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Enterprise Content Management – nur ein neues Marketing-Schlagwort?

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Februar 2002

Von Dr. Ulrich Kampffmeyer

Inhaltsübersicht:

Alljährlich kommen neue Schlagworte in der IT-Branche auf. Manche bestehen nur ein Jahr, andere markieren neue Trends und neue Produkte, die die IT-Landschaft nachhaltig verändern. Enterprise Content Management (ECM) gehört zu den letzteren. Seit 1999 taucht dieser Begriff vermehrt in Publikationen auf; zwei wesentliche Quellen lassen sich hierfür ermitteln: der internationale Dachverband der Dokumentenmanagement-Branche, die AIIM International, orientierte sich neu und IBM benannte die bisherige Enterprise-Document-Management-Produktlinie in Enterprise Content Management um.

Der Begriff Content Management dagegen wurde bereits seit längerem von zahlreichen Unternehmen im Internet-Umfeld besetzt. Heute stellt sich für den Anwender das Problem, welche technologischen Lösungen und welche Funktionalität eigentlich Content-Management-Systemen (CMS) zuzuordnen sind.


Content Management ist nicht gleich Content Management

Geht man an die Wurzeln des Begriffes Content Management, so muss man feststellen, dass bereits der Begriff Content nicht eindeutig fassbar ist: Er ist nicht einfach eine Neudefinition des herkömmlichen Dokumentenbegriffs. Content ist im Prinzip alles, was an inhaltlicher Information in Systemen vorgehalten wird. Selbst die herkömmliche Abgrenzung zwischen unstrukturierten oder schwach strukturierten Daten greift nicht mehr. Content wird heute in Datenbanken verwaltet und die Grenze zwischen strukturierten Datensätzen und unstrukturiertem Content ist längst verwischt.

Es gibt jedoch Merkmale für Content, die diesen von anderen Inhalten unterscheiden: Content setzt sich immer aus dem Inhalt und zugehörigen Meta-Informationen zusammen. Diese Meta-Informationen müssen für den Nutzer nicht unbedingt sichtbar sein; sie dienen vorrangig der Verwaltung und Kontrolle des eigentlichen Inhalts. Wichtige Komponente von Content-Management-Systemen ist daher die Trennung von Layout- und Strukturinformationen vom eigentlichen Inhalt. Für diese Aufgabe gewinnt XML immer mehr Bedeutung, ohne dass die Nutzung von XML für Schnittstellen und Dokumentformate heute bereits als grundlegende Eigenschaft zu werten ist.

Bei der Betrachtung des Themas Content Management muss daher zwischen der generellen Katogorie Content-Management-Systeme (CMS) sowie zwei speziellen Ausprägungen, den Web-Content-Management-Systemen (WCMS) und den Enterprise-Content-Management-Systemen (ECMS) unterschieden werden. Sie haben verschiedene Ursprünge, differente Funktionen und einen sehr unterschiedlichen Anspruch. Derzeit sind somit drei Hauptströmungen der Begriffsbesetzung Content Management festzustellen.


Content Management im engeren Sinn

Die Strömung erste kann man als Content Management im engeren Sinn betrachten. Hier geht es wirklich um den Inhalt, den Content. Der Content sind digitale Bücher, digitale Videos, digitale Musik, die verwaltet, abgerechnet, geschützt und verteilt werden wollen. Ziel der Verleger und anderer Content-Anbieter ist die gesicherte und auf die Anforderungen der jeweiligen Zielgruppe gerichtete Vermarktung des Content. Hier spielen deshalb Komponenten wie Multi Media Clearing Rights Systems zur autorenrechtlich einwandfreien Nutzung, Content Syndication zur Zusammenführung von Inhalten, E-Procurement zur Abrechnung der Nutzung, Telecommunication Integration für WAP und den Internet-Fernseher zu Hause, E-Books, digitale Wasserzeichen und Kopierschutzmechanismen, schnelle komprimierte Bereitstellung über unterschiedlichste Netze etc. eine besondere Rolle. Firmennamen, die im Umfeld dieser inhaltsbezogenen Variante des Content Managements fallen, sind Bertelsmann, Disney, EMI, Sony und andere. Die technische Lösung ist hierbei von nachgeordneter Bedeutung; der Schwerpunkt liegt auf der kommerziellen Nutzung des Content selbst.


Web Content Management (WCM)

Die zweite Ausprägung ist Content Management im Sinne von Web Content Management. Hier ging es zunächst nur darum, die unzulänglichen Möglichkeiten von HTML zur Gestaltung einer Website mit professionellen Tools zu überwinden. Versionierung von Websites, Integration von geschützten Intranet-Bereichen, E-Commerce mit Bezahlfunktionalität, dynamisches Füllen von Seiten aus Datenbanken und effiziente Pflege-Tools, die den editorischen Prozess der Inhaltserstellung und Publikation unterstützen, bilden den Schwerpunkt dieser Produktkategorie. WCM-Produkte unterscheiden sich von herkömmlichen Dokumentenmanagement-Produkten durch die fokussierte Ausrichtung auf Internet-Formate wie HTML, XML, GIF und andere. Inzwischen sind die Grenzen zwischen Website-Gestaltung, Website-Inhaltsverwaltung, datenbankgestützter Informationsbereitstellung, Personalisierung und automatisierter Inhaltspublikation weitgehend verwischt. Das Web Content Management entwickelt sich zur Basistechnologie von Portalen. Benötigte dokumentenorientierte Komponenten wurden dabei häufig neu erfunden.

Für Web Content Management lassen sich derzeit vier Hauptkategorien unterscheiden:

  • WCM Authoring:
    Diese Lösungen dienen hauptsächlich zur Gestaltung der Website und zur Unterstützung des Editionsprozesses mit Workflow-Funktionalität.
  • WCM Repository:
    Hier geht es um das interne Management der bereitgestellten Informationen und die Bereitstellung als Laufzeitumgebung. Als besondere Eigenschaft kommt die Zusammenführung von Inhalten aus verschiedenen Quell-Systemen hinzu.
  • WCM Publikation:
    Diese Lösungen bieten neben der reinen Pull-Bereitstellung von Informationen auch das Push-Prinzip mit der gezielten Distribution von Informationen.
  • WCM E-Business:
    Bei diesen integrierten Systemen geht es über die reine Aufbereitung, Verwaltung und Verteilung des Content hinaus. Weitere Funktionen erlauben auch die direkte Interaktion und individualisierte Nutzung. Basis für diese Lösungen sind in der Regel aufwendige Portal-Systeme.


Enterprise Content Management (ECM)

Die dritte Strömung, Enterprise Content Management, ist auf den ersten Blick nur eine Transformation bestehender Technologien oder gar nur von Marketingaussagen – frei nach der Devise "Aus dem Archiv-Server wird ein Dokument-Server wird ein Content-Server wird ein Portal-Server wird ein xyz...". Aus dem Umfeld der Document Related Technologies werden die Funktionalitäten traditioneller Archiv-, Dokumentenmanagement- und Workflow-Lösungen auf die Anforderungen des Content Managements umgebaut oder neue Produktsuiten generiert, die webbasierte Komponenten mit den herkömmlichen Produkten verbinden. Aus Content Management wird in diesem Zusammenhang dann meistens Enterprise Content Management. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es nicht nur um die weborientierte Außenwirkung, sondern um die Erschließung aller strukturierten und unstrukturierten Informationen im Unternehmen geht. Der Fokus der meisten Lösungen ist daher häufig noch auf Intranets – oder anders abgekürzt auf B2E (Business to Employee) – ausgerichtet. Aber auch aus diesem Ansatz kommen neue Komponenten, die das Content Management sinnvoll erweitern, z.B. automatische Klassifikation, Profiling, Transaktions-Archivierung.

Mit dem Begriff Enterprise Content Management werden daher Lösungen zusammengefasst, die zwar ebenfalls Internet-Technologien benutzen, aber schwerpunktmäßig auf die Inhouse-Informationsbereitstellung zielen. Lösungsspektrum sind hier vorrangig Unternehmensportale für B2B (Business to Business) als Extranet und B2E als Intranet. Die Mehrzahl der bisherigen Dokumentenmanagement-, Groupware- und Workflow-Anbieter, die ihre Architekturen noch nicht vollständig umgestellt haben und lediglich einen Web-Server vor ihre Anwendungen stellen, finden sich auch in dieser Kategorie wieder.

Die wichtigsten Anwendungsschwerpunkte sind:

  • ECM Portal:
    browserbasierte, personalisierte Oberfläche zum Zugriff auf Informationen aus unterschiedlichen internen und externen Quellen sowie zur Ablösung bisheriger Host- und/oder Client-Benutzeroberflächen
  • ECM Data/Document Warehouse:
    Applets, Middleware und Meta-Datenbanken zur Zusammenführung und Verdichtung von unstrukturierten Informationen aus verschiedenen Quellen im Unternehmen
  • ECM Workflow:
    prozessgesteuerte Zusammenführung und Nutzung von Informationen
  • ECM Knowledge Management:
    Aufbereitung von strukturierten und unstrukturierten Informationen und automatische Klassifikation einschließlich Computer Based Training (CBT)


Drei Ideen bestimmen Enterprise Content Management

Betrachtet man die Definitionen der unterschiedlichen Anwendungsbereiche von ECM und WCM, so wird deutlich, dass die heute noch vorhandenen Unterschiede in den Systemkatagorien nicht mehr lange aufrecht zu erhalten sind. Dies gilt für die Produkte und die technischen Plattformen ebenso wie für die Nutzungsmodelle: Was heute noch als reine Inhouse-Lösung genutzt wird, soll morgen bereits dem Partner oder Kunden zugänglich gemacht werden. Die Inhalte und Strukturen eines heutigen, auf Außenwirkung ausgerichteten Web-Portals sollen morgen bereits die Plattform für die interne Informationsbereitstellung sein.

Der Anspruch eines ECM-Systems reduziert sich dann auf drei wesentliche Ideen, die solche Lösungen vom Web Content Management unterscheiden:

  • Grundidee 1: ECM als integrative Middleware
    ECM soll die Restriktionen bisheriger vertikaler Anwendungen und Insel-Architekturen überwinden. Der Anwender sieht im Prinzip nicht, dass er mit einer ECM-Lösung arbeitet. Für die neue Welt webbasierter IT, die sich quasi als dritte Plattform neben herkömmlichen Host- und Client/Server-Systemen etabliert, bietet ECM die notwendige Infrastruktur. Für die Einführung und Nutzung von ECM spielt daher Enterprise Application Integration (EAI) eine besondere Rolle.
  • Grundidee 2: ECM-Komponenten als unabhängige Dienste
    ECM soll Informationen unabhängig von der Quelle und unabhängig von der benötigten Nutzung verwalten. Die Funktionalität wird hier als Dienst bereitgestellt, der von den verschiedensten Anwendungen genutzt werden kann. Der Vorteil eines Dienstekonzeptes ist, dass für jede Funktionalität jeweils nur ein allgemeiner Dienst zur Verfügung steht und redundante, aufwendig zu pflegende und teure Parallelität gleicher Funktionalität vermieden wird.
  • Grundidee 3: ECM als einheitliches Repository für alle Typen von Informationen
    ECM soll als Content Warehouse (übergreifend für Data Warehouse und Document Warehouse) Informationen des Unternehmens in einem einheitlich strukturierten Repository zusammenführen. Aufwendige Redundanz und damit verbundene Probleme der Konsistenz von Informationen werden überwunden. Alle Anwendungen liefern ihren Content in einem einheitlichen Repository ab, das wiederum allen Anwendungen die benötigten Informationen bereitstellt.

ECM ordnet sich so in ein Mehrschichtenmodell ein und umfasst alle Document Related Technologies zur Handhabung, Erschließung und Verwaltung schwach strukturierter Daten. Damit stellt es eine der notwendigen Basiskomponenten des übergreifenden Anwendungsfeldes E-Business dar. ECM erhebt auch den Anspruch, alle Informationen eines WCM mit zu verwalten und als universelles Repository die Anforderungen der Archivierung mit abzudecken.

Dieser Anspruch sichert zugleich, dass ECM kein kurzfristiges Aufleben eines neuen Schlagwortes bleibt. Die Information in den Systemen stellt den eigentlichen Wert dar. Unternehmen machen sich zunehmend abhängig von der Verfügbarkeit dieser Informationen. Längst stellt nicht mehr das Scannen von Papier den Informationsengpass dar – E-Mails überfluten die Postkörbe, elektronische Dokumente in unterschiedlichsten Versionen bevölkern die Dateisysteme, operative Systeme generieren immer mehr Daten und Auswertungen, gleiche Information wird in immer mehr unterschiedlichen Renditionen für verschiedene Nutzungsaspekte aufbereitet. Die Probleme einer effizienten Informationsorganisation übertreffen inzwischen die altbekannten Probleme von Papierarchiven und herkömmlicher papiergestützter Vorgangsbearbeitung. Der rasche Wandel der IT trägt dabei durch fehlende Standards, Medienbrüche und mangelnde Kontinuität wesentlich zu diesen Problemen bei. Verlässliche ECM-Lösungen, die unabhängig von den Anwendungen Informationen bereitstellen können, stellen daher zukünftig das Rückgrat jeder modernen IT-Lösung dar. Die langfristige Informationsverfügbarkeit, die Erschließung mit Datenbanken, Suchmaschinen und Klassifikationstools macht Content erst nutzbar.


Der Markt für ECM-Lösungen

Im ECM-Markt möchte jeder gerne mitspielen – von den großen Plattformanbietern wie Microsoft, Lotus und SAP über die gesamte Riege der Document-Related-Technology-Anbieter bis hin zum kleinsten Web-Authoring-Tool-Garagenanbieter. Durch die globale Definition von Enterprise Content Management wird ein gigantischer Markt suggeriert, der in seiner Gesamtheit nicht besteht, sondern sich in viele Einzelfacetten auflöst.

Die aktuelle Studie der AIIM International zum ECM-Markt, die von der Gartner Group erstellt wurde, tut sich daher auch sehr schwer mit der Abgrenzung. Folgende Definition für Enterprise Content Management diente der Untersuchung als Grundlage:

"The technologies used to create, capture, custumize, deliver, and manage enterprise content to support business processes"

Die Gartner Group betont dabei, dass trotz der recht konkreten Definition von Enterprise Content Management dennoch alle teilnehmenden Personen ein leicht abweichendes Verständnis der Begriffe hatten. Deutlich wurde aber, dass die traditionellen Grenzen zwischen Enterprise Applications und den betrachteten Document Related Technologies langsam aufweichen und sogar langsam vollkommen verschwimmen.

Da ECM aber zunehmend als Basisinfrastruktur begriffen wird, die in alle Formen von Anwendungen, in Produkte für die Bürokommunikation, Collaboration und Groupware sowie inzwischen bereits in Betriebssysteme und Datenbanken integriert wird, hat die ECM-Branche Schwierigkeiten, ein eigenständiges Profil zu bewahren.


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Letzte Änderung: Monday, 31-Oct-2005 17:27:59 CET | Presse-Service | Disclaimer
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