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Terminologierecherche via Internet

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Februar 2001

Von Benjamin Pischner und Florian Christ

Inhaltsübersicht:

Das World Wide Web ist aus dem Berufsalltag von technischen Redakteuren und Übersetzern technischer Dokumentationen nicht mehr weg zu denken. Vordergründig natürlich deshalb, da es zu einer der größten Auftragsquellen zählt und fast die komplette Kommunikation bei der Projektabwicklung per E-Mail verläuft.

Erst auf den zweiten Blick lassen sich aber noch weitere vielfältige Nutzungsmöglichkeiten entdecken, so auch die hier thematisierte Terminologierecherche. Der Suchprozess nach einschlägiger Fachterminologie in der Zielsprache ist das tägliche Brot des technischen Übersetzers und kann sehr zeitaufwendig sein. Inwieweit das Internet hierbei hilfreich genutzt werden kann, soll im Folgenden dargestellt werden.


Möglichkeiten und Grenzen der Terminologierecherche via Internet

Übersetzungsprojekte von technischen Dokumentationen können sehr mühsam sein. Oftmals tauchen technische Beschreibungen auf, die sich in dieser Konstellation in keinem Wörterbuch finden lassen. Wenn dann noch die Zeit drängt, bleibt möglicherweise nur noch die wörtliche Übersetzung der Begriffe. Dies mindert die Qualität der Übersetzung, da die mehr oder weniger erfundene Formulierung nicht mit der Fachterminologie der Zielsprache übereinstimmt. Mag sie zwar, nach persönlich vorgenommener inländischer Übersetzung, durchaus noch von den Anwendern verstanden werden, so ist es in deren Augen doch keine hochwertige Übersetzung.

Solchen ungeglückten Formulierungen in einem übersetzten Text könnte durch Erschließung größerer Terminologieressourcen vorgebeugt werden. Das Internet, idealerweise beschrieben als schnell, thematisch allumfassend und immer aktuell, könnte hier sehr hilfreich sein. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Informationsquellen bietet sich im WWW ein stets verfügbarer, scheinbar unerschöpflicher Informations- und Wissenspool in den unterschiedlichsten Fachbereichen.

Das Internet ist eine Welt der Superlative, jedoch muss gerade dies auch kritisch gesehen werden. Letztendlich kommt es nur auf die Qualität eines abgeschlossenen Projektes an. Eine technische Dokumentation muss stichhaltig und verlässlich sein. Die Wissensflut aus dem Internet allein kann dies nicht sicherstellen. Aus diesem Grund ist es nicht denkbar, die herkömmlichen Recherchemittel wie Wörterbücher, firmeneigene Datenbanken und Fachpersonal einzuschränken oder gar wegzulassen. Nur diese können einen hohen Qualitätsstandard garantieren.

Die Internetrecherche ist jedoch zweifelsfrei ein Hilfsmittel, welches durch Umfang und Geschwindigkeit überzeugt und zur hochwertigen Qualität einer Übersetzung viel beitragen kann. Wie aber lässt sich einschlägige fachbezogene Terminologie im Internet nun ausfindig machen?


Mit Term Mining zum gesuchten Begriff

Abgeleitet von dem bekannten Begriff des Data Mining bezeichnet das Term Mining die gezielte Suche nach Terminologie im Internet. Unter diesen Überbegriff fallen verschiedene Ansätze der Recherche.

Erste Ergebnisse kann ein Online-Wörterbuch liefern. Wie bei ihren gedruckten Namensgebern ist es hier möglich, entweder einen Begriff in der Ausgangssprache einzugeben und das Programm nach möglichen Übersetzungen in der Zielsprache suchen zu lassen oder auch nach Begriffsdefinitionen innerhalb einer Sprache zu suchen. Beispielhaft wären hier www.yourdictionary.com und www.onelook.com zu nennen. Hier lassen sich auch umfangreiche Verzeichnisse über Terminologiequellen vieler verschiedener Sprachen finden. Als Einstieg sind diese Angebote sehr zu empfehlen und – soweit es sich nicht um spezifische Fachterminologie handelt – auch sehr Erfolg versprechend. Der Nachteil dieser Angebote liegt demnach aber auf der Hand: Bei technischen Dokumentationen handelt es sich ja gerade um zumeist sehr spezielle Fachterminologie. Beim Lösen von terminologischen Problemfällen können diese Online-Wörtebücher selten bis gar nicht überzeugen.

Einen Versuch wert sein kann eine Anfrage bei Auftraggebern oder bei branchenverwandten Unternehmen, ob diese Terminologiedatenbanken im Internet zur Verfügung stellen. Nicht selten haben beispielsweise Ingenieure der Entwicklungsabteilungen auch eigene fachbezogene Glossare oder Auflistungen von einschlägigen Internetseiten zum Eigengebrauch erstellt. Wenn sie einmal vorliegen, können diese Quellen eine wahre Fundgrube einschlägiger Terminologie sein. Man sollte für diese Variante der Recherche allerdings nicht zu viel Energie einsetzen, da die Erfolgschancen, auf solche Quellen zu treffen, nicht allzu hoch sind. Wenn es sich aber einmal anbietet, sollte die Möglichkeit auf jeden Fall genutzt werden.

Die bisher beschriebenen Recherchemöglichkeiten bezogen sich auf Quellen, die ihrerseits bereits speziell terminologischen Ursprunges sind. So sind z.B. die Online-Wörterbücher gerade aus der Notwendigkeit heraus entstanden, Terminologie zu verwalten. Wesentlich interessanter dürfte für die Terminologierecherche aber sein, mit Inhalten des Internets zu arbeiten, die Fachterminologie ursprünglich verwenden. Dies sind insbesondere technische Dokumentationen, fachliche Abhandlungen und sonstige Darstellungen von Fachwissen, welche im Internet abgerufen werden können. Aufgabe ist es nun, diese auch zu finden. Hierbei sind die so genannten Suchmaschinen die richtigen Helfer. Diese gibt es sehr zahlreich und das Angebot im WWW ist recht unübersichtlich. Grundsätzlich kann man die Suchmaschinen in drei Kategorien einteilen:

  • Kataloge
  • reine Suchmaschinen und
  • Metasuchmaschinen

Kataloge sind keine Suchmaschinen im eigentlichen Sinn. Hierbei handelt es sich um von Redakteuren erstellte Verzeichnisse, die Inhalte des Internets katalogisieren, so dass sich diese vom Benutzer gezielt auffinden lassen. Bekanntestes Beispiel hierfür ist www.yahoo.de.

Die reinen Suchmaschinen gehen hingegen tatsächlich auf die Suche im Internet nach vom Benutzer vorgegebenen Begriffen. Wird der Suchbegriff eingegeben, schickt die Suchmaschine kleine Programme (Spider, Webcrawler) durch das Internet, die möglichst identische Begriffe auf den verschiedensten Webseiten ausfindig machen. Die Ergebnisse dieser Suche werden dem Benutzer innerhalb kürzester Zeit in einem Index präsentiert. Beispiele für reine Suchmaschinen sind www.altavista.com und www.fireball.de.

Die Metasuchmaschinen schließlich verbinden die Suche in verschiedenen Katalogen und Suchmaschinen miteinander. Sie kommen so zu einem sehr umfassenden Ergebnis, welches die wichtigsten Treffer in einem Index anzeigt. Treffer hingegen, die z.B. nur von einer Suchmaschine erzielt wurden, werden im Ergebnis nicht mehr unbedingt angezeigt. Echte Irrläufer scheiden somit aus, was eine Zeitersparnis für den Benutzer bedeutet. Nachteilig ist allerdings, dass auf diesem Weg auch ein echter Glückstreffer ausscheiden könnte. Als Beispiele anzuführen wären hier www.metacrawler.com und www.infind.com.

Mit der hier beschriebenen Anwendung der Suchmaschinen wird man schnell auf Fachtexte, Publikationen und Dokumente stoßen, welche die einschlägige Terminologie enthalten und anwenden. Da die Suchmaschinen jedoch keinerlei qualitative Auswahl der Quellen vornehmen, muss bei der Verwendung von auf diesem Weg recherchierter Terminologie vorsichtig vorgegangen werden. Da schließlich jeder im Internet veröffentlichen kann was er will, sollten gefundene Webseiten genauer unter die Lupe genommen werden: Die Quelle muss verlässlich und glaubwürdig sein. Ein positives Indiz hierfür kann sein, wenn z.B. die Webseiten einer bekannten Firma oder einer Hochschule verwendet werden. Ebenso muss ein Augenmerk auf den Support der Webseite gelegt werden: Man sollte sich fragen, ob man es mit einer Webseite auf dem neuesten Stand oder mit einem Datenfriedhof zu tun hat. In aller Regel ist das aber leicht aus dem Datum der letzten Überarbeitung zu ersehen. Erscheint die gefundene Internet-Quelle nach diesen Kriterien vertrauenswürdig, steht einer Verwendung der einschlägigen Terminologie (fast) nichts mehr im Wege.


Weitere Hinweise zur optimalen Recherche

Sicherlich ist insbesondere die Benutzung der Suchmaschinen nicht immer unproblematisch: Verwirrende und zum Teil unsinnige Ergebnisse einer Ad-hoc-Suche nach Fachbegriffen sind zu erwarten und nur durch Einarbeitung und Übung zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren. Umfangreiche Hilfe-Programme helfen dem Einsteiger und spezielle Suchoptionen verbessern die Resultate beträchtlich. Es ist dem Benutzer daher zu empfehlen, sich mit dieser Variante der Recherche zunächst einmal in Ruhe anzufreunden anstatt in einer stressigen Projektendphase erstmals darauf zurückzugreifen.

Wie bereits ausgeführt, sollte gefundenen Webseiten gegenüber eine skeptische Haltung entgegengebracht werden: Trivialer Stil, schlechte Grammatik und Anonymität der Ersteller sind in der Regel ein Indiz dafür, dass es sich um eine qualitativ minderwertige Übersetzung handelt.

Auch sollte das Risiko eigener Rechtschreibfehler in Betracht gezogen werden: Gibt man einen Begriff in die Suchmaschine ein, weil man ihn als richtige Übersetzung der Ausgangsterminologie vermutet, kann es hier trotz falscher Schreibweise durchaus zu Treffern kommen. Denn es ist möglich, dass der gesuchte Begriff auch schon im gefundenen Dokument falsch geschrieben wurde. Es ist natürlich schwierig, sich hiergegen zu schützen, da man in diesem Fall einen Fehler gar nicht erst vermutet. Hilfreich kann hier die Suchmaschinenoption der so genannten Fuzzy-Match-Suche sein, mit der nicht nur identische, sondern auch ähnliche Begriffe als Treffer angezeigt werden. Nachteilig hierbei ist allerdings, dass die Anzahl der Treffer drastisch steigen kann und die Auswertung erschwert wird. Falls man sich über die richtige Schreibweise nicht im Klaren ist und zwei oder mehr Möglichkeiten zur Auswahl stehen, kann aber vermutet werden, dass die Schreibweise mit den meisten Treffern in der Suchmaschine die richtige ist.

Ratsam ist es zudem, die verwendeten Webseiten zu notieren, um entweder später wieder darauf zurückgreifen zu können oder um diese gegebenenfalls auch dem Auftraggeber als Quelle zur Verfügung zu stellen. Im Laufe eines größeren Dokumentationsprojektes kann so ein umfangreiches Webseitenverzeichnis entstehen, welches bei einer späteren Bearbeitung sehr hilfreich sein kann.

Grundsätzlich ist noch anzumerken, dass eine Internetnutzung bei der Terminologierecherche am meisten Erfolg verspricht, solange die Zielsprache Englisch ist. Bei anderen Sprachen, besonders weniger geläufigen, ist das Angebot im Internet heutzutage noch nicht so groß.


Ein Anwendungsbeispiel

Abschließend soll ein Anwendungsbeispiel zur Anschauung dienen: Im deutschen Ausgangstext erscheint der Begriff "dezentrale Peripherie". Dieser soll ins Englische übersetzt werden. Oft wird dieser Begriff nun aus Zeitdruck und mangels einschlägiger Terminologieressourcen wörtlich mit "decentralized peripherals" übersetzt. Dies erscheint naheliegend und auch die Eingabe in eine Suchmaschine ergibt zahlreiche gleichlautende Treffer. Auffällig erscheint hierbei jedoch, dass es sich bei den gefundenen englischen Quellen fast ausschließlich um Seiten deutscher Unternehmen handelt, die ihre Produkte auch international vertreiben. Dies mahnt zur Vorsicht.

Eine gute Idee ist es nun, den Begriff "dezentrale Peripherie" auf den Webseiten eines Unternehmens zu suchen, welches in diesem Bereich tätig ist und zudem sowohl im deutsch- als auch im englischsprachigen Raum beheimatet ist. Fündig kann man hier z.B. bei der Siemens AG werden. Gibt man auf deren Website über die Suchefunktion den betreffenden Begriff ein, gelangt man auf folgende Seite:

Abbildung Termsuche
Kann beim Überprüfen von Zweifelsfällen hilfreich sein: die Termsuche in zweisprachigen Webseiten – hier über die Suchefunktion bei www.siemens.de.

Der Vorteil ist nun, dass man mit einem Klick auf die parallele englische Seite der Siemens AG wechseln kann. Die Übersetzung hier lautet nun "distributed I/O" (I/O = input/output). Jetzt gilt es herauszufinden, welche der beiden zur Wahl stehenden Übersetzungen richtig oder zumindest gebräuchlicher ist. Die Eingabe in eine Suchmaschine gibt schnell Aufschluss, da "distributed I/O" über das zwanzigfache an Treffern erzeugt. Ohne Frage wären beide Begriffe im englischen Sprachraum verständlich, jedoch klingt die wörtliche Übersetzung aus dem Deutschen unprofessionell und holprig.

Diese Suche in zweisprachigen Webseiten kann bei Übersetzungen häufig eine wahre Goldgrube an einschlägiger Terminologie sein. Trickreich kann man hier die Seiten beider Sprachen in zwei verschiedenen Fenstern nebeneinander öffnen und parallel nach der Übersetzung suchen. Die Suchmaschine im dritten geöffneten Fenster liefert dann schnell Ergebnisse zur Gebräuchlichkeit der ausfindig gemachten Terminologie (Drei-Fenster-Suchstrategie).


Ausblick

Bisher ungelöste Copyrightprobleme hindern noch viele Eigentümer von Terminologieressourcen daran, diese im Internet zur frei zugänglichen Verfügung zu stellen. Unkontrollierbarer Gebrauch und Angst vor eventuellen Geschäftsschädigungen sind die Gründe. Wenn diese Probleme aber erst beseitigt sind, wird es möglich sein, nahezu jede terminologische Fragestellung via Internet zu lösen.

Die Terminologierecherche im Internet steckt bislang zwar noch in den Kinderschuhen, aber die Aussichten für die Zukunft sind äußerst vielversprechend. Mit ein wenig Aufwand ist es schon heute möglich, die Terminologieressourcen im Internet sinnvoll zu nutzen und sie somit zur Qualitätssicherung von technischen Dokumentationen beitragen zu lassen.

 

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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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