeitungssysteme stehen da, wo früher die Dunkelkammer war. Für den Kunden ist es deshalb wichtig, sich bei der Auswahl des richtigen Fotografen genau nach diesen Details zu erkundigen.

Ein Umzug aus der Dunkelkammer in den Serverraum allein genügt jedoch bei weitem nicht. Denn eines haben auch Computer, Pixel und digitales Nachbearbeiten nicht geschafft: Es gibt weiterhin gute und schlechte Fotografen. Und diese qualitative Unterscheidung macht sich nicht daran fest, ob einer digital oder analog fotografiert. Immer noch stehen am Anfang eines guten Bildes der genaue Blick, das kreative Auge und die Präzision des Profis. Und das ist auch gut so!


Glossar

Aufsichtsvorlage:
Papierfoto oder hochauflösender Ausdruck.

Digitalproof:
Der Andruck wird heute zunehmend durch ein Digitalproof ersetzt. Es wird angefertigt, um vor dem Auflagendruck die Seiten auf Richtigkeit bei den Farben und Texten zu überprüfen.

Freisteller:
Bild, in dem Teile durch eine vorher gezogene Linie im Druck oder bei der Belichtung ausgeblendet werden.

Pixel:
Ein einzelner Bildpunkt eines digitalen Bildes, Angabe: ppi (Pixel per Inch).

Polaroid:
Sofortbild, das unmittelbar nach der Aufnahme entsteht. Benannt nach der Firma Polaroid, USA, die seit 1972 Sofortbildfilme und -apparate herstellt.

Retusche:
Oberflächen, Haut, Muster, Farben usw. werden für ein einheitliches Erscheinungsbild meist überarbeitet. Retuschen wurden früher mit dem Pinsel am Negativ oder am Abzug gemacht; heute fast ausschließlich am Computer.

RGB (Rot Grün Blau):
Farbraum der analogen und digitalen Fotografie. Fernseher und Computer-Bildschirme bauen ihr Bild ebenfalls mit diesen Farben auf.

CMYK (Cyan, Magenta, Gelb, Schwarz):
Grundfarben im Auflagendruck. Da durch die drei Grundfarben CMY nicht genügend Kontrast erzeugt werden kann, wird noch Schwarz für die Tiefen zugegeben.


Literatur:

Homann, Jan-Peter: Digitales Colormanagement. Frankfurt 1998.
Thiele, Ulrich/Kaffka, Michael: Farbmanagement. Ein Leitfaden für die praktische Anwendung. Reutlingen 2000.


Links zu Hintergrundinformationen:

European Color Initiative: www.eci.org.
Forschungsgesellschaft Druck e.V.: www.fogra.org.
International Color Consortium: www.color.org.

 

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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