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Single Source Publishing aus Anwendersicht:
Der Redakteur als Informationsmanager

 

Artikel erschienen in
Ausgabe Juli/August 2002

Von Armin Hoffmann

Inhaltsübersicht:

Technische Redakteure sehen sich nicht erst seit heute mit den Forderungen nach immer effizienterer Dokumentenerstellung und Publikation in verschiedene Zielmedien – Druck, Web, CD-ROM und Online-Hilfe – konfrontiert. Mit den Stichworten XML und Single Source Publishing (SSP) wird oft die einfache Lösung für diese Problemstellung in Aussicht gestellt. Doch nur unter den richtigen Voraussetzungen verspricht die Einführung einer SSP-Lösung Erfolg.

Damit erhält allerdings der Redakteur neue Möglichkeiten: Er kann sich am Aufbau eines Informationsmanagement-Systems beteiligen, das über die reine Erstellung von Dokumentation hinausgeht und über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg Informationen für andere Bereiche wie Entwicklung, Vertrieb oder Schulung zur Verfügung stellen kann. Dies soll im Folgenden am Beispiel eines Dokumentationsprojekts erläutert werden, das mit dem Redaktionssystem SchemaText realisiert wurde.


Allgemeine Projektanforderungen

Ein Redaktionssystem für Single Source Publishing einzuführen, ist insbesondere dann sinnvoll, wenn mehrere der folgenden Anforderungen bestehen:

  • Kurz- oder mittelfristig sollen mehrere Zielmedien bedient werden.
    Trotz aller zusätzlich geforderten oder gewünschten Ausgabeformate steht die Produktion von gedruckte Dokumenten nach wie vor im Vordergrund – einerseits weil Kunden die Übergabe einer Druckfassung als selbstverständlich voraussetzen, andererseits als Referenz in Streitfällen. Das System muss also einfach hochwertige Dokumentation erzeugen können. Nach Möglichkeit sollte keine dauerhafte Festlegung auf ein einziges Druckformat nötig sein, sondern der Datenbestand soll ohne Konvertierung oder Anpassung auch für die Ausgabe zusätzlicher Print-Formate nutzbar sein.
    Die Generierung von HTML für Internet, Intranet, Extranet und CD-ROM sollte eine Selbstverständlichkeit sein. HTML-Produkte sind sofort für die hausinterne Information nutzbar und können sehr schnell für Marketing- und Vertriebszwecke eingesetzt werden.
    Oft besteht auch die Anforderung, Online-Hilfe sofort oder in absehbarer Zeit nutzen zu können. Auch diese muss natürlich ohne großen Zusatzaufwand aus dem gleichen Datenbestand erzeugt werden können.

  • Wiederverwendung statt doppelter Datenhaltung
    Allgemein verwendbare Standard-Informationsbausteine und individuell für einzelne Produkte erstellte Bausteine (Varianten) sollen für verschiedene Dokumentationsprodukte verwendet und an einer Stelle zentral verwaltet und bearbeitet werden, um doppelte Datenhaltung bzw. aufwendigen Abgleich zwischen voneinander abgeleiteten Dokumenten zu vermeiden. Durch die Verknüpfung produktspezifischer Strukturen mit den Inhalten eines Content Repository soll ein hoher Wiederverwendungsgrad bei maximaler Flexibilität der Projektdokumentation erreicht werden.

  • Es müssen Varianten und/oder Versionen verwaltet werden.
    Sämtliche Varianten und Optionen für ein neues Projekt sollen auf Anhieb zur Verfügung stehen, ohne sie erst aus verschiedenen Datenbeständen zusammenstellen zu müssen. Dabei kann nicht nur auf die aktuelle Version, sondern auch auf beliebige vorherige Stände zurückgegriffen werden.

  • Die Informationen liegen in mehreren Sprachen vor.
    Mehrsprachigkeit erfordert von einem Redaktionssystem einerseits komfortablen Zugang zu den Inhalten in den verschiedenen Fremdsprachen unter Wahrung des Zusammenhangs mit den Ausgangssprachen und andererseits Funktionen für das Übersetzungsmanagement (Vermeidung von mehrfachen Übersetzungen, Auftragsmanagement, Anbindung an Translation-Memory-Systeme).

  • Schnittstellen zur Datenübernahme
    Teilekataloge, ERP-Systeme wie SAP R/3 oder andere Datenquellen sollen angebunden werden.

  • Hohe Änderungsdynamik
    Änderungen sollen für Standardbausteine zentral an einer Stelle für alle betroffenen Dokumente durchgeführt und nach Bedarf publiziert werden. Dabei muss das System die Einhaltung von Workflows für Erstellung, Review und Freigabe unterstützen und gewährleisten.


Vorgehen bei der Umsetzung

Sind die Anforderungen an das Redaktionssystem erst einmal definiert, erfolgt die Einführung in vier Phasen. In allen Projektphasen kommt der Redaktion als Know-how-Träger und Ideenlieferant entscheidende Bedeutung zu. Für den Projekterfolg ist entscheidend, ob die Redaktion ihr eigenes Wissen über Stand und Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Informationsmanagements aktiv einbringt und das Management ihren Bewertungen und Vorschlägen den nötigen Raum gewährt.

Erste Phase: Analysephase

  • Analyse der internen Ist-Situation:
    In welcher Form liegt der Datenbestand vor? Wie gut ist der Datenbestand inhaltlich bereits strukturiert? Welche Tools werden für Erstellung, Übersetzung und Ausgabe verwendet? Welche Schnittstellen zu anderen Systemen werden genutzt? Welche Erstellungsprozesse existieren zur Zeit? Welche Rollen sind an den Prozessen beteiligt?
  • Ermittlung oder Präzisierung der Kundensicht/Kundenwünsche:
    Welche Struktur des Informationsbestands ist angestrebt? Welche Medien sollen erzeugt werden? Welche Werkzeuge sollen weiterhin verwendet werden, welche entfallen? Wie können bestehende Prozesse optimiert werden?
  • Einbeziehung erkennbarer Trends:
    Welche Technologien müssen von vornherein eingeplant werden?

Zweite Phase: Entwicklung eines Dokumentationskonzeptes

  • Erstellung einer für die gesamte Organisation einheitlichen Sicht auf die Produkte in Form einer hierarchischen Baumstruktur der Komponenten:
    Unterschiedliche Sichtweisen auf Produktmodule und -komponenten (z.B. können die Sichtweisen von Entwicklung, Vertrieb und Marketing erheblich auseinanderklaffen) werden im Konsens auf eine unternehmensweit einheitliche Sicht von Hierarchie, Varianten und Optionen zusammengeführt.
  • Definition von Zielgruppen für die verschiedenen Informationen:
    Oft existieren entweder heterogene oder unscharfe Vorstellungen über die Personenkreise, für die Dokumentation erstellt wird; nur die genaue Kenntnis des Adressatenkreises erlaubt aber zielgruppengerechte Zusammenstellung und Aufbereitung der Inhalte.
  • Definition von Informationsarten:
    In der Regel ergibt sich bereits aus der vorhandenen Dokumentation eine Unterteilung in verschiedene Arten von Informationen. Auf dieser Basis werden notwendige Änderungen oder Ergänzungen ermittelt. Dadurch entsteht eine Liste aller im System zu erfassenden Informationsarten: technische Beschreibung, Bedienungsanweisungen, Wartungsarbeiten, Ersatzteile, OEM-Dokumente, Schulung usw.

Dritte Phase: Strukturierung des Informationsbestands

In einer Makrostruktur wird das Beziehungsgeflecht der einzelnen Informationsbausteine und deren Umfang festgelegt (Modularisierung). Dem technischen Aufbruch der Produkte werden die vorhandenen Informationsarten zugeordnet. Die daraus resultierende Inhaltsstruktur, die definierten Informationsarten und die Verknüpfungen zwischen Anlagenhierarchie und Informationsarten werden im Redaktionssystem abgebildet.

Für die verschiedenen Informationsarten legt eine Mikrostruktur den Aufbau der einzelnen Informationsbausteine fest. Hier wird beliebig kleinteilig je nach Projektanforderung definiert, welche Informationen ein Beschreibungs-Baustein enthalten muss (Aufbau, Funktion, Wirkungsweise etc.) und welche Struktur für einen Bedienungs-Baustein vorgegeben wird. Einzelne Bausteine sollten immer so groß sein, dass sie komplette Sinneinheiten bilden, die auch in anderen Zusammenstellungen verwendet werden können.

Bild 1
Makro- und Mikrostrukturierung des Informationsbestandes

Vierte Phase: Pilotbetrieb

Anhand eines geeigneten Pilotprojekts werden die vereinbarten Prozesse getestet und der für den Produktivbetrieb notwendige Feinschliff vorgenommen.


Abläufe im redaktionellen Alltag

Die Erstellung, Bearbeitung und Verwaltung von Inhalten unterliegt idealerweise einem Rollenspiel mit klar abgegrenzten Verantwortlichkeiten zwiwschen Content Provider, technischem Redakteur und Publisher.

Der Content Provider verfügt über Fachwissen, das er mittels Standard-Editoren erfasst (z.B. Microsoft Word) und dem Redakteur zur Verfügung stellt. Hier soll nach Möglichkeit an bestehenden Werkzeugen festgehalten werden, soweit dies sinnvoll ist. Da es sich bei den Content Providern in der Regel um die größte am Dokumentationsprozess beteiligte Gruppe handelt, wirkt sich anfallender Schulungsaufwand besonders kostenintensiv aus und sollte nach Möglichkeit auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Außerdem sollte der Ingenieur oder Techniker nicht über Gebühr durch Dokumentationsaufgaben belastet werden. Nicht zuletzt steigt die Bereitschaft zur Kooperation mit dem technischen Redakteur erfahrungsgemäß mit der Einfachheit der durchzuführenden Handlungsschritte.

Der technische Redakteur ist für Recherche, Überarbeitung und Verwaltung der Inhalte zuständig. Hinzu treten hier in stärkerem Maße die Pflege der Dokumentstrukturen und die Definition der zu erzeugenden Medienprodukte. Ferner sind Redakteure gefragt, um zusätzliche Informationsarten im Sinne eines Informationsmanagement-Systems in den Kontext des Redaktionssystems einzuführen. Der Redakteur hat den nötigen Einblick, wie Rationalisierungspotenziale durch die Nutzung bereits im System befindlicher Daten in Kombination mit anderen, bisher außerhalb gelagerten Daten realisiert werden können.

Der Publisher – nicht selten identisch mit dem Redakteur – produziert für jede Zielgruppe die benötigten Informationen im geeigneten Medium. In diesen Bereich fallen das Generieren der Zieldaten, das Nachbearbeiten im Print-Bereich (Endlayout, Umwandlung in PDF), Verfügbarmachung und Konfektionierung.

Bild 2
Im redaktionellen Alltag gibt es klar abgegenzte Verantwortlichkeiten zwischen Content Provider, technischem Redakteur und Publisher.


Das Szenario zu Projektbeginn

Ein Anlagenbauer fertigt Dampfturbinen auf Basis verschiedener Grundtypen individuell nach Kundenwunsch. Die Fachabteilungen liefern Standarddokumentation, je nach realisiertem Turbinentyp. Die Inhalte dieser Teildokumentationen werden mit den Auftragsunterlagen im Einzelfall abgeglichen und textlich und grafisch nachbearbeitet. Soweit die Unterlagen elektronisch erfasst sind, werden sie an ein einheitliches Erscheinungsbild angepasst. Dokumentation wird ausschließlich in Papierform ausgeliefert und archiviert. Die Datenhaltung in elektronischer Form erfolgt in der Regel dezentral in den Fachabteilungen. Sofern Texte bereits elektronisch erfasst wurden, liegen sie hauptsächlich im unternehmensweit vorgeschriebenen Word-Format vor. Die Dokumentation wird auf deutsch erstellt und standardmäßig ins Englische übersetzt. Bestimmte Teile wie das Bedienhandbuch werden in Landessprache ausgeliefert. Durch die dezentrale Ablage der Originale und deren Versionsvielfalt müssen viele Inhalte bei jedem Auftrag erneut übersetzt werden.

Folgende Zielvorstellungen waren für die Entscheidung, den Dokumentationsprozess mit Hilfe eines Single-Source-Publishing-Systems neu zu strukturieren, maßgeblich:

  • Durch eine klare Definition des Erstellungsprozesses wird dieser für alle Beteiligten transparenter.
  • Der Einsatz von Standardwerkzeugen wie SchemaText und MS Word in Verbindung mit vorgegebenen Grafikformaten strafft die Abläufe und verringert die Bearbeitungszeiten.
  • Die gezielte Strukturierung und hierarchische Gliederung der Gesamtanlage ermöglicht die gezielte Wiederverwendung von Informationen.
  • Die Zusammenfassung aller Inhaltsstrukturen und deren Verknüpfungen sowie der Informationen in einem Redaktionssystem auf der Basis einer zentralen Datenbank macht neben einer Wiederverwendung der Dokumentationsbausteine eine gezielte Übersetzung nur jener Inhalte möglich, die nicht bereits für einen anderen Auftrag übersetzt wurden bzw. deren ausgangssprachliche Inhalte verändert wurden. Über der Füllgrad der Dokumentation in den verschiedenen Sprachen kann jederzeit eine detaillierte Aussage gemacht werden.
  • Kunden fordern immer stärker die Auslieferung der gesamten Dokumentation nicht nur in einer gedruckten Fassung, sondern auch in elektronischer Form als PDF-Dateien sowie als HTML-Format.

Insgesamt soll besser als bisher gewährleistet sein, dass die Kundendokumentation

  • in einheitlichem Erscheinungsbild
  • qualitativ hochwertig
  • unter Beachtung von Produkthaftungs- und Qualitätssicherungsvorschriften
  • zeitnah nach Auftragserteilung
  • in Papierform und elektronisch (PDF und HTML) und nicht zuletzt
  • mit geringerem finanziellen Aufwand

ausgeliefert werden kann.

Dabei ist wichtig, dass sich das Redaktionssystem an die bestehenden bzw. verbesserten Prozesse und Werkzeuge anpasst und somit unnötiger Umstellungs- und Schulungsaufwand gar nicht erst entsteht.


SchemaText als Redakteursarbeitsplatz

Im Zentrum der Single-Source-Publishing-Lösung steht der SchemaText-Client als Redakteursarbeitsplatz. Hier werden die zentralen Funktionen bedient wie:

  • Strukturierung des Gesamtinformationsbestands
  • Ableiten der Strukturen für Produkt- und Projektdokumentationen aus der Gesamtstruktur
  • Definition der Zielprodukte
  • Verwaltung aller Inhalte und zugehöriger Metadaten

Die Dateneingabe auf Seiten der Content Provider erfolgt in Microsoft Word. Bei der korrekten Erfassung unterstützt eine vorgefertigte Dokumentenvorlage den Bearbeiter, mit der nur zuvor festgelegte Absatz- und Zeichenformate, Grafiktypen und Tabellen zugewiesen werden können.

Bedingt durch die Ablage der Daten in medienneutralem XML handelt es sich bei der Erfassung der Texte nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher um Eingabe und Layout, sondern um strukturierte Erfassung. Den Textabschnitten und Zeichen wird über Absatz- und Zeichenformate eine Strukturinformation zugewiesen. Erst beim Generieren der Zielformate werden diese Strukturinformationen wieder um formatspezifische Layoutinformationen ergänzt.

Dem Redakteur erspart dies ein aufwendiges Nachbearbeiten der Formatierungen. Metadaten, die für die Bearbeitung durch den Autor freigegeben sind, können für den aktuell bearbeiteten Informationsbaustein direkt in Word gesetzt werden.

Bild 3
Datenerfassung mit Microsoft Word

Der SchemaText-Redakteursarbeitsplatz erlaubt die Strukturierung des Informationsbestands, die Pflege der Inhalte und die Erzeugung der gewünschten Medienprodukte. Darüber hinaus kann auf den Metadaten ein Workflow- und Berichtsmanagement aufgesetzt werden. So stehen Informationen zu Projektstatus, Fertigstellungsgrad usw. ständig zur Verfügung. Ein Verwaltungs-Overhead durch separat geführte Listen oder Statistiken entfällt. Für den Redaktionsleiter oder Projektmanager kann darüber hinaus ein Projektplan nach Microsoft Project exportiert werden. Dort können dezentral Ressourcenzuteilung und Termine geändert werden, die anschließend wieder ins Redaktionssystem zurückfließen.

Für die Anbindung der Übersetzer sorgt ein komfortabler Exportmechanismus, der ganze Projekte, Auswahlbereiche oder über Filterfunktionen die noch nicht übersetzten Inhaltsbausteine in eine für Translation-Memory-Systeme wie z.B. Trados vorbereitete XML-Datei schreibt. Die Rückübernahme der fertigen Übersetzungen in die entsprechende Sprachperspektive erfolgt automatisch.

Bild 4
Grafische Darstellung der Informationsbausteine und ihrer Verknüpfungen in SchemaText DocuManager


Fazit

Schon in der Konzeptionsphase kann sich der technische Redakteur aktiv in die Gestaltung der Publishing-Lösung einbringen. Durch die Integration der Dokumentation und zusätzlicher Inhalte in das Redaktionssystem wird die Stellung des Redakteurs gestärkt, da er immer mehr Informationen für immer mehr Personen im Unternehmen zur Verfügung stellen kann.

Durch Zeit- und Ressourceneinsparungen sinkt die Auslastung des Redakteurs hinsichtlich der klassischen Tätigkeiten wie Inhaltspflege und Layout. Zudem sinkt durch die Erzeugung mehrerer Ausgabeformate aus dem gleichen Informationsbestand der Aufwand für die Erstellung von Websites und Online-Hilfen.

Im Vergleich zu konventioneller Dokumentationserstellung werden Betätigungsfeld und Einfluss des technischen Redakteurs mit der Einführung eines Single-Source-Publishing-Systems deutlich erweitert – der Redakteur wird zum Informationsmanager.


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Letzte Änderung: Monday, 31-Oct-2005 17:27:59 CET | Presse-Service | Disclaimer
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