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Berufstugenden
erfolgreicher Technik-Redakteure
Artikel
erschienen in
Ausgabe März 2001
Von
Wolfram
W. Pichler
Inhaltsübersicht:
In
den 90ern entbrannte die Diskussion darüber, welche Berufsbasis
eine bessere Voraussetzung für die technische Dokumentation
sei: Linguist/Lehrer oder Techniker/Ingenieur. Ein Konsens darüber
kam bislang nicht zustande.
Man
kann die berufliche Eignung für Technik-Redakteure aber auch
aus einem anderen Blickwinkel abwägen: Welche persönlichen
Eigenschaften sind ideale Voraussetzungen für Technik-Redakteure?
In diese Richtung gehen auch häufig die Fragen neuer Lehrgangsteilnehmer,
um ihre persönlichen Chancen besser einschätzen zu können.
Die
hier vorgestellten Berufstugenden haben sich aus 3 Jahrzehnten
reicher Berufserfahrung herauskristallisiert und können als
durchaus praxisbewährt gelten. Wer nicht für alle Bereiche
Naturtalent mitbringt, kann sich die meisten Tugenden durch Lernen
von Fachwissen und Ausdauertraining gleichwohl aneignen.

Neugier
Eine
funktionierende Anleitung steht und fällt mit exakter Recherche.
Recherchieren ist planvolle, harte Arbeit. Niemand weiß
genauer als Sie selbst, welche Informationen Sie für Ihr
Dokumentationsprojekt benötigen. Sie müssen also einerseits
eine Fragenliste vorbereiten, andererseits aber auch während
des Interviews spontan zusätzliche Fragen klären, wenn
sich dies aus dem Ablauf der Befragung ergibt. In diesem Zusammenhang
ist Neugier Ihr Berufskapital und eine positive Eigenschaft, ohne
die Sie Ihre Arbeit nicht erfolgreich vollenden können.
Sprachbegabung
"Absolute
Sicherheit in Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und Stilfragen
der deutschen Sprache werden vorausgesetzt. Eine oder zwei Fremdsprachen
in Wort und Schrift wären von Vorteil." So lesen sich
Stellenanzeigen für Technik-Redakteure, und das mit Recht.
Andernfalls könnten Sie gar nicht verschiedene Sprachstile
konsistent auf bestimmte Texttypen (Funktionsbeschreibung, Handlungsschritte,
Sicherheitshinweise) anwenden. Wenn die Sprachbegabung nicht vollständig
ausreicht, kann man die Lücke auch durch konsequentes Training
schließen: viel lesen (Prosa, Fachliteratur, Stilführer),
viel schreiben, Beispiele sammeln.
Eine
gute Voraussetzung für die Entwicklung von Sprachfertigkeiten
ist das Erlernen von Fremdsprachen. In europaweiten/globalen Dokumentationsprojekten
ist multilinguale Intuition hilfreich.

Lernbereitschaft
In
allen Berufen muss man sich heutzutage auf lebenslanges Lernen
einstellen. In der Technik-Dokumentation gilt es, sich besonders
auf folgenden sich zum Teil rasch weiterentwickelnden Fachgebieten
fit zu halten:
- Normen, Richtlinien, Gesetze, Rechtsprechung
- Didaktik, Lesbarkeitsforschung, Medientypen
- EDV-Werkzeuge und -Verfahren für Satz, Layout, Grafik,
Druckvorstufe
- Recherche-Werkzeuge, -Methoden, -Quellen
- Kreativität
Eine Anleitung
muss sich zunächst in unserem Kopf entwickeln. Mit jedem
Textentwurf müssen wir didaktisch gelungene Visualisierung/Illustrationen
mit bedenken. Wie in der doppelten Buchhaltung ("Keine
Buchung ohne Beleg und kein Beleg ohne Buchung") gelte
für uns die goldene Regel: Kein Text ohne Bild und kein
Bild ohne Text. Wahrscheinlich werden wir nicht selbst fotografieren
und zeichnen, aber wir müssen wenigstens den hinzugezogenen
Experten unsere Vision von der Illustration anschaulich vermitteln
können, am besten mit Stegreif-Skizzen.
Fürsorglichkeit
Anwender
wollen schnell, sicher und fehlerfrei zum Produktnutzen kommen,
verlangen also mit Recht eine gut funktionierende Gebrauchsanleitung.
Gerätehersteller haben schon viel Geld ausgegeben für
Entwicklung, Konstruktion, Fertigung und Marketing, so dass am
Ende für vernünftige Anleitungen kein Geld mehr im Topf
ist. So werden wir Technik-Redakteure zu Anwälten der Anwender.
Wir müssen uns vorsorglich den Kopf der Anwender zerbrechen:
- Welche Vorkenntnisse und Erfahrungen kann ich bei der
Zielgruppe voraussetzen?
- Welche Sprachtypen werden die Anwender am besten und
schnellsten verstehen?
- Wie sind die Umgebungsbedingungen am Arbeitsplatz (Beleuchtung,
Tischfläche, Störeinflüsse...)?
- Welche Sicherheitserwartungen hat die Zielgruppe?
- Wie können sich Anwender bei Restgefahren vor Schäden
schützen?
- Und wie schützen wir den Gerätehersteller vor
Inanspruchnahme aus der Produkthaftung?

Beharrlichkeit
Da
wir den Dingen auf den Grund gehen müssen, um die ganze Wahrheit
über Funktionsweise und Gefährdungen von Geräten,
Maschinen und Anlagen zu erfahren, müssen wir beharrlich
die Zusammenhänge ermitteln. Sie erschließen sich meist
nicht von selbst, ja, sie versperren sich oft nachhaltig der Erkenntnis.
Von diesen Widerwärtigkeiten dürfen wir weder erschrecken
noch uns abschrecken lassen. Wir müssen unbeirrt dran bleiben,
wie die Journalisten in solchen Fällen sagen.
Zum Beispiel: "Guten Tag, hier Nervensäge Pichler schon
wieder. Wir hatten vereinbart, dass Sie mir die Unterlagen bis
15 Uhr zukommen lassen. Jetzt brauche ich sie wirklich. Sonst
müssen wir noch einmal neu über den Liefertermin verhandeln."
Gründlichkeit
Ohne
Liebe zum Detail würden wir Wesentliches aus dem Blick verlieren.
Genau dies unterscheidet aber gewissenhafte Technik-Redakteure
von Ungelernten. Gründlichkeit braucht Zeit. Kalkulieren
sie diese also bei der Terminplanung mit ein. Lassen Sie keine
Bearbeitungsphase im Lebenszyklus Ihrer Anleitung aus: Konzeption,
Entwurf, Manuskript, Skizzen, Reinschrift, Redaktion, Qualitätskontrolle
(Tippfehler sorgen für Schadenfreude!), Druckvorstufe, Archivierung,
Produktbeobachtung. Nur Laien scheuen sich, im Duden nachzuschlagen.
Wir Profis können es uns leisten, jeden noch so leisen Zweifel
auszuräumen.

Konfliktbereitschaft
Das
Berufsethos verlangt gelegentlich einen energischen Auftritt.
Wir müssen versuchen, rechtliche Anforderungen, besonders
im Sicherheitsbereich, gegen Hersteller durchzusetzen. Etwa die
Hälfte aller Maschinenhersteller kann zum Beispiel keine
Gefährdungsanalyse vorweisen, wie sie die EG-Maschinenrichtlinie
vorschreibt und wie wir sie für unsere Sicherheitsinstruktionen
benötigen. Die Ausreden reichen von "Wir haben keine
Gefährdungsanalyse durchgeführt. Können Sie uns
weiterhelfen?" bis "Wir brauchen keine Gefährdungsanalyse.
Unsere Maschine ist absolut sicher." (Woher will der Hersteller
das wissen ohne Gefährdungsanalyse?) Mit dieser Aussage
dürfen wir uns nicht abfinden. Als Dokumentationsexperten
müssen wir auf der Gefährdungsanalyse bestehen. Hersteller,
die uns keine aushändigen, müssen wir dazu bewegen,
dies schriftlich zu begründen. Diese Bestätigung ist
dann unsere Haftpflichtversicherung.
Verschwiegenheit
Da
stand der Konstrukteur vor der Frage: "Soll ich diese Gerätefunktion
nun auch noch durchrechnen? Nein, geht nicht. Morgen beginnt die
Fertigung. Also Augen zu und durch! Wird schon schief gehen."
Schon hat er eine Leiche im Keller. Wenn Sie gründlich recherchieren,
werden Sie sie finden. An dieser Stelle muss sich der Konstrukteur
darauf verlassen können, dass Sie verschwiegen sind wie ein
Beichtvater oder eine Hausärztin. Sonst erzählt er Ihnen
nie wieder etwas. Ihre Informationsquelle wäre verstopft,
Ihre Arbeitsbasis zusammengebrochen.

Flexibilität
Die
Maschine nähert sich auf hoher See bereits ihrem Ziel und
die Dokumentation fliegt hinterher, damit beides, also das Gesamtprodukt,
gleichzeitig am Bestimmungsort ankommt. Mit normalen Arbeitszeiten
und durchschnittlichem Wochenarbeitsvolumen ist die Betriebsanleitung
nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. Wir werden also über
Sonderschichten nachdenken müssen, wenn wir nicht rechtzeitig
zusätzliche personelle Kapazität organisiert haben.
Ein anderes Beispiel: Sie sind schon bei der Entwicklung einer
Software für die Handbucherstellung von Anfang an mit eingebunden.
Die Software ist fertig, Ihr Handbuch auch. Nun überkommt
den Entwickler eine unersättliche Änderungslust. Er
verwirft einen Modul und baut dafür drei neue ein. Damit
sind Sie gezwungen, der Änderungslust des Entwicklers hinterherzuschreiben
und schreiben, schreiben, schreiben...
Soziale Kompetenz
Während der Konzeptionsphase haben wir verschiedene Interviewpartner,
auf deren Informationen wir angewiesen sind.
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Interviewpartner
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Fragen
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Marketing,
Werbung, Produktmanager; Chef
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Zielgruppe,
bestimmungsgemäßer Gebrauch
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Entwickler,
Konstrukteur
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Aufbau,
Funktion, Sicherheit, Daten
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Kundendienst
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Handhabungsprobleme,
Schadensfälle
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Alle diese
Menschen sind zutiefst davon überzeugt, Wichtigeres zu
tun zu haben, als mit Technik-Redakteuren vermeintlich banale
Fragen zu erörtern. Wenn sie uns dennoch ihre Zeit opfern,
muss das Gespräch wenigstens angenehm für sie sein.
Das fordert von uns Umgangsformen, Entgegenkommen, Freundlichkeit,
Blickkontakt, behutsame, aber beharrliche Gesprächsführung,
aktives Zuhören, das Gegenüber ernst nehmen und respektieren,
wohltuende Atmosphäre, kooperatives Verhalten. Andernfalls
werden wir es nicht schaffen, dass die Zugbrücken zwischen
den feudalen Abteilungen heruntergelassen werden.
Zuverlässigkeit
Sie
haben ein Material-, Personal- und Zeitbudget kalkuliert. Ihr
Auftraggeber/Abteilungsleiter muss sich nun darauf verlassen können,
dass Sie Ihre Anleitung zum vereinbarten Termin fertigstellen
und liefern. Liegenlassen kann er die Arbeit selbst; dazu braucht
er keine Technik-Redakteure zu engagieren.
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