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Die Potenziale von Online-Hilfe besser ausschöpfen

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Mai 2002

Von Matthias Hattemer und Michael C. Enderstein

Inhaltsübersicht:

Warum ruft der Anwender einer Software eine Online-Hilfe auf? Was will er erfahren? Was interessiert ihn und was will er nicht wissen? Für technische Autoren, die Online-Hilfen erstellen, ist diese Frage nach dem Grund und Hintergrund der Nutzung einer Online-Hilfe eminent wichtig. Denn je genauer Online-Hilfen auf die Wissens- und Interessenlage des Benutzers Bezug nehmen, desto besser sind sie.

Dabei können wir – ohne ins Fachliche und damit in die Besonderheiten jeder einzelnen Online-Hilfe einsteigen zu müssen – zwei typische Situationen annehmen, die zum Aufruf eines Hilfetextes führen:

  1. Der Anwender befindet sich in einem Dialogfenster und weiß mit einem Feld oder einem Element dieses Kontextes nichts anzufangen. Ruft er eine Hilfe in diesem Kontext auf, erwartet er Informationen zu dem Dialogfenster oder einzelnen Feldern.
  2. Der Anwender steckt irgendwo in einem Arbeitsprozess fest und weiß nicht, wie er eine bestimmte Aufgabe mit der Software umsetzen und lösen soll. Wenn er jetzt die Online-Hilfe aufruft, sucht er Unterstützung und Rat nicht in einem bestimmten funktionalen Kontext, sondern in einem wesentlich abstrakteren, globaleren Anwendungsgebiet.

Online-Hilfen [1] haben den großen Vorteil, dass sie beiden Anwendungssituationen gerecht werden können: Im ersten Fall dienen sie als Kontexthilfe, die dem Anwender über die F1-Taste oder über eine Direkthilfe (Fragezeichen-Schaltfläche) direkt die gewünschte Information liefert. Im zweiten Fall kann der Anwender in der Hilfe lesen wie in einem elektronischen Buch und sich über Navigationsleisten, Inhalts- und Indexbäume oder auch Assistenten schnell an eine Stelle führen lassen, die ihn interessiert.

Haben technische Autoren damit nun einen Schlüssel in der Hand, um mit der so entscheidenden Frage "Warum ruft der Anwender die Online-Hilfe auf?" umzugehen? Nein, denn Kontextanbindung und Navigationselemente sind nur Rahmenbedingungen von Online-Hilfen. Ob die Hilfe wirklich eine Hilfe für den Anwender ist, hängt davon ab, wie der Autor mit diesen Rahmenbedingungen umgeht und wie er es schafft, Wissen und Informationen darin einzubauen.

Im Folgenden möchten wir in einem ersten Schritt zeigen, wo die Fallen gerade bei kontextsensitiven Hilfen liegen können und dabei auf den Begriff der Information zu sprechen kommen. Im zweiten Schritt wenden wir uns mehr dem Wissen zu, denn gerade Wissen wird zunehmend in Dokumentationen nachgefragt. Was Wissen ist, wie es sich von Information unterscheidet und welche Auswirkungen das Wissen vom Wissen auf technische Dokumentationen haben kann, sind Fragen, die wir dabei aber nicht nur theoretisch erörtern, sondern an praktischen Beispielen aus der Arbeit mit Microsoft Word zeigen wollen.


Fallstricke der Direkthilfe

Schauen wir in einem ersten Beispiel einmal, wie einem Anwender geholfen wird, wenn er in Word die Direkthilfe zur Zeichenformatierung aufruft. Zum Schriftschnitt findet man folgenden Hilfetext:

Bild 1
Kontexthilfe "Zeichen – Schrift" aus MS Word

Überspitzt formuliert sagt der Hilfetext: "Wenn Sie hier auf 'kursiv' klicken, wird der Text kursiv formatiert". Der Hilfetext enthält damit faktisch keine zusätzliche Information, sondern wiederholt nur den Inhalt des Dialogfensters. Diese Hilfe ist, wie Sprachwissenschaftler sagen, eine Tautologie. Sie entsteht, weil das System vorschreibt, dass zu jedem Feld ein Hilfetext existieren muss, auch wenn er überflüssig ist.

In einem zweiten Beispiel – dem Hilfetext zum Setzen eines Querverweises – sehen wir einen ganz anderen Effekt: Der Hilfetext kann hier nichts erklären, weil eine Erklärung in einem einzigen Satz gar nicht möglich ist.

Bild 2
Kontexthilfe "Querverweis" aus MS Word

Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Denn ein an sich schon abstrakter Begriff der Software ("Verweistyp") musste aus Mangel an Platz durch ein noch abstrakteres Wort ("Elementtyp") erklärt werden.

Fazit:
Diese beiden Beispiele mögen stellvertretend für die latente Gefahr bei jeder kontextsensitiven Hilfe stehen. Die Feldbeschreibung muss als Direkthilfe sehr kurz bleiben und läuft damit Gefahr, trivial zu sein oder aber abstrakt und inhaltsleer. In beiden Fällen erfüllt sie ihre Funktion – dem Anwender weiterzuhelfen – nicht.


Vom passiven Informationsarchiv zum aktiven Wissensinstrument

Kurz und aus sich selbst heraus verständlich zu sein, das ist das Kennzeichen einer Information. Im Gegensatz zu Wissen oder Wissenselementen, auf die wir später zu sprechen kommen werden, brauchen Informationen keinen Kontext, um verstanden zu werden, sondern tragen als "Rohstoffe des Wissens" [2] alles Bedeutsame in sich. [3] Auf unsere obigen Beispiele übertragen ließe sich der Informationsgehalt etwa wie folgt formulieren:

  • Beispiel 1:
    Markierter Text kann in seinem Schriftstil verändert werden. Ob und wann es sinnvoll ist, Texte kursiv zu formatieren, welchen Einfluss dies auf die Lesbarkeit von Texten hat und was man sonst bei der Verwendung von Schriftstilen beachten sollte, steht da nicht. Ein Layouter, ein Redakteur oder eine Schreibkraft können die Information sofort unmittelbar verstehen, obwohl jeder für sich diese Information unterschiedlich verwerten wird.
  • Beispiel 2:
    Wohin ein Querverweis gerichtet ist, wird über zwei Felder gesteuert: den Verweistyp, der auf bestimmte Kategorien möglicher Verweisziele weist, und das Feld "Verweisen auf", in dem die in einem Dokument vorhandenen Verweisziele enthalten sind. Beide Felder beziehen sich aufeinander. Der Wissenschaftler wird diese an sich noch abstrakte Information anders konkretisieren als ein technischer Autor oder Ingenieur. Trotzdem bleibt die Information – so gut es Formulierungskunst und Sprachgefühl zulassen – aus sich selbst heraus verständlich.

Die Vermittlung von Wissen dagegen ist wesentlich komplexer. Und unsere eingangs gestellten Fragen zielen auf die Vermittlung und Vermittelbarkeit von Wissen: Warum ruft der Anwender einer Software eine Online-Hilfe auf? Was will er erfahren? Was interessiert ihn und was will er nicht wissen?

Die Kognitionswissenschaft, eine Disziplin der Psychologie, die sich vorrangig mit dem Erwerb von Wissen befasst, hat genau zu diesem Problem einige interessante Forschungsansätze in die Diskussion gebracht, die uns weiterhelfen, die Situation des Anwenders beim Aufruf einer Online-Hilfe zu verstehen.

Eine wichtige Erkenntnis ist: Wissen ist nicht etwas Absolutes, das losgelöst von demjenigen, der es erwirbt, betrachtet werden kann. Der Zuhörer oder Leser bringt das Gehörte oder Gelesene in Beziehung zu dem, was er bereits weiß bzw. erfahren hat. Eine Person, die Wissen aufnehmen und verstehen will, bewegt sich also nicht im geistigen Niemandsland, sondern hat schon eine gewisse Orientierung und räumliche Vorstellung von dem, was sie erfahren wird. Die Wissenschaftler sprechen hier von einem kognitiven Rahmen:

"Die kognitive Psychologie hat in den letzten Jahren mehr darüber erfahren, wie das Gehirn seine Orientierungsaufgabe zu lösen versucht. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass es bei neuen Informationen zuerst versucht, einen kognitiven Rahmen zu finden oder zu konstruieren, in dem die Detailfülle eingeordnet werden kann. Es ist also keineswegs so, dass wir beim Verstehen ein Detail nach dem anderen aufnehmen und daraus nach und nach ein Gesamt entsteht. So arbeitet ein Scanner, nicht das Gehirn. Vielmehr entwickeln wir bereits nach wenigen Informationen Annahmen über das Gesamt und ordnen die folgenden Daten in diesen Rahmen ein." [4]

Um also Wissen in eine Online-Hilfe einzubringen, genügt es nicht, einfach nur Fakten aneinanderzureihen. Entscheidend ist, dem Verstehen erst einmal den Boden zu bereiten – oder in der Sprache der Kognitionswissenschafter: den kognitiven Rahmen zu spannen. Vereinfacht gesagt: Vor der Erklärung des Wie steht die Erklärung des Warum!


Ein Anwendungsbeispiel aus der technischen Dokumentation

Als technische Autoren haben wir immer wieder das Problem, unsere Dokumentationen möglichst redundanzfrei aufzubauen. Ist es möglich, mit Microsoft Word Dokumente so ineinander zu verschachteln, dass Redundanzen in der Gesamtdokumentation vermieden werden? Anhand dieser Fragestellung möchten wir zeigen, wie sich das Modell der Kognitionswissenschaftler auf die Methoden der Wissensvermittlung in Online-Hilfen anwenden lässt.

Die kürzeste Antwort

Die kürzeste Antwort auf diese Frage lautet: "Ja!" Nehmen wir einmal an, Teile aus einem Standardwerk "Referenz.doc" sollen in ein Projekthandbuch "Projekt_A.doc" referenziert werden. Dazu gehen Sie folgendermaßen vor:

  1. In der Referenz.doc markieren Sie die gewünschte Textpassage und kennzeichnen diese mit Hilfe einer Textmarke.
  2. In Projekt_A.doc setzen Sie den Cursor an die Stelle, an welcher der referenzierte Text eingefügt werden soll.
  3. Öffnen Sie über das Menü "Einfügen/Datei" das Dialogfenster "Datei einfügen" und wählen Sie die Datei Referenz.doc.
  4. Mit einem Klick auf den Button "Bereich" aktivieren Sie das Eingabefenster "Bereich bestimmen"; hier tragen Sie die zuvor definierte Textmarke ein.
  5. Klicken Sie auf den Flyout am Button "Einfügen" und markieren Sie die Option "Als Verknüpfung einfügen". MS Word fügt nun den gekennzeichneten Text mit Hilfe der Feldfunktion "INCLUDETEXT" in Projekt_A.doc ein.

Abschließend noch zwei wichtige Tipps:

  • Nutzen Sie relative Pfade, damit die Feldfunktion "INCLUDETEXT" laufwerkunabhängig funktioniert.
  • Nutzen Sie beim Referenzieren von Texten die gleiche Dokumentvorlage (.dot) für Quell- und Zieldokument, damit die Druckformate erhalten bleiben.

Direkt drauf los zu schreiben und zu erklären, in welchen Arbeitsschritten dieses Problem zu lösen ist, führt zwar zu einer schlanken Beschreibung. Diese Beschreibung läuft jedoch Gefahr,

  • gar nicht erst gelesen zu werden (weil der Anwender glaubt, das brauche er sowieso nicht) oder
  • nicht verstanden zu werden (weil der Anwender glaubt, das sei ja viel zu kompliziert für so ein einfaches Problem)

Erst wenn der Anwender die Bereitschaft mitbringt, sich auf das Thema einzulassen und wenn er darüber hinaus das Problem mit seinen eigenen Erfahrungen in Zusammenhang gebracht hat, dann fällt die Beschreibung auf fruchtbaren Boden, erst dann findet das Wissen einen Halt im kognitiven Rahmen.

Bezug zu den Erfahrungen der Zielgruppe

Das bedeutet also: Die technische Beschreibung benötigt Verankerungen in der Erfahrungswelt der Zielgruppen. Die Technik von ineinander verschachtelten Dokumenten kommt im Bereich der Software-Dokumentation häufig vor, wenn eine Anwenderdokumentation Teile einer Referenzdokumentation in sich aufnimmt. Im Maschinenbau werden beispielsweise in eine Beschreibung oft Abschnitte eines Qualitätsmanagement-Handbuches integriert, das häufig von ganz anderen Autoren, den Qualitätsbeauftragten, fortgeschrieben und aktualisiert wird.

Bild 3
Referenzmodell ineinander verschachtelter Dokumente

Haben wir den Anwender so weit bekommen, dass er in der Dokumentation seine eigene Arbeitswirklichkeit und nicht mehr nur eine Bedienungstechnik wieder erkennt, dann haben wir seine Neugierde geweckt und damit die wichtigste Voraussetzung zum Weiterlesen geschaffen.

Unterschiedliche Vorkenntnisse

Aber hier wartet schon die zweite gefährliche Klippe: Dem Word-Experten würde es genügen, wenn man ihm zwei Stichworte nennt: Textmarken und Feldfunktionen. Das könnte ausreichen, um ihm auf der eigenständigen Suche nach einer Lösung den entscheidenden Hinweis zu geben. Wer Word gut kennt und weiß, dass das Programm in der Lage ist, nicht nur ganze Dokumente zu referenzieren, sondern auch über Textmarken definierte Abschnitte, der braucht in einem Hilfetext keine Kochrezepte und detaillierte Vorgehensweisen. Unsere kürzeste Antwort wäre in diesem Fall eigentlich schon zu lang, denn die gedankliche Lösung, der Wegweiser sozusagen, bringt ihm viel mehr als die detaillierte Etappenbeschreibung.

Der nicht ganz so versierte Word-Anwender hingegen fühlt sich durch das Fach-Chinesisch überfordert. Und ein Leser, der das Gefühl der geistigen Unterlegenheit spürt, ist für immer verloren. Er wird die gesamte Dokumentation ablehnen und in keinem anderen Fall mehr zu Rate ziehen.

Steckt der technische Autor also in der Falle, es keiner Zielgruppe recht machen zu können und damit einen wie auch immer gearteten Kompromiss eingehen zu müssen?

Strukturieren über Registerkarten

Gerade in Online-Hilfen ist es uns technischen Autoren möglich, Anwender auf unterschiedlichen Niveaus anzusprechen. Wir müssen uns also nicht zwischen der gerafften und der ausführlichen Alternative oder zwischen den unterschiedlichen Anforderungen unterschiedlicher Zielgruppen entscheiden. Denn Online-Hilfen lassen sich über Registerkarten so strukturieren, dass Anwender mit unterschiedlichem Vorwissen nur das aufrufen müssen, was für sie relevant ist.

Bild 4
Beispiel für den Einsatz von Registerkarten
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Neben Registerkarten hat das Online-Medium noch eine Vielzahl anderer technischer Möglichkeiten, den Anwender aktiv in den Prozess des Wissenserwerbs einzubinden. Entscheidend an diesen Techniken ist: Die Online-Hilfe wird aus einem passiven Informationsarchiv zu einem aktiven Wissensinstrument. Und darin liegen jenseits von Feldbeschreibung und Kontextanbindung große Chancen in der Aufbereitung von technischem Wissen.

Praxisbeispiel zum Downloaden

Unter www.dokay.de finden Sie im Bereich "Demo" das oben dargestellte Beispiel als Online-Hilfe zum Downloaden vor. Darin sind die wichtigsten Techniken eingebaut, die eine Online-Hilfe für den Einsatz als aktives Wissensinstrument vorsehen.


Anmerkungen und Literaturhinweise

[1] Der Begriff der Online-Hilfe ist weniger fachlich als vielmehr technisch klärungsbedürftig. Wir unterscheiden beispielsweise RTF-basierte Winhelp-Hilfen von HTML-basierten Hilfen. Diese werden entweder als reine HTML-Dateien ausgeliefert und meist unter der Bezeichnung "Intranet-Dokumentationen" geführt oder es sind kompilierte Hilfen, die unter Windows als CHM-Dateien oder als Java-Hilfen schon weithin eingeführt sind.

[2] Schmidbauer, Rodger: Erfolgsfaktor Wissensmanagement. In: Beutler, Denis (Hrsg.): E-Business & M-Business. Pulheim, Köln 2001, S. 107-126.

[3] A. Picot und S. Scheuble definieren sie daher berechtigterweise als bedeutungstragende Zeichen.
Vgl. Picot, A./Scheuble, S.: Die Rolle des Wissensmanagements in erfolgreichen Unternehmen. In: Mandl, Heinz/Reimann-Rothmeier, Gabi (Hrsg.): Wissensmanagement. München, Wien 2000, S. 19-37.

[4] Weidenmann, Bernd: Psychologie des Nichtverstehens. In: tekom Schriften zur technischen Kommunikation Bd 1: Verständlichkeit und Nutzungsfreundlichkeit von technischer Dokumentation, S. 41.


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Letzte Änderung: Monday, 31-Oct-2005 17:27:59 CET | Presse-Service | Disclaimer
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