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Am Ariadne-Faden durch die Welt von Thomas Mann

 

Artikel erschienen in
Ausgabe April 2001

Von Gabriele Vollmar

Inhaltsübersicht:

Im Jahr 2025 werden die Rechte an den Werken von Thomas Mann frei. Die bis dahin noch verbleibende Zeit will der S. Fischer Verlag, der bisher die Rechte hält, nutzen, um einen Vorsprung vor der dann aktiv werdenden Konkurrenz zu erarbeiten. Der Verlag hat sich deshalb die Frage nach den eigenen Stärken gestellt und dabei erkannt, dass die Konkurrenzfähigkeit im enormen Wissen um Thomas Mann und seine Werke begründet ist. Dieser Schatz soll nun mit der geplanten Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA), der dann verbindlichen Referenzausgabe, gehoben werden. Doch wie können der riesige Text-Korpus und dessen Wissenskontext zugänglich gemacht werden?


Die elektronische Ausgabe: mehr als ein Nebenprodukt

Schon seit den 90er Jahren ist es üblich, bei Großprojekten neben einer Buch- auch eine elektronische Ausgabe zu publizieren. Allerdings hatte dabei bisher die Buchausgabe unbedingten Vorrang; die elektronische Ausgabe entstand oftmals erst nach deren Abschluss und auf deren Datenbasis. Das Ergebnis: elektronisches Papier. In den meisten Fällen bietet lediglich eine Volltextsuche eine ungefähre Annäherung an die Möglichkeiten der neuen Medien.

Im Hinblick auf die lange Laufzeit des Thomas-Mann-Projektes – bis 2015 sollen jährlich zwei bis drei Bände erscheinen – wollte der S. Fischer Verlag mit der Publikation der CD-ROM nicht bis zum Abschluss der Buchausgabe warten. Daraus ergab sich jedoch ein Problem: Wie kann man schon heute einen Standard setzen, der auch im schnelllebigen Electronic Publishing die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre dauern wird? "Uns war klar, dass wir die unterschiedliche Qualität der Medien berücksichtigen müssen. Kein Mensch wird je die ‘Buddenbrooks’ am Bildschirm lesen wollen", meint Roland Spahr, Lektor beim S. Fischer Verlag und als Koordinator im Bereich Klassische Moderne verantwortlich für das Thomas-Mann-Projekt.

Die Ansprüche an das Projekt lauteten deshalb:

  • medienunabhängiges Vorhalten der Daten im SGML/XML-Format
  • Nutzen der technischen Möglichkeiten der CD-ROM durch ein intelligentes, inhaltlich ausgerichtetes Recherchemodul
  • Visualisieren von zeitlichen Zusammenhängen und statistischen Häufigkeiten
  • Erstellen von thematisch zusammengestellten Spin-off-Produkten auf der Grundlage der vorhandenen Textbasis

In einer Umkehrung bisheriger Hierarchien soll nun die gesamte Buchausgabe Teil der parallel erscheinenden elektronischen Ausgabe sein. Dort wo Verkürzungen dem Medium Buch zuzuschreiben sind, z.B. in der nur zusammenfassenden Wiedergabe einer Rede Thomas Manns im Kommentar, können diese in der elektronischen Ausgabe aufgelöst werden, indem z.B. diese Rede als Tondokument zu hören sein wird. Im Hinblick auf die Zitierbarkeit und Wissenschaftlichkeit der als Referenzausgabe geplanten GKFA wird es auf der CD-ROM jedoch einen eigentlichen GKFA-Bereich und einen davon abgesetzten Archiv-Bereich geben. In diesem Bereich stehen Texte, die nicht unmittelbar Bestandteil der Edition sind (z.B. Briefregister, Notizbücher). Darüber hinaus wird Kulinarisches aus dem großen Fischer-Fundus präsentiert, wie z.B. Bilder und Tondokumente.


Ein Wissensnetz wird geknüpft

Der Text-Korpus bei Thomas Mann ist sehr umfangreich: Er umfasst neben den acht Romanen und zahlreichen Erzählungen auch noch etwa 1.200 Essays und schätzungsweise an die 25.000 Briefe. Eine reine Volltextsuche bietet hier nur einen wenig zufriedenstellenden Zugang. Denn Meta-Informationen, wie sie gerade im Falle der Essays in großer Zahl vorliegen, oder auch die z.T. komplexe Überlieferungslage der Texte sind so nicht effizient recherchier- und auswertbar. Vielmehr muss hierzu der riesige Textbestand bereits vorstrukturiert, die Information vorab klassifiziert werden. "Ein Wissensnetz nötigte sich irgendwann als Lösung fast schon auf", berichtet Roland Spahr.

Das Wissensnetz oder auch semantische Netz liegt als Meta-Struktur über dem eigentlichen Datenbestand. Wir unterscheiden somit drei Ebenen:

  • Textvorkommen
  • Individuen
  • Konzepte

Über die Ebene der Individuen und der Konzepte wird das eigentliche Textvorkommen strukturiert und erschlossen. Das abstrakte Modell der Objekte und Relationen auf der Konzeptebene dient als Raster für die Einordnung der Individualobjekte. Es erlaubt z.B., die Person Thomas Mann mit dem Konzept des Schriftstellers zu verbinden oder das Objekt "Zauberberg" mit dem des Romans. In einem weiteren Schritt können nun diese miteinander verbunden werden: "Thomas Mann hat den Roman ‘Zauberberg’ geschrieben".

Bild 1
Die Struktur des Wissensnetzes
(Layout von VIA Informationsarchitekturen)

In einem ersten Schritt werden die Texte im SGML- bzw. XML-Format aufbereitet und strukturiert. Der so genannte Informationspool dient dann als strukturierte Datenbasis für Publikationen aller Art. Darüber wird mit Hilfe des vorhandenen Registers ein erstes semantisches Netz automatisch erstellt. Register, die es dem Leser ermöglichen nach bestimmten Begriffen zu suchen, sind stark formalisiert und daher gut auszuwerten. Das erste rudimentäre Netz wird manuell weiter gefüllt und stärker verknüpft. Dabei hilft das so genannte Mark-Up-Tool der Wissensmanagement-Suite K-Infinity vom Projektpartner intelligent views, das die Texte auszeichnet und damit Vorschläge für neue Wissensobjekte, z.B. mehrmals vorkommende Personen- und Ortsnamen, macht. Die automatische Auszeichnung erfolgt aufgrund definierter linguistischer Regeln, Statistiken oder auch spezialisierter Wörterbücher.

Die Entscheidung darüber, welche Objekte aufgenommen werden bzw. welche Relationen zwischen Objekten etabliert werden, liegt alleine beim Lektorat. Denn viele Köche verderben den Brei und viele Spinnen verwirren das Netz. "Wir haben Redaktionsrichtlinien über die Aufnahme neuer Objekte und neuer Relationen festgelegt. Dabei ist der Kommentar des Herausgebers ausschlaggebend. Wichtig ist, dass wir uns in unseren Entscheidungen auf Standard-Werke wie z.B. das Kindler-Literaturlexikon berufen können", erläutert Roland Spahr das Vorgehen der Redaktion.


Wer kennt Mynheer Peeperkorn?

"Das semantische Netz eröffnet neue Zugänge zum Werk Thomas Manns und erlaubt es, neue Fragen zu stellen", ist Karl Sorg, Knowledge Engineer beim Projektpartner intelligent views überzeugt. In der Tat erlaubt die Erschließung der Texte über die Meta-Ebene Fragen zu stellen, wie z.B.:

  • In welchen Essays hat Thomas Mann über Musik geschrieben?
  • Mit welchen anderen Autoren stand Thomas Mann in Briefkontakt?
  • In welchen Briefen spricht Thomas Mann über den "Doktor Faustus"?

Natürlich sind die Antworten auf diese Fragen in den Texten selbst enthalten. Doch die in der Literatur – im Gegensatz zu enzyklopädischen Werken – wenig formalisierte Sprache macht eine automatische Inhaltserschließung quasi unmöglich. In der Vergangenheit bedeutete dies, sich durch abertausende von Seiten zu lesen. Durch die Formalisierung von Fakten bei deren Übertragung in das semantische Netz wird die verborgene Information nun technisch erschließbar. Auch Prof. Klaus Kloocke, Literaturwissenschaftler an der Universität Tübingen, steht solchen Entwicklungen auf dem Feld der Literatur durchaus offen gegenüber: "In Anbetracht des sehr großen und komplexen Textbestandes ist eine solche Erschließung sehr wünschenswert. Das Werk wird dadurch einfach zugänglicher."

Ein Beispiel: Interessiert sich der Sucher für den Briefwechsel Thomas Manns mit anderen Schriftstellern zwischen 1910 und 1935, wird ihm eine Liste der in diesem Zeitraum Angeschriebenen präsentiert. Wählt er daraus Gerhart Hauptmann, werden alle an diesen gerichteten Briefe als einfache chronologische Liste oder grafisch aufbereitet auf einer Zeitleiste dargestellt. Die Visualisierung zeigt, dass während einer bestimmten Zeitspanne die Korrespondenz zwischen Mann und Hauptmann sehr rege war. Vielleicht liegt die Ursache ja in dem Brief, der diesen intensiven Austausch eingeleitet hat?

Bild 2
Der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Gerhart Hauptmann war zwischen 1925 und 1930 besonders intensiv. Warum?
(User Interface von intelligent views, Content von VIA Informationsarchitekturen)

In der Tat entschuldigt sich Thomas Mann in diesem Brief bei Gerhart Hauptmann dafür, dass er der Figur des Mynheer Peeperkorn im "Zauberberg" in – so war zumindest die Meinung Hauptmanns – wenig schmeichelhafter Art und Weise Charakterzüge des berühmten Schriftstellerkollegen verliehen hat. Eine in der Visualisierung auffällige Häufung hat den Leser letztlich zu einem besseren Verständnis der Figur des Mynheer Peeperkorn im "Zauberberg" geführt.


In der literarischen Welt ist alles möglich

Der S. Fischer Verlag ist nicht ganz unvertraut mit der Wissensnetz-Technologie: Für die Herausgabe des Fischer Weltalmanachs wird schon seit einiger Zeit darauf unterstützend zurückgegriffen. Doch Enzyklopädien haben fest definierte Strukturen und Formulierungsvorgaben, Literatur hingegen lebt von der sprachlichen Varianz. So stieß man im literarischen Netz auf bis dahin unbekannte Schwierigkeiten. "Man fragt sich natürlich immer, was in einem Wissensnetz plausibel ist und strukturiert es diesen plausiblen Raum umfassend möglichst restriktiv. In der Welt der Literatur ist jedoch alles möglich und man kann die wenigsten Dinge tatsächlich ausschließen", musste Klaus Reichenberger, Managing Director Knowledge Engineering bei der intelligent views GmbH, erkennen.

Ein Beispiel ist die Epochenabgrenzung. Da diese nicht eindeutig ist, ist eine Darstellung auf einer konkreten Zeitleiste nicht so einfach möglich. "Die Frage war deshalb, ob man auf eine Konkretisierung weitestgehend verzichten sollte – zu Lasten der Recherchierbarkeit und Auswertbarkeit. Wir haben uns dafür entschieden, deutlich zu machen, ab welchem Zeitpunkt eine im Wissensnetz dargestellte Information spekulativ ist", so Roland Spahr. Wissensnetze externalisieren zu einem großen Teil auch persönliches Wissen, dessen Subjektivität dann aber in einem vom Träger losgelösten Wissensraum in einer Schein-Objektivität aufgehoben wird. Dem Nutzer muss bewusst sein bzw. bewusst gemacht werden, dass Inhalte und Relationen auf interpretatorischen Entscheidungen beruhen. Doch selbst wenn Interpretationen als solche kenntlich gemacht werden, muss ihre Notwendigkeit nach wie vor kritisch hinterfragt werden. "Wir haben z.B. Relations-Typen wie ‘ist befreundet mit’ oder ‘ist verfeindet mit’ auf die neutrale Aussage ‘steht in Kontakt mit’ reduziert."

Technisch ist sicherlich Vieles möglich. Es ist eine inhaltliche Entscheidung, was letztlich auch wünschenswert ist. Dazu müssen Definitionen aufgestellt und Entscheidungen getroffen werden. "Bei der Abstimmung von technisch Möglichem und inhaltlich Wünschenswertem haben uns allen oft die Köpfe geraucht", erinnert sich Klaus Reichenberger.


Vom Lektor zum Projektmanager

Mit dem Thomas-Mann-Projekt betritt der S. Fischer Verlag Neuland. Zur Realisierung sind Kompetenzen gefragt, über die der Verlag und dessen Lektoren nicht alleine verfügen. Vielmehr ist die intensive Kooperation mit verschiedenen Projektpartnern notwendig. Am Thomas-Mann-Projekt sind beteiligt:

  • S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Mitarbeiter von Lektorat und Herstellung
    (Konzepterstellung, editorische Arbeit, Betreuung der Buchausgabe, Aufbau des semantischen Netzes)
  • VIA Informationsarchitekturen, Heidelberg
    (Beratung, Konzepterstellung, Aufbau der Informationsarchitektur, Kommunikationsschnittstelle zwischen Verlag und Softwarehersteller, Konzeption des semantischen Netzes)
  • intelligent views GmbH, Darmstadt
    (Konzeption des semantischen Netzes, Werkzeuge zum semantischen Netz und Entwicklung weiterer spezieller redaktioneller Tools, Entwicklung der elektronischen Ausgabe)
  • Pagina, Tübingen
    (Satzarbeit)
  • Clausen & Bosse, Leck
    (Buchausgabe)

Doch auch interne redaktionelle Arbeitsabläufe haben sich geändert. So teilt sich die Redaktion in eine so genannte Aufbau-Redaktion, die den Informationspool füllt und das Wissensnetz knüpft, und eine Produkt-Redaktion, die dann Inhalte für die verschiedensten Produkte selektiert und redigiert. Mit Hilfe des strukturierten Informationspools wird die Produktion von Spin-Off-Produkten, wie z.B. eines Taschenbuches zum Thema "Thomas Mann und Gerhart Hauptmann", mit wenig Aufwand, schnell und kostengünstig möglich sein. Technisch möglich ist hier sogar eine Vorgabe der für das angestrebte Format verbindlichen Dokumentenstruktur, die dann über den Informationspool bereits mit Archivtexten gefüllt wird. Doch Roland Spahr schränkt ein: "Spin-Off-Produkte auf Knopfdruck wird es nicht geben, denn auch das ausgefeilteste Wissensnetz kann die Textkenntnis, das kritische Urteil eines Lektors bei der Selektion und Aufbereitung relevanter Themen und Texte nicht ersetzen. Das Wissensnetz wirkt unterstützend, kann aber die eigentliche inhaltliche Arbeit nicht ersetzen."

Nichtsdestotrotz ändert sich die Arbeit eines Lektors durch den Einsatz neuer Technologien und den Umgang mit neuen Medien. Aspekte der Herstellung kommen zur inhaltlichen Arbeit hinzu, technische Fragen im Hinblick auf Textkonvertierung und semantische Auszeichnung verlangen nach neuen Kompetenzen, die Grenzen zum Marketing werden aufgeweicht, die Produktplatzierung ist plötzlich schon bei der Konzeption im Lektorat ein Thema. Zur eigentlichen inhaltlichen Kompetenz – ein Gutteil der Belesenheit ist ja jetzt im Wissensnetz externalisiert – gesellen sich neue Kompetenzen. Fähigkeiten entfalten sich an anderer Stelle, eine Entgrenzung des ursprünglich in der Ausbildung erworbenen Wissens ist die Folge.


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Letzte Änderung: 31.10.2005 | Presse-Service | Disclaimer
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