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DIN-Sprache = schwere Sprache Wie uns
DIN EN 62079 die Anleitungsarbeit gleichzeitig erleichtert und
erschwert
Artikel erschienen in
Ausgabe Juli/August 2002
Von Wolfram
W. Pichler
Inhaltsübersicht:
Im November 2001 ist mit DIN EN 62079
"Erstellen von Anleitungen Gliederung, Inhalt und
Darstellung" [1] eine neue Standardnorm
für die technische Dokumentation erschienen. DIN EN 62079
enthält allgemeine Grundlagen sowie detaillierte Anforderungen
für den Entwurf und die Erstellung aller Arten von Anleitungen
und ist somit ein wichtiges Arbeitsmittel für jeden Technik-Redakteur.
Eine gute und eine schlechte Nachricht
DIN EN 62079 räumt ein Wirrwarr von Vorläufern auf
und ersetzt die meisten. Sie ist jetzt die Grundnorm für
Technik-Redakteure und unverzichtbares Bordmittel in Technik-Redaktionen
und Gutachter-Büros. Die konkreten, detaillierten und umfassenden
Ratschläge in der Norm sind eine willkommene Hilfe in der
täglichen Redaktionsroutine. Sie eignen sich zusätzlich
als Qualitätskriterien, so dass Gutachter anhand der Checklisten
im Anhang Anleitungen objektiv nachvollziehbar qualitätskontrollieren
und zertifizieren können.
DIN EN 62079 ist jedoch in Eurokraten-Deutsch geschrieben und
damit genauso wie Anleitungen, die kein Mensch je versteht. Sätze
mit verschachtelten Nebensätzen, die gleichzeitig Aufzählungen
enthalten und insgesamt über 40 Wörter, sind im Normentext
leider keine Seltenheit.

Unschärfen und Inkonsistenzen im Normentext
Immer wenn meine Seminarteilnehmer einen Satz oder einen Begriff
der Norm aus dem Zusammenhang heraus nicht verstehen, sehen wir
uns den englischen Originaltext an. Mit ein wenig Glück können
wir uns dann ungefähr ausrechnen, was die Norm hätte
gemeint haben können. Damit widerspricht sich die Norm selbst:
"Wenn Anleitungen von der Originalsprache in andere Sprachen
übersetzt werden, sollten alle Stufen in diesem Prozess,
einschließlich der Überprüfung und des Korrekturlesens,
von kompetenten technischen Linguisten (der Zielsprache) ausgeführt
werden" (Abs. 4.7.3.4 Korrekte Übersetzungen).
Die Norm zeigt an etlichen Stellen Unschärfen und Inkonsistenzen
der Formulierungen, die sich bei sorgfältiger redaktioneller
Bearbeitung leicht vermeiden ließen. Im Einzelnen ergeben
sich folgende Verbesserungsvorschläge für eine Neuauflage:
- Einleitung (S. 7):
Im letzten Satz ist zu lesen: "oben genannten hauptsächlichen
Zielgruppen der Normen". Die Zielgruppen sind jedoch
nicht oben genannt, sondern erst auf S. 8 unter "1 Anwendungsbereich".
- Begriffe (S. 11):
In Abs. 3.11 dient der Begriff "bestimmungsgemäßer
Gebrauch" (siehe auch Abs. 5.2, S. 17) zur Erläuterung
von "Modifikation", ist aber selbst ein Schlüsselbegriff
und damit erklärungsbedürftig (vgl. das Glossar
in VDI 4500-1). Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass
die Begriffe-Sammlung willkürlich erscheint und hier
wichtige Schlüsselbegriffe aus dem Normentext fehlen
(z.B. auch "Zielgruppe" gemäß Abs. 4.4
und 4.7.2).
- Grundsätze (S. 12):
In Abs. 4.1 heißt es "müssen den korrekten
Gebrauch" versus Abs. 3.6 "sicheren und effizienten
Gebrauch", statt hier jeweils einheitlich den Begriff
"bestimmungsgemäßen Gebrauch" zu verwenden,
wonach jeder Anleitungs-Gutachter (und im Produkthaftungsprozess
jeder Richter) sofort suchen würde. DIN EN 62079 fordert
in Abs. 5.16.5 die Konsistenz der Begriffe, befolgt aber ihre
eigene Predigt nicht.
- Abs. 4.7.1.5 und 4.7.1.7 (S. 15):
Korrekt wäre hier "auf der Ausrüstung angegebenen"
statt "auf den Betriebsmitteln angewendeten" (gecheckt
gegen deutschen und englischen Entwurf). "Equipment"
heißt nämlich nicht "Betriebsmittel",
sondern nach Langenscheidt "Ausrüstung(sgegenstände)".
Betriebsmittel sind dagegen z.B. Kühlwasser und -öl,
Schleifpaste, Schweißelektroden etc.
- Abs. 5.6 (S. 19):
Die Zeile "Vibration (...)" ist nicht bündig
und der Spiegelstrich fehlt. In der letzten Zeile "Ratschläge"
fehlt der Spiegelstrich.
- Abs. 5.8 (S. 19):
Während in Abs. 4.6.4 auf S. 14 "zum späteren
Gebrauch aufbewahren" zu lesen ist, heißt es hier
"die Anleitung während der Lebensdauer des Produkts
zu behalten". Ein und derselbe Sachverhalt ist also wiederum
inkonsistent formuliert.
- Abs. 5.10.1 (S. 21):
Erster Spiegelstrich: Hier fehlt der Schlüsselbegriff
"NOT-AUS-Funktion" (vgl. DIN EN 292-2).
Zweiter Spiegelstrich: Hier fehlt der Schlüsselbegriff
"bestimmungsgemäßer Gebrauch" (ergänzend
zu "umfassender Anwendungsbereich").
- Abs. 5.10.3 (S. 22):
Erster Spiegelstrich: Hier müsste es "NOT-AUS"
statt "Not-Halt" heißen, weil manche Maschinen
nach NOT-AUS langsam weiter- oder zurücklaufen müssen
(also nicht anhalten dürfen), um größeren
Schaden zu verhindern.
- Abs. 5.11.1 (S. 23):
Im zweiten Satz ist zu lesen: "Instandhaltungsanleitungen
(...) müssen ausschließlich von Fachkräften
ausgeführt werden". Gemeint ist aber offensichtlich,
dass sich das Ausführen auf Instandhaltungsarbeiten bezieht.
- Abs. 5.12 (S. 24):
Die Anmerkungen zu den Garantiebedingungen stehen hier nur
unter dem Gesichtspunkt "Ersatzteilliste", wären
aber für das Gesamtprodukt relevant.
- Abs. 6.1.8 (S. 27):
Das Wortpaar in der 3. Tabellenreihe muss heißen "instandhalten"
(statt "behalten") und "Instandhaltung",
andernfalls ergibt das Beispiel an dieser Stelle keinen Sinn.
Im englischen Originaltext steht hier "keep"
offensichtlich eine www.babelfish.com-Maschinen-Übersetzung...
Schon im englischen Original wäre "maintain"
sachdienlicher gewesen als "keep".
- Abs. 6.2 (S. 27):
"Leserlichkeit" ist zwar nach Langenscheidt die
richtige Übersetzung von "Legibility", aber
im Deutschen gibt es den Fachausdruck "Lesbarkeitsforschung".
Daher wäre hier der Schlüsselbegriff "Lesbarkeit"
(vgl. itl Lexikon für technische Kommunikation [2])
angebracht gewesen. Leserlichkeit dagegen ist ein eingeführter
Begriff auf anderen Gebieten, z.B. bei handschriftlichen Arzt-Unterschriften
auf Rezepten.
- Abs. 6.2.1 (S. 27):
Eine Aussage zur Zeichenmenge je Zeile (= Zeilenlänge)
fehlt. Nach den Regeln der Typografie-Kunst sind z.B. die
Zeilen in der DIN EN 62079 eindeutig zu lang, um noch als
gut lesbar gelten zu können. Lesbarkeit ergibt sich erst
aus dem Zusammenspiel von Schriftart und -größe
sowie Zeilenabstand und -länge.
- Abs. 6.3 (S. 28):
Die Norm DIN EN 62079 benutzt wieder inkonsistent
die Begriffe "Abbildung", "Bild" und "Figur"
als Synonyme. Dabei ließe sich dies alles auf den Begriff
"Bild" reduzieren, weil "Abbildung" Bürokratensprache
ist und "Figur" buchstäblich, aber unzutreffend
aus dem Englischen übernommen ist.
- A.4 (S. 34):
Im 3. Abschnitt wird auf die "oben aufgelisteten Parameter
a) bis g)" hingewiesen. Die Ordnungsbuchstaben a) bis
g) stammen aus dem Entwurf, fehlen aber in der Liste des Weißdrucks.
- B.3 (S. 35):
Für "nicht anwendbar" ist hier die Null (0)
verwendet, die aber in C.3 die Bedeutung "durchschnittlich"
hat. Also sollte man aus Konsistenzgründen für "nicht
anwendbar" in B.3 das Rautenzeichen (#) zuteilen
genauso wie in C.3.
- Tabelle C.1 (S. 38 und S. 40):
In 1.2 ist "Zeilenlänge" zu ergänzen.
In Abs. 6 sollte es aus Gründen der Konsistenz besser
"Bilder" statt "Abbildungen" heißen.
In Abs. 6.3 wäre der Begriff "Bildunterschriften"
(engl. "caption" wie bei 1.2) statt "Bildtexte"
korrekt. Bildtexte sind dann eher der "Text innerhalb
von Abbildungen" (8.3).
Abs. 6 und 8 könnte man zusammenfassen; beide Zellen
behandeln dasselbe Thema.
- D.3 (S. 43):
Der Punkt "1 Inhaltsverzeichnis" kann entfallen,
da er bereits mit der Überschrift D.3 abgedeckt ist.
Fazit
Normentexte kommen demokratisch per Abstimmung zustande. Das
weiß ich aus meiner VDI-Richtlinien-Arbeit selbst. Gerade
deshalb sollte das Deutsche Institut für Normung (DIN) nicht
darauf verzichten, den Text nach Abstimmung in allen Sprachen
professionell redigieren zu lassen.
Die extrem kurze Einspruchsfrist von durchschnittlich 6 Wochen
bei Normentwürfen hält offensichtlich die konstruktive
Kritik der Fachöffentlichkeit fern. Dies erklärt auch,
warum die meisten Unstimmigkeiten des rosa Entwurfs in den Weißdruck
gelangt sind.
Über ähnliche Erfahrungen mit der Spracharbeit des
DIN berichtet übrigens auch ein anderer Artikel, hier speziell
zur DIN EN ISO 9000: "Qualität was ist das? Sprachliche
Mängel in der ISO 9000:2000 behindern ihre Anwendung"
[3].
Literatur:
[1] DIN EN 62079:2001 [Erstellen von Anleitungen Gliederung,
Inhalt und Darstellung]. Zu beziehen über den Beuth-Verlag.
[2] Wallin-Felkner, Christine (Hrsg.) : itl-Lexikon
für technische Kommunikation. Reutlingen: doculine 1998.
[3] Below, Fritz von: Qualität was ist das? Sprachliche
Mängel in der ISO 9000:2000 behindern ihre Anwendung. In:
QZ Heft Mai 2002, S. 492.
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