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Endanwender kontrollieren Betriebsanleitungen
Artikel erschienen
in
Ausgabe März 2002
Von Wolfram
W. Pichler
Seit Mitte der 90er Jahre hat die EG-Maschinenrichtlinie auch
in Deutschland Gesetzeskraft. Danach sind Maschinenhersteller
gesetzlich verpflichtet, unter anderem eine Gefahrenanalyse durchzuführen.
Was aber tun die meisten heute noch? Sie entwickeln, konstruieren
und fertigen ihre Maschinen auf Zuruf, führen natürlich
keine Gefahrenanalyse durch und bringen trotzdem illegal
die CE-Kennzeichnung auf der Maschine an.
Seit Jahren
liegen wir Technik-Redakteure den Herstellern in den Ohren mit
Produkthaftung für Instruktionsfehler und Marktaufsichtsbehörden
vergeblich. Wir können schon froh sein, wenn sie nur
milde lächeln und uns als Überbringer schlechter Nachrichten
nicht den Krokodilen zum Fraß vorwerfen.
Auf der
anderen Seite haben wir Verbündete: die Anwender, deren Interessen
wir alltäglich beim Schreiben von Anleitungen vertreten.
Wir sollten sie nun auch ermuntern, sich für ihre Interessen
selbst einzusetzen, weil es sich für sie lohnen kann. Zum
Beispiel so:
Die neue Maschine ist geliefert, aufgebaut und installiert. Sie
sollen sie in Betrieb nehmen nach der mitgelieferten Betriebsanleitung.
Ein leichtes Unwohlsein beschleicht Sie. Diese Situation kennen
Sie auch aus dem privaten Bereich: Wird diese Anleitung wohl funktionieren,
werde ich diesmal damit klarkommen?
Halt! Zweifeln Sie nicht schon wieder an Ihrer Auffassungsgabe.
Misstrauen Sie lieber zuerst der Anleitung. Ihre Chance, damit
richtig zu liegen, ist mindestens fifty/fifty. Prüfen Sie
die Anleitung auf ihre Funktion. Dazu müssen Sie kein sachverständiger
Gutachter für Benutzerinformation sein. Sie können nach
rein formalen Kriterien feststellen, ob Sie der Betriebsanleitung
über den Weg trauen können.
Nehmen Sie sich zehn Minuten Zeit und untersuchen Sie die Anleitung
nach den Kriterien der folgenden Checkliste. Diese ist in keiner
Hinsicht vollständig; sie beschränkt sich bewusst auf
Kriterien, zu deren Beurteilung keine Fachkenntnisse erforderlich
sind. Obwohl z.B. bei der Frage nach der Schriftgröße
Bewertungsmaßstäbe aus der Lesbarkeitsforschung gültig
sind, entscheiden Sie getrost nach Ihrer persönlichen Empfindung.
Denn Sie sind schließlich der betroffene Anwender. Wenn
Sie die Schrift zu klein finden, dann ist die Schrift zu
klein.
Je nachdem, ob und wie gut die einzelnen Anforderungen Ihrer
Meinung nach erfüllt sind, vergeben Sie Schulnoten von 1
(voll erfüllt, vorbildlich) bis 5 (nicht oder mangelhaft
erfüllt). Wenn Sie ein Kriterium in Ihrem aktuellen Fall
für nicht erforderlich halten, geben Sie dafür einfach
gar keine Note. Sie können Ihre Noten je Kriteriengruppe
zusammenfassen oder jedes Einzelkriterium separat benoten.
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Kriterium
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Note
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1. Identifizierung
Finden sich auf der Titelseite oder zumindest auf der nachfolgenden
Seite diese Angaben?
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Art der Anleitung (Betriebsanleitung, Service-Handbuch,
Ersatzteilkatalog...)
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Name des Produkts mit Typenbezeichnung/Variante/Seriennummer
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Hersteller mit Adresse und Telefon-Nr.
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Ausgabedatum oder -monat
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2. Leitfaden
Gibt es einen Abschnitt, der in den Gebrauch der Anleitung
einführt?
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Ziel und Nutzen der Anleitung
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Angabe der Zielgruppe (Vorwissen, Berufsabschluss...)
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Erläuterung der Lesekonventionen
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Bildzeichenübersicht
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Inhaltsverzeichnis, hierarchisch untergliedert
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Fachwörter- und Abkürzungsverzeichnis (Glossar)
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Index
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Kopf- und Fußzeilen
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eindeutige Seitenzahlen
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4. Sicherheit
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allgemeine Sicherheitsvorschriften zusammengefasst am Beginn
der Anleitung
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zusätzliche Sicherheitshinweise vor den einzelnen
Bedienschritten
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klare Vorgaben, was zu tun und was zu vermeiden ist
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Angabe des bestimmungsgemäßen/vorhersehbaren/verbotenen
Gebrauchs
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EMV-Hinweise
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persönliche Schutzausrüstung
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Angaben für den Notfall
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5. CE-Konformität
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Ist die Konformitätserklärung abgedruckt?
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Sind darin die anwendbaren EG-Richtlinien genannt?
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Sind darin die anwendbaren harmonisierten europäischen
Normen genannt?
z.B. DIN EN 292-1 (Indiz für Maschinensicherheit)
z.B. DIN EN 292-2 (Indiz für vollständige Betriebsanleitung)
z.B. DIN EN 1050 (Indiz für durchgeführte Gefahrenanalyse)
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Ist die Erklärung vom Geschäftführer des
Maschinenherstellers unterschrieben?
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6. Lesbarkeit
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Schriftgröße groß genug?
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Zeilenabstand groß genug?
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Zeilenlänge nicht zu lang?
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Aufzählungen, Listen, Tabellen statt "Bleiwüste"?
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Seiten nicht überladen?
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7. Illustration
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Zeichnungen, Fotos etc. eindeutig und verständlich?
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Bildbeschriftung lesbar?
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Bildlegenden vorhanden?
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Symbole/Piktogramme allgemein bekannt?
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8. Technische Daten
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Art, Verbrauch, Füllmengen und Füllstände
von Betriebs- und Hilfsstoffen
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Umgebungsbedingungen, Feuchte bei Lagerung und Gebrauch
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Feuergefährlichkeit, Explosionsschutz
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Umweltbelastung: Lärm, Vibration, Strahlung, Gas,
Dampf, Staub, Abwasser
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9. Fehlersuche
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Checkliste möglicher Fehlzustände mit Reparaturanleitungen
(unter Beachtung der Sicherheit)
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klarer Hinweis, ob die Benutzer die Reparatur selbst versuchen
dürfen oder nicht
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10. Vollständigkeit
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Maschinenbeschreibung: Aufbau und Funktion
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Sicherheitsvorschriften
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Bedienungs- und Anzeigeelemente, Betriebsarten
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Inbetriebnahme
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Betrieb
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Wartung
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Instandsetzung
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Außerbetriebsetzung, Lagerung
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Verpackung und Transport
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Entsorgung
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Ersatzteilliste
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So werten Sie Ihre Beurteilung aus:
Zählen Sie sämtliche Noten zusammen und bilden Sie den
Durchschnitt, indem Sie die Summe durch die Zahl der vergebenen
Noten teilen. Wenn Sie dabei in der Gegend von 3,0 landen, haben
Sie mit der Anleitung Glück gehabt relativ betrachtet.
Bei weniger als 4,0 besteht ein begründeter Anfangsverdacht,
dass die Anleitung ihren Zweck nicht ausreichend erfüllen
wird. Diesen Verdacht können Sie nun von einem sachverständigen
Gutachter für Benutzerinformation erhärten oder widerlegen
lassen.
Niemand sollte eine Maschine abnehmen (d.h. vollständig
bezahlen), bevor eine Betriebsanleitung ohne Instruktionsfehler
geliefert wurde. Denn fehlerhafte Anleitungen können die
Gesundheit und das Leben der Anwender gefährden!
Tipps zum Weiterlesen:
DIN EN 62079:2001-11. Erstellen von Anleitungen Gliederung,
Inhalt und Darstellung.
VDI 4500-1:1995-02. Technische Dokumentation Benutzerinformation.
Pichler, Wolfram W.: Qualitätsanleitungen.
Der Leitfaden für Qualitätsfanatiker. Reutlingen:
doculine 1997.
tekom Gesellschaft für technische Kommunikation e.V.: Leitfaden
Betriebsanleitungen. Stuttgart 2001.
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