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Der heiße Draht: Kundenzeitschriften
Artikel erschienen
in
Ausgabe März 2002
Von Erny
Hildebrand
Inhaltsübersicht:
In Deutschland existieren rund 10.000 Zeitschriften,
darunter etwa 3.600 Fachzeitschriften. Warum, so könnte man
fragen, wird bei diesem Überangebot an Informationen noch
ein Kundenmagazin benötigt? Dennoch erscheinen derzeit
mit steigender Tendenz über 2.400 Kundenzeitschriften.
Die Bedeutung dieses spezifischen Marketinginstruments nimmt zu,
vor allem im IT-Bereich. Gut gemacht, sorgt es bei erklärungsbedürftigen
Produkten und Dienstleistungen für mehr Transparenz, schafft
Vertrauen und fördert die Kundenbindung.
"Trotz aller Informationsflut ein Kundenmagazin ist
in der Lage, bestimmte Produkte oder Dienstleistungen transparent
zu machen und die Informationen der angestrebten Zielgruppe ohne
große Streuverluste zuzuführen", begründet
Stefanie Berg, Geschäftsführerin der PR-Agentur Conosco
den Stellenwert dieses Marketinginstruments und nennt ein Beispiel:
Für den österreichischen Elektronikhersteller G. Bachmann
Electronic hat die Düsseldorfer Agentur ein Kundenmagazin
konzipiert, mit dem sich das Unternehmen seit Jahren auf dem deutschen
Markt bekannt macht. "Mit flashlights haben wir
die Chance, Kunden und potenziellen Kunden unsere Steuerungen
vorzustellen. Anwenderberichte im Fachzeitschriftenstil, Hintergrundinformationen
zu technischen Trends im Maschinenbau und Porträts der Spezialisten
im Unternehmen bieten einen hervorragenden Mix, um ins Gespräch
zu kommen", erläutert Markus Hanefeld, Vertriebs- und
Marketingleiter bei dem Steuerungshersteller, und resümiert:
"Die Resonanz ist jedes Mal erfreulich."

Potenziale ausschöpfen
Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Streicher Kommunikation
aus dem vergangenen Jahr setzen vor allem IT-Unternehmen im Hinblick
auf Kundenbindung und Neukundengewinnung zunehmend auf firmeneigene
Zeitschriften. Die befragten 35 IT-Unternehmen gaben mehrheitlich
an, dass im Vergleich zu anderen Maßnahmen wie Anzeigenwerbung,
Internet, Pressearbeit oder Prospektwerbung über dieses Medium
"die Unternehmens-Kommunikationsziele am ehesten erreicht"
würden. Dennoch, so die Autoren der Studie, wiesen die untersuchten
Kundenzeitschriften noch einige Mängel auf. Schwachstellen
machten sie in erster Linie bei der konsequenten Leser/Nutzen-Orientierung
aus. Vor allem bei Blättern, die in Eigenregie hergestellt
würden, läge hier, bemängeln die Hamburger Consulter,
viel im Argen.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch der Fachverband Forum
Corporate Publishing (FCP). In Zusammenarbeit mit der Universität
St. Gallen untersuchten die Medienspezialisten, welche Kommunikations-
und Marketingziele die 26 befragten Unternehmen mit ihren Kundenzeitschriften
verfolgen und stellten fest, dass die Potenziale von Kundenzeitschriften
nicht immer voll ausgeschöpft würden. Die meisten Unternehmen,
so die Kritik der Autoren, würden kaum nachvollziehen, ob
ihre angestrebten Kommunikationsziele auch erreicht würden.
Anders bei "Leica World", dem Kundenmagazin des bekannten
Kameraherstellers. Der halbjährlich erscheinende Titel wurde
beim Corporate Publishing Preis 2002 der Zeitschrift "w&v"
zu Deutschlands bester Kundenzeitschrift gekürt. Von der
Qualität der Bilder könne der Leser auf die Qualität
der Kameras schließen, lautete einer der Gründe für
den Siegerentscheid der Jury. Und dies ist sicher auch einer der
Gründe, warum die rund 6.000 Kunden und Interessenten sogar
bereit sind, Geld für das Magazin zu bezahlen, was ja sonst
für eine Kundenzeitschrift nicht üblich ist. Bald, so
die Pläne des mittelständischen Unternehmens, soll das
Heft auch in englischer Sprache in den USA zu haben sein. Und
mit einer höheren Auflage, hoffen die Herausgeber, könne
man auch die Erscheinungsweise erhöhen. Von seinen Lesern
hat Ralph Hagenauer, Leiter Marketing und Kommunikation, dabei
recht genaue Vorstellungen: "Das sind Genießer, die
sich abends mit einem Glas Wein und einer Zigarre hinsetzen und
die Leica World durchblättern", ist er überzeugt,
"und deshalb wollen wir für sie mit der Zeitschrift
Fotografie als kulturellen Wert pflegen". Auf Plattitüden
wie "Wir sind die Besten" verzichtet das Blatt dabei
völlig. "Das Unternehmen lässt uns die Freiheit,
gewisse Dinge zu machen oder zu lassen", betont Art Director
Horst Moser.
Den zweiten Platz im w&v-Wettbewerb belegte das Magazin "HVB
Values" der HypoVereinsbank, den dritten "Forum",
ein Blatt des europäischen Finanzdienstleisters MLP. Insgesamt
beteiligten sich 248 Herausgeber an dem Wettbewerb.

Dialog herstellen
Diese prämierten Beispiele machen deutlich, dass eine Kundenzeitschrift
in der Tat als Sprachrohr zwischen Unternehmen und Kunden dienen
kann, wobei das Sprachrohr in beide Richtungen funktioniert: Das
Unternehmen bringt seine Philosophie, seine Produkte und wichtige
Informationen über die Entwicklung des Marktes direkt an
die Zielgruppe; die Kunden können im Gegenzug mit Kritik
und Anregungen sofort reagieren. Durch diese Dialogform hat sich
das Medium trotz aller diagnostizierten Mängel
im Laufe der letzten Jahre zu einem bedeutungsvollen Marketinginstrument
entwickelt. In Deutschland existieren zur Zeit rund 2.400 entsprechende
Blätter. Die Palette reicht von der "Bäckerblume"
mit Witzseite und Horoskop bis hin zu Hochglanzmagazinen, die
sich durchaus mit Zeitschriften wie "Geo" oder "Capital"
messen lassen können. Dabei ist die Tendenz steigend. So
kündigte beispielsweise die Bosch Rexroth AG im Januar die
Herausgabe eines Kundenmagazins an, das "regelmäßig
über die technischen Innovationen des Unternehmens informieren"
wird.
Generell gilt für jede dieser Publikationen, dass die Herausgeber
eine Zwei-Wege-Kommunikation anstreben, also auch die Leser regelmäßig
zu Wort kommen sollten. Die Kundenzeitschrift bietet ein ideales
Forum für den ständigen Dialog mit den Kunden
man muss ihn allerdings wollen und organisieren. Der Dialog gehört
letztendlich zu den einfachen Dingen, die doch so schwer zu realisieren
sind. Es ist kein Zufall, dass selbst dem Wettbewerbssieger "Leica
World" von der Jury in puncto Schwächen eine "mangelnde
Dialogfähigkeit" bescheinigt wurde, da der Leser nicht
zum Kontakt aufgefordert werde. Dabei kommt es im Gegenteil darauf
an, den Lesern eine möglichst einfache und schnelle Form
der Reaktion zu eröffnen.
Eine Möglichkeit dazu besteht in einem umfangreichen Info-Service.
So wird jeder Artikel mit einem Ansprechpartner und dessen Telefonnummer
sowie E-Mail-Adresse versehen. Darüber hinaus sollte das
Medium Raum geben für Leserbriefe, -anfragen und -tipps.
Geplante Schwerpunktthemen werden mindestens zwei Hefte im voraus
angekündigt, wobei man die Leser zu entsprechenden Erfahrungsberichten,
Meinungsäußerungen und Anregungen auffordern kann.
Die frühzeitige Ankündigung ermöglicht es, das
hoffentlich zu erwartende Feedback angemessen redaktionell zu
verarbeiten. Um den Lesern die aktive Beteiligung zu erleichtern,
ist dem Heft ein Antwortformular eingelegt oder beigeheftet. Umfangreicher
und aufwendiger, aber gern gesehen sind zudem Leserumfragen und
aktionen, die jedoch natürlich nur zu bestimmten Anlässen
organisiert werden können.
Und schließlich kann man heutzutage das World Wide Web
nicht mehr außen vor lassen. In bestimmten Branchen gehört
es zum absoluten Muss der Informationspolitik und gerade die neue
Generation in der Unternehmensführung arbeitet gern mit elektronischen
Medien. Entweder erscheint also parallel zum Print-Magazin eine
Web-Ausgabe oder aber man bietet online weiterführende Informationen
zu den im Heft enthaltenen Themen an. Gleichzeitig kann die Website
natürlich auch als Dialoginstrument mit den Kunden fungieren.
Hier gilt es allerdings, eine regelmäßige Betreuung
zu garantieren, denn nichts ist schlimmer als ein elektronischer
Briefkasten, der wochenlang nicht geleert wird.

Handgestricktes ist out
Umfang, Form und Erscheinungsweise von Kundenzeitschriften variieren
deutlich. Die durchschnittliche Kundenzeitschrift hat einen Umfang
zwischen 12 und 48 Seiten, ist vierfarbig und erscheint viermal
im Jahr mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren. Die Aufmachung
reicht dabei vom leichtgewichtigen Dünndruck bis hin zum
ausgereiften Magazin mit rund 100 Seiten. So unterschiedlich wie
Form und Erscheinung sind auch die Unternehmen, die sich hinter
den Magazinen verbergen. Ihre Jahresumsätze reichen von einer
Million bis zu mehreren Milliarden, die Zahl ihrer Beschäftigten
liegt zwischen fünf und 400.000. Fast ein Drittel der Unternehmen
gibt seine Kundenzeitschrift bereits seit mehr als zehn Jahren
heraus. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen
publizieren aber auch sehr erfolgreiche Kundenmagazine von wesentlich
kleinerem Umfang. "Auch mit acht Seiten kann man schon eine
Menge transportieren", ist sich PR-Frau Stefanie Berg sicher,
"und heutzutage sollte man auch darüber nachdenken,
ob man seine Zielgruppe nicht schneller und kostengünstiger
über einen gut gemachten Online-Newsletter im Internet erreicht".
Unabhängig davon, für welches Format, welche Auflage
oder welche Erscheinungsweise man sich entscheidet in jedem
Fall ist es zu empfehlen, den Titel von einer professionellen
Redaktion erstellen zu lassen. "Eine laienhafte Publikation
kann wohl kaum überzeugend hochwertige Produkte anbieten
und zudem Vertrauen schaffen", so Stefanie Berg. Hinzu kommt
die wachsende Konkurrenz auf dem Markt. Ein Titel, der auffallen
will, muss intelligent gemacht und strikt auf die Informationsbedürfnisse
der Zielgruppe ausgerichtet sein. Denn die Leser erwarten einen
direkten Nutzen, sonst legen sie das Heft schnell wieder aus der
Hand. Um sie tatsächlich zu binden, sollte die Zeitschrift
professionell geschrieben und gestaltet sein und den Lesespaß
mit dem Informations- und Nutzwert verbinden. "Die Leser
sollen zum aktiven Handeln und zur Meinungsäußerung
motiviert werden. Denn die Leserresonanz steigert die Wirkung
dieses Marketinginstruments um ein Vielfaches, vor allem, wenn
mit Leseranfragen und -reaktionen sehr sorgfältig und ernsthaft
umgegangen wird", erläutert Kommunikations-Expertin
Stefanie Berg. Fatal ist insbesondere, wenn ein Unternehmen seine
Kundenzeitschrift als "zentrales Verlautbarungsorgan"
missversteht; dieser Ansatz findet keine Leser mehr.
Damit eine Kundenzeitschrift all diese Ansprüche erfüllen
kann, ist es unabdingbar, dass sie regelmäßig erscheint.
Außerdem soll sie hohen journalistischen Qualitätsansprüchen
genügen und auch die graphische Aufmachung muss mit den Bedürfnissen
der Zielgruppe einhergehen. So hat beispielsweise der kaufmännische
Manager oder das Vorstandsmitglied eines Unternehmens eher das
Bedürfnis nach kurzer, sachlicher und allgemeiner Information,
während der verantwortliche Ingenieur für Informationstechnologie
im gleichen Unternehmen auch gern mal einen längeren technischen
Fachbeitrag liest.

Erfreuliches Kosten/Nutzen-Verhältnis
Warum immer mehr Firmen die Attraktivität der Kundenzeitschrift
als Kommunikationsinstrument im Marketingmix erkennen, lässt
sich nicht zuletzt durch das effektive Kosten/Nutzen-Verhältnis
erklären. Bei einer ausgefeilten Werbekampagne mit TV- und
Rundfunkspots sowie Anzeigen in überregionalen Magazinen
rechnen Werbefachleute mit einem Streuverlust von gut 90 Prozent.
Solche Kampagnen können sich mittlere und kleinere Unternehmen
in der Regel nicht leisten. Sie sind darauf angewiesen, mit einem
Minimum an Einsatz in ihrer Zielgruppe das Maximum an Wirkung
zu erreichen. Nicht umsonst greifen daher auch immer mehr Mittelständler
zur Kundenzeitschrift, die neben der Kundenbindung zugleich eine
wichtige Funktion in der Akquise übernimmt.
Eine Befragung von Entscheidungsträgern im deutschen Maschinenbau
über ihre Informationsquellen für die tägliche
Arbeit, die vom Hamburger Institut für industrielle Markt-
und Werbeforschung im Auftrag des VDMA (Verband deutscher Maschinen-
und Anlagenbau) durchgeführt wurde, brachte folgendes Ergebnis:
91 Prozent informieren sich durch Unterlagen anderer Firmen, 89
Prozent durch Fachzeitschriften und 86 Prozent auf Messen. Diese
Zahlen dürften in ähnlicher Größenordnung
auch auf andere Branchen zutreffen.
Die Kundenzeitschrift ergänzt den traditionellen Kommunikationsmix
um ein Instrument, das den Kunden als den Adressaten aller unternehmerischen
Aktivitäten in den Mittelpunkt stellt. Direkt oder indirekt
an den Leser verteilt, versorgt sie ihn mit Information, Unterhaltung
und bietet Identifikationsmöglichkeiten. Da die Bindung existierender
Kunden an das Unternehmen eine zentrale Marketingherausforderung
darstellt, geht es auch bei der Konzeption von Firmenzeitschriften
in erster Linie um die Kundenbindung und erst in zweiter Linie
um die Öffentlichkeitsarbeit. Mit anderen Worten: Nicht die
Selbstdarstellung des Unternehmens, sondern das Informations-
und Lesebedürfnis des Empfängers steht im Fokus. Aus
dem Kunden, der ein kostenloses Präsent in Gestalt einer
Zeitschrift erhält, muss ein Leser gemacht werden. Richtig
konzipiert ist eine eigene Zeitschrift bestens geeignet, redaktionelle
Inhalte auf die Unternehmensstrategie auszurichten. Der große
Vorteil: Im Idealfall ist der Streuverlust sehr gering, weil eine
fest umrissene Zielgruppe mit der Zeitschrift versorgt wird. Ein
modernes Kundenmagazin soll als Präsent verstanden werden,
das im günstigsten Fall vom Leser geschätzt und für
möglichst begehrenswert, unterhaltsam und informativ gehalten
wird.

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Die ideale Kundenzeitschrift
Um ein Kundenmagazin hochwertig herzustellen und effektiv
einzusetzen, sollte man folgende Punkte nicht aus dem Auge
verlieren:
- Die Zielgruppe ist klar definiert, ihre Lesebedürfnisse
sind bekannt. Die Kundenzeitschrift ist strikt auf diese
Zielgruppe ausgerichtet.
- Die Zeitschrift hat einen ansprechenden Namen, der nicht
zu offensichtlich auf den Hersteller verweist.
- Die Zeitschrift zeichnet sich aus durch professionell
geschriebene Texte, die dem Leser zum einen wichtige Informationen
bieten und ihn zum anderen auch unterhalten. Die Texte
werden von Journalisten geschrieben und recherchiert.
- Die Zeitschrift ist klar und übersichtlich gestaltet,
die Graphik ist modern und dennoch überschaubar.
- Das Unternehmen stellt sich in der Zeitschrift mit Personen,
klaren Aussagen zu aktuellen Themen und interessanten
Produktinnovationen dar. Die Unternehmensdarstellung findet
im Kontext der Zeitschrift statt und überwiegt nicht.
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