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Entwicklung von kundengerechten und fehlerresistenten Produkten

 

Artikel erschienen in
Ausgabe November 2001

Von Frank Lesmeister und Dieter Wilhelm

Inhaltsübersicht:

Die PLATO AG, Lübeck, hat in Zusammenarbeit mit dem Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen und einem industriellen Arbeitskreis eine neue Vorgehensweise zur qualitätsorientierten Produktentwicklung entwickelt und im Softwaresystem SCIO realisiert. Die Software und die Vorgehensweise wurden erfolgreich im Rahmen eines Pilotprojektes im Philips Glühlampenwerk Aachen eingesetzt.


Problemstellung

Das Philips Glühlampenwerk Aachen stellt als Automobilzulieferer Glühlampen für die Automobilindustrie her. In Aachen werden sowohl Xenon- als auch Halogenlampen hergestellt. Philips ist in das eng miteinander verflochtene Zuliefernetz der Automobilindustrie eingebunden. Das Glühlampenwerk liefert seine Waren entweder an OEM oder an Systemlieferanten; zur Herstellung seiner Lampen benötigt Philips wiederum selbst Teile, die von Zulieferern bezogen werden.

Das Umfeld, in dem sich Philips als Global Player behaupten muss, ist geprägt durch internationalen Konkurrenzdruck, immer kürzer werdende Produktlebenszeiten und dem Wunsch der Kunden nach individuellen, ihren Bedürfnissen angepassten Produkten. Unternehmen können auf dem Markt nur bestehen, wenn sie sich diesen Herausforderungen stellen und ihre Produkte ständig verbessern und an die Wünsche der Kunden anpassen. Es ist wichtig, bereits in frühen Phasen der Produktentwicklung die Kundenwünsche zu beachten und systematisch und strukturiert in ein Produkt zu überführen. Hierbei ist darauf zu achten, dass mögliche Risiken frühzeitig erkannt und minimiert werden.

Mit den Methoden Quality Function Deployment (QFD) und Fehlermöglichkeits- und -Einflussanalyse (FMEA) existieren zwei wirkungsvolle Methoden des präventiven Qualitätsmanagements, die es ermöglichen, Kundenforderungen und Risiken in frühen Entwicklungsphasen zu beachten [1]. Doch wie eine Untersuchung des Werkzeugmaschinenlabors (WZL) der RWTH Aachen zeigt, werden diese Methoden in der Industrie nur sehr selten eingesetzt, obwohl die meisten Unternehmen von deren Nutzen überzeugt sind [2]. Dies liegt vor allem an der Komplexität und der fehlenden Verknüpfung der Methoden.

Der Einsatz der FMEA ist bei Philips zwar Standard, doch auch hier zeigen sich Probleme bei der Anwendung. Insbesondere die Ermittlung übergreifender, funktionaler Systemzusammenhänge und Ursache/Wirkungs-Ketten wird als sehr aufwendig und komplex angesehen. Der Einsatz der QFD ist nur wenig verbreitet. Mittels der im Hause Philips verwendeten Vorgehensweise CPS (Critical Path System) wurde versucht, die QFD und FMEA durch die Verwendung miteinander verknüpfter Matrizen miteinander zu verbinden. Doch aufgrund einer fehlenden Softwareunterstützung und weiterhin existierender Probleme bei der Verknüpfung der System- und Fehleranalyse ist auch diese Vorgehensweise sehr komplex und aufwendig.


Die Lösung

Bei der PLATO AG, Lübeck, wurde im Rahmen eines von der Forschungsgemeinschaft Qualität e.V. (FQS) betreuten Forschungsprojektes in Zusammenarbeit mit dem WZL der RWTH Aachen, dem Philips Glühlampenwerk Aachen und weiteren namhaften Industrieunternehmen eine Vorgehensweise zur Integration von QFD und FMEA erarbeitet und konsequent in der Software SCIO umgesetzt [3].

Zentrales Element ist hierbei die so genannte Matrix-Analyse. Dabei handelt es sich um eine modifizierte QFD, bei der die zentralen QFD-Matrizen verwendet werden, um die Funktionen des betrachteten Systems zu bestimmen und bis auf Prozessebene herunterzubrechen. Entgegen der klassischen QFD werden in den obersten Ebenen keine technischen Merkmale, sondern Funktionen ermittelt, die direkt in der FMEA weiterverwendet werden können. Von technischen Merkmalen spricht man erst auf Bauteilebene. Technische Merkmale können hierbei z.B. Bohrungen oder Oberflächen sein. Sowohl den Merkmalen als auch den Funktionen kann man auf allen Ebenen Spezifikationen, also messbare Werte, zuordnen. Das Ergebnis der Matrix-Analyse ist ein systematisch hergeleitetes funktionales Systemdesign und ein Lastenheft, in dem das System klar und deutlich mit allen wichtigen Eigenschaften beschrieben ist.

Bild 1
Systematische Bestimmung des Systemdesigns

Die so ermittelten funktionalen Systemzusammenhänge dienen als Input für die FMEA. Damit gehört die aufwendige Bestimmung dieser Zusammenhänge, die zur Ermittlung der Fehler/Ursachen-Beziehungen in der FMEA notwendig sind, der Vergangenheit an.


Softwareeinsatz

Die oben knapp dargestellte, in SCIO umgesetzte Vorgehensweise wird im Rahmen eines Pilotprojektes im Philips Glühlampenwerk Aachen zur Entwicklung fehlerresistenter und kundengerechter Produkte eingesetzt. Entscheidend für die Nutzung von SCIO ist das aus ersten Ergebnissen an Halogenlampen sichtbare Potenzial bei der Verbesserung der Produkte.

Hierbei wurden in einem ersten Schritt die Funktionen mit ihren jeweiligen Spezifikationen bestimmt, die eine Halogenlampe erfüllen muss. Danach wurden sie systematisch mittels der SCIO-Matrix-Analyse in einzelne Komponenten zerlegt. Wichtig zur Bestimmung der Funktionsstruktur ist die Ermittlung der Korrelationen zwischen Komponenten und Funktionen. Hier zeigte sich der Vorteil der eingesetzten Matrizen: Sie ermöglichen es, auf einfache Art und Weise darzustellen, welche Komponenten einen Beitrag zur Erfüllung welcher Funktionen leisten. Dieser Zusammenhang kann entweder qualitativ dargestellt oder mittels Bewertungsfaktoren von 1 bis 10 quantifiziert werden. Im dargestellten Beispiel ist zu erkennen, dass z.B. die Wendel etwas dazu beiträgt, dass die definierte elektrische Leistung eingehalten wird.

Diese Vorgehensweise wurde nun für die Komponente "Wendel" bis auf Prozessebene fortgesetzt. Hierzu wurden die Funktionen der Glühlampe über Funktionen der Wendel in Funktionen des Drahtes überführt. Zur Detaillierung der Funktionen von der höheren Ebene in die tieferen stehen wieder Matrizen zur Verfügung. Der Draht wurde in seine Bestandteile zerlegt und wiederum die funktionalen Zusammenhänge in die entsprechende Matrix eingetragen. In einem letzten Schritt wurden den technischen Merkmalen des Drahtes Fertigungsprozesse zugeordnet.

Bild 2
Matrix-Analyse über alle Ebenen
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Der Einsatz der Matrix-Analyse ermöglichte es, die funktionalen Systemzusammenhänge strukturiert darzustellen. Es hat sich gezeigt, dass diese Vorgehensweise besonders den Entwicklern entgegen kam, da die Verwendung von Matrizen der Arbeitsweise eines Ingenieurs gut entspricht. Durch die Zuordnung von Spezifikationen zu Funktionen und Merkmalen erhielt man neben dem funktionalen Systemdesign auch ein Lastenheft als Ergebnis, das dazu dient, den Zulieferern klar und eindeutig darzustellen, welche Eigenschaften sie mit ihren Produkten gewährleisten müssen. Die Matrizen sind die Grundlage für alle weiteren Schritte – deshalb, so hat sich gezeigt, sollte man diese sehr sorgfältig aufbauen.

Bild 3
Funktions- und Systemstruktur
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Mit dem funktionalen Systemdesign war die Grundlage für eine schnelle und einfache Fehleranalyse gelegt. Zur Bestimmung der Ursache/Wirkungs-Ketten wurden in einem nächsten Schritt nur die potenziellen Fehler jeder Systemebene bestimmt. Um die potenziellen Folgen und Ursachen, also um die aufwendigen und zeitintensiven Tätigkeiten der herkömmlichen FMEA, brauchte man sich vorerst noch nicht zu kümmern. Die Ursache/Wirkungs-Ketten bestimmen sich aus den ermittelten Zusammenhängen.

Bild 4
Ursache/Wirkungs-Kette

Hierzu konnte ein weiteres wirkungsvolles SCIO-Modul eingesetzt werden: die Fehlerbaum-Systemanalyse. Dieses Modul ermöglicht es, Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge auf Basis der ermittelten Funktionszusammenhänge vorzuschlagen. Die Aufgabe des Entwicklers war es nur noch, die vorgeschlagenen Wirkzusammenhänge auf Plausibilität zu prüfen. In der Regel schlägt das System mehr Zusammenhänge vor als sinnvoll sind. Dies liegt daran, dass jeder Funktion mehrere potenzielle Fehler zugeordnet werden können. Die Beziehungen, die nicht zutreffen, können einfach aus dem Fehlerbaum entfernt werden.

Bild 5
Fehlerbaum-Systemanalyse
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Bei der Anwendung der Fehlerbaum-Systemanalyse zeigte sich, dass die Erstellung der Fehlerbäume von der System- bis auf die Bauteilebene für die ersten Fehler noch aufwendig ist. Der Aufwand reduziert sich aber immer weiter, da einmal bekannte Fehlerbäume, die wiederum eine Ursache für andere potenzielle Fehler darstellen können, vom System komplett direkt übernommen werden können und somit nicht erneut bis auf die tiefste Ebene analysiert werden müssen. Insgesamt konnte dadurch eine große Reduzierung des Aufwandes zur Erstellung der Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge erzielt werden.

Durch die anschließende automatische Überführung der Ergebnisse in das FMEA-Formblatt reduziert sich der nachfolgende Aufwand für die Komplettierung der FMEA auf die bekannten Einträge zur Risikoabschätzung und eventuell notwendiger Verbesserungsmaßnahmen.

Bild 6
FMEA-Formblatt
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)


Fazit

Die entwickelte Vorgehensweise und deren konsequente Umsetzung im Softwaresystem SCIO ermöglicht die Entwicklung von kundengerechten und fehlerresistenten Produkten. Durch den Einsatz der QFD-Matrizen wird sichergestellt, das Richtige zu tun, und durch die FMEA, dies auch richtig zu tun. Durch die Verknüpfung von QFD und FMEA ist es möglich, den qualitätsorientierten Produktentwicklungsprozess effektiv und effizient zu unterstützen.

Das Pilotprojekt im Philips Glühlampenwerk Aachen hat gezeigt, dass der Einsatz von Qualitätsmanagement-Methoden, wenn dies richtig geschieht und mittels geeigneter Software unterstützt wird, Entwickler in ihrer täglichen Arbeit sehr wirkungsvoll unterstützen kann. Mit Hilfe der Software SCIO konnten sonst sehr aufwendige Tätigkeiten im Rahmen der FMEA erheblich vereinfacht werden:

  • Durch die strukturierte Vorgehensweise kann sichergestellt werden, dass die entwickelten Produkte die Forderungen der Kunden erfüllen und die potenziellen Risiken bei der Entwicklung beachtet und minimiert werden können.
  • Durch die Zuordnung von Bauteilen zu Funktionen mit deren Spezifikationen erhält man ein Lastenheft, welches zur Kommunikation mit dem Lieferanten eingesetzt werden kann.
  • Durch die Kenntnis der Wirkungszusammenhänge wird dieser in den qualitätsorientierten Entwicklungsprozess eingebunden und sichergestellt, dass auch die Zulieferteile den geforderten Beitrag zur Schaffung von qualitativ hochwertigen Produkten leisten.

Der Einsatz von SCIO und die damit verbundene neue Vorgehensweise unterstützt somut die Philips-Unternehmensstrategie "Customer First" wie auch den Slogan "Let´s make things better".


Literatur

[1] Pfeifer, T.: Qualitätsmanagement. 3. Aufl. München: Hanser 2001.

[2] Pfeifer, T./Lesmeister, F.: Präventive QM-Methoden einfacher gestalten. In: ZWF 94 (1999) Nr. 11, S. 642-645.

[3] Lesmeister, F.: Verbesserte Produktplanung durch den problemorientierten Einsatz präventiver Qualitätsmanagement-Methoden. Diss. Düsseldorf: VDI-Verlag 2001.



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Letzte Änderung: Monday, 31-Oct-2005 17:27:58 CET | Presse-Service | Disclaimer
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