| Aktuelle Artikel und Nachrichten rund um die technische Dokumentation finden Sie im Nachfolgemagazin der doculine news, den transline tecNews
Bitte kommentieren! Die Request for
Comments und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Internets
Artikel erschienen in
Ausgabe Juni 2002
Von Kai
Surendorf
Inhaltsübersicht:
Was als militärisches Forschungsprojekt
begann und sich in den Universitäten mauserte, ist inzwischen
zu einem messbaren ökonomischen Faktor geworden und hat eine
kleine Revolution der menschlichen Kommunikation bewirkt. Doch
wie ging die Diskussion vonstatten? Wie entwickelte sich das Internet
in den 30 Jahren seines Bestehens? Und wie wurde diese Diskussion
gestaltet? Nachzulesen ist dies in den Request for Comments (RFC).
Eine Vielzahl der im Internet verwendeten
Protokolle wie das Netzwerk-Protokoll TCP/IP oder das Simple Mail
Transfer Protocol (SMTP), mit dem heutzutage der Großteil
der E-Mails verschickt wird, sind in den RFC niedergelegt. Bei
der Entwicklung des Internets spielten die RFC somit eine entscheidende
Rolle, auch wenn sie nie eine Industrie-Norm waren und auch nicht
von einer staatlichen oder quasi-staatlichen Stelle herausgegeben
wurden. Für sie gilt die normative Kraft des Faktischen.
Vom ersten RFC zum Quasi-Standard
Der erste Request for Comments wurde am 7.4.1969 verfasst. Vor
mehr als dreißig Jahren arbeiteten einige Studenten und
Wissenschaftler an einem Forschungsprojekt namens ARPANET. Diese
Network Working Group (NWG) versuchte sich an dem damals bahnbrechenden
Experiment, Rechenmaschinen zu vernetzen. Da es damals noch keinerlei
standardisierte Protokolle gab (von Industrie-Standards ganz zu
schweigen), galt es, etwas Vergleichbares für den internen
Gebrauch zu schaffen. Unter den NWG-Mitgliedern gab es das Bestreben,
die Diskussion in einer für alle offenen, nicht-hierarchischen
Form zu führen nicht zuletzt auch, weil niemand genau
wusste, was wirklich am Ende der Entwicklung stehen könnte.
Daher schien es ratsam, einen Diskussionsprozess zu etablieren,
der kontinuierlich einem dennoch offenen Ende zustrebte.
Der erste RFC, der sich mit Fragen des zu verwendenden Netzwerk-Protokolles
beschäftigte, erhielt derart viele Rückmeldungen und
Aufmerksamkeit, dass schon bald der zweite RFC als Antwort darauf
erschien. Somit wurde ein Dialog gestartet, an dem die komplette
Besetzung der NWG teilhaben konnte. Bereits der dritte RFC enthielt
einige für das Verfassen eines Request for Comments notwendige
Regularien, auch wenn diese noch ganz den Charme eines studentisch
geprägten Forschungsunternehmens widerspiegeln. So wurde
als Mindestlänge ein Satz definiert, thematisch sollte alles
angesprochen werden können, was irgendwie zum Arbeitsgebiet
gehört. Festgelegt wurde insbesondere auch, dass die RFC
generell unabänderlich sein sollten. Dieses Kriterium der
Unabänderbarkeit, das auch heute noch unverändert gilt,
zielte darauf ab, den Diskussionsprozess in chronologischer Form
präsent zu halten, um immer den Gesamtverlauf der Entwicklung
im Auge behalten zu können.
In der Folge bildete sich eine Gruppe von Editoren, die der Masse
an eingehenden RFC versuchte Herr zu werden, sie gegebenenfalls
bearbeitete und allgemein zugänglich machte. Kern der Editoren-Gruppe
war 28 Jahre lang der mittlerweile verstorbene John Postel, der
ein sehr striktes Regiment in seiner Editions-Praxis führte,
was der Qualität der veröffentlichten RFC zugute kam.
In der damaligen Situation musste sich die Gruppe oft die Frage
gefallen lassen, warum sie die Diskussion offen führen wollte
und warum sie die Entwicklung überhaupt steuern sollte, da
sie ja keine offizielle staatliche Organisation war. Dies änderte
sich grundlegend, als das US-Militär im März 1982 das
TCP/IP-Protokoll, das auch heute noch dem Internet zugrunde liegt,
für sich entdeckte und für seine interne Arbeit als
Standard einsetzte.
Die Unabänderbarkeit der Request for Comments erwies sich
für die weitere Arbeit als Vorteil. Innerhalb der beteiligten
militärischen Institutionen herrschte eine starke Fluktuation
der Mitarbeiter. Indem der gesamte Diskussionsverlauf nachzuverfolgen
war, konnten neue Mitarbeiter relativ schnell auf den aktuellen
Stand der Debatte gebracht werden. Zudem wurden so mehrfache zeitraubende
Diskussionen vermieden. Und selbstverständlich wuchs mit
der Involvierung des Militärs auch die Autorität, die
den RFC zukam.

Aufbau eines RFC
Der Sprachgebrauch in einem Request for Comment ist streng definiert
[1]. Der typische Aufbau eines RFC besteht
aus acht wichtigen Abschnitten:
- Bibliografische Hinweise:
Diese beinhalten u.a. die Nummer des RFC und den Autor.
- Status des RFC:
Es werden drei Status-Modi unterschieden (siehe unten).
- Copyright-Hinweis
- IESG-Kommentar:
Die Internet Engineering Steering Group (IESG) ist Teil der
Internet Society, die die technische Entwicklung des Netzes
federführend organisiert. Hier finden sich gegebenenfalls
Bemerkungen, sofern der RFC deren Arbeit tangiert.
- Zusammenfassung
- Inhaltsverzeichnis
- Haupttext
- Referenzen:
Referenzen können andere RFC sein. Sie sind unterteilt
in informative RFC, die den Inhalt ergänzen, sowie normative
RFC, deren Lektüre zum Verständnis unabdinglich ist.
RFC können drei verschiedene Status-Modi besitzen:
- FYI ("For Your Information"):
Der RFC hat lediglich informativen Charakter und dient dazu,
die Diskussion weiterzuführen oder eine neue Diskussion
zu beginnen.
- BCP ("Best Current Practice"):
Gibt ein erprobtes Verfahren wieder, das aber noch nicht zu
einem Standard geworden ist.
- STD ("Standard"):
Standard meint hier keine Industrie-Norm wie DIN oder ISO, deren
Nicht-Befolgung Strafen nach sich ziehen kann, sondern den im
Kontext der RFC-Diskussion erreichte Standard. Der Status Standard
ist in weitere Kategorien unterteilt: Proposed Standard, Draft
Standard und Standard. Nur die letzte Kategorie ist wirklich
als Standard zu werten; die beiden anderen haben vorbereitenden
Charakter.
Die Unabänderlichkeit der Request for Comments macht es
notwendig, auf vorhergehende, nicht mehr aktuelle RFC zu referenzieren.
Diese werden in zwei Kategorien eingestuft:
- "Updates" bedeutet, dass der frühere RFC durch
den neuen auf einen aktuellen Stand gebracht wird. Zum Verständnis
ist die Kenntnisnahme des alten RFC erforderlich.
- "Obsoletes" überschreibt die referenzierten
RFC komplett. Zeitgleich werden auch die Referenzen der älteren
RFC aktualisiert durch die Hinweise "updated by" bzw.
"obsoleted by".
In Zeiten von XML und PDF wirkt das verwendete ASCII-Format leicht
antiquiert. So können Grafiken nicht eingebunden werden,
sondern bestehen aus so genanntem ASCII-Art, sind also aus Buchstaben,
Pfeilen u.ä. zusammengesetzt. Dennoch hat ASCII-Text den
unschlagbaren Vorteil, dass er auf wirklich jeder Plattform gelesen
werden kann. Die angebotenen PostScript- und PDF-Versionen einzelner
RFC sind lediglich als Service zu verstehen; im Zweifelsfall gilt
immer die ASCII-Version.

Wie kommt ein RFC zustande?
Einen Request for Comments verfassen und anregen können
sowohl Einzelpersonen als auch die Internet Engineering Task Force
(IETF). Letztere ist die heutige Träger-Organisation der
weiteren Entwicklung der im Internet verwendeten Protokolle. Sie
ist nicht zu verwechseln mit dem World Wide Web Consortium (W3C),
das sich ausschließlich um die Standards des WWW wie HTML-
oder CSS-Spezifikationen kümmert. (Aber auch das W3C greift
in seinen Spezifikationen oft auf RFC zurück.) Hierbei ist
noch zu erwähnen, dass die RFC von Einzelpersonen nicht in
den Status eines Quasi-Standards kommen können, sondern lediglich
informativen oder experimentellen Status haben.
Das Exposé eines Request for Comments wird an die RFC-Editoren
gesandt und, so es den formalen Richtlinien entspricht, als Internet-Draft
(I-D) der Allgemeinheit zugänglich gemacht [2].
Diese I-Ds können von allen Interessierten kommentiert und
ergänzt werden. Insbesondere wird geprüft, ob der RFC
bisherige Arbeiten der IETF berührt. Die Editoren sammeln
die Ergänzungen und senden eine überarbeitete Version
an den Autor zurück, die dieser innerhalb von 48 Stunden
zu begutachten hat. Die Dauer dieses Verfahrens reicht von wenigen
Wochen bis hin zu mehreren Jahren. Es kommt auch vor, dass Vorschläge
lange diskutiert und anschließend dennoch verworfen werden.

30 Jahre und darüber hinaus
In den mehr als 30 Jahren ihrer Existenz haben die Request for
Comments einen ganz entscheidenden Beitrag für die Entwicklung
von vernetzten Computern geleistet. Mit ihrem offenen Ansatz,
der es jedem ermöglicht, an der Entwicklung des Internets
mitzuwirken, heben sie sich von vergleichbaren Normen ab.
Auch wenn das Internet heute schon längst zum Big Business
geworden ist ein wenig haben sich die RFC von ihrem anarchischen
Charme bewahren können. RFC, die am 1.4. ausgegeben werden,
sind immer mit äußerster Vorsicht zu genießen:
Es könnte sich, wie das am 1.4.1998 vorgeschlagene Hyper
Text Coffee Pot Control Protocol (HTCPCP/1.0) [3],
das die Interaktion zwischen Computern und Kaffeemaschinen regeln
soll, um einen RFC handeln, der lediglich informativen Charakter
im weiteren Sinne haben dürfte.
Anmerkungen
[1] Diese Definition ist in RFC Nr. 2026 zu finden.
[2] Die Internet-Drafts sowie alle publizierten RFC lassen sich
auf der Website der Editoren-Gruppe einsehen: www.rfc-editor.org.
[3] Der Volltext dieses Jux-Protokolles ist in RFC Nr. 2324 nachzulesen.
Leserbrief schreiben
|